Star Trek: Der Film – 1979

Ein Klassiker auf dem Prüfstand
STAR TREK : THE MOTION PICTURE

USA 1979
Mit William Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, Persis Khambatta, Stephen Collins, James Doohan, Nichelle Nichols, George Takei, Walter Koenig u.a.
Drehbuch: Harold Livingston nach einer Geschichte von Alan Dean Foster
Regie: Robert Wise
Studio: Paramount
Dauer: 128 min
Der Film kam 1980 auch in die deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Star Trek: Der Film; in der DDR lief er mit sechs Jahren Verspätung

Vorspann:
Star Trek – The Motion Picture entstand mitten im SciFi-Hype, den George Lucas‘ erster Star Wars– Film in den Siebzigerjahren ausgelöst hatte. Das Raumschiff Enterprise startete damals, zehn Jahre nach der TV-Serie mit deutlich höherem Budget im Kino zu neuen Ufern.
Inhalt: Ein rieiges Gebilde fliegt auf die Erde zu. Nachdem es ein Klingonenschiff angegriffen hat, ist klar, dass es sich um ein Raumschiff handeln muss. Doch jegliche Kommunikationversuche schlagen fehl. Auf der Erde wird beschlossen, das gerade runumerneuerte Raumschiff „Enterprise“ zu entsenden, um das Riesending aufzuhalten. Kommander Kirk, inzwischen zum Schreibtischhengst mutiert, setzt durch, dass er die Mission leitet. Und so bricht das Raumschiff Enterprise erstmals im Kino in die „unendlichen Weiten“ des Weltraums auf…

Der Film:
Der erste Star Trek-Kinofilm sorgt noch heute, 37 Jahre nach seiner Entstehung, für Kontroversen. Ein Grossteil der Hardcore-Fans bezeichnet ihn als missraten, langweilig, untypisch, unausgereift oder einfach nur schlecht.
Es gibt aber auch andere Stimme; sie stammen meist nicht aus den Reihen der „Trekkies“, die den Film schätzen. Und sie haben Recht!

Damals, als der Film in die Kinos kam, war ich, 16-jährig, schlichtweg überwältigt. Die Special Effects liessen mich staunen, und mit der Art und Weise, wie hier der „sense of wonder“ zelebriert wurde, der zu jeder guten Science-Fiction einfach dazugehört, hinterliess der Film bei mir einen ähnlich starken Eindruck wie Spielbergs Close Encounters of the Third Kind (dt.: Unheimliche Begegnung der dritten Art) zwei Jahre davor.
Trotzdem verblasste der Film in meiner Erinnerung wieder. Die vielen schlechten bis miserablen Kritiken, die mir über die Jahre hinweg immer wieder begegneten, hielten mich von einer Neusichtung ab. Ich hatte mich in dem Film wohl getäuscht, dachte ich – als unreifer 16-jähriger sieht man die Dinge halt anders. Die folgenden Star Trek-Kinofilme waren für mich allesamt Enttäuschungen, und so verblasste der erste unter dem Eindruck der folgenden zur Bedeutungslosigkeit.
Vor ein paar Tagen schaute ich ihn mir dann endlich doch wieder an. Und siehe da: Das Staunen war noch da!

Star Trek: The Motion Picture gehört nicht zuletzt deshalb zu den erfreulichsten Film-Entdeckungen der letzten Wochen, weil ich dadurch zu meiner Ueberraschung feststellte, dass dieses Gefühl, welches ich in Science-Fiction-Romanen immer wieder suchte – oftmals vergeblich – dass dieser „sense of wonder“, dass es „da draussen“ Dinge gibt, die grösser sind als wir, von diesem Film her stammt.
Völlig überrascht war ich von der Wirkung, die der Film noch immer hat. Trotz unserer Gewöhnung an perfekteste Computeranimations-Spezialeffekte und rasante Schnittechnik beeindruckt Star Trek 1 noch immer. Ich sage das nicht aus einem Nostalgiegefühl heraus, da bin ich durchaus in der Lage, zu abstrahieren; ich war vor der Visionierung eher auf einen Verriss eingestellt. Zudem war mein 18-jähriger Sohn, der mit Computeranimation „aufgewachsen“ ist, ebenso beeindruckt.

