Garbo im Stummfilm – die tragische Verführerin

THE TEMPTRESS
USA 1927
Mit Greta Garbo, Antonio Moreno, Armand Kaliz, Lionel Barrymore,
Regie: Fred Niblo

Doch, der Film hat was! Ganz entschieden sogar.
Zuerst war ich skeptisch. „Schwülstig abgehandelte Wo-Männer-noch-Männer-sind-Geschichte“, las ich irgendwo. Dummes Zeug! Manchmal frage ich mich, wo die Rezensenten ihre Sinne haben, denn hier trifft das genaue Gegenteil zu.

The Temptress erweckt zwar streckenweise den oben zitierten Eindruck, aber nur, wenn man zappend durch die Szenen hüpft und den Zusammenhang nicht mitkriegt. Der Film zeigt durchaus eine „man’s world“, übt aber gleichzeitig bittere Kritik daran. Der Frau, die da hineingerät, wird nämlich übel mitgespielt, dabei spielen männliche Begierden und Besitzansprüche eine wichtige Rolle.

Aber zunächst ein paar Worte zum Hintergrund: The Temptress war Greta Garbos zweite Hollywood-Produktion (nach Torrent). Hier tritt sie im Prototyp jener Rolle auf, die sie die nächsten Jahre über inne haben wird: Die der männermordenden Verführerin. Mit dem Unterschied, dass hier nicht sie am Verderben Schuld trägt, sondern die Herren der Schöpfung selbst – sie und ihre männliche Gier.

Die Tempress des Titels heiss Elena und verliebt sich auf einem Maskenball in Paris in den argentinischen Ingenieur Robledo (Antonio Moreno), beide gestehen sich ihre Liebe. Doch schon wenig später erfährt Robledo (und mit ihm das Publikum), dass Elena bereits verheiratet ist, noch dazu mit einem Freund Robledos, dem Marquis de Torre Bianca (Armand Kaliz). Spannung kommt auf: Der Liebesschwur schien echt, was soll man nun davon haltens? Auf einer weiteren Party erfährt Robledo, dass Elena den Gastgeber in den emotionalen Ruin getrieben haben soll und wir erfahren, dass ihr eigener Gatte sie für seine Zwecke instrumentalisiert und sie auch mal an Geschäftspartner „vermietet“, wenn dies die Aufwertung der eigenen gesellschaftlichen Stellung erfordert.
Enttäuscht und verwirrt gibt Robledo Elena den Laufpass und kehrt in sein Heimatland zurück, um dort ein begonnenes Staudammprojekt weiter voranzutreiben.
Doch eines Tages tauchen auch Torre Bianca und Elena dort auf. Sie sorgt mit ihrer makellosen Schönheit weiterhin für Verwirrung, diesmal unter den Männern des Arbeitscamps. Ebenso verfällt ihr ein Feind des Staudammprojekts, der Rebellenführer Manos Duras (Roy D’Arcy), der am Ende aus Rache eine Katastrophe heraufbeschwört…

Das klingt tatsächlich nach schwülstigem Melodram.
Ist es auch. Doch der Film ist hervorragend! Regisseur Fred Niblo (Ben-Hur, 1925) erzeugt mit grandiosen Bildern und vielsagenden Blicken einen Sog, dem man sich vom ersten Bild an nicht entziehen kann. Er schafft eine vor Spannung knisternde Atmosphäre, welche durch die undurchsichtige Hauptfigur immer dichter wird und den Zuschauer mit wortlosen, subtilen Hinweisen auf Herkunft und Geschichte der „Verführerin“ bei der Stange hält.  So entsteht eine Aura des Rätselhaften, die sich über das im Grunde banale Geschehen legt und es durch die Andeutung von möglicher Tiefgründigkeit aufwertet (ein Versprechen, das gegen Ende eingelöst wird).

Der Film, der eigentlich von Mauritz Stiller hätte inszeniert werden sollen (er wurde nach nur zehn Tagen Arbeit wegen Meinungsverschiedenheiten gefeuert), liegt eine Novelle („La Tierra de Todos“) des spanischen Autors Vincente Blasco Ibañez zugrunde, aus dessen Feder auch die Vorlage der Valentino-Schwarte Blood and Sand stammt (1922, ebenfalls von Niblo inszeniert).

Natürlich fallen die vielen Totalen von Garbos Gesicht auf – sie hatte offenbar bereits damals den Status der Leinwandgöttin, oder er wurde ihr mit diesem Film zugespielt.
Ein Kuriosum sei hier noch am Rande erwähnt: Die in diesem Film mitwirkenden Schauspielertruppe stammte aus sieben verschiedenen Ländern und drei Kontinenten; Garbo aus Schweden, Moreno aus Spanien, Armand Kaliz war Franzose, Robert Anderson Däne, Hector Sarno Italiener, Marc McDermott Australier; einzig Lionel Barrymore, Roy D’Arcy, Francis McDonald und Virginia Brown Faire stammten aus den USA. Eine derartige Völkerdurchmischung war im Stummfilm möglich; der Tonfilm hingegen errichtete unüberwindliche Sprachbarrieren für Schauspieler mit ungenügenden Englischkenntnissen (zu denen u.a. auch Emil Jannings gehörte).

