Das Gespenst von Canterville – Jules Dassin

THE CANTERVILLE GHOST
USA 1944
Mit Charles Laughton, Robert Young, Margaret O’Brien, William Gargan, Rags Ragland, Frank Faylen u.a.
Drehbuch: Edwin Blum
Regie: Jules Dassin
Der Film kam im deutschsprachigen Raum nicht in die Kinos. Unter dem Titel Das Gespenst von Canterville war er 1973 erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen.
Dauer: 95 min

Vorspann
Sir Simon de Canterville spukt seit Jahrhunderten als Geist durch das Schloss seiner Ahnen. Er ist mit einem Fluch belegt, der nur aufgelöst werden kann, wenn ein Blutsverwandter durch eine mutige Tat die Feigheit überwindet, die dem Geschlecht der Cantervilles eigen ist.
Als ein Trupp amerikanischer Soldaten im Schloss einquartiert wird, bietet sich für Sir Simon die Möglichkeit der Erlösung, denn einer der Soldaten ist – ohne es zu ahnen – ein Canterville. Mit Hilfe der kleinen Lady Jessica wird der Ahnungslose von Sir Simons Geist auf seine Aufgabe vorbereitet…

Der Film
„Nach einer Kuzgeschichte von Oscar Wilde“ ist im Vorspann des Films zu lesen. Nun, Wilde würde sich vermutlich im Grab umdrehen, könnte er sehen, was Hollywood aus seinem Werk gemacht hat. Deshalb sei Wilde-Verehrern empfohlen, einen grossen Bogen darum zu machen. Die Leute um den MGM-Produzenten Arthur Field nahmen Wildes Vorlage als Aufhänger für einen Kriegs-Propagandafilm.

Doch gemach: Schlimm ist Dassins Canterville Ghost wohl nur für die oben erwähnte Wilde-Fangemeinde; allenfalls auch für Literaturdozenten und -puristen. Der Rest der Menschheit kann sich an dem Spass erfreuen, den die Macher beim Dreh offensichtlich hatten. Wer es mit der Buchstabentreue nicht allzu genau nimmt, kriegt einen Film serviert, der mit grandiosen schauspielerischen Leistungen, herrlichen Dialogpointen und komödiantischen Kabinettstückchen das Herz erfeut. Obwohl hier alles (Un-)Mögliche durcheinandergemixt wird – Geisterstory, Familiengeschichte, Kriegspropaganda, ja sogar eine Musical-Einlage musste mit ‚rein – wirkt das Endergebnis wie aus einem Guss. Weshalb, das ist auf Anhieb nicht so einfach zu beantworten.

Einerseits hängt es wohl damit zusammen, dass die Chemie zwischen den drei Hauptdarstellern stimmte. Vor allem der damalige Kinderstar Margaret O’Brien und der britische Starmime Charles Laughton sollen sich glänzend verstanden haben. Laughton war offenbar richtiggehend bezaubert von der kleinen Dame. Ihr gemeinsamen Szenen bestätigen dies: Sie haben etwas erfrischend Persönliches.
Zudem zieht sich eine Grundstimmung von Lebenslust und -freude durch den ganzen Film und macht ihn, der bedrückenden Thematik der Originalvorlage zum Trotz, zum heiteren Ausflug Hollywoods nach „Merry Old England“.

Statt wie in Wildes Vorlage einer amerikanischen Familie, zieht in der Kino-Version ein Trupp US-Soldaten ins „Canterville Castle“ ein. Der Film, der eine Woche vor dem D-Day in die Kinos kam, sollte die Britisch-Amerikanische Partnerschaft untermauern. Die Plünderung eines Literaturklassikers zu diesem Zweck kann man durchaus schröcklich finden. Man kann es auch dabei bewenden lassen, sich über die Unverfrorenheit der Amis zu amüsieren.
Laughton, der mit Oscar Wildes Wortkunst quasi „per Du“ war, erachtete dieses Projekt immerhin als „endlich mal wieder eine interessante Arbeit“. Er steckte viel persönlichen Effort hinein, und sorgte dafür, dass der ursprüngliche Regisseur, Norman Z. McLeod, dem er den richtigen Zugang zum Stoff absprach, durch einen „fähigeren Mann“ ersetzt wurde. Laughton beriet den Jung-Regisseur Jules Dassin, der bis dahin erst fünf Filme gedreht hatte, im Bestreben, das Beste aus dem Film herauszuholen. Laughtons Engagement könnte ein weiterer Grund dafür sein, weshalb The Canterville Ghost so einheitlich wirkt.

