The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten – Alexander Payne

THE DESCENDANTS
USA 2011
Mit George Clooney, Shailene Woodley, Amara Miller, Robert Forster, Beau Bridges, Judy Greer, Matthew Lillard u.a.
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon und Jim Rash nach dem Roman von Kaui Hart Hemmings
Regie: Alexander Payne
Deutschsprachige Erstaufführung 2011 unter dem sperrigen und unpassend gutgelaunten Titel The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten
Dauer: 115 min
Im deutschspachigen Raum auf DVD und Blu-ray verfügbar

Vorspann:
Letzte Woche hatte ich in den höchsten Tönen von einem Film als einem „unverzichtbaren Lieblingsfilm“ geschwärmt. Nun ist es schon wieder soweit!
Ich schiebe die Schuld dem Zufall in die Schuhe, aber vielleicht hat das ja auch mit einer im fortschreitendem Alter zunehmenden Treffsicherheit in der Auswahl zu tun…
Wie dem auch sei, zuerst zum Inhalt: Matt Kings Frau Elisabeth liegt im Koma: Bootsunfall. Der auf Hawaii lebende Anwalt, Nachkomme einer eingeborenen Königstochter und eines englischen Arztes sieht seine schöne Welt in Brüche gehen. Er schart seine beiden Töchter um sich und versucht, die Situation so gut es geht zu meistern. Nachdem ihm der Arzt eröffnet hat, dass für seine Frau keine Hoffnung mehr bestünde und sie aufgrund ihrer Patientenverfügung bald von den lebenserhaltenden Maschinen abgekoppelt werde, erfährt er, dass sie einen Liebhaber hatte. Da beginnt er eine fieberhafte Suche nach dem Unbekannten. Die Suche wird für ihn und seine Töchter zugleich eine Reise in die Vergangenheit der Familie…

Der Film:
Ein US-Film – und keine Action! Kein Mord! Keine Kalauer! Nur ein Mann, der angesichts des nahen Todes seiner Frau sein Leben in den Griff zu kriegen versucht. Das wird zudem ohne die sattsam bekannten Wendungen, Versatzstücke und Sprüche umgesetzt – und zwar meisterhaft! Mit Bildern, die nachwirken, mit Schauspielern, die über sich selbst hinauswachsen.

Ich gebe es zu: The Descendants ist mein erster Film von Alexander Payne. Manchmal kann man im Nachhinein kaum glauben, dass man die Filme bestimmter Regisseure bislang ausgelassen hatte. In Paynes Fall war eine Kritik schuld, die ich über Paynes neusten Film, Nebraska, gelesen hatte. Der Rezensent meinte, wie in allen seinen Filmen würde der Regisseur wieder der lästerlichen Neigung nachgeben, seine Charaktere lächerlich zu machen. Da ich sowas nicht ausstehen kann, mied ich Payne bislang. Nach der Sichtung von The Descendants frage ich mich nun ernsthaft, ob Kritiker manchmal nicht wissen, worüber sie schreiben. Oder Filme und Regisseure verwechseln. Payne liebt seine Figuren, davon zeugt zumindest dieser Film.

Ein sentimentaler Schmonzes also? Als gäbe es keine Alternative!
Payne legt einen unglaublichen Film hin, nicht nur für hollywood’sche Verhältnisse! Er ist bewundernswert fein austariert, eine Tragödie, aber permanent schwebt die Idee der Komödie mit, allerdings ohne dass der Film je auf die komische Seite kippt. Immer wieder kommt eine Ahnung davon auf, jedesmal verblasst sie wieder. The Descendants wäre ohne dieses „Schweben“ fast nicht auszuhalten. Der Film ist schmerzhaft. Er zeigt einen Sterbeprozess. Schonungslos. Nicht nur den von Matts Frau, auch jenen von Matts Familie. Von Matt selbst. Das ist mit soviel Feingefühl, Takt und Zartheit inszeniert, dass es zu Tränen rührt – obwohl sich Payne und seine Leute keinerlei Sentimentalitäten erlauben. Der Film atmet eine tiefe, empfundene Menschlichkeit, seine humanistische Grundhaltung be-rührt zutiefst.
Von wegen „Figuren lächerlich machen“!

George Clooney ist auf den ersten Blick nicht die einleuchtende Wahl für den gebeutelten Matt. Den Hollywood-Beau kennt man als smarten Soft-Macho. Als Matt ist er zerzaust, vom Schicksal geprügelt, mit tiefen Ringen unter den Dackelblick-Augen. Unentschlossen, zaudernd. Feige. Um am Schluss doch über sich hinauszuwachsen. Er lernt. Und wächst am Leid. Ein unscheinbarer Held des Lebens. Ich habe Clooney noch nie so gut spielen sehen wie hier!

