Ein vergessener Ausnahme-Regisseur

THE MYSTERIOUS LADY
(dt.: Der Krieg im Dunkel)
USA 1928
Mit Greta Garbo, Conrad Nagel, Gustav von Seyffertitz u.a.
Regie: Fred Niblo
Dauer: 89 min

Wien, um 1900: Der Offizier Karl von Raden (Conrad Nagel) kriegt in der Oper einen Logenplatz neben der schönen Tanja Fedorova (Greta Garbo) und ist sofort von ihrer lasziven Schönheit fasziniert. Nach der Vorstellung ist sie nicht abgeneigt, sich von ihm in seiner Droschke nach Hause bringen zu lassen. Ein sorgfältig vergessenes Paar Handschuhe führt dazu, dass sie ihn noch zu einem Kaffee hereinbittet – und schon bald ist es geschehen: Die beiden haben sich unsterblich ineinander verliebt.

Und nun erfährt von Raden, dass Tanja eine russische Spionin ist. Prompt fehlen ihm plötzlich wichtige, streng geheime Dokumente. Er wird degradiert und in Haft gesetzt.
Tanjas Bild lässt ihn nicht mehr los; als er wieder frei kommt, sucht er nach ihr, bis er sie findet. Um festzustellen, dass sie ihn genauso wenig vergessen kann…

Die Inhaltsangabe klingt nach abgedroschener Spionage-Romanze – ein Grund, weshalb dieser Film lange in meinem Regal liegengeblieben ist.
Doch oh – welch angenehme Überraschung! The Mysterious Lady, nach einem Roman des österreich-ungarischen Autors Ludwig Wolff, entpuppt sich als wunderbar feinsinnig inszeniertes, hoch dramatisches und spannendes Kammerspiel, in dem nicht nur sämtliche Rollen perfekt besetzt sind, sondern das auch mit subtiler inszenatorischer Raffinesse aufwartet.

Wie Regisseur Fred Niblo hier die Spannung kontinuierlich steigert und die Erotik knistern lässt, oft nur mit Blicken, Schnittfolgen, Gesten, das lässt das Cinéastenherz jubilieren. Fred Niblo, das verkannte Regie-Genie! Die Freude, einen grossen, bislang unterschätzten Regisseur entdeckt zu haben, lässt mich den Film zwei Mal betrachten. Auch bei einer zweiten Visionierung hält der starke Eindruck stand: Da ist ein Regisseur am Werk, der fernab von spektakulären Kameratricks Grosses vollbringt, indem er auf das Kleine achtet, kleinsten Gesten Bedeutung beimisst, Blicke sprechen lässt, die Akteure geschickt im Bild platziert und so Beziehung schafft, und Spannung erzeugt.

Anders als etwa Alfred Hitchchock, dessen Bildsprache in seiner Aussergewöhnlichkeit stets deutlich erkennbar ist, beschreitet Niblo mit seinen Filmen einen gänzlich anderen Weg: Er manipuliert auf der Bildebene nichts; bei ihm sprechen nicht in erster Linie die Bilder, sondern Blicke und Gesten.

Dies ist ein von der Filmhistorie wenig beachteter Weg, die stummen Filme zum „Sprechen“ zu bringen, der aber ebensoviel Berechtigung verdient wie der andere. Niblo ist darin ein absoluter Meister; ihn mit Hitchcock, Fritz Lang oder Murnau auf eine Stufe zu stellen, scheint auf den ersten Blick ungehörig. Wenn man sich aber Filme wie The Misterious Lady anschaut und gewahr wird, mit welcher Akribie und mit welchem Timing da grosse Gefühle evoziert werden, welche Sorgfalt darauf verwendet wird, mit Gesten ganz grosse Geschichten zu erzählen, dann kann man nicht umhin, diesen Regisseur als vergessenen Kinomagier zu preisen.
Und man muss sich nur einmal die Wagenrennen-Sequenz aus Niblos Stummfilm Ben-Hur ansehen, um zu erkennen, wozu dieser unterschätzte Stummfilm-Magier auch fähig war.
Bezeichnender- und konsequenterweise verbschiedete sich Niblo mit den Heraufziehen des Tonfilms vom Kino: Das war nicht mehr seine Welt und nicht mehr seine Kunstform.

