Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 – 1974

Ein Klassiker auf dem Prüfstand
THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE
USA 1974
Mit Walter Matthau, Robert Shaw, Martin Balsam, Hector Elizondo, Earl Hindman, James Broderick u.a.
Drehbuch: Peter Stone nach einem Roman von John Godey
Regie: Joseph Sargent
Studio: Palomar Pictures / Palladium Productions
Dauer: 100 min
Der Film lief 1974 auch in den deutschsprachigen Raum, unter dem völlig irreführenden Titel Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3

Vorspann:
Joseph Sargents Grosstadt-Thriller wurde zwar 2009 neu gedreht, blieb aber dennoch unerreicht. Das Vorbild für Speed und andere moderne Actionfilme, platzte mitten in die Katastrophenfilm-Welle der Siebzigerjahre und brachte die Stadt New York mit einer Authentizität und einem Realismus auf die Leinwand, dass man in ihm heute durchaus als historische Momentaufnahme anschauen kann.
Inhalt: Der U-Bahn-Zug „Pelham 1-2-3“ (so benannt nach dem Abfahrtsort und der Abfahrtszeit 1:32) wird während seiner Fahrt durch New Yorks Untergrund von einer Gruppe Verkleideter in Besitz genommen und zum Halten gebracht. Ihre Forderung: Wenn die Stadt ihnen nicht binnen einer Stunde eine Million Dollar zukommen lasse, würden jede verstreichende Minute ein Fahrgast erschossen. Nach anfänglichem Augenreiben bricht „oben“ die Hektik los: Der Bürgermeister wird vom Krankenlager geholt, die Polizei strategisch über die U-Bahnhöfe verteilt, Scharfschützen werden mobilisiert, am Telefon wird verzweifelt die Zeit verhandelt.

Der Film:
The Taking of Pelham One Two Three zählt neben Lumets Serpico (1973), Scorseses Taxi Driver (1976) und Woody Allens Manhattan (1979) zu den grossen cinèastischen New York-Portraits der Siebzigerjahre. Joseph Sargent, der hauptsächlich fürs Fernsehen gearbeitet und vergleichsweise wenige Kinofilme gedreht hatte, inszeniert „The Big Apple“ mit famoser Virtuosität und Lust am Detail. Authentizität schien beim Dreh oberstes Gebot zu sein: Gefilmt wurde ausschliesslich „on location“ (was ob der Massenszenen erstaunt), die U-Bahn-Behörden liess (nach einigem publicity-bedingtem Zögern) erst die Rechercheure und dann die Kamerateams in die Schächte. Und selten sieht man einen Film, der bis in die hinterletzte Nebenrolle derart perfekt besetzt ist. Jeder Nebendarsteller trägt zur Authentizität bei. Und was besonders wohltuend und authentizitätsstiftend ist: Politische Korrektheit gab es damals noch nicht – die Figuren reden so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Da fällt auch mal ein rassistischer Spruch oder ein wüstes sexistisches Schimpfwort. Wie in der Realität. Ach, waren das Zeiten!
Nach der Sichtung dieses Film nahm ich mir vor, das Werk dieses Regisseurs mal genauer unter die Lupe zu nehmen – auch wenn Undinger wie Jaws: The Revenge (dt.: Der weisse Hai IV: Die Abrechnung; USA 1987) auf seine Kappe gehen. Was er mit The Taking of Pelham One Two Three abliefert, ist eine Meisterleistung auf allen Ebenen des Metiers. Völlig talentlos konnte er also nicht gewesen sein. Gemäss imdb.com klingen vor allem einige seiner zahlreichen Fernseharbeiten höchst interessant und sind möglicherweise verborgene Schätze, die es zu heben gilt.

