Kindliches Spielen mit filmischen Mitteln

ENTR‘ ACTE
Frankreich 1923
Mit Eric Satie, Francis Picabia, Man Ray u.a.
Regie: René Clair
Dauer: 21 min

Im Jahre 1923 taten sich Regisseur René Clair und Choreograf Francis Picabia zusammen, um einen kurzen Film zu drehen, der in der Pause von Picabias Ballett Relâche abgespielt werden sollte. Wie die Choreografie bediente sich Clairs Film der Ästhetik des Dadaismus (Relâche heisst „keine Vorstellung“; das Wort prangte damals jeweils während der Sommerpause in Grossschrift in den Aushangkästen der Pariser Theater).
Der Film geriet allerdings fast zur zur Hauptattraktion der Aufführung; Entr’acte, der zu den Klassikern des Avantgardefilms zählt, war Clairs erster Film in Eigenregie. Er bewirkte, dass Clairs Name heute eng mit dieser Kunstform verknüpft wird, obwohl er nur sehr wenige avantgardistische Filme drehte.

Entr‘ acte spielt mit den Möglichkeiten des Films und man erkennt eine ausgeprägte kindliche Spielfreude hinter dem Unterfangen. Die Macher liessen sich einzig von ihrer Experimentier- und Spiellust leiten, eine Handlung ist kaum oder nur rudimentär auszumachen; sie wurde als Störfaktor von vornherein über Bord geworfen.
An ihrer Stelle steht eine Schnittechnik, die völlig Zusammenhangloses so montiert, dass immer wieder Erwartungen auf Zusammenhänge geweckt werden, die sich aber schnell als Trugschluss herausstellen. Damit wird die dadaistische Idee, mit der man zunächst im Bereich der Literatur die Verhackstückung der Sprache zelebrierte, konsequent auf den Film übertragen. Der Betrachter von Entr’acte wird an mehreren Stellen auf die Wirkung und die Funktionsweise der filmischen Mittel und der filmischen Narration gestossen, weil dank der Elemination der Handlung diese deutlich sichtbar und erlebbar wird.
Gemeinhin wird die Handlung in einem Film als zentrales Element wahrgenommen; die Mechanismen im Hintergrund, die cinéastischen Werkzeuge (Schnitt, Trick, Kontinuität usw.) treten hinter sie zurück, das „gemeine“ Kinopublikum nimmt diese gar nicht wahr. Entr’acte macht sozusagen das „Gerüst“ sichtbar, indem es immer wieder die Funktionsweise von Film ins Zentrum rückt.

Ein Beispiel: Ein von einem Kamel gezogener Leichenwagen macht sich selbständig und rollt eine abschüssige Strasse hinunter. Es folgt eine vielzahl rhythmischer Schnitte; die zwischengeschnittenen Szenen zeigen alle hektische, gleitende Bewegung und insinuieren einen Bewegungsablauf, der sich in Wahrheit aus vielen disparaten Teilstücken – unter anderem einer Achterbahnfahrt – zusammensetzt. Genauso funktioniert die Illusion Film; die Sequenz macht es dank ihrer Übertreibung deutlich.

Das Ganze wird mit nicht nur mit unbändiger Spiellust, sondern auch mit umwerfendem Witz präsentiert. Obwohl oft nicht recht nachvollzogen werden kann, was da nun gezeigt wird, wecken die Bilder beim Betrachter Assoziationen – und die einzelnen Ideen ein Schmunzeln. Wenn ein Papierschiff über die Dächer von Paris schaukelt, so war die zugrundliegende Idee wohl einerseits, zwei disparate Elemente zusammenzufügen, und andererseits, mit der Überblendungstechnik  zu experimentieren; das dafür gewählte Bild ruft beim Betrachter Heiterkeit hervor. Und da sind wir bei einer wichtigen Eigenheit dieses Regisseurs: Alle Filme René Clairs sind von einem wunderbar verspielten Humor durchdrungen. Das ist in Entr‘ acte, obwohl dieser in Clairs Oevre eine Ausnahmestellung einnimmt, bereits deutlich erkennbar.

Entr’acte bringt eine ganze Reihe damals berühmter Künstler vor die Kamera: Komponist Eric Satie etwa feuert mit Francis Picabia zu Filmbeginn eine Kanone aufs Publikum ab, der Maler Marcel Duchamp und der Fotograf Man Ray sind als Schachspieler kurz zu sehen, Komponist Darius Milhaud tritt ebenso auf wie der schwedische Tänzer und Choreograf Jean Börlin. Die meisten von ihnen schauspielerten zum ersten und einzigen Mal vor einer Kamera.

