BEN-HUR: A TALE OF THE CHRIST (1925)

USA 1925
Mit Ramon Novarro, Francis X.Bushman, May McAvoy, Betty Bronson u.a.
Regie: Fred Niblo (und ungenannt Rex Ingram, Charles Brabin, Christy Cabanne, J.J. Cohn)
Dauer: 143 min

Ben Hur – wer kenn ihn nicht, den Film von 1957, der als erster mit elf Oscars beglückt wurde? Der Film mit dem Wagenrennen?

Wer aber weiss, dass bereits 1908 eine Kurzfilmversion des damals berühmten Romans von General Lew Wallace entstand? Und wer kennt den Stummfilm von 1925, welcher der oscardekorierten Neuverfilmung punkto Monumentalität mühelos das Wasser reichen kann? Um letztere zu sehen lohnt es sich, die 4-DVD-Box Ben Hur 1957 von Warner zu kaufen. Da ist sie nämlich als Extra enthalten – und stiehlt dem Hauptfilm die Schau!

Unglaublich, aber wahr: Es gibt Sequenzen, die hauen einen aus den Socken. Das Wagenrennen zum Beispiel. In der von William Wyler inszenierten Neuversion wirkt es direkt zahm und geordnet im Vergleich zum wilden Furor, den Fred Niblo im Film von 1925 entfesselt. Da reibe ich mir die Augen und überlege, ob ich im Stummfilm je eine derart mitreissende Actionsequenz gesehen habe. Sicher, Carl Davies aufpeitschende Filmmusik trägt das ihre dazu bei, aber die Schnittfolgen, die Aufnahmen aus der mitfahrenden Kamera, die Aufnahmewinkel – das wirkt alles derart waghalsig und modern, dass es einem beim Zuschauen fast den Atem verschlägt. Die Gerüchte, dass bei den Dreharbeiten Dutzende von Pferden und einige Komparsen ihr Leben lassen mussten, rücken angesichts dieser scheinbar mit nur wenigen Special-Effects durchexerzierten Rennwagensequenz in den Bereich des Möglichen.

Daneben wartet “der alte” Ben Hur mit unvergesslichen Bildern oder Sequenzen auf, die man in der viel berühmteren Neuverfilmung vergeblich sucht und die sich ins Gedächtnis einbrennen. Etwa die Sequenz in der Galeere, die sich als Sinnbild sinnloser Menschenschinderei ins Gedächtnis einbrennt. Oder Christus’ Weg nach Golgatha, wo nur ein Kreuz zu sehen ist, das halb aus der Menschenmenge herausragt und sich einen Weg durch sie hindurch zu bahnen scheint.

Und damit sind wir beim springenden Punkt angelangt: Dieser Ben Hur ist (wie auch die Neuverfilmung) in erster Linie ein Schaustück, ein Spektakel, das die Massen ins Kino locken sollte. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Thema (die Erlösung der Juden durch Jesus Christus) sucht man darin ebenso vergeblich wie ein einleuchtendes dramaturgisches Konzept: Da werden einfach zwei Geschichten nebeneinander geführt – jene von Jesus Christus und jene von Judah Ben-Hur – lange Zeit ohne einsichtigen Grund, und auch der Schluss bringt keine zwingende Klarheit in dieser Sache. A Tale of the Christ, das war für damalige Verhältnisse wohl einfach ein weiterer Publikumsmagnet.

Womit wir beim Inhalt wären. Ben Hur beginnt mit der Herbergsuche von Maria (Betty Bronson) und Josef und der darauffolgenden Geburt Jesu. Dann, nach etwa einer Viertelstunde,  gibt es einen harten Bruch im Konzept. Wir befinden uns plötzlich im Palast der jüdischen Adelsfamilie Ben-Hur. Prinz Judah Ben-Hur (Ramon Novarro) trifft auf seinen alten Freund Messala (Francis X. Bushman), der inzwischen das Lager gewechselt und römischer Zenturio geworden ist. Obwohl die beiden fröhlich alte Zeiten aufleben lassen, ahnt man, dass sich da ein Konflikt anbahnt. Als Judah mit seiner Familie vom Dach ihres Herrschaftshauses den Einzug des neuen römischen Stadthalters beobachtet, rutscht ihm versehentlich ein lockerer Ziegel unter der Hand weg und erschlägt den Stadthalter. Messala stürmt mit seiner Truppe Ben-Hurs Haus. Judah wird Galeerensträfling, seine Mutter und seine Schwester kommen in den Kerker, wo sie an Lepra erkranken.

