Die Stummfilm-Ikone

THE PILGRIM
(dt.: Der Pilger)
USA 1923
Darsteller: Charlie Chaplin, Sydney Chaplin, Edna Purviance, Mack Swain, u.a.
Regie: Charles Chaplin
Dauer: 40 min

Zunächst etwas Grundsätzliches zu Chaplin:
Von den sogenannten grossen Stummfilmkomödianten (Chaplin, Keaton, Lloyd, Laurel & Hardy) mag ich ihn am wenigsten. Deshalb kommt er erst jetzt in diesem Blog vor.
Wieso denn das? werden nun einige verstört aufkreischen. Ist Chaplin denn nicht der Stummfilmkomiker schlechthin, eine Ikone dieser Filmgattung gar? Ihn darf man doch nicht anzweifeln!

Warum denn nicht? Weshalb ist er das geworden, was er heute ist: eine Ikone? Wenn ich mir seine Filme anschaue, denke ich jedes Mal: An ihnen kann’s nicht liegen, die halten einem Vergleich mit jenen von Keaton und Co. in verschiedener Hinsicht nicht stand.

Nehmen wir The Pilgrim als Beispiel. Kein besonders bekannter Film, ich weiss, aber einer, der unter den Chaplin-Gläubigen den Ruf einer Offenbarung geniesst.
In dem Film ist kein wirklich guter oder gut aufgebauter Gag zu finden. Keine ausgeklügelten Sequenzen wie bei Lloyd, keine Feinheiten wie bei Keaton.
Dafür: Ein ungezogenes Kind, das die Erwachsenen unablässig ins Gesicht boxt. Ha-ha. Ein Hut wird anstelle eines Puddings serviert und angeschnitten Gähn. Ein falscher Pfarrer, der sich nach der Predigt wie ein Schauspieler verbeugt.
Im Grunde lauter einfach gestrickte Szenen, welche aber die Lacher des breiten Publikums auf Sicher haben, weil jedermann sie ohne grosses Nachdenken versteht. „Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht“ nennt man das.
Dann gibt es im Pilgrim jene pantomimische Erzählung der Geschichte von David und Goliath. Letztere ist berühmt – aber weshalb? Sie ist weder komisch noch originell noch besonders gut gelungen.

Es gibt durchaus andere, berühmtere Chaplin-Filme, über deren Evangeliums-Status ich mich ebenfalls wundere: Über City Lights mit seinem unsäglichen Pathos zum Beispiel. Oder über Modern Times, der nach einem starken Beginn nur noch Belanglosigkeiten aneinanderreiht.

Weshalb also ist Chaplin so berühmt, während andere grosse Komödianten wie Buster Keaton, Harold Lloyd und Charley Chase mit den Jahren in Vergessenheit gerieten?
In seinen Anfangsjahren hatte Chaplin mit seinen ziemlich grobschlächtigen Komödien den Nerv des damaligen Publikums genaustens getroffen. Er wurde damit zu einem der ersten Megastars der Filmgeschichte (ein Umstand, den er unter anderem auch dem kaufmännischen Geschick seines Bruders Sydney zu verdanken hatte). Den Star-Status wusste der clevere Showman Chaplin immer weiter zu nähren und zu kultivieren. Er verkehrte mit der Intelligenzija seiner Zeit und passte sich deren Gesinnung an, diese lobten den äusserst charmanten Komiker im Gegenzug öffentlich in den Himmel und interpretierten alles Mögliche in seine Filme hinein. So jedenfalls beschreibt es sein Biograf David Robinson in seinen lesenswerten Buch Chaplin: Sein Leben, seine Kunst.

Genialität kann ich seinen Filmen nicht entdecken. Gut ausgedachte Gags durchaus ab und zu, aber nichts, was nicht so oder ähnlich (oder sogar besser) auch in den Filmen seiner zeitgenössischen Kollegen zu finden wäre. Dafür viel Selbstmitleid, Pathos und Selbstinszenierung. Und das mag ich nicht.

