THE LAST COMMAND (1928)

USA 1928
Mit Emil Jannings, Evelyn Brent, William Powell u.a.
Regie: Josef von Sternberg
Dauer: 95 min

Ein Meisterwerk der Stummfilmkunst. Ein gewaltiger, vielschichtiger Film, der einen so schnell nicht wieder loslässt! The Last Command gehört für mich zweifellos zu den beeindruckendsten Stummfilmen. Umso mehr staune ich darüber, dass es noch keine offizielle DVD-Edition davon gibt. The Last Command ist ausschliesslich bei einem kleinen Anbieter in den USA als Video on Demand (DVD-R) zu bekommen (Details siehe unten). Immerhin – und Gott sei Dank!
Man muss ihn gesehen haben, kein Filmkenner kommt darum herum. Panzerkreuzer Potemkin kennen wir, The Last Command rollt die russische Revolution von der anderen Seite her auf, genauso eindrucks- und kraftvoll.

The Last Command beginnt in einem Filmstudio in Hollywood. Der Regisseur Lev Andrejew (William Powell), ein russischer Immigrant, stösst auf der Suche nach Komparsen für einen Kriegsfilm auf das Foto des ehemaligen Grossfürsten Sergius Alexander (Emil Jannings). Der gestürzte Fürst und ehemalige Heerführer der zaristischen Armee befindet sich ebenfalls im amerikanischen Exil, allerdings als gebrochener Mann, und sucht Beschäftigung als Filmstatist. Andrejew, der den Grossfürsten kennt, engagiert diesen, nicht ohne Hintergedanken. Auf seinem Gang durch das Studio, der von Regisseur Sternberg wie ein Kreuzweg inszeniert ist, lässt er die letzten Tage des Zarenreiches und seines glanzvollen Lebens als Grossfürst nochmals Revue passieren.

Lev Andrejew stand damals auf der Seite der Revolutionäre, die das Zarenreich kurz darauf beendeten; Grossfürst Alexander liess ihn in den Kerker werfen und behielt seine Begleiterin (Evelyn Brent) als Liebesgeisel in seiner Entourage. In der folgenden aufkeimenden Beziehung zwischen dem Grossfürsten und der Revolutionärin liegt der Kern des Films. Als sie merkt, dass der Grossfürst aus demselben Motiv handelt wie ihresgleichen – nämlich aus Liebe zu Russland – verliebt sie sich in ihn. Doch die Mechanismen der Revolution sind nicht mehr zu stoppen. Unaufhaltsam und buchstäblich rollt der Grossfürst seinem Verderben entgegen.

In der unvergesslichen Schlussequenz, in welcher Jannings seine Verkörperung zu schier unglaublicher Intensität steigert, erkennt auch Regisseur Andrejew, dass sie beide eigentlich die ganze Zeit im selben Boot sassen.

Ein äusserst vielschichtiger Film, der zahlreiche Reflexionen auslösen kann. Da geht es einerseits um das Spielen von Rollen und deren Brüchigkeit; diese Ebene wird durch die Sequenz im Filmstudio verdeutlicht.
Weder die einzelnen Revolutionäre noch die Zaristen erscheinen in diesem Film als Bösewichte. Der Mob hingegen, in welchem der Einzelne bis zur Unkenntlichkeit untertaucht, wird als vielgesichtiges, alles verschlingendes Monster herausgearbeitet. Der Film macht deutlich, dass Ideen niemals überhand gewinnen dürfen über die Menschlichkeit und die Integrität des Einzelnen. Was dabei passieren kann, wird auf erschreckende und drastische Weise gezeigt.

Soviel zum grandiosen Drehbuch. Doch auch Sternbergs Inszenierung ist hervorragend; den ganzen Film über vermag er eine immerwährende, untergründige Spannung zu halten, vom ersten Bild bis zum Klimax, dem schrecklichen Ausbruch der Masse.
Die erstklassigen schauspielerischen Leistungen runden das Ganze ab. Im Zentrum steht Emil Jannings, ihm gehört der Film, er macht eine Ein-Mann-Show daraus, die keiner, der sie gesehen hat, so leicht vergessen wird. Die Zwischentöne sind vielfältig, er verkörpert sowohl den virilen, unerschrockenen Heerführer glaubhaft, als auch dessen zerbrochenen Schatten, der er im Exil ist.

Dies ist der einzige erhaltene von sage und schreibe sechs Stummfilmen, die Emil Jannings in den USA gedreht hat. Die anderen fünf gelten als verschollen. Jannings erhielt für seine Verkörperung des russischen Heerführers  – und für seiner Rolle in Victor Flemings The Way of all Flesh – den ersten Schauspieler-Oscar überhaupt.

Man merkt, ich bin von diesem Film restlos begeistert. Die DVD, die ihn enthält, scheint eine Überspielung von einem sehr guten Videoband zu sein – möglicherweise hiervon. Sie lohnt sich allemal, da der Film sonst nirgends erhältlich ist.

Die DVD: Die Bildqualität ist für DVD-R erstaunlich gut und klar. Der Musiktrack ist eine für den Film komponierte hervorragende Orgelbegleitung, welche die Qualitäten des Werkes zusätzlich hervorzuheben vermag. Leider ist weder der Komponist noch der Ausführende irgendwo vermerkt.

Die DVD ist erhältlich in den USA bei A1-Video. Einfach nach unten scrollen, bis zum Filmtitel. Details zur Bestellung gibt es hier. Es ist nicht ganz einfach, und ich musste einmal nachfragen, wo denn der bestellte Film bleibe (die Sendung war vergessen gegangen). Doch das Warten hat sich gelohnt.
DVD kostet $14.98, der Versand $11, von einer bis vier DVDs. Der riesige Gesamtkatalog dieses Anbieters ist hier.

EDIT: Inzwischen ist der Film, qualitativ um Meilen besser, bei der Criterion Collection erschienen, zusammen mit zwei weiteren Sternberg-Stummfilmen: Underworld und The Docks of New York. Bestellbar u.a. bei amazon.com.

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2 Kommentare

  1. Die Beschreibung hat mich sehr neugierig darauf gemacht mir den Film anzuschauen und ihn mir zu besorgen. Er ist mittlerweile zusammen mit ‚Underworld‘ und ‚Docks of New York‘ bei Criterion in ausgezeichneter Qualität erhältlich.
    Eine Frage hätte ich noch dazu: Hat der Film viele und schwierige Zwischentitel ?

  2. Der Film lohnt sich auf jeden Fall! Er hat nicht sehr viele Zwischentitel – eher wenige. Ganz einfach sind sie aber nicht.
    Trotzdem: Unbedingt ansehen – einer meiner Lieblingsstummfilme.

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