Es erscheint durchaus vorstellbar, dass Garbo Fred Niblo einen grossen Teil ihres immensen Ruhms verdankt – die Art, wie er sie hier und im früher entstandenen Film The Temptress in Szene setzt, mit raffiniert ausgeleuchteten Nahaufnahmen, wurde von anderen Regisseuren kopiert und wurde in ihren Filmen zum Markenzeichen.

Und manchmal kommen durch glückliche Fügung Faktoren zusammen, die einen Film zum Ereignis machen. Die drei Hauptdarsteller Garbo, Nagel und von Seyffertitz (ein echter österreichischer Adligenspross, den es zum Film zog) tragen The Mysterious Lady, eine(r) überzeugender als der/die Andere. Ebenfalls exzeptionelles leistet der Set Decorator Cedric Gibbons, dem es hier gelingt, das Wien um die Jahrhundertwende derart lebendig werden zu lassen, dass man das Gefühl von Authentizität nicht los wird.

Ein weiterer Plus-Faktor wurde 80 Jahre nach der Entstehung des Films beigefügt: die Musikbegleitung, die Vivek Maddala zur DVD-Veröffentlichung beisgeteuert hat. Sie begleitet die Blicke und Gesten subtil und geschickt, unterstreicht die szenischen Zusammenhänge und verhilft dadurch der vom Regisseur geschickt aufgebauten Spannung zu ihrer Wirkung.
Eine Stummfilmveröffentlichung also, die rundum empfohlen werden kann!
9/10

Der Film ist in Deutschland auf DVD erschienen, unter dem Titel Der Krieg im Dunkel; die DVD ist allerdings inzwischen vergriffen. Einige günstige Angebote gibt es allerdings bei amazon.de von Privatanbietern!

http://www.amazon.de/Krieg-im-Dunkel-Greta-Garbo/dp/B000B2XZJU/ref=sr_1_2?s=dvd&ie=UTF8&qid=1317066627&sr=1-2

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7 Kommentare

  1. Wenn man sich Niblo’s Filmographie anschaut, kann man sich des Gedankens nicht erwehren, man habe es mit einem Vorläufer von Ernst Hofbauer zu tun („What Every Woman Learns“, 1919, „Sex“, 1920, „The Temptress“, 1926 etc.). Ich nehme dir aber deine Ruhmesworte gerne ab: die Garbo wurde schliesslich in der Stummfilmzeit „geformt“. Nach deiner Beschreibung verstehe ich auch ein wenig, dass die Tonfilmzeit nicht mehr für seine Fähigkeiten gemacht war: Gewisse Feinheiten gingen verloren; das ist traurig, aber wahr.

    1. Das ist ja das Erstaunliche: Aus der im Grunde lapidaren Handlung macht Niblo hier einen absolut gefühlstiefen, packenden Film – indem er der Handlung wenig und den Blicken und Details allen Raum lässt.
      Zu Beginn der Tonfilmzeit war für sprechende Blicke und kleine Gesten nur noch wenig Raum – in den meisten Filmen regierte das leere Geschwätz und die grossen Worte. Das muss für Leute wie Niblo furchtbar gewesen sein.

  2. Aus heutiger Sicht ist BEN HUR für Niblo wohl Segen und Fluch zugleich. Einerseits sorgt er dafür, dass man sich an ihn erinnert, andererseits überschattet er alles, was er sonst noch gemacht hat. Deshalb ist es erfreulich, dass Du mal einen anderen Film von Niblo ausgegraben hast.

    Um seine Fähigkeiten als Regisseur abzuschätzen, ist BEN HUR nur bedingt geeignet (was diesen Artikel noch weiter aufwertet), denn der hat ja eine chaotische Entstehungsgeschichte mit mehreren beteiligten Regisseuren hinter sich. Zwar war Niblo eindeutig der Hauptregisseur, aber das Wagenrennen wurde nicht von ihm inszeniert, sondern vom 2nd unit director „Breezy“ Reeves Eason. Andererseits muss man ihm die arg kitschige Szene von Jesu Geburt in Zweifarben-Technicolor nicht anlasten, denn die wurde von Christy Cabanne gedreht (und Niblo hat sich davon distanziert). Kevin Brownlow hat diesem faszinierenden Film ein ausführliches Kapitel in „The Parade’s Gone By“ (dt. „Pioniere des Films“) spendiert. Sehr lesenswert!

