Tonfilm-Seitensprung: Deutsche Vergangeheitsbewältigung 1955

DES TEUFELS GENERAL
Deutschland 1955
Mit Curd Jürgens, Viktor de Kowa, Karl John, Marianne Koch u.a.
Regie: Helmut Käutner
Dauer: 117 min

Ich muss zugeben, bei der Betrachtung dieses Film von einem undefinierbar unguten Gefühl beschlichen worden zu sein. Es dauerte etwas, bis ich mir darüber klar wurde. Um es zu erklären, muss ich etwas ausholen.

Zunächst zum Inhalt: Im Mittelpunkt des Films, dem das gleichnamige, 1941 im amerikanischen Exil geschriebene Theaterwerk Carl Zuckmayers zugrunde liegt, steht der Luftwaffengeneral Harras (Curd Jürgens), ein hoch dekorierter Veteran des ersten Weltkrieges, der wegen seiner Flugbegeisterung bei den Nazis Karriere gemacht hat, ohne der Partei anzugehören und ohne Sypathie für diese zu empfinden. Dieser Harras kommt nun in Bedrängnis, als eine Staffel neuer Flugzeuge Probleme bereitet; man spricht von Sabotage. Und da Harras für die Flugtauglichkeit verantwortlich ist, wird er, der aufgrund seiner losen Zunge eh‘ unter (verdeckter) Beobachtung steht, für die Zwischenfälle verantwortlich gemacht.
Im Zuge des katastrophal verlaufenden Russlandfeldzugs zeichnet sich eine Schwächung der deutschen Truppen auf ihrem Vormarsch ab, die Parteioberen sind nervös, man reagiert empfindlich auf die Schlappe mit den versagenden Fliegern, von denen offenbar alles abhängt. Der SS-Offizier Schmidt-Lausitz (Viktor de Kowa) belauert den Lebemann Harras unter dem Vorwand, ihn ins SS-Corps holen zu wollen.

Als Harras bockt, wird er von der Gestapo inhaftiert und vierzehn Tage lang festgehalten, ohne zu erfahren, was gegen ihn vorliegt. Er wird verunsichert und psychischer Folter ausgesetzt. Danach wird ihm ein Ultimatum gesetzt: Entweder er findet den Saboteur, oder seine Tage im Corps (Klartext: nicht nur im Corps!) sind gezählt. Aufgrund der Ereignisse erkennt Harras langsam, dass er sich mit den Nazis auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat, der ihn nun den Kopf  zu kosten droht. Er entdeckt den Saboteur und erkennt, dass dieser aus Verzweiflung gehandelt hat – weil er herbeiführen wollte, dass die auch ihm verhassten Nazis den Krieg verlieren.

Die Ursache für mein eingangs beschriebenes „ungutes Gefühl“ lässt sich folgendermassen erklären: Der Film spielt im Milieu der Nazi-Bonzen. Es sind praktisch ausschliesslich die Partei-Oberen, die den Film tragen und bevölkern. Das ist für eine Nazi-Vergangenheitsbewältigung schon mal ungewöhnlich bis gewöhnungsbedürftig, denn der Terror traf damals ja vor allem die „normalen kleinen Bürger“ und er wurde „von oben“ ausgeübt. Die „da oben“ erscheinen im Film aber höchst gesittet, ja anständig. Kein saftig dargestelltes „Nazi-Schwein“ in diesem Film.

Mein „ungutes Gefühl“ kam daher, so erkannte ich im Nachhinein, dass ich mich so an die „Zelluloid-Nazischweine“ gewöhnt hatte, die in praktisch jedem mir bekannten Anti-Nazi-Film die Publikumsemotionen anheizen müssen, dass ich zunächst ratlos war und mich fragte, ob der Film nicht falsch verstanden werden könne. Es gibt auch keine Folterszenen mit sadistischen SS-Schlägern in diesem Film, keine Jagdsequenzen mit unschuldigen Opfern.
Da sind, ausgenommen der von Viktor de Kowa gespielte SS-Gruppenführer, eigentlich lauter ehrenhafte Männer zu sehen. Und auch der SS-Gruppenführer erscheint als gebildeter Mensch.

Bis ich es endlich begriff: Des Teufels General handelt vom inneren Widerstand. Vom Mittun gegen den eigenen Willen oder aus Gedankenlosigkeit. Von Retten der eigenen Haut in Zeiten des Terrors. Vom eigenen Gewissen und wie man davor bestehen kann. Ein universeller Film mit fortwährender Gültigkeit (dasselbe gilt natürlich auch für das Stück).