Der deutsche Verleihtitel ist so unpassend wie selten einer. Von einer „Todesfahrt“ ist im Film wenig zu finden: Abgesehen von einer kurzen Sequenz, wo der Wagen mit den Geiseln führerlos durch die Schächte rast, steht die fragliche U-Bahn die meiste Zeit still, ja sie ist sogar der ruhende Pol des Films! Im besetzten Zug passiert nämlich im Grunde nichts, auch wenn das US-Filmplakat das Gegenteil verkündet. Die Hijacker verraten den Fahrgästen nichts von ihrem mörderischen Plan und warten auf die Geldübergabe. Natürlich ist die Lage gespannt, aber der Anführer, Mr. Blue (Shaw) strahlt eine solch coole Ruhe aus, dass keine der Geiseln die Nerven verliert.
Die Action, das Gebrüll und Geschrei, die durchgehenden Nerven, das passiert alles „oben“, in den Einsatzzentralen, auf den Strassen, in den sich wegen den blockierten U-Bahn-Linien immer mehr füllenden Bahnhöfen. Während oben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden, um die Million fristgerecht zusammenzubekommen und wie gewünscht zu vier gleichen Teilen zu bündeln, liest Mr. Blue in der Führerkabine der „Pelham 123“ seelenruhig ein Buch. Die Zeit läuft, wie lange es noch dauert, bis die Stunde um ist, das kriegt der Zuschauer immer wieder en passant mit. Die Spannung nähert sich stetig dem Siedepunkt, und die harten Schnitte zwischen Hektik, „oben“ und Ruhe, „unten“ hält sie permanent am Köcheln.

Die Hektik ist unglaublich dynamisch, mittels fahrender Kamera und einem Grossaufgebot von im Hintergrund permanent herumwuselnden Statisten inszeniert. Die zum Teil mit Statisten überbevölkerten Schauplätze sind authentisch. Die Hektik findet aber nicht nur äusserlich, sondern auch innen, in den Gesten und Bewegungen und vor allem in den Dialogen statt. Da fliegen entnervte Beleidigungen, Bonmots, Flüche, Schmähreden hin und her, nur Lieutenant Garber (Matthau) versucht, die Ruhe zu bewahren. Er versucht, „oben“ das zu sein, was Mr. Blue unten ist: Der ruhende Pol. Das gelingt ihm nur bedingt, denn die Hektik droht ihn immer wieder in ihren Strudel hineinzuziehen.
Garber ist kein Held. Sein Portrait trägt viel zur authentischen Wirkung des Films bei. Er ist der Einsatzleiter, der zufällig Dienst hatte und der versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Er behält die Nerven, doch das geht ihm sichtlich an die Substanz. Dass er von Walter Matthau verkörpert wird, lässt eine gewisse Erwartungshaltung aufkommen, eine die mit bärbeissigem Witz zu tun hat.

Und tatsächlich ist The Taking of Pelham One Two Three voll von diesem bärbeissigem Witz – doch er kommt die meiste Zeit über nicht von Matthau! Das Drehbuch führt von Beginn weg, mit der seltsamen Verkleidung der vier Hijacker, eine Portion galligen Humors ein, die den ganzen Film über aufrecht erhalten wird. Ohne je das Geringste an Spannung und Seriosität einzubüssen, werden so nebenbei Sprüche (meist politisch unkorrekte) geklopft, die Eingang in die Filmgeschichte gehalten haben. Als Matthau den Einsatzleiter der Polizei, mit dem er bislang nur über Funk Kontakt hatte, das erste Mal sieht und feststellt, dass der schwarz ist, gibt er einen Satz zum besten, der derart deutlich nicht sagt was er denkt, dass man es zehn Meilen gegen den Wind spürt.
New York-Kenner sagen, mit seinem Witz treffe der Film genau den Ton der Stadt, wie sie damals war. Es gibt in der Tat Sprüche, die aus einem Woody Allen-Film jener Zeit stammen könnten. Das Matthau darin eine Hauptrolle spielt passt derart haargenau, als wäre der Film für ihn massgeschneidert worden.

Abspann:
-David Shires Musik zählt zu den besten je komponierten Titelscores.
-Der Film wurde ein voller Erfolg und spielte 10 Millionen ein – just der Betrag, den die Hijacker in Tony Scotts Remake von 2009 verlangten.
-Der U-Bahnzug „Pelham 1:23 wurde nach dem Erfolg des Films für Jahre gestrichen.
-Die deutsche DVD ist vergriffen, ist gebraucht aber noch immer zu vernünftigen Preisen erhältlich. Allerdings lässt die Bildqualität zu wünschen übrig. Eine Blu-ray-Ausgabe ist überfällig!

