René Clair verfilmt Theater

UN CHAPEAU DE PAILLE D’ITALIE
(Frankreich, 1927)
Mit Albert Préjean, Olga Tschechowa, Geymond Vital, Jim Gérald u.a.
Regie: René Clair
Dauer: 107 min

Nach Entr’acte und Paris qui dort folgt hier nun die dritte Besprechung eines Film des französischen Regisseurs René Clair. Obwohl ich in dieser kleinen Reihe chronologisch vorgehe, weist sie zwangsläufig Lücken auf, da längst nicht alle Werke Clairs verfügbar sind, weder auf DVD noch auf VHS.

Handelte es sich bei den beiden zuvor besprochenen Werken um Kurzfilme, so kommt mit Un chapeau de paille d’italie hier erstmals ein Langfilm aus Clairs Frühwerk zur Sprache – nicht sein erster notabene: Zuvor drehte er noch La fantôme du Moulin Rouge, Le voyage imaginaire und La proie du vent, die alle (noch?) nicht verfügbar sind und die Clairs Weg weg von der Avantgarde dokumentieren. Aber was nicht ist, kann vielleicht noch werden: Die DVD zu Un Chapeau de paille… ist auch erst seit kurzen auf dem Markt.

Für den hier besprochenen Film griff Clair auf ein Theaterstück zurück, das er allerdings kräftig bearbeitete. Die Vorlage stammt von Eugène Labiche, einem bekannten Autor von Schwänken und Possen, einige davon Genreklassiker, die zum Teil noch heute regelmässig aufgeführt werden.
Clair übernahm Labiches Handlungsverlauf und das Personal, transferierte aber die Komik der im Stück reichlich enthaltenen Dialoge in die Handlung der Figuren. Es gibt im Film nur etwas an die dreissig knapp gehaltene Zwischentitel, der Rest wird auf bisweilen höchst originelle Art gestisch und mimisch abgehandelt – in einigen wirklich wunderbaren Szenen, in denen ohne übertriebene Gestik komplexe Sachverhalte pantomimisch erzählt werden.

Der Film folgt der Hochzeit von Citoyen Fadinard (Albert Préjean), die wegen einer einzigen falschen Bewegung des Bräutigams beinahe scheitert und auf jeden Fall zur grotesken Posse verkommt.
Hätte der auf dem Kutscherbock sitzende Fadinard auf dem Weg zur Hochzeit die Peitsche nicht so grossartig geschwungen, wäre sie nicht an einem Ast hängengeblieben und ihm nicht aus der Hand gerissen worden; er hätte nicht absteigen und sie suchen müssen, sein Pferd wäre nicht indessen zu einem nahen Gebüsch gelaufen und hätte den darin hängenden Strohhut nicht angeknabbert.

Aus dem Gebüsch taucht nun plötzlich ein Kerl in Husarenuniform auf – und eine feine Dame – ein fesches Paar beim Schäferstündchen. Der Husar kriegt angesichts des angefressenen Huts die Krise und verlangt von Fadinard Ersatz. Als dieser kopfschüttelnd seinen Weg fortsetzt, folgt ihm das Pärchen, dringt in seine Wohnung ein, die der Mann auseinanderzunehmen droht, wenn nicht bis Mittag für Hut-Ersatz gesorgt worden sei.
Dreist nistet sich der Husar in Fadinards Wohnung ein, die Hochzeitsgesellschaft wundert sich indes, dass es nicht vorwärts geht.

Fadinard bemüht sich zwar nach Kräften, die Störenfriede zu ignorieren und mit der Hochzeit fortzufahren, doch das gelingt ihm nicht wirklich; verzweifelt schleicht er sich immer wieder aus der Hochzeitsgesellschaft, um einen Ersatzhut aufzutreiben; doch ein identischer scheint unauffindbar – und genau darauf besteht der Husar – weil „seine“ Dame eigentlich verheiratet ist und der lädiete Hut den „Ausrutscher“ verraten ihre Ehre ruinieren könnte.