Und auch alle Nebendarsteller sind erstklassig; kaum eine(r) ist bekannt, alle sind sie perfekt besetzt, unvergesslich. Payne und sein Mit-Produzent Jim Taylor hatten viel Zeit und Liebe für das Casting investiert – es hat sich gelohnt: The Descendants ist ein Ensemblefilm geworden, in welchem alles zueinander passt.

Das Leben der sterbenden Elisabeth fügt sich im Verlauf des Films zusammen wie ein Mosaik, ohne Rückblenden; Steinchen für Steinchen tritt ihr Portrait deutlicher zutage, zuletzt glaubt man, sie gekannt zu haben. Dies, obwohl man sie ausschliesslich im Koma liegend zu sehen bekommt. Matts Leben, und auch das seiner Tochter Alexandra, fügt sich ebenfalls Steinchen für Steinchen zusammen – in die Zukunft, zu etwas Neuem. So wird vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse Hawaiis durchexerziert, was das ist, das Leben. Oder was es sein könnte. Oder sollte.
Selten habe ich das derart grossartig ausgeführt und so tief ausgelotet gesehen wie in diesem Film.

Payne findet immer wieder Bilder, die verblüffen. Da wird nicht einfach abgefilmt; er sucht Bilder;Bilder, die etwas aussagen, das Geschehen kommentieren oder konterkarieren. Das ergibt immer wieder Überraschungen.
Als Beispiel sei die verblüffende Überblendung gegen Ende des Films erwähnt, wo Matt vor seine versammelten Cousins tritt, um ihnen seine unpopuläre Entscheidung zum geplanten Landverkauf mitzuteilen. Matts Hinterkopf bildet das Zentrum der Bildkomposition, links und rechts davon, im Hintergrund, sind die Männer in gespannter Erwartungshaltung zu sehen. Das Bild ist geschickt so komponiert, dass man Matts Angst körperlich spürt. Und dann überblendet Payne einfach. Bevor die Situation aufgelöst ist. Wir erfahren nicht, wie Matts Nachricht aufgenommen wird. „Unwichtig“, scheint Payne zu sagen. Matts Hinterkopf bleibt während der Überblendung unverändert in der Bildmitte, die Cousins um ihn verblassen, Elisabeths Krankenzimmer erscheint an deren Stelle mit Matts beiden Töchter drin. Seine Familie. Jetzt drückt das Bild etwas gänzlich anderes aus. Matt bleibt das Zentrum. Die Überblendung bringt ohne Worte Matts inneren Wandel zum Ausdruck, macht deutlich, dass Matt realisiert hat, wo er die ganzen Jahre eigentlich hingehört hätte. Brilliant!
Ein Beispiel, es gäbe dutzende.

Mit diesem Film ist mir klar geworden, dass Alexander Payne zu den grossen Filmemachern unserer Zeit gehört. Falls seine anderen Filme halten, was The Descendants verspricht. Sollte es sich hier nur um eine Ausnahme handeln, dann gebührt zumindest The Descendants Eingang in die Filmgeschichte. Er ist ein Meisterwerk!
Doch an eine Ausnahme glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Talentiert ist man nicht nur zwischendurch.

Abspann:
Was die Leute am wenigsten mögen: Als dumm bezeichnet zu werden. Alle anderen Beleidigungen lösen in der Regel weniger Empörung und Protest (oder Schlimmeres) aus. Aber nenne jemanden „dumm“ – und gleich ist die Hölle los. Liegt das daran, dass „Dummheit“ sich in vielen Fällen nicht beweisen lässt? Oder weil das Attribut als solches so unscharf ist?
Eine Arbeitskollegin machte mich kürzlich mit dem Begriff „emotionale Dummheit“ bekannt. Auch gescheite, wortgewandte Leute können auf emotionaler Ebene dumm sein.
„Dumm“ ist ein unpräziser Begriff. „Emotional dumm“ ist schon besser. Aber auch so darf man niemanden ungestraft titulieren. Warum reagieren die meisten Leute derart stark darauf? Hat die Bauernregel recht, die besagt: Je deutlicher man ins Schwarze trifft, desto stärker die Reaktion?
Was soll dieser Exkurs überhaupt hier? Als ich im Netz Rezensionen zu The Descendants las, rieb ich mir bei nicht wenigen ungläubig die Augen. Nun frage ich mich ernsthaft, ob man Leute aufgrund derer Texte der emotionalen Dummheit bezichtigen kann/ darf/ soll…
Fragen über Fragen. Und ich finde keine Antworten; für solch hochstehende Fragen reichen meine kognitiven Fähigkeiten offensichtlich nicht aus…

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