Obwohl dank seiner offenen Form schon alles Mögliche in Entr’acte hineininterpretiert wurde, glaube ich nicht an einen tieferen Sinn in diesem Werk. Ich sehe den Film als Experiment zur Erforschung (vielleicht auch nur zum „mal Ausprobieren“) und evtl. zur Verdeutlichung der filmischen Mittel, ein Experiment, das im Gewand einer dadaistischen Provokation daherkommt. Und weil der Film und seine Wirkung sich einer Versprachlichung geradezu widersetzt, sollen die Bilder für sich selbst sprechen: Es folgt Entr’acte, in sehr schöner Bildqualität, mit der von Eric Satie eigens dafür komponierten Musik.
8/10

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9 Kommentare

  1. Wunderschön, dass du an René Clair als Stummfilmregisseur erinnerst. Ich sah als Junge den poetischen „Sous les toits de Paris“ (1930) und bin seitdem ein Fan des grossen, etwas in Vergessenheit geratenen Mannes. Natürlich kenne und liebe ich einige seiner Filme aus den USA (vor allem „I married a Witch“, 1942, und die Agatha Christie-Adaption „And then there were none“, 1945). Der letzte Film, den ich von ihm gesehen habe, ist der leider hierzulande nicht auf DVD erhältliche „Les Belles de nuit“ (1952) mit dem unvergessenen Gerard Philippe. – Später wich René Clair mehr oder weniger der „Nouvelle Vague“, soll aber als Theaterregisseur grosse Erolge gefeiert haben.

  2. Wunderschön, dass du an René Clair als Stummfilmregisseur erinnerst {die Zweite} Und zwar deshalb, weil ich mit Clair überhaupt, und erst recht mit Clair als Stummfilmregisseur bislang kaum vertraut bin, was ich zwischendurch immer mal wieder sehr bedaure, aber dann über den vielbesagten DVD- und Video-Berg wieder vergessen. Sehr, sehr schöner, detaillierter Bericht, der hoffentlich dafür sorgen wird, dass ich mich bald auf Spurensuche begebe – über „Entr’acte“ hatte ich hier und da flüchtig etwas vernommen, nun steht er recht weit oben in meiner Liste, vor allem klingt er nach einem sehr schönen Beginn für eine persönliche Clair-Retrospektive.

    1. @Whoknows Best und s.bendix:
      In der Tat plane ich eine kleine René Clair-Retro, die ich hier im Blog dokumentieren möchte. Clair gehört zur top five meiner absoluten Lieblingsregisseure.
      Leider und seltsamerweise ist der Grossteil seines französischen Filmschaffens überhaupt nicht auf DVD greifbar – nicht mal in Frankreich! Das ist bei Titeln wie „Le silence est d’or“ für mich besonders schmerzlich, denn da portraitiert er die Stummfilmzeit.
      Clairs englischsprachigen Werke sind mittlerweile fast alle in Deutschland erschienen – ausser „It happened tomorrow“ und „And then there were none“.

    2. Wenn Du dich mit Clair beschäftigen möchtest, empfiehlt sich als Einstieg À NOUS LA LIBERTÉ, denn es gibt ihn in den USA (bei Criterion) und England auf DVD, und beide DVDs haben ENTR’ACTE als Bonusfilm. À NOUS LA LIBERTÉ ist einer seiner bekanntesten Filme, und wer MODERNE ZEITEN kennt, wird ein Aha-Erlebnis haben.

      Von Clairs Nachkriegsfilmen mag ich PORTE DES LILAS (DIE MAUSEFALLE) am liebsten. Er beschwört noch einmal die Atmosphäre des längst vergangenen Poetischen Realismus, und Pierre Brasseur als gutmütiger Brummbär ist genial.

      1. Danke für deine Tipps.
        A NOUS LA LIBERTE steht bei mir im Regal, daher kam ich auch zu ENTR’ACTE.
        Auf die ganze Clair-Sache hattest übrigens Du mich gebracht mit Deinem Kommentar zu MODERN TIMES. Da sieht man mal wieder, was ein paar harmlose Worte auslösen können.. 😉
        Zunächst werde ich mich den Kurzfilmen PARIS QUI DORT und TOUR EIFFEL zuwenden, und dann über den Stummfilm UN CHAPEAU DE PAILLE D’ITALIE zu A NOUS LA LIBERTE voranschreiten. Diese Filme warten alle schon im Regal, zusammen mit THE GHOST GOES WEST und dem Spätwerk TOUT L’OR DU MONDE.
        Ich plane, mir danach weitere Clair-Werke zu beschaffen…

        1. Jaja, der Schmetterlingseffekt. Ich äußere ein paar harmlose Worte, und dann verwüstet ein Taifun die pazifischen Inseln, oder gabelingeber macht eine Clair-Reihe!

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