Clair orchestriert Labiches Stück als einen Reigen schräger Individuen: Die Hochzeitsgesellschaft etwa ist ein wahres Karikaturen-Panoptikum kleinbürgerlicher Figuren. Hier gelingen Clair einige grossartige Sequenzen voll schwereloser Komik, die nicht nur die einzelnen Figuren näher charakterisieren, sondern sich auch liebevoll über sie und ihr weltmännisches Gehabe lustig macht. Mit für den Stummfilm ungewöhnlichem „underacting“ werden die Pointen eher nebenbei platziert, wodurch ein wiederholtes Anschauen des Films an zusätzlichem Reiz gewinnt.
Obwohl Un chapeau de paille d’italie vor allem Komödie ist und gekonnt mit den Ingredienzien dieses Genres spielt, gibt es auch einige kurze „Rückbesinnungen“ an Clairs Anfänge in der Avantgarde: Etwa Fadinards Horrorvisionen, die ihn während einer wundervoll tänzerisch geschnittenen Ballsequenz mit der Vorstellung von der vollständigen Destruktion seiner Wohnung quälen, erinnern stark an Entr’acte und die dort enthaltenen Stop-Motion-Sequenzen: Fadinards Möbel bewegen sich selbständig aus der Wohnung, wo sie von einer Horde befrackter Herren, die sich in doppelter Filmgeschwindigkeit bewegen, auseinandergenommen und weggetragen werden. Oder die Szene, in der sich die Hochzeitsgäste begrüssen (Küsschen links, Küsschen rechts), die von oben gefilmt wurde und durch den ungewohnten Blickwinkel eine wunderbar komisch-absurde Note erhält.

Clair transferierte Labiches 1851 geschriebenes Bühnenstück ans Ende des 19. Jahrhunderts, mit der erklären Absicht, der Anfangszeit des Films zu gedenken. Der Regisseur hegte eine grosse Liebe zu den ersten Gehversuchen des Kinos, zu den kruden Filmchen der Gründerzeit, und so drehte er Un chapeau de paille… wenn nicht im Stil so doch im Dekor des Fin du siècle. Unnötig, zu sagen, dass dies dem Werk einen zusätzlichen Reiz verleiht, denn der Ausstatter, kein geringerer als Lazare Meerson (der u.a. auch Clairs Tonfilm-Frühwerke Sous les toits de Paris und Le million und Marcel L’Herbiers L’argent ausgestattet hatte), leistete hier Beachtliches.
8/10

Die DVD: Die Bildschärfe und der Kontrast sind sehr gut.

Die Musikbegleitung von Rodney Sauer, eingespielt vom Mont‘ Alto Orchestra ist wunderbar leicht und schwerelos und passt damit hervorragend zu diesem Film.

Extras: Claires kurzer Stummfilm La Tour (1928); Ferdinand Zeccas kurzer Stummfilm Noce en Goguette (1907); Booklet mit zwei Essays zum Film; das komplette Stück Labiches als DVD-Rom Extra (in englischer Sprache).

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
USA: Der Film wird von Flicker Alley angeboten. Man bekommt ihn bei amazon(dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Deutschsprachiger Raum: Nicht erhältlich.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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3 Kommentare

  1. Ich wusste gar nicht, dass es vor Liebeneiners berühmtem „Der Florentiner Hut“ (1939) bereits eine Stummfilm-Fassung von Labiches Stück gab; und die Tschechowa begegnete mir natürlich auch erstmals in „Die Drei von der Tankstelle“ (1930). – Vermutlich ein Indiz, dass ich mich nicht genug um den Stummfilm bemühe; aber es gibt eben noch sooo viele Tonfilme, die ich in den nächsten 93 Jahren sehen möchte…

    1. Und Dein Kommentar ist ein Indiz für mich, dass ich mich nicht genug um den deutschen Tonfilm bemühe (was sich nun mit Apeman’s Initiative hoffentlich ändern wird!).
      Natürlich bin ich nun auf die deutsche Version gespannt; so ganz vorstellen kann ich mir das nicht; ist die auch so subversiv?
      Es gibt übrigens noch eine weitere französische Fassung, ein Tonfilm von 1944 mit Fernandel in der Hauptrolle (Regie: Maurice Cammage), aber die kenne ich auch nicht persönlich.

  2. Entschuldige die verspätete Antwort: Ein nicht genannt sein wollendes Möbelgeschäft aus Schweden hat mir den letzten Nerv geraubt!

    Nein, die Liebeneiner-Version ist, wie man es von einer Komödie in der Zeit des Nationalsozialismus erwartet, bieder-brav. Man könnte beinahe sagen, der Film habe Labiche mit Rühmann perfekt „eingedeutscht“. Man wollte ja auch Gründgens nicht mehr in den „schlüpfrigen“ französischen Possen, sondern in deutschen Lustspielen sehen (obwohl es kaum gute gab).

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