Natürlich hat der Film Schwächen, die offensichtlichsten liegen im Drehbuch. Harold Livingston hatte gerade mal drei Kinofilme geschrieben, darunter Star Trek 1; die anderen beiden waren The Street is my Beat (Irwin Berwick, USA 1966) – er wurde offenbar nie veröffentlich – und The Hell With Heroes (dt.: Die mit den Wölfen heulen, Joseph Sargent, USA 1966). All seine anderen Drehbücher verfasste Livingston für TV-Serien wie Mission: Impossible oder Mannix. Und tatsächlich wirkt Star Trek: The Motion Picture stellenweise wie eine aufgeblähte TV-Episode.
Offenbar stritten sich Livingston und Star Trek-Erfinder Gene Roddenberry immer wieder über Neufassungen und Änderungen, und Livingston lief mehr als einmal vom Set davon (um jedes Mal wieder zurückzukehren). Für den nachfolgenden Star Trek-Film wurde Roddenberry zum Berater heruntergestuft, so sehr scheint er die Paramount-Verantwortlichen genervt zu haben.
Die Streitigkeiten am Set mögen Schuld daran sein, dass Einzelheiten nicht zusammenpassen. Zu Beginn des Films erläutert Kirk dem widerwilligen „Pille“ in aller Dringlichkeit, wie sehr er ihn für diese Mission brauche. Während des ganzen Rests des Films sieht man McCoy allerdings nur untätig herumstehen und Maulaffen feil halten. Sogar in der Krankenstation überlässt er die Arbeit den Assistentsärzten. Auch andere Charaktere haben kaum etwas zu tun im Film: Chekov, Sulu, Uhura – sie sind im Grunde nur um der „guten alten Zeiten“ Willen im Film.
Und wenn wir schon von den Schwächen reden: Die Dialoge sind auch nicht gerade glänzend! Der wunde Punkt von Star Trek 1 ist ganz klar und deutlich das Drehbuch.

Auch wenn die Fans an den Kostümen herummäkeln oder daran, dass der originale Charm der TV-Serie (will heissen: Plastikfelsen, Plüschmonster und im Hintergrund auf Leinwand gepinselte bizzarre Landschaften) nicht in den Film hinübergerettet wurde, ernstzunehmende Kritikpunkte sind das nicht. Auch nicht die Klage, Robert Wise hätte vor dem Film nie etwas mit Star Trek zu tun gehabt und sei deshalb ein „Aussenseiter“ gewesen.
Die bereits erwähnten Schwachpunkte mögen die einen stören, für mich werden sie von den Vorzügen des Films aufgewogen. Oder anders gesagt: Sie wiegen nicht derart schwer, dass sie den Film ruinieren. Geschweige denn reichen sie aus, als ihn als „völlig missraten“ zu bezeichnen. Was das Vergnügen allenfalls auch noch trüben könnte, ist die Tatsache, dass die Special Effects zu Beginn des Film deutlich weniger überzeugend ausgefallen sind als jene, die danach kommen. (Eine Tatsache die daher rührt, dass das erste FX-Team gefeuert wurde und danach Douglas Trumbull und seine Crew übernahmen).