    Aber zurück zu THE MYSTERIOUS LADY. Ich nehme an, dass die von dir erwähnte Ausleuchtung der Großaufnahmen mindestens teilweise das Verdienst von Kameramann William F. Daniels ist. Bei über 20 gemeinsamen Filmen war er ja fast Garbos persönlicher Kameramann. Dann wären ähnlich aussehende Szenen in anderen Filmen nicht von Niblo abgekupfert, sondern einfach Daniels‘ kontinuierliche Arbeit für wechselnde Regisseure. Ich würde auch vermuten, dass Clarence Brown für Garbos Hollywood-Karriere mindestens so wichtig war wie Niblo.

    1. Zum Glück gibt es Manfred Polak mit seinem enzyklopädischen Filmwissen. Nee, im Ernst!
      Über Niblos Filme habe ich im www herzlich wenig Brauchbares ausfindig machen können und so habe ich Artikel aus dem hohlen Bauch (wenn nicht gar Kopf) geschrieben. Dass Niblo das Wagenrennen in Ben-Hur gar nicht selbst inszeniert hatte, ist ein wichtiges Detail, das mir schlicht entgangen ist.
      Danke für Deine Ergänzungen, Manfred!

  3. Schön, hier eine Lobpreisung von Niblo zu lesen. Ich hielt lange Zeit rein gar nichts von ihm, und er verkörperte für mich eher das Bild eines Hollywood-Auftragsregisseurs der schludrige Inszenierung mit Seifenblasenmomenten kombiniert (à la DeMille, den ich auch noch für mich entdecken muss). Die letzten zwei jahre überkam mich aber aus der Erinnerung ein anderes Gefühl und ein neues Interesse erwachte – habe mir daher BLOOD AND SAND, THE RED LILY, BEN HUR und den eben von dir besprochenen THE MYSTERIOUS LADY zugelegt. Die von dir geposteten Screenshots sehen wirklich großartig aus, und der Text tut sein übriges, so das ich mich jetzt umso mehr auf ein Wiedersehen freue. Vielleicht klappt es dann im „zweiten Anlauf“. 🙂

    Habe bisher ebenfalls nur nebensächliches über Niblo in der Literatur vernommen, und BEN HUR (bei dem er als einziges regelmäßig Erwähnung findet) hat mir bisher nicht gefallen (was vielleicht auch daran liegt, dass ich William Wylers verfilmung verehre und für das Nonplusultra halte…). „The Parade’s Gone By“ will ich aber nächste Woche bestellen. Super, dass da auch was zu Niblo zu lesen ist.

    Die Hervorhebung von Clarence Brown als ebenso wichtigen Faktor für Garbos Hollywoodkarriere sehe ich übrigens genau so. Und Brown war überdies ein (inzwischen leider ebenso etwas vergessener) Meister seines Fachs, der mit A WOMAN OF AFFAIRS meinen momentanen Lieblings-Garbofilm gedreht hat.

    1. Meine Beobachtung ist, dass Niblo mit den Jahren immer besser geworden ist (seine Tonfilme einmal ausgeklammert; die kenne ich nicht).
      BLOOD AND SAND fand ich zum Gähnen (die Visionierung ist aber auch schon Jahre her!), BEN-HUR zum Teil gelungen, zum Teil nicht; richtig gut gefiel mir erst THE TEMPTRESS (1926), gefolgt von THE MYSTERIOUS LADY.
      Niblo hat den Ruf, ein langweiliger Auftragsfilmer gewesen zu sein. Auf diese „Rufe“ gebe ich gemeinhin nichts, denn nur allzuoft schreibt der eine „Filmspezialist“ vom anderen ab.
      Meine Lobhudelei ist natürlich subkektiv, aber wenn ich mir THE MYSTERIOUS LADY oder THE TEMPTRESS anguckt, dann komme zumindest ich nicht drumherum, diesem Mann ein gewisses Mass an Talent zuzuerkennen!

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