The Hunter – Daniel Nettheim

THE HUNTER
Australien 2011
Mit Willem Dafoe, Frances O’Connor, Sam Neill, Morgana Davies, Finn Woodlock, u.a.
Drehbuch: Alice Addison, nach dem gleichnamigen Roman von Julia Leigh
Regie: Daniel Nettheim
Der Film lief im deutschsprachigen Raum nicht in den Kinos – deutsche DVD-Veröffentlichung 2012 unter dem Originaltitel The Hunter
Dauer: 102 min
Im deutschsprachigen Raum ist der Film auf DVD und Blu-ray verfügbar

Vorspann:
Martin David, ein einsamer Auftrags-Jäger, reist mit dem dubiosen Auftrag, den als ausgestorben geltenden Tasmanischen Tiger zu erlegen, in die Wildnis Australiens. Den angebotenen Partner und Helfer lehnt er ab; er ist es gewohnt, allein zu arbeiten. Unterkunft findet er, getarnt als Biologe, bei einer Familie am Rand der Zivilisation. Dort schliesst er Bekanntschaft mit Sass und Bike, den beiden Kindern der Familie, die seit einem halben Jahr auf die Rückkehr ihres Vaters warten, der wie Martin ebenfalls in die Wälder gezogen ist. Sie beauftragen Martin damit, nach dem Vater Ausschau zu halten. Bald stellt er fest, dass der stumme Bike etwas über den Tasmanischen Tiger weiss. Zudem kriegt Martin bald zu spüren, dass ihm Gefahr droht – und zwar von den einheimischen Waldarbeitern. Sie brandmarken ihn als „Umweltschützer“ und schliessen sich aus Angst um ihre Arbeitsplätze gegen ihn zusammen. Und schon bald und von Martin unbemerkt taucht eine weitere Gefahr auf…

Der Film:
Es gibt Filme, die fallen durch alle Genremaschen. Ihnen steht die schubladisierungsgewohnte Werbebranche stets mit völliger Ratlosigkeit gegenüber. In den meisten Fällen wird von der Vermarktungsabteilung eine der gewohnten Schubladen gewählt und der Film dort hineingezwängt – meist mit verheerenden Folgen. Die angepeilte Zielgruppe ist enttäuscht, weil sie nicht das kriegt, was sie zu sehen gewohnt ist; der Film bekommt negative Mundpropaganda. Die Leute, denen der Film gefallen würde, schauen ihn sich gar nicht an, weil er unter einem für sie abschreckenden Label vermarktet wird. So geschehen bei Daniel Nettheims grandiosem Psychodrama The Hunter, der unglücklicherweise als „Mystery-Thriller“ angepriesen wird. So hagelt es in einschlägigen Blogs und in Foren Negativ-Wertungen von getäuschten Thriller-Fans, die statt der erwarteten groben Kost ein feinsinniges, leises Werk vorgesetzt bekommen, für welches den meisten von ihnen jegliches Sensorium abgeht.

Daniel Nettheims Film liegt ein brilliantes Drehbuch zu Grunde, das einen Grossteil seiner Spannung aus subtil gezeichneten menschlichen Zwischentönen bezieht. Nettheims Verdienst ist es nun, die Feinheiten des Drehbuchs voll und ganz zur Geltung zu bringen. Zudem kreiert er mit klug komponierten und inszenierten Bildern eine durchgängig eigentümliche Atmosphäre, die einen auch nach Ende des Films lange nicht mehr loslässt. Nettheim ist keiner jener Regisseure, deren Stil man sofort erkennt, kein Wes Anderson, kein Pedro Almodóvar. Aber wie gekonnt und einfühlsam er dieses Drehbuch umsetzt, das hat Grösse, ist eine Klasse für sich. Da stimmt von der subtilen Schauspielerführung bis zum Soundtrack alles. Den Namen Nettheim muss man sich merken. Vor und nach The Hunter hat er zwar nichts als TV-Serien gedreht (zwei Episoden der neuen Staffel von Dr. Who zum Beispiel, oder zehn von Dance Academy), aber es ist schwer zu hoffen, dass der Australier sein Talent bald wieder einem Kinofilm zur Verfügung stellt.

