Verlorene Frauen – 1950

Ein vergessener Film
CAGED
USA 1950
Mit Eleanor Parker, Agnes Moorehead, Hope Emerson, Lee Patrick, Betty Garde, Ellen Corby,  u.a.
Drehbuch: Virginia Kellogg nach ihrer eigenen, zusammen mit Bernard C. Schoenfeld verfassten Story „Women without Men“
Regie: John Cromwell
Studio: Warner Bros.
Dauer: 96 min
Der Film kam 1951 auch in die deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Verlorene Frauen (der Alternativtitel Frauengefängnis stammt möglicherweise von der TV-Auststrahlung – oder umgekehrt; die Sachlage scheint nicht wirklich eruierbar).

Vorspann:
Marie Allen (Parker), eine 19-jährige, unbescholtene Frau, wird wegen Mithilfe an einem Verbrechen ins Frauengefängnis eingeliefert. Ihr Mann hatte bei einem bewaffneten Überfall 40 Dollar gestohlen, während sie im Auto sass und auf ihn wartete. Die düstere, hoffnungs- und schonungslose Gefängniswelt mit ihren tierisch dahinvegetierenden Insassen schockiert sie zutiefst. Obwohl die Gefängnisleiterin (Moorehead) eine freundliche, warmherzige Frau ist, kann sie sich nicht gegen die monströse Wärterin Harper (Emerson) durchsetzen, welche die Gefangenen ausbeutet und quält. Für Marie wird das Gefängnis zur Hölle, die ihre Menschlichkeit zu zerstören droht.

Der Film:
Das Warner-Studio war in den Dreissigerjahren für seine schonungslos realistischen Filme bekannt, die Funktionsweisen eklatanter sozialer Fehlentwicklungen wie etwa das organisierte Verbrechen aufzeigten. Mervyn LeRoys I am A Fugitive from A Chain Gang (dt.: Jagd auf James A.) nahm sich bereits 1932 den Misständen in amerikanischen Gefängnissen an und bewirkte Reformen in einigen Staaten. Caged sollte fast 20 Jahre danach dasselbe für die Frauengefängnisse tun. Produzent Jerry Wald setzte die ehemalige Reporterin Virginia Kellogg auf die Sache an. Kelloggs hervorragend recherierte Stories ergaben in der Vergangenheit schon mehrmals Stoff für starke Filme, zuletzt für den James Cagney-Klassiker White Heath (dt.: Maschinenpistolen / Sprung in den Tod, Raoul Walsh, USA 1949).
Angeleitet von Wald begann Kellogg mit ihren Recherchen, besuchte Frauengefängnisse, redete mit Insassen, studierte den Gefängnis-Slang und liess sich sogar für kurze Zeit selbst einsperren. Daraus wuchs eine Story, welche Grundlage für das Drehbuch wurde und schliesslich wurde zeitgleich mit dem Filmstart ein Zeitschriftartikel der Autorin veröffentlicht, in welchem sie zusätzlich auf die inhumanen Zustände in den Frauengefängnissen hinwies. Kelloggs Drehbuch wurde 1951 für den Oscar (Kategorie „Story and Screenplay“) nominiert, verlor aber gegen Billy Wilders Sunset Boulevard.

Schaut man sich Caged heute an, drängt sich sogleich der Vergleich mit der Netflix-Serie Orange is the New Black auf, welche fast dieselbe Ausgangslage hat. Obwohl in Caged die damals in den Gefängnissen durchaus aktuellen Themen Homosexualität und Drogen wegen der Zensurbestimmungen ausgeblendet werden mussten, verblüfft der Film mit der seiner Schonungslosikgkeit. Er nimmt sich der Gefängnis-Thematik in der für dieses Studio typisch zupackenden, manchmal schockierenden, aber nie voyeuristischen Manier an – obwohl ihm damals gerade letzteres vorgeworfen wurde. Dass Caged auch nach 66 Jahren noch praktisch nichts von seiner Wirkung eingebüsst hat und neben Orange is the New Black bestehen kann, spricht für seinen Wahrheitsgehalt. Viele der Zu- und Missstände, die in Cromwells Film auftauchen, erscheinen in leicht veränderter Form auch in der erfolgreichen Netflix-Serie.