In der Schweiz galten „die Deutschen“ nach dem Krieg der Einfachheit halber alle als Nazis. Das ist eine Tatsache, sie wird hierzulande allerdings tabuisiert. Dass diese Deutschfeindlichkeit noch ins Heute nachwirkt, wird zwar jeder Schweizer bestreiten, dass es trotzdem so ist, mussten meine Kinder, deren Mutter Deutsche ist, vor zwei Jahren erleben: Sie wurden in der Schule gemieden, von Klassenkameraden mit Hitler-Liedern begrüsst, das Swastika-Symbol wurde als unser Familienwappen bezeichnet. Mit den Amerikanern verhält es sich ganz ähnlich. Während der Besetzung und ganz besonders während der „Entnazifizierungs-Prozesse“ galt jeder Deutsche als Täter, als Nazi. Des Teufels General zeigt uns ein realistischeres Bild, das man mit etwas gesundem Menschenverstand als richtig erkennt. Was hatten die Menschen damals denn für eine Wahl, als zu tun, was man ihnen unter Androhung der Enteignung befahl? Die Wenigsten entschieden sich für Widerstand, für das Geradestehen vor dem eigenen Gewissen – das wäre heute ganz genauso!

Wenn Des Teufels General heute also eine Aktualität hat, dann die, dass er das Bild, das man im Ausland von „den Deutschen“ und „der Nazizeit“ hatte und noch immer hat, ins Lot zurechtrücken und differenzieren kann. Man muss als Zuschauer allerdings bereit sein, von all den Klischee-Nazis der Filmgeschichte Abstand zu nehmen und sich auf etwas ganz Anderes einzulassen.
8/10


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.
Der Film ist bei Kinowelt erschienen und bei amazon erhältlich.

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14 Kommentare

  1. Interessante Reszension. Ich muss zugeben, dass ich den Film nicht kenne, werde ihn mir aber sehr bald anschauen, da Deine Reszension sehr interessant und plausibel klingt. Der deutsche Nachkriegsfilm ist für mich eher der Tiefpunkt der hiesigen Filmgeschichte. Meist sind es nur Kitsch, Heile Welt Verklärung oder einfach unterträglich naive und oberflächliche Geschichten, die da erzählt wurden. Kritische Auseinandersetzung mit der damals jüngsten Vergangenheit war da eher die Ausnahme, wie wohl der besprochene Film.
    Auf der anderen Seite ist diese Ausrichtung des dt. Nachkriegskino auch nachvollziehbar, weil man sich nach dem Schrecken und den Widrigkeiten des Kriegs und der nachfolgenden Nachkriegszeit nicht auch im Kino damit auseinandersetzen wollte, sondern einfach nur mal abspannen, und sich eben eine heile Welt (z.B.“Heimatfilme“) vorgaukeln lassen wollte.
    Das Bild des „Nazi-Schlägers“ oder des primitiven „Nazi“ ansich, ist wohl ein typisches Klischee des amerikanischen Kinos (sicher auch das aller anderen Länder, mit Ausnahme des (west)deutschen Kinos). Das dieses Klischee nicht so ganz authentisch sein kann, findet man spätestens dann heraus, wenn man sich mit dieser Zeit näher beschäftigt und historische Schicksale betrachtet. Denn in Wirklichkeit waren teilweise gebildete und „normale“ Menschen in diesen Strudel von Unterdrückung, Gewalt und Hass verwickelt, und sehr viele schlossen dann davor die Augen, und „machten einfach mit“ ohne ein Gewissen zu entwickeln. Für unsere Generation wahrscheinlich heute sehr schwer nachvollziehbar, aber für mich die einzige halbwegs schlüssige Erklärung warum soviele Menschen in D diese Idee und Partei unterstützt oder zumindest erduldet haben.

    1. Kennst du denn „Wir Wunderkinder“ oder „Rosen für den Staatsanwalt“? Die könnten dir auch noch etwas geben. Beide Filme behandeln (auch) die Zeit nach dem Krieg bzw. die Anpaßbarkeit und Wandlung von ehemaligen Nazis.

  2. Schöne Kritik, bis auf deine Erwartung an das Bild der Nazis, die ja nun nicht gerade immer als Folterknechte ausgewiesen werden. Im Gegenteil war es doch in den 50ern salonfähig, daß der tugendhafte Landser als unpolitisch und pflichtausübend dargestellt wurde, was sicherlich ein Teil der Wahrheit ist, jedoch im Kontext eher ein heimeliges Refugium für ehemalige Soldaten darstellen sollte.

    Daß der amerikanische Propagandafilm den Nazi zu einer bösartigen Karrikatur zusammengestrichen hat, steht auf einem anderen Blatt.

    Des Teufels General zeigt sicher noch andere Seiten – die Dekadenz der Obrigen zum einen und natürlich die prunkvoll uniformierten Haudegen, was beides auch Teile der Faszination ausgemacht hat. Gerade viele Jungen wollten auch so eine schnieke Uniform, wollten Karriere machen und ließen sich von den Vorteilen blenden, gar so, wie manch Deutscher eben glaubte, seinen Vorteil unter Duldung der Politik suchen zu können. Auch wenn die Auswahlmöglichkeiten manchmal gering waren.

    Ich denke der Film funktioniert aber auch insbesondere mit Jürgens als unbedingtem Sympathieträger. Ich kann mir nicht viele Schauspieler vorstellen, die diese Rolle hätten tragen können. Hans Albers vielleicht.

    1. Ich spreche ja in meinem Text ja auch von den „Nazi-Oberen“ nicht von den Landsern. Deren Darstellung ist, vom heutigen Blickpunkt aus gesehen, gewöhnungsbedürftig – weil Hollywood uns cinéastisch bis heute immer wieder mit Nazi-Monstern versorgt hat (jüngstes Beispiel: Tarantinos „Inglorious Basterds“). Und aus Hollywood kommt nunmal die Kinokost, die hierzulande bevorzugt konsumiert wird. Sie war/ist prägend, und die Nachwelt hat mit ihren Legenden das ihre dazu beigetragen, wie anhand des Beispiels meiner Kinder zu zeigen versucht habe.
      War mein Text so missverständlich?

      1. „Inglorious Basterds“ ist aber schon als absichtliche Überzeichnung erkenntlich wie ich finde. Nichtsdestotrotz wurden die Deutschen, bzw Nazis unmittelbar nach dem Krieg und bis in die 70er Jahre hinein im internationalen Kino schon deutlich überzeichnet. Allerdings hatte man zumindest als Deutscher immer noch das deutsche Kino und auch die Erlebnisse und Überlieferungen aus der eigenen Familie als Vergleichsmaßstab und man (zumindest ging es mir so) konnte schon aus dem Vergleich zwischen diesen beiden Auffassungen seine Schlüsse ziehen.
        Ich weiß nicht, wie es in der Schweiz ist. Aber wenn dort wirklich fast ausschließlich nur amerikanische Filme konsumiert werden, dann ist die Überraschung natürlich nachvollziehbar, wenn man auf eine differenziertere Darstellung dieser Zeit trifft. In Deutschland gibt und gab es auch immer eine Wertschätzung und ein Publikum für den deutschen/deutschsprachigen Film.
        Deine Schilderungen, wie es Deinen Kindern in der Schweiz ergeht, aufgrund solcher undifferenzierten Darstellung der Deutschen/Nazis überrascht mich jedoch sehr, und ich hätte solche „Vorurteile“ und Schikanierungen nicht mehr in der heutigen Zeit für möglich gehalten. Ich habe beruflich oft mit der Schweiz und Schweizern zu tun, und habe dort noch nie solche Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil, ich habe die Kollegen aus der Schweiz immer viel freundlicher, höflicher aber auch witziger empfunden, als z.B. viele deutsche Kollegen.

        1. Nochmal ich. Dein Text war also nicht missverständlich, jedoch ist es für einen Deutschen nicht so überraschend, dass Nazis (zumal im Nachkriegsfilm) in einem deutschen Film anders dargestellt werden, als z.B. in einem amerikanischen Film.

    2. Vom Typ her käme ein Hans Albers als Sympathieträger in solch einem Film schon in Frage. Allerdings hätte er durch seine Mitwirkung an Nazi-Propaganda Filmen wie „Carl Peters“ oder „Flüchtlinge“ wenig Glaubwürdigkeit in dieser Rolle gehabt.

  3. Nicht nur in der Schweiz, auch in Holland und Frankreich sind wir Deutschen heute noch alle „Nazis“. Den ihre Gesichter würde ich gerne mal sehen, wenn alle Deutschen keinen Urlaub und die Wirtschaft nichts mehr exportieren würde… so für ein Jahr 😉

    Wenn den Diesen Film eher oberflächlich betrachtet, kann man schon einen falschen Eindruck bekommen. Aber du hast es ja schon richtig erkannt: Es geht um den inneren Widerstand.

  4. Wozu die Aktion DÖS doch gut sein kann, gestern habe ich nämlich den TEUFELS GENERAL wieder gesehen und über dein Luis-Trenker-Review wieder hierhin zurückgekommen.
    Den Film hatte ich anders im Ferngedächtnis abgespeichert, als er mir bei der Neusichtung jetzt erschien. Wie Du fand ich ihn nämlich in gewisser Hinsicht tragfähiger, als man annehmen sollte.

    Allerdings liegt Problem des Film meiner Meinung nach woanders, als Du es ausführst. In gewisser Weise ist der Fall mit Chaplins DER GROSSE DIKTATOR verwandt. Letzterer Film spiegelte das NS-Unrecht der 1930er Jahre, aber das erschien Chaplin nach dem Krieg, als die unfassbaren Dimensionen des Massenmords sichtbar wurden, nicht mehr ausreichend.

    Zuckmayer konzipierte das dem Film zurundeliegende Stück im Exil 1942, aber erst Ende 1946 hatte es (in Zürich!) Uraufführung. Ich vermute, dass der frühe Zeitpunkt der Konzeption dafür verantwortlich ist, dass das Stück (und der Film) Mitte der 1950er Jahre teilweise als unangemessen empfunden wurden. Zudem liegt der Figur des „Helden“ Harras ja das reale Schicksal des ehemaligen Jagdfliegers Ernst Udet zugrunde, der unter den Nazi Karriere machte und Ende 1941 Selbstmord beging. Zuckmayer und Udet waren früher befreundet. Vielleicht kamen sich das Persönliche und das Historische etwas in die Quere?

    Deine persönlichen Anmerkungen über die Erfahrungen in der Schweiz fand ich interessant und auch etwas beängstigend. Dabei habe ich mich gefragt: Was mag ein Schweizer Publikum bei der Uraufführung des Stückes 1946 in Zürich empfunden haben?

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