MICKEY (1918)

Regie: F.Richard Jones und James Young
DarstellerInnen: Mabel Normand, George Nichols, Wheeler Oakman u.a.
Dauer: 100 min

Schon wieder eine Komödie!
Keine Angst, zu den Dramen komme ich in Bälde auch. Aber ich gebe zu, dass mir die Komödie näher liegt.

Immerhin ist heute mal wieder ein Film dran, den „man“ nicht einfach so kennt. Schon eher dessen Hauptdarstellerin: Mabel Normand, die damals wohl bekannteste Stummfilm-Comedienne und enge Vertraute, bisweilen Partnerin des Slapstick-Königs Mack Sennett, feierte noch vor ihren Kollegen Chaplin, Keaton oder Lloyd in eigenen Langfilmen Erfolge. Einer ihrer ersten hiess Mickey und war eine vielschichtige Gesellschaftskomödie, die noch heute in zumindest einer Hinsicht Erstaunen auslöst: Mickey ist u.a. das Porträt eines hyperaktiven Mädchens – damals gab’s das also auch schon.
Darüber hinaus variiert der Film die Cinderella-Geschichte und wartet mit einem Reigen charmanter, unvergesslicher Charaktere auf.

Mickey erzählt die altbekannte Geschichte des Hinterwäldler-Kindes, das in die feine Gesellschaft versetzt wird so frisch und unverblümt, dass der Film noch heute geniessbar ist. Zurückzuführen ist dies zu gleichen Teilen auf ein ausgezeichnetes Drehbuch, welches seine Hauptfiguren überaus sympathisch und mehrschichtig zu zeichnen vermag, und auf die hervorragende Regiearbeit, welche die Schauspieler ganz im Sinne der Vorlage führt und den Film mit einigen gewitzten inszenatorischen Einfällen bereichert.
Die ersten 80 Filmminuten sind die pure Wonne; man verfolgt das Geschehen mit einem ständigen Grinsen im Gesicht. Danach lässt der Film leider etwas nach; der Schluss ist zwar hochspannend, aber doch etwas unmotiviert. Zudem verblassen die Hauptfiguren unter der Last der Action im letzten Drittel.

Zum Inhalt: Mickey (Mabel Normand), die Tochter eines inzwischen verstorbenen Prospektors lebt bei dessen Partner und einer indianischen Haushälterin in einer einfachen Hütte in den Bergen. Schon Mickeys erster Auftritt ist mit Aufregung und Chaos verbunden, in welche die gesamte Belegschaft der Mine verwickelt ist – wobei man als Zuschauer zuerst die Aufregung und das Chaos zu sehen bekommt und erst danach deren Verursacherin, die obendrein nicht mal was bemerkt hat von dem Trubel. Mickey ist eine burschikose, ziemlich hibbelige junge Dame, welche ihrem Ziehvater mit ihrer Zappeligkeit das Leben schwer macht.

In einem Anflug von Erschöpfung schreibt er einen Brief an die Tante des Mädchens, sie möge ihre „reizende Nichte“ doch bei sich aufnehmen – damit diese mal lerne, sich wie eine Dame zu benehmen. Witwe Drake, die besagte Tante gehört einer verarmten Adelsfamilie an, und als sie hört, dass Mickey Mitbesitzerin einer Mine ist, hört sie Goldstücke klimpern und signalisiert sofort Interesse.
Mickey
inzwischen verliebt sich in Roger Thornhill (Wheeler Oakman), einen anderen Mineur, auf den auch die Drake-Tocher Elsie (Minta Durfee) ihre Hoffung gesetzt hat. Und nun kann das fröhliche Spiel um Habgier und Liebesränke beginnen.

Die Drakes in ihrer hinterhältigen Noblesse und falschen Vornehmheit sind herrliche Karikaturen des damaligen Geldadels; Mickeys maulfauler und trampelhafter Pflegevater (George Nichols) bildet dazu ein einen köstlichen Gegenpart.
In der Darstellung von Mabel Normand leuchtet Mickey aus allem heraus, doch die Nebendarsteller stehen ihr in wenig nach. Jede Figur ist genau getroffen, und nur gerade die Drakes bleiben in ihrer Lächerlichkeit etwas eindimensional.

Bleibt anzumerken, dass der Film über Umwege von Mack Sennett produziert wurde, sich aber in Stil und Tonfall fern von dessen wilden Klamotten befindet. Wir haben es hier mit einer milden Gesellschaftskomödie zu tun, in deren Zentrum ein ADHS-verdächtiger weiblicher Wirbelwind für Aufregung sorgt.

Die DVD: Mickey liegt mir in einer 2009 herausgebrachten DVD von Grapevine Video auf DVD-R vor, und zwar in zwei Versionen: In der 100minütigen Langfassung (notabene die längste und demzufolge wohl die kompletteste aller erhältlichen Veröffentlichungen dieses Films auf DVD) und einer 67-minütigen Kurzfassung.

Nach dem Betrachten beider habe ich mich gefragt, weshalb Grapevine die kurze Version wohl beigefügt hat. Sie ist sprunghaft, bisweilen richtiggehend zerschnippelt und eröffnet diesem Film nicht nur keinerlei neue Aspekte (ausser vielleicht jenen den schöner gestalteten Zwischentiteln), sie ist auch fast nicht geniessbar und tut dem Werk bitter Unrecht: Die Hauptfiguren werden ihrer Tiefe gänzlich beraubt, ihre Motive bleiben im Dunkeln, weil wichtige Stellen weggeschnitten wurden; und den Sinn der Handlung muss man sich meist zusammenfantasieren. Die geschickte Parallelmontage der Langfassung fehlt (die kurze Fassung wurde zum Teil ummontiert), wodurch die Inszenierung plump und stellenweise einfallslos wirkt.
Man kann sich die Kurzfassung getrost schenken, es sei denn, man möchte einmal erleben, wie ein Film durch Schnitte, Auslassungen und Ummontieren bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden kann.

Eine Tatsache allerdings hat mich beim Vergleich beider Versionen erstaunt: Es gibt Sequenzen, die in der einen Fassung von einem anderen Kamerastandpunkt aus gefilmt sind als in der anderen. Was zur Erkenntnis führt, dass damals offenbar schon mit mehreren Kameras gefilmt wurde. Leider gibt es seitens der Herausgeber keinerlei Angaben zu dieser interessanten Feststellung.
Auf keinen Fall sollte man beim Betrachten mit der Kurzfassung beginnen (wie ich das getan habe), sonst kann es geschehen, dass einem jegliche Lust auf die Komplettfassung vergeht. Obwohl es sich hier um eine Doppel-DVD-Box handelt, hat Grapevine den Preis zum Glück nicht erhöht: Mickey kostet gleichviel wie eine Einzel-DVD dieses Anbieters.

Die Bildqualität lässt doch einiges zu wünschen übrig, die verwendete Vorlage scheint eine an manchen Stellen ziemlich dunkle 16mm- oder 8mm-Kopie gewesen zu sein. Ich kann darüber hinwegsehen und empfehle den Film, jedenfalls die Langversion davon; sie ist eine schöne Bereicherung für Stummfilm-Fans und solche, die es werden wollen.

Die (anonyme) Musik-Begleitung ist elektronisch und klingt wie eine Kombination von Kino-Orgel und Klavier. Sie scheint extra für den Film konzipiert worden zu sein, jedenfalls passt sie ganz ausgezeichnet und unterstützt das dramatische Geschehen adäquat.

Mickey ist bei Grapevine Video erschienen und kostet $14.95; Versand nach Europa $4!

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