Die Zensurbehörden gerieten 1950 richtiggehend in Aufruhr wegen dem Film. Jerry Wald und sein Stab benötigten unendliche Geduld und viel Verhandlungsgeschick, um den Streifen trotz des damals gerade aufkeimenden McCarthyismus durchzukriegen. Wenn man weiss, dass sogar der Anblick einer Toilette auf Betreiben des Zensurverantwortlichen aus dem Film wieder herausgeschnitten werden musste, dann grenzt es an ein Wunder, was alles drin geblieben ist! Caged ist eine schonungslose, bittere und offene Anklage gegen das amerikanische Gefängniswesen, gegen die darin involvierten korrupten Politiker und die damit verbundene menschenverachtende Bürokratie. Die sadistische, von Hope Emerson mit furchterregende vulgärer Grandezza gespielte Wärterin ist keine Übertreibung, im Gegenteil! Gemäss Aussagen der Drehbuchautorin waren solche Figuren in den Gefängnissen keine Ausnahmeerscheinungen. Für den Film musste sie deren Attitüde und Machenschaften sogar deutlich abmildern. Auch der kräftezehrende Kampf der Gefängnisleiterin (Agnes Moorehead) gegen doppelzüngige Gouverneure um Reformen und Gelder wird nicht beschönigt. Ob all das damals etwas bewirkt hatte, ist fraglich. Schaut man sich Orange is the new Black an, der genau dieselben Missstände erneut aufs Tapet bringt, tendiert man dazu die Frage zu verneinen. Tatsache ist, dass kritische Filme wie Caged kurz darauf von der Leinwand verschwanden: Die Zeit von Senator McCarthy war angebrochen. Obwohl Cromwells Film ein grosser Publikumserfolg war, scheint er wenig ausgelöst zu haben. Oder das Rad wurde später wieder zurückgedreht.

Caged ist einer jener Filme, in denen alles stimmt – vom Drehbuch über die Regie bis zu den Leistungen der Nebendarsteller. Man spürt hier deutlich das Engagement des Produzenten, dem der Film ein grosses Anliegen war, der mit seinem Engagement stets präsent war und dafür sorgte, dass alles zusammenpasste. Regisseur John Cromwell – im Jahr darauf von McCarthy mit einem Berufsverbot belegt – liefete hier seine wohl beste Arbeit ab. Alle Gefangenen liefern als „hard boiled broads“ schauspielerische Bestleistungen ab; Agnes Moorehead ist gegen ihren Typus besetzt und glänzt als menschenfreundliche Direktorin; Hope Emerson als sadistische Wärterin ist wohl die Idealbesetzung für diese Rolle; Eleanor Parker jedoch stellt alle in den Schatten. Ihre Leistung raubt einem schlichtweg den Atem. Wie sie die Wandlung vom seelenvollen, verschüchterten Mädchen zum abgestumpften, desillusionierten Geschöpf meistert, ist schon fast unglaublich. Auch wenn diese im Film etwas plötzlich vollzogen wird, man glaubt fast nicht, dieselbe Person vor sich zu haben, derart schauspielerisch perfekt ist ihre Wandlung. Genau diese Wandlung beinhaltet den Stossrichtung der Kritik in Caged: Frauen werden vom unmenschlichen Gefängnissalltag abgestumpft und durch ein korruptes Bewährungssystem kriminell – auch wenn sie es vor ihrer Einlieferung gar nicht waren. Dieses Fazit geht unter die Haut und bildet den desillusionierenden Schlusspunkt des Films.
Zwei der Darstellerinnen wurden für den Oscar nominiert: Hope Emerson und Eleanor Parker; beide gingen leer aus. Emerson verlor ihn an Josephine Hull in Harvey (dt.: Mein Freund Harvey) und Parker an Judy Holliday in Born Yesterday (dt.: Die ist nicht von gestern). Parkers Leistung wurde dafür in Venedig honoriert, wo sie als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

John Cromwell macht bei seiner Inszenierung deutliche Anleihen beim deutschen Expressionismus – verquere Kamerawinkel, lange Schatten und harte Schwarzweiss-Kontraste sind Stilmittel, um eine Atmosphäre der Angst und der permanenten Bedrohung zu evozieren. Cromwell gehört zu den US-Regisseuren, die zumindest mir nicht unbedingt geläufig waren. Dabei hat er doch eine ganze Reihe hochgelobter Filme zu verantworten, u.a. Of Human Bondage (1934) mit Bette Davis und Leslie Howard, oder Anna and the King of Siam (1946) mit Irene Dunn und Rex Harrison, die aber alle bei uns keine grosse Bekanntheit erlangten. Dass er in in den Siebzigerjahren in zwei Filmen Robert Altmans  (3 Women und  A Wedding) als Schauspieler mitwirkte, wissen wohl auch nur wenige.
Caged gilt als Cromwells bester Film – und das ist leicht möglich: Das Werk gehört zu den Filmen, die man einmal sieht und nie wieder vergisst.