Bei einem Piratenangriff rettet Judah dem römischen Schiffskommandanten das Leben, der ihn daraufhin als Sohn adoptiert. Als freier römischer Bürger frönt er dem Wagenrennsport, was schon bald zum berühmten Streitwagenrennen führt, bei welchem er sich an Messala rächen kann. Danach begegnet er Jesus auf dessen Weg nach Golgatha, Mutter und Schwester werden im Vorbeigehen noch schnell von ihrer Lepra geheilt, und ausser dem Tod des Erlösers am Kreuz gibt es fortan keine weiteren Unbilden mehr zu verzeichnen. Aber: “Er wird ewig leben”, sagt Judah Ben-Hur kurz vor dem fade-out, womit der Erlöser gemeint ist und somit auch ins Happy Ending mit einbezogen wird.

Der aufmerksame Leser merkt vielleicht am Unterton meiner letzten Zeilen, dass ich die Story nicht als stärkstes Element dieses Films gewichte. Wer dem Inhalt grossen Wert beimisst, macht besser einen Bogen um diesen Film.
Wer aber Schauwerte, grosses Spektakel und monumentale Kulissen schätzt – und zu jenen zähle ich mich in meinen schwachen Momenten durchaus selbst – wird an Ben-Hur, dem Stummfilm seine helle Freude haben. Ihnen sei der Film wärmstens empfohlen.

Ein paar kurze Worte noch zur Produktion: Als Regisseur erscheint im Vorspann nur der Name Fred Niblos. In Wahrheit waren vier weitere Regisseure an Ben-Hur beteiligt. Rex Ingram war der erste, er wurde aber schon im Anfangsstadium des Films gefeuert. Offenbar führte Fred Niblo das Projekt dann zu Ende. Irgendwo zwischendrin arbeiteten aber auch noch Charles Brabin und Christy Cabanne und J.J. Cohn am Film mit. Es ist aber nicht klar, wie lange und ob alle vier gleichzeitig beteiligt waren, oder ob sie einander ablösten.
Die Dreharbeiten müssen ein Fiasko gewesen sein – es gab Pannen, Unstimmigkeiten am Set und offenbar tödliche Unfälle; ein schrecklicher Unfall beim Wagenrennen wurde sogar im fertigen Film belassen. Das ging ins Geld und so fuhr der Film trotz grossem Publikumserfolg einen schweren Verlust für MGM ein.
Michael

Die DVD-Ausgabe: Der Film wurde fürs Fernsehen restauriert, die Bildqualität ist gut bis sehr gut. Viele Sequenzen wurden viragiert. Ben-Hur enthält einige im Zweifarben-Technicolor-Verfahren gedrehte Farbsequenzen, die sehr gut erhalten sind. Alles in allem ein angenehmes Seherlebnis.

Die Musikbegleitung von Carl Davies unterstützt den Film effektiv: Es handelt sich um eine Fassung für voll besetztes Orchester, die sowohl monumental donnert als auch verhalten zu säuseln vermag. Sehr gelungen und ehrlich, weil sie den Spektakelcharakter des Films keinen Moment verleugnet.

Regionalcode 2

Estras: Das 1957 gedrehte Remake von William Wyler; zwei abendfüllende Dokumentarfilme, vornehmlich zur Entstehung des Remakes; weitere Extras wie Probendokumentationen, Wochenschauberichte u.Ä.m.

Bestellung: Der Film befindet sich in einer 4-DVD-Box, die im deutschsprachigen Raum erschienen ist. Zur Zeit am günstigsten hier erhältlich. Und für eine Bestellung in der Schweiz hier klicken.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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10 Kommentare

  1. Ich möchte Dir keine Blumen streuen, die verwelken zu rasch.
    Auch wenn es Pannen gibt, das Fundament Deines Stummfilmblogs ist auf festem Grund gebaut!
    Deine Beiträge bürgen dafür!

  2. Auch ich muss zugeben, Wyler’s frömmelnde Verfilmung eher mit Gähnern als mit Oscars gekürt zu haben (trotz hervorragender Kameraarbeit), während die einst im Fernsehen ausgestrahlte (war es anlässlich einer Matinée?) Fassung, an die du hier erinnerst, ein Genuss war. Seltsamerweise erinnerte ich mich gar nicht mehr daran, dass Ramon Novarro die Hauptrolle spielte.

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