Natürlich, ich verallgemeinere. The Circus gefällt mir, auch The Great Dictator; aber das überstapazierte Attribut genial mag ich keinem von seinen Filmen anhängen.

Aber zurück zum Pilgrim:
Eine gefällige kleine Komödie, in der unser Tramp mal wieder den tragischen, vom Schicksal gebeutelten Helden gibt, den viele Kinogänger so gern bemitleiden. Gefällig, aber im Vergleich mit den besten Filmen seiner weniger berühmten Kollegen unbedeutend.
Der geflohene Sträfling Charlie klaut einem badenden Priester die Soutane und taucht in einem kleinen Nest nahe der mexikanischen Grenze unter. Er wohnt bei einer Dame des Dorfes und deren hübschen Tochter, in die er sich verliebt und deren Erspartes er gegen einen üblen Berufskollegen verteidigt.  Am Schluss wird er erkannt und im Niemandsland zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ausgesetzt.

Zum Schluss noch eine böse Notitz am Rande: Charlies Halbbruder Sydney spielt in diesem Film drei kleinere Rollen. Eine davon ist die eines spiessbürgerlichen Tea-time-Gastes im Haus von Charlies Wirtin. Er stiehlt seinen weltberühmten Bruder glatt die Schau. Sydney Chaplin ist das einzige wirklich komische Element dieses Films. Wie er den aggressionsgehemmten Softie spielt, der plötzlich aus der Haut fährt, ist grosse Klasse und wirklich lustig. Leider hängte er die Schauspielerei zugunsten der Buchhaltung seines Bruders an den Nagel.
6/10


Die DVD: Sehr gute Bildqualität; der Film wurde restauriert. Der Film ist Teil der Charlie Chaplin Revue, eine Kompilation, welche der Meister selbst 1971 herausgebracht hatte. Des weiteren sind enthalten: A Dog’s Life (1918) und Shoulder Arms (1918).

Musikbegleitung: Die bekannte, von Chaplin selbst für The Pilgrim komponierte Filmmusik.

Regionalcode 2

Verfügbarkeit:
Im deutschsprachigen Raum ist der Film erhältlich, auf der Kinowelt-DVD Charlie Chaplin: Frühe Meisterwerke 1.

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5 Kommentare

  1. Chaplin ist deshalb so toll, weil er eine absolut originäre Figur geschaffen hat, die des Tramps, und diese im Laufe der Jahre immer weiter perfektioniert hat; weil „City Lights“ einer der berührendsten Filme aller Zeiten ist, bisweilen beinahe lyrisch(wahrscheinlich ist es dieser Aspekt, den du als ‚pathetisch‘ wahrnimmst); „Modern Times“ mehr Biss hat als ein Gros zeitnah entstandener Filme (oder: Komödien) und wichtige Aspekte von Jacques Tati um Jahre vorwegnimmt; weil er den Brötchentanz erfunden hat; weil die meisten seiner Filme ein ungeheuer subversives Potential aufweisen und nie „bloß“ als Komödie funktionieren; weil er den Tonfilm ablehnte und dann mindestens drei seiner größten Meisterwerke drehte: „Der große Diktator“, „Monsieur Verdoux“ und den wunderbaren selbstreferentiellen „Rampenlicht“. Und Selbstinszenierung war doch auch Lloyd oder Keaton keineswegs fern (Chaplin hatte bloß den eingängigeren Look). Für mich ist er einer der größten.

    (Nicht falsch verstehen: Andere Meinungen werden natürlich akzeptiert 🙂 – ich bin kein beleidigter Purist)

    „The Pilgrim“ kenne ich übrigens nicht, es kommt der Tag einer Gegen-Review auf Impressions. 😀

    1. Mit Widerspruch war natürlich zu rechnen.
      Andere Meinungen sind durchaus willkommen.

      Bei Chaplin gehen unsere Wahrnehmungen offensichtlich meilenweit auseinander. Im Detail: Der Brötchentanz? Überbewertet! Die Tramp-Figur? Keatons „Stone Face“ finde ich genauso originär. Über „City Lights“, den ich von allen Chaplin-Filmen wohl am wenigsten mag, habe ich mich bereits ausgelassen. Bezüglich Selbstinszenierung: Lloyd und Keaton ging die Selbstbemittleidung ab, die mir Chaplin so unerträglich macht (ganz stark empfinde ich diese gerade in „City Lights“)…