Das Trio Laughton – O’Brien – Young trägt den ganzen Film, einige hervorragende Nebendarsteller unterstützen sie optimal. Die Sensation des Films ist die kleine Margaret O’Brien, welche Laughton die Stange hält und den Rest der Crew glatt an die Wand spielt. Ihre Lady Jessica de Canterville ist das Herz und die Seele des Films.

The Canterville Ghost ist kein Meisterwerk, aber er gehört zu den Filmen, die man positiv in Erinnerung behält und die man, wie einen alten Bekannten, gerne immer wiedersieht.

Abspann
Charles Laughton war zuvor in The Man from Down Under (1943) zu sehen, einem unter der Regie von Robert Z. Leonard entstandenen Film, der im deutschsprachigen Raum bislang nie gezeigt wurde. Nach The Canterville Ghost spielte Laughton 1944 die Titelrolle in Robert Siodmaks Film-Noir The Suspect (dt.: Unter Verdacht) auf der Leinwand.
Robert Young war im Jahr vor Canterville im hierzulande nicht bekannten Musical Sweet Rosie O’Grady an der Seite von Betty Grable und Adolphe Menjou zu sehen (Regie Irving Cummings), nach Canterville in John Cromwells bei uns ebenfalls nie gezeigtem Drama The Enchanted Cottage (1945, mit Dorothy McGuire und Herbert Marshall).
Margaret O’Brien, die noch heute vor der Kamera steht, trat im Jahr zuvor in Robert Stevensons Bronté-Verfilmung Jane Eyre an der Seite von Joan Fontaine und Orson Welles als Adele auf. Im selben Jahr wie The Canterville Ghost war sie als „Tootie“ in Vincente Minellis Musical Meet Me in St.Louis zu sehen – jene Rolle, die sie unsterblich machte!
– Der in den USA geborene, später nach Europa emigrierte Jules Dassin ist heute vor allem für seinen französischen Film Rififi bekannt. The Canterville Ghost war sein fünfter Spielfilm – rückblickend eher untypisch für den Regisseur, der von der Filmkrititk für seine Beiträge zum film noir geschätzt wurde und wird. Doch zu jener Zeit drehte er noch vornehmlich Komödien – ein Jahr zuvor den hierzuland unbekannten Young Ideas mit Herbert Marshall und Mary Astor, zwei Jahre danach A Letter for Evie mit Marsha Hunt und John Carroll; auch diese beiden Filme waren hierzulande bislang nie zu sehen.
Edwin Blum, der Drehbuchautor, gehört zu den vielen vergessenen Autoren Hollywoods. Der bekannteste Film aus seiner Feder ist Billy Wilders Stalag 17, dessen Drehbuch er mit Wilder zusammen geschrieben hatte. Vor Canterville entstand nach einem Drehbuch Blums die heute komplett vergessene Komödie Henry Aldrich Gets Glamour unter der Regie von Hugh Bennett. Ebenso gründlich vergessen ist der auf Canterville folgende Film Man Alive, eine Komödie von 1945 mit Pat O’Brien und Adolphe Mejou (Regie: Ray Enright).

Im deutschsprachigen Raum ist The Canterville Ghost nicht auf Blu-ray oder DVD verfügbar. Auch auf VHS ist er hierzulande nie erschienen. In den USA ist er als „DVD on demand“ verfügbar; er ist dort innerhalb der Reihe Warner Archive Collection erschienen.

 

 

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