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

1. Ein vergessener Film

The Next Voice You Hear (USA 1950) Regie: William A. Wellman; Mit James Whitmore, Nancy Davis, Gary Gray u.a.
Der im letzten Beitrag angekündigte Film hat es nicht zum Hauptbeitrag geschafft – dafür ist er trotz seiner höchst interessanten Prämisse zu schwach.
Es geht darin um eine mysteriöse Stimme, die für eine Woche auf der ganzen Welt täglich im Radio zu hören ist, stets genau um 19.30 Uhr. Die Stimme behauptet, jene Gottes zu sein.
Wellmans Film, eine B-Produktion von MGM, legt den Fokus auf die kleine Familie des amerikanischen Fabrikarbeiters Joe Smith (Whitmore). Joes Frau (Davis) erwartet ein Kind; trotzdem ist Joe unzufrieden mit seinem Leben.
Das Hauptproblem des Films ist, dass die beiden Geschichten – Gottes Stimme und Familie Smith – nicht auf befriedigende Weise zusammenkommen. Zu sehr sind die Macher darauf bedacht, dass der religiöse Grundton nicht zu sehr Ueberhand nimmt, so sehr, dass man sich am Schluss fragt, was denn nun die die Geschichte mit der Stimme Gottes eigentlich hätte sein sollen. Joes Wandlung hätte auch ohne Gottes Stimme im Radio stattfinden können. So bleibt The Next Voice you Hear oberflächlich und unverbindlich.
Wellmans Inszenierung dagegen, der genau Blick auf menschliche Verhaltensweisen und für psychologische Details entschädigt für die blasse Story. Er hält das Interesse einfach dadurch wach, dass er die Interaktion zwischen den Hauptfiguren mit vielen Details ausstattet und sie dadurch plastisch und fassbar macht: Die Spannung zwischen den Eheleuten wird allein durch ihre Anordnung, wie sie im Raum zueinander in Beziehung gestellt werden, greifbar. Kleine Gesten verraten mehr über ihre Beziehung zueinander, als die Worte des Drehbuchs. Letzteres ist allerdings nicht so schlecht, wie das bisher Gesagte vielleicht den Eindruck erweckt hat. Die Entwicklung der Handlung geschieht subtil und mittels dramaturgisch geschickt gesetzter Einfälle.
Für Nancy Davis bedeutete dies die erste Hauptrolle in einem Film. Man sieht sie nicht oft, da sie in keinen bleibenden Filme gespielt zu haben scheint. So war ich über die Qualität ihrer Darbietung überrascht. Ihre Figur strahlt eine erstaunliche Wärme und innere Kraft aus, ehrlich, ohne jede religiöse Penetrantz. Schade, dass sie nur wenige Filme gemacht hat! Zwei Jahre später wurde sie zu Misses Ronald Reagan. Was danach kam, übertraf den Starruhm vieler anderen Schauspieler.

2. Ein Klassiker

Pension Schöller (D 1960) Regie: Georg Jacoby; Mit Rudolf Vogel, Theo Lingen, Helmut Lohner, Boy Gobert u.a.
Die deutsche Theaterkomödie schlechthin, wurde Pension Schöller gleich drei Mal verfilmt 1930, 1952 und 1960 – jedes Mal vom Sohn des Verfassers, Georg Jacoby. Seine letzte Version, mit Schlagerklängen auf Vordermann gebracht, kann trotz aller Betriebsamkeit die Schwächen der Vorlage nicht kaschieren: Die zahlreichen Logiklücken, die zugunsten des komischen Effekts in Kauf genommen wurden, klaffen doch recht störend im Gewebe der Verwechslungsgeschichte um ein vermeintliches Irrenhaus, das in Wahrheit eine Pension mit exzentrischen Insassen ist. Die komödiantischen Leistungen Rudolf Vogels und vor allem Boy Goberts entschädigen teilweise für die betuliche, ziemlich biedere Inszenierung.

Vorschau:
Karel Reisz‘ Literaturverfilmung The French Lieutenant’s Woman (dt.: Die Geliebte des französischen Leutnats; GB 1981 ) wurde damals von der Kritik hoch gelobt und war ein Meilenstein auf dem Erfolgsweg von Meryl Streep und Jeremy Irons. Wie hält der Film einer kritischen Sicht heute stand? Hat er die 35 Jahre, die er nun schon auf dem Buckel hat schadlos überstanden? War er tatsächlich so gut, wie es damals hiess? Ich werde berichten…

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