Nachspann:
-Immer wieder geschieht es, dass in einem dieser alten Filme ein scheinbar bekanntes Gesicht auftaucht, dass man einfach nicht einordnen kann. Mir ging es hier mit der Figur der leicht verrückten Gefangenen Emma Barber so. Sie wurde von Ellen Corby gespielt – welche, 20 Jahre später, als Oma Esther in der Serie Die Waltons ihre Sternstunden hatte.
-Apropos „Gesicht“: Auf der Suche nach dem Regisseur des Film leitete mich Google zu u.a. auch zu Fotos des Gesuchten. Da tauchten Bilder von ihm neben Stars von heute auf. Cromwell müsste aber 1979 gestorben sein. Es stellte sich schnell heraus, dass es sich bei den Bildern um den Schauspieler James Cromwell (u.a. The Artist, American Horror Story, Boardwalk Empire) handelte – den Sohn des Regisseurs. Die Ählichkeit ist geradezu unheimlich!
Caged ist bei uns weder auf DVD, Blu-ray noch auch VHS je erschienen – ein Manko, das dringend zu beseitigen wäre! Er ist in der amerikanischen DVD on demand-Serie Warner Archive Collection herausgekommen (RC0) und kann hier zu günstigen Versandkosten bestellt werden.

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Filmklassiker auf dem Prüfstand:
The French Lieutenants Woman
(dt.: Die Geliebte des französischen Leutnants; Karel Reisz; GB 1981) Mit Meryl Streep, Jeremy Irons, Leo McKern u.a.
Die Verfilmung des gleichnamigen, 1969 entstandenen Romans von John Fowles entpuppt sich bei der Zweitsichtung 35 Jahre nach der Kinopremeiere als „mixed bag“, der ebenso gemischte Gefühle hinterlässt. Dem Problem, dass der Roman zwei Enden hat – eines „happy“, das andere nicht – begegnete Harold Pinter, der für das Drehbuch zeichnet, mit dem „Kunstgriff“, eine zweite Ebene einzuführen: Neben der im viktorianischen England spielenden Hauptgeschichte gibt es noch eine Handlung im Heute, welche die Filmcrew und die Schauspieler bei der Arbeit zeigt. Die Darsteller der beiden Hauptfiguren beginnen während dem Dreh eine Affäre, ähnlich jener der Figuren, die sie im Film verkörpern. Natürlich war so eine Liaison früher ungleich schwieriger, wo die Auflösung einer Verlobung einem Skandal gleichkam.
Reisz‘ Film lebt von wünderschön komponierten Tableaus und dem Einbezug der Natur im viktorianischen Teil. Zudem erklärt die hervorragende Leistung der jungen Meryl Streep, weshalb sie nach diesem Film zur begehrtesten Aktrice Hollywoods aufstieg.
Auf der anderen Seite enttäuscht einerseits das Drehbuch, das über eine gähnende inhaltliche Leere nicht hinwegtäuschen kann – Pinter hin oder her – und die Leistung Jeremy Irons. Ich hatte gedacht, der Mann müsse der Streep schauspielerisch mindestens ebenbürtig sein. Dem ist aber nicht so. Er fällt neben ihr stark ab. Sein Spiel wirkt gestelzt und aufgesetzt, vor allem in den leider sehr zahlreichen Nahaufnahmen offenbart sich immer wieder Überforderung mit dem zugegeben schwierigen Part.
Fazit: Schöne Bilder und eine hervorragende Hauptdarstellerin machen noch keinen bleibenden Film. The French Lieutanant’s Woman zählt für mich definitiv nicht zu den bleibenden Klassikern.

Poster created by 1darthvader

Vorschau:
Star Trek – The Motion Picture (dt: Robert Wise, USA 1979) entstand mitten im SciFi-Hype, den George Lucas‘ erster Star Wars– Film in den Siebzigerjahren ausgelöst hatte. Das Raumschiff Enterprise startete damals, zehn Jahre nach der TV-Serie mit deutlich höherem Budget im Kino zu neuen Ufern. Die Fans waren entsetzt. Noch heute ist der Film umstritten – die einen verdammen ihn, die anderen erachten ihn als gelungen. Ich habe mir das Werk 37 Jahre nachdem ich als Jugendlicher damals im Kino schwer davon beeindruckt war, wieder angesehen. Mein Fazit demnächst auf diesem Blog.


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