Alt-Star Willem Dafoe gibt dentitelgebenden Jäger ruhig, zurückhaltend, mit genau dem richtigen Mass an schauspielerischem Minimalismus, den es braucht, um die Figur in der Schwebe zu lassen und ihr so die Spannung zu verleihen, die den Film bis zum Ende durchträgt. Martin, der Hunter, ist ein „loner“, man weiss nicht, woher er kommt, wer er ist. Zu Beginn ist er dem Lohn verpflichtet; er erscheint desillusioniert genug zu sein, von einer dubiosen Biotech-Firma den Auftrag anzunehmen, den letzten der ausgestorben geglaubten, mythischen Tasmanischen Tiger zu schiessen. Aus einem nicht näher bestimmten, auf jedenfall höchst verkommenen Grund will die Firma an das Gift des Tieres herankommen. Im Lauf der Handlung findet Martin zurück in die Zivilisation, sprich in die menschliche Gesellschaft. Der Weg dorthin ist das eigentliche Thema des Films. Wie er im Lauf der Dinge sein Gewissen und somit sich selbst wiederfindet und ihm zuletzt gerade deshalb nichts anderes übrig bleibt, als das sagenumwobene Wesen, dem er tatsächlich begegnet, abzuschiessen, das ist grossartig, traurig und wunderschön. Wie er das Tier wie ein totes Kind auf den Armen trägt und mit ihm im Nebel verschwindet, das ist von einer emotionalen Kraft und Schönheit, der man sich nicht entziehen kann.

Die bislang unbekannte Drehbuchautorin Alice Addison leistet hier Aussergewöhnliches. Auch sie war vor und nach The Hunter nur fürs Fernsehen tätig. Ihre Buch-Adaption ist kompromisslos, eigenwillig und zeugt von grossem dramaturgischem Können. Ihre Adaption wurde zum Glück nicht verwässert und aufs „grosse Publikum“ zurechtgestutzt und „Mehrheitsfähig“ gemacht, wie das bei unzähligen Hollywood-Produktionen der Fall ist. Dank einem mutigen Produzententeam konnte ein Kinostück daraus werden, das singulär in der Kinolandschaft steht und für sich selbst spricht; ein Stück freilich, das sichtlich nicht alle gleich schätzen können, weil es gängigen Konventionen zuwiderläuft. Wer die Nase voll hat von den üblichen Mustern, der sollte diesem meisterhaften Film eine Chance geben!

Abspann:
Wieder ein Film, der bei uns direkt auf DVD veröffentlicht wurde – und wieder ein Glücksfall. Die “Ascot Elite” brachte das Werk hierzulande auf DVD und auf Blu-ray heraus, in sehr guter Bildqualität (ich habe die Blu-ray getestet), zudem ist sowohl eine deutsche Synchron- als auch die amerikanische Originalfassung vorhanden, ebenso deutsche Untertitel. Die Extras sind ein Making Of und der Originaltrailer. Leider fehlt der auf der amerikanischen Ausgabe vorhandene Audiokommentar des Regisseurs.

Willem Dafoes vorheriger Film war Abel Ferraras Science-Fiction-Drama 4:44 Last Day on Earth. Nach The Hunter stand Dafoe für  Andrew Stantons Fantasy-Spektakel John Carter vor der Kamera.
Sam Neill, der in jeden australischen Film mitzuspielen scheint, und der in The Hunter eine ziemlich dubiose Figur verkörpert, stanf zuvor für den australischen Fantasy-Film The Dragon Pearl vor der Kamera. Danach kam eine tragende Nebenrolle im US-Romanze The Vow.
Daniel Nettheim hat leider in nächster Zukunft kein weiteres Kinowerk in Aussicht. Sein nächstes Projekt heisst Jack Irish und ist eine australische Fernehserie.

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Jetzt hab ich mich schon kurz gefreut, dass Du wieder mal was gepostet hast, bis mir aufgefallen ist, dass das ein alter Artikel ist und Du deinen letzten gelöscht hast. Verrätst Du uns den Grund?

    1. Nach langer Zeit der Abwesenheit habe ich mal wieder auf meinen Blog geschaut. Und da hat mich der der letzte Artikel richtiggehend gestört. Optisch passte er überhaupt nicht zum Rest, und auch inhaltlich nicht. Eigentlich wollte ich damit eine neue „Sparte“ beginnen, bin dann aber steckengeblieben und zum blogmüde geworden.
      Inzwischen weiss ich, dass ich die damit begonnene Sparte bestimmt nicht fortführen will – also weg mit dem optischen Schandfleck!
      So langsam mache ich mir Gedanken an eine Wiederaufnahme meiner Blog-Tätigkeit hier. Jetzt müsste ich halt einfach noch Zeit dazu finden…

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