      …aber lassen wir das, eh‘ ich Schläge kriege; schliesslich sind andere Meinungen willkommen – solang sie mit meiner konform gehen… 😉
      Den Punkt, den ich gelten lasse, ist jener der Tonfilm-Ablehnung. Das spricht tatsächlich für Chaplin und da bewundere seine Konsequenz.
      Und wie schon gesagt: „The Circus“ und „The Great Dictator“ weiss auch ich sehr zu schätzen.

      Eine Review von „Modern Times“ ist bei mir in Arbeit.

  2. Klar – du vertrittst eine Position, die dazu prädestiniert ist, zu polarisieren. Deshalb nützt es wahrscheinlich auch nichts, den detaillierten Widerlegungen meiner Argumente ein weiteres mal zu widersprechen, schließlich ist das alles wahnsinnig subjektiv (auch wenn man als Verehrer Chaplins leicht dazu neigt, seine Güte als objektiv, als Gesetz anzusehen – das gebe ich zu :)) – und letztlich braucht doch alles Große letztlich irgendjemanden, der es unterschätzt 😉 Aber im ernst: Nichts für ungut usw. Auf Widerspruch warst du ja gefasst. Ich erwarte natürlich jede weitere Chaplin-Besprechung mit Spannung, vielleicht jetzt erst recht; Lobhudeleien gibt es viele.

    Nur das noch: Bei „The Great Dictator“ liegt es auf der Hand, aber weshalb schätzt du unter allen Chaplin-Filmen gerade „The Circus“? Dass ich ihn sehr mag ist vermutlich wenig überraschend, aber was das „Humor-Niveau“ anbetrifft unterscheidet er sich doch nicht wesentlich von seinen anderen Werken; und auch dort ist er der von allen, nicht zuletzt vom Leben selbst getretene Tramp, der um die Gunst einer Frau kämpft, stattdessen aber beinahe vom Drahtseil fällt.

    1. Deine grosszügige Haltung nehme ich mir zu Herzen.

      Weshalb mir „The Circus“ gefällt? Ich versuch’s mal…
      Es gibt eine stringente Haupthandlung (Charlies Erlebnisse beim Zirkus), und eine Nebenhandlung (der Zirkus kämpft ums Überleben), die von A bis Z und ziemlich schnörkellos durchgezogen werden – im Gegensatz zu bereits erwähnten anderen Chaplin-Werken.
      Zudem: Die unglückliche Liebesgeschichte empfinde ich hier nicht als selbstmitleidige Geste; im Gegenteil: Dem Erkennen des Nicht-Geliebt-Werdens folgt das Loslassen der Geliebten. Damit macht Chaplin eine essentielle Aussage über das Wesen der Liebe, die mich sehr berührt. Und der daraus folgenden Schmerz des Tramps steht nicht sosehr im Vordergrund: Im Schlussbild, Chaplins schönstem nach meinem Empfinden, schüttelt er ihn, indem er sich von der Kamera wegbewegt ab, richtet sich auf und strebt neuen Herausforderungen entgegen.

      Und Gags gibt es hier wirklich sehr schöne – aber solche finden sich auch in anderen Chaplin-Filmen, wie ich bereits zähneknirschend zugegeben hatte 😉

  3. Gut, gut- spätestens bei deinem Erinnern an die wirklich sehr schöne Schlusssequenz sind mir keine Argumente mehr eingefallen (wie überaus erniedrigend!) – bin bezüglich der Rolle von „The Circus““ im Kontext zu Chaplins übrigen Filmen natürlich anderer Ansicht, kann das aber in Ansätzen nachvollziehen, zumal die Sichtung von „The Circus“ noch nicht allzu lange zurückliegt.

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