Von The Temptress existiert ein alternatives Ende, ein Happy Ending, das in den kleineren Orten gezeigt wurde, deren Kinopublikum man das ursprüngliche bittere Ende der Heldin nicht zumuten wollte. Es verwässert die Aussage des Films jedoch erheblich.

Eine letzte Bemerkung zur Musikbegleitung. Sie stammt von Michael Picton und gehört zu den besten Stummfilmbegleitungen, die ich kenne. Wunderbar, wie reich die unterschiedlichen Stimmungen hier musikalisch umgesetzt werden! Sie wurde für ein mittleres Orchester geschrieben, was einen vollen, reichen, nuancen- und klangfarbenreichen Klangteppich ergibt, welche den Film aufs Treffendste ergänzt.
8/10

Die DVD: Die Bildschärfe und der Kontrast sind sehr gut.

Die Musikbegleitung von Michael Picton ist hervorragend. Sie gehört zu den besten Stummfilmbegleitungen, die ich kenne. Wunderbar, wie reich die unterschiedlichen Stimmungen hier musikalisch umgesetzt werden! Sie wurde für ein mittleres Orchester geschrieben, was einen vollen, reichen, nuancen- und klangfarbenreichen Klangteppich ergibt, welche den Film aufs Treffendste ergänzt.

Extras: Audiokommentar von Garbo-Biograph Mark A.Vieira; alternatives Ende; hervorragende 30-minütige Doku Settling the Score zum Thema Musikbegleitung für Stummfilme; zwei weitere Garbo-Stummfilme.

Reginalcode: 1

Verfügbarkeit:
USA: Der Film wird von Warner (USA) und TCM Archives angeboten. Man bekommt ihn bei amazon (dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Deutschsprachiger Raum: Nicht erhältlich.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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8 Kommentare

  1. Interessanter Artikel. Ich sollte wohl mal ein paar von Garbos Hollywood-Stummfilmen ansehen. Da kenne ich bisher nur FLESH AND THE DEVIL, und an den erinnere ich mich auch nur noch flüchtig. Das Thema der femme fatale war ja damals groß in Mode, von Renoirs NANA über G.W. Pabsts DIE BÜCHSE DER PANDORA bis Sternbergs THE DEVIL IS A WOMAN.

    Zur Leinwandgöttin wurde Garbo erst in ihren US-Filmen gemacht. In GÖSTA BERLING und DIE FREUDLOSE GASSE war sie noch keine Diva. Aber ihre Regisseure in Hollywood, vor allem Clarence Brown, und William H. Daniels als ihr Standard-Kameramann (er drehte von 1926 bis 1939 21 Filme mit ihr) wussten, wie man sie ins rechte Licht setzt, so ähnlich, wie es etwas später Sterberg mit Marlene Dietrich machte. Den Rest erledigte die PR-Abteilung von MGM.

    1. Mir persönlich gefällt die Stummfilm-Garbo besser als jene des Tonfilms. Sie war eine echte Panto-Mimin; ihre pathetisch überhöhte Theatralik wirkte Tonfilm einfach deplaziert.
      Im Übrigen: Danke für die wertvollen Ergänzungen, Manfred!

  2. Mich verlockt wie Manfred Polak der Typus der „femme fatale“, die seit der Jahrhundertwende auch in der Literatur in Mode war und dank ihrer androgynen Wesenszüge (sie mussten am Ende oft dem Gesicht der leidenden Frau weichen) wie gemacht für lesbische und bisexuelle Schauspielerinnen war. Weisst du, was mich nun interessieren würde? – Die Besprechung eines jener Stummfilme, deren Existenz Marlene Dietrich stets leugnete. Wäre spannend zu erfahren, ob die den Typus schon vor von Sternberg beherrschte oder wirklich erst in seinen Händen geformt wurde. Auch dem Vergleich mit der Garbo würde nicht nur von Mercedes de Acosta, die in beider Betten genächtigt haben soll, neugierig entgegengeblickt. 😉

    1. Mal sehen, was sich machen lässt; wenn der angedeutete geleugnete Dietrich-Film erhältlich ist, fällt er mir bestimmt irgendwann in die Hände.
      Der Vergleich Garbo-Dietrich bezgl. sexuelle Präferenzen ist mir neu – was aber weiter nichts heissen will, da mich die privaten Geschichten der Stars nie sonderlich interessiert hatten.

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