Der Film ist eine einzige „Elegie im Weltraum“. Sie beginnt gar mit einer rund dreiminütigen Ouverture vor schwarzer Leinwand. Für Action-Freaks ist dies bereits die erste Zumuntung. Nichts geschieht – nicht einmal Anfangstitel – und man muss stillsitzen und zuhören! Der nächste „Tiefschlag“ für die Action-Nerds: Eine unendlich lange Shuttle-Fahrt rund um die im Dock schwebende, gerade generalüberholte „Enterprise“. Wenn später im Film etwas geschieht, dann sind das zunächst einmal zwischenmenschliche Auseinandersetzung (zwischen dem alten und dem neuen Kommander oder zwischen Kirk und „Pille“). Mit anderen Worten: Wer geil auf Krach, Geballer und fliegende Trümmer ist, sollte diesen Film besser meiden. Genau in diese Kerbe wollten die Star Trek-Macher nicht hauen, sie wollten intelligentere Science-Fiction im Stil von 2001, Unheimliche Begegnung und ähnlichen Werken – eine Science-Fiction-Unterart notabene, die es im heutigen phantstischen Kino praktisch nicht mehr gibt. Kein Wunder also, dass viele den Film in den falschen Hals kriegten.
Wer die „ruhigere“ Gangart vorzieht und das Hirn im Kino nicht a priori ausschaltet, der wird von Star Trek 1 belohnt.
Das fremde Schiff, als welches Kirk und Spock die „Wolke“ interpretieren, nimmt plötzlich Kontakt auf; mittlerweile befindet sich die „Enterprise“ mitten drin in dem Riesengebilde. Es stellt sich als „V’ger“ vor und will zur Erde – seinen Schöpfer suchen. Nun ist die Verblüffung an Bord gross und das Rätselraten beginnt: „V’ger“ bezeichnet die irdischen Lebensformen als „nutzlos“, weil es ihre Beschaffenheit nicht versteht, behauptet aber, von der Erde zu kommen.

Die Themen, Konflikte und Diskurse werden auf interessante Weise abgehandelt; das bleibt zwar immer an der Oberfläche, ist aber dank geschickter Dramaturgie nie langweilig. Was aber wirklich packt und nicht mehr loslässt, ist der Einsatz der Special Effects rum um den gigantischen „V’ger“ und derern dramaturgischer Einbau ins Ganze. Im Moment, wo die Enterprise in „V’ger“ eindringt, verlangsamt der Film das Tempo und man kriegt das gewaltige Ausmass dieses „Dings“ mit, vor dem die anfangs riesige „Enterprise“ zu einem Staubkorn  zusammenschrumpft. Die „Enterprise“ reist in minutenlangen Einstellungen durch „V’gers“ Inneres ohne irgendwo anzukommen; immer neue „Landschaften“ tun sich auf, die so fremdartig und rätselhaft sind wie nichts, was man bisher auf der Leinwand gesehen hat. Diese Sequenz haute mich damals um, sie hatte mich auch dieses Mal wieder umgehauen. Trumbull und sein Team haben hier Grosses geleistet – möglicherweise ist dies ihr Bravourstück.
Diese Sequenzen vermitteln deutlicher und eindringlicher als all die im Film verlorenen Worte die eigentliche Botschaft des ersten Star Trek-Films: Wird sind nicht allein. Und wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde…

Der Film wurde trotz der Protesten der „Trekkies“ ein Erfolg, der eine Fortführung der TV-Serie im Kino ermöglichte. Leider wurde Star Trek auf Drängen der Fans fürs Kino redimensioniert – der nächste Film spielte wieder zwischen Plastikfelsen, der „sense of wonder“ war dahin. Angeblich gehörte der nicht zur „Enterprise“.
Der Mensch ein Gewohnheitstier. Damit haben die Star Trek-Fans die These des ersten Kinofilms bewiesen: Der Mensch ist nicht perfekt.
Star Trek: The Motion Picture gehört zu den ganz wenigen kontemplativen Space Operas – und ist ein rarer Wurf.

Nachspann:
-Leonard Nimoy wollte nach diesem Film nichts mehr von Star Trek wissen. In den folgenden Kinofilmen spielte er nicht nur mit, er führte in zweien davon auch Regie.
-Robert Wise dreht danach noch zwei weitere Filme – nach einer Pause von zehn Jahren. Er verstarb 2005.
Star Trek: Der Film ist bei uns auf DVD und Blu-ray erschienen.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Zwei vergessene Filme:

