The 49th Parallel (1941)

England 1941
Mit Eric Portman, Niall MacGinnis, Laurence Olivier, Anton Walbrook, Leslie Howard, Raymond Massey, Glynis Johns, u.a.
Drehbuch: Emeric Pressburger
Regie: Michael Powell
Dauer 125 min

The 49th Parallel des Titels meint den 49. Breitengrad, die unbewachte Grenze zwischen den USA und Kanada. In dessