Hitchcock, stumm

BLACKMAIL
(GB 1929)
(dt.: Erpressung)
Mit Anni Ondra, John Longden, Sara Allgood, u.a.
Regie: Alfred Hitchcock
Dauer: 85 min

Alfred Hitchcock und der Stummfilm – dieses Thema dürfte der filminteressierten Allgemeinheit nicht allzu geläufig sein. Und das, obwohl „Hitch“ mindestens zehn „silents“ fabriziert hat, bevor er dann im aufkommenden Tonfilm langsam zu dem wurde, was er heute ist, zum „Master of Suspense“.

Trotz des grauen Nebels, der über seinem Stummfilmschaffen wabert, gibt es auf dem deutschsprachigen Markt meines Wissens zumindest eine DVD mit einem Werk aus dieser ganz frühen Schaffensphase des Meisters. Aber eigentlich wirbt das Cover mit einem Tonfilm – den Stummfilm gibt’s als Extra obendrauf. Interessanterweise handelt es sich um ein und denselben Titel, um Blackmail von 1929.

Hitchcock drehte ihn in der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm zunächst ohne Ton. Die Entwicklung und vor allem der Erfolg der neuen Technik kam derart schnell, dass Produzent Michael Balcon forderte, von Blackmail sei zusätzlich eine Tonfassung herzustellen; Hitchcock liess dafür einige Schlüsselsequenzen nachdrehen. Beide Fassungen wurden parallel in die Kinos geschickt: Der Tonfilm in die städtischen Kinos, welche bereits mit dem teuren neuen Tonsystem ausgestattet waren, während die stumme Fassung in den ländlichen Filmtheatern lief, die für die „neue Mode“ noch nicht gerüstet waren.
So wurde Blackmail gleichzeitig zu Hitchcocks letztem Stumm- und zu seinem ersten Tonfilm.

„Ein ganz anderer Film“ ist die Tonfassung beileibe nicht; diese Behauptung soll lediglich kaschieren, dass derselbe Film doppelt auf der DVD vorhanden ist – jedenfalls für den „Durchschnittskunden“. Für Filminteressierte ist das Vorhandensein beider Fassungen durchaus interessant, weil hier mitverfolgt werden kann, wie bewusst sich Hitchcock der Wirkungen der verschiedenen Formate (stumm und klingend) war und wie geschickt er beide für seine erzählerischen und dramaturgischen Zwecke einzuspannen wusste. Verblüffend, welche Reife und welche Eigenständigkeit er bereits mit diesem Frühwerk erreicht hatte.

Hitchcock drehte genau jene Sequenz neu, welche am meisten Dialog beinhaltet, nämlich jene, in welcher sich die Mörderin, ihr Boyfriend von Scotland Yard und der Erpresser in einem Zimmer gegenübersitzen, während im Nebenzimmer das häusliche Leben gemütlich seinen Lauf nimmt. In der stummen Version bleibt das Leben im Nebenraum weitgehend ausgesperrt; der Film konzentriert sich ganz auf die drei Hauptpersonen, die Aufnahmen sind mehrheitlich in der Halbtotalen gehalten, die Spannung entsteht durch die psychologisch geschickte Aufstellung der drei Figuren im Raum; Hitch verlässt sich für die Spannungssteigerung zudem auf den Schnitt  und die Musikbegleitung (auf der DVD meisterhaft ausgeführt von Joachim Bärenz).
In der Tonversion wird die akustische Ebene des Nebenraums miteinbezogen (harmlose Gespräche, gemütlich-freundlicher Tonfall); ja, Hitchcock erfindet sogar ein akustische Methode zur Spannungssteigerung, indem er eine klatschsüchtige Nachbarin in atemlosem Tempo von dem Mord erzählen lässt und dabei den Ton langsam bis zur Unverständlichkeit verfremdet, dabei aber ein einziges Wort klar und verständlich immer und immer wieder aus dem Wortbrei herausblitzen lässt: Knife (die Mörderin, auf deren Gesicht die Kamera während der Sequenz ruht, hat den Mord mit einem Messer begangen).

In diesem frühen Werk blitzt bereits Hitchcocks „Lieblingsthema“ auf, die Verfolgung eines Unschuldigen. Der Erpresser, welcher die Mörderin kennt, wird gegen Ende des Films zum Gejagten, weil er als ehemaliger Knastbruder identifiziert wird, und weil beim Ermordeten ein Erpresserbrief aus seiner Hand gefunden wurde. Aber auch die Schuld der wahren Mörderin kann in diesem Film hinterfragt werden, handelte sie doch in Notwehr. Betty, die Freundin unseres Helden von Scotland Yard, lässt sich mit einem Maler ein, der sie nächtens in sein Atelier holt und sie dort sexuell bedrängt. Er zügelt seine leidenschaftlichen Avancen auch nicht, nachdem sie ihm klar zu verstehen gegeben hat, dass sie nicht will. Die darauf folgende, hinter einem Vorhang vor dem Publikum notdürftig kaschierte Vergewaltigung, ein für die damalige Zeit äusserst heikles Thema, lässt Betty zum einzigen handfesten Gegenstand greifen, der sich zufällig in greifbarer Nähe befindet. Ein Messer.
Sie ersticht den Maler im Handgemenge.

Nun ist sie schuldig. Ist sie schuldig? Ihr Freund kommt sofort dahinter. Und diese Konstellation stürzt den Zuschauer mitten ins moralische Dilemma, das durch keinerlei Konzessionen oder Tricks abgemildert wird – im Gegenteil: Durch den Auftritt des Erpressers und dessen Beschuldigung wird es noch verschärft, denn auf diesen wird nun eine regelrechte Menschenjagd veranstaltet an deren Ende Betty zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat. Zudem findet sich in diesem Frühwerk bereits ein Markenzeichen des Meisters: Das Publikum kennt den Mörder, nach dem gefahndet wird, längst.
Und gnadenlos und ohne Zugeständnisse lässt Hitchcock das Rad des Gesetzes, das den Film eröffnet hatte, sich drehen und Betty als Mörderin verhaften.

Das in Grossaufnahme drehende „Rad des Gesetzes“ ist nur eines der Objekte, denen Hitchcock Bedeutung beimisst, indem er es durch extreme Grossaufnahme ins Zentrum des Bildes und des Geschehens stellt. Der Film ist voll von solchen Fokussierungen auf das Objekt, das plötzlich eine tragende Rolle spielt oder eine Vorahnung auf kommendes Unheil vermittelt. Das Gemälde eines Clowns wird zum stummen Zeugendes Mordes und zum Kommentator des Geschehens. Im Treppenhaus des Malers gibt es eine Aufnahme von schräg unten hoch, welche seine Wohnungstür in derart seltsamem Winkel zeigt, dass man das Unheil vorausahnt, das gleich dort drinnen seinen Lauf nehmen wird. Hier kann man zusehen, wie ein Meister seine Filmsprache entwickelt und woraus er sie entwickelt. Hitchs Markenzeichen, die besagte narrative Funktion des Objekts, die er in all seinen späteren Filmen kultiviert hat, ist nichts anderes als seine persönliche künstlerische Weiterentwicklung der Stummfilmästhetik des sprechenden Bildes.
9/10

Blackmail ist bei Arthouse erschienen.

http://www.amazon.de/Blackmail-Erpressung-Anny-Ondra/dp/B00005UE71/

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3 Kommentare

  1. Die Szene mit Knife ist wirklich ein Meisterstück, weshalb ich auch die Tonfassung bevorzuge. Hier erweist sich Hitch als ähnlich kreativ im neuen Medium wie etwa René Clair in UNTER DEN DÄCHERN VON PARIS oder Fritz Lang in M.

    Beide Fassungen sind übrigens auch in dieser Box enthalten:
    http://www.amazon.de/Master-Suspense-Alfred-Hitchcock-DVDs/dp/B000FIHZ78/

    Die ist aber anscheinend out of print, weshalb jetzt die Spekulanten mit Mondpreisen zum Zug kommen. Ich hab vor 2 oder 3 Jahren kaum mehr dafür bezahlt, als jetzt die Einzel-DVD kostet … 🙂

  2. Hitchs Markenzeichen, die besagte narrative Funktion des Objekts, die er in all seinen späteren Filmen kultiviert hat, ist nichts anderes als seine persönliche künstlerische Weiterentwicklung der Stummfilmästhetik des sprechenden Bildes.

    Ja, sehr gute Beobachtung und Formulierung. Genau darin liegt ja auch die Bedeutung des hitchcockschen Schaffens. Er hat durch seine jahrzehntelange Karriere die Entwicklung des Mediums Film vom Stummfilm über den s/w-Tonfilm hin zum Farbfilm miterlebt und auf jeder Entwicklungsstufe das Wesentliche sich angeeignet und andersrum auch Bedeutendes beigesteuert. Die unfassbare Schnelligkeit seines künstlerischen Lernens und Wachsens – „Blackmail“ war ja ein erstes Experiment – macht mich auch heute noch sprachlos. Trotz aller technischer Innovationen vergaß er nie das künstlerische Erbe der vorhergehenden Entwicklungsstufen. Der deutsche Expressionismus, mit dem er in den 1920er Jahren in Kontakt kam, lässt sich in seinen Nachwirkungen noch in den Filmen der 1960er Jahre erkennen.

    Deine Filmstills haben mir ürbrigens nochmal sehr pointiert die bildkompositorischen Qualitäten von „Blackmail“ in Erinnerung gerufen. Sehr gut ausgewählt!

    Übrigens möchte ich noch in Ergänzung zu Manfreds Hinweisen anmerken, dass es durchaus einige – leider bei weitem nicht alle – Stummfilme Hitchcocks auf DVD gibt. Auf der Arthaus DVD von „Endlich sind wir reich (Rich and Strange)“ ist z.B. als Zugabe der Stummfilm „Champagner“ aus dem Jahr 1928 mit drauf.

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