The Sisters (dt.: Drei Schwestern aus Montana;USA 1938) Regie: Anatole Litvak; mit Bette Davis, Errol Flynn, Anita Louise, Jane Bryan, u.a.
Es war die erste Zusammenarbeit zwischen Bette Davis und Errol Flynn und Regisseur Litvaks vierter Film in Amerika: Die Literaturverfilmung Three Sisters. Er lebt einerseits vom perfekten und harmonischen Zusammenspiel der gesamten Schauspieltruppe in den gross angelegten Sequenzen des Films, andererseits vom Zusammenspiel seiner beiden Hauptdarsteller in seinen kammerspielartigen Teilen.
Die drei Töchter eines Apothekers (Henry Travers in einer untypisch grummeligen Rolle) kommen unter die Haube. Louise (Davis), die Älteste heiratet zuerst. Für ihre grosse Liebe Frank (Flynn) bricht sie die Verlobung mit dem soliden Tom Knivel, der darauf Louises jüngste Schwester (Bryan) heiratet. Die mittlere Schwester (Louise) geht eine Verbindung mit dem viel älteren Lebemann Sam Johnson (Alan Hale) ein. Alle drei erleben in ihren Ehen Enttäuschung und Tragödien. Und doch bleiben sie stark und lassen sich nicht unterkriegen.
Das klingt alles arg clicheehaft und wenig interessant. Doch der Film hat seine Vorzüge. Einer davon ist das Drehbuch (Milton Krims), das die Untiefen der Soap Opera geschickt umschifft und das Interesse des Zuschauers mittels prägnanten Sequenzen und Dialogen aufrecht erhält. Ein weiterer Vorzug sind die ausnahmslos sehr guten Schauspielerleistungen. Und last but not least die Regie, welche die Massensequenzen schwungvoll und lebendig führt, in den kammerspielartigen Szenen hingegen viel Feingefühl und Sinn für Zwischentöne zeigt.
Es gibt in diesem Film allerdings eine Sequenz, die wie ein Fremdkörper aus allem heraussticht – im negativen Sinn. Es ist die Darstellung des berühmten Erdbebens in San Francisco. Für den Handlungsverlauf ist es realtiv unwichtig, man hätte es ohne Verlust weglassen können. Die Sequenz dauert aber, gemessen an ihrer geringen Funktionalität, viel zu lang, zudem ist sie miserabel umgesetzt – auch für die damalige Zeit. Der Fremdkörper wirft den Film aus seiner fragilen Balance und schadt leider dem Gesamteindruck.
Ein vergessener Film, der teilweise zu Recht vergessen wurde.

The Secret Garden (dt. Der geheime Garten; Fred M. Wilcox, USA 1949) Regie: Fred M. Wilcox; mit Margaret O’Brien, Dean Stockwell, Herbert Marshall, Gladys Cooper, Elsa Lancaster, Reginald Owen u.a.
Fred M.Wilcox ist bekannt als Regisseur des Science-Fiction-Klassikers Forbidden Planet (dt.: Alarm im Weltall, USA 1956) und der ersten drei Lassie-Filme (1943 – 1948). Dazwischen verfilmte er, weil er offenbar gut mit Kindern konnte, Frances Hodgson Burnetts Kinderbuchklassiker The Secret Garden. Es war die zweite Filmversion, die erste entstand unter der Regie des nach Hollywood ausgewanderten oesterreichischen Adeligen Gustav von Seyffertitz (bekannt als Gerichtspsychiater Dr. von Haller in Frank Capras Mr Deeds Goes to Town (1935). Die Version von Wilcox überzeugt vor allem mit hervorragenden schauspierischen Leistungen. Die Leinwandadaption schwankt etwas unentschlossen zwischen gothischem Horror und Gartenlaubenromantik. Was den Film schliesslich abwertet sind einmal mehr die unsäglichen MGM-Bonbofarben-Kulissen, die am Ende, als der Schwarzweissfilm plötzlich bunt wird, den geheimen Garten als Plastikblumen-Kunstprodukt ins Lächerliche ziehen. Schade!

 

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Ein Kommentar

  1. Ich persönlich mag diesen Film, spirituell anregend und faszinierend. Sicher, die Querelen hinter der Kamera machten den Film nicht besser, aber auch nicht so schlecht wie alle behaupten. Ein Pflichtfilm für den Star Trek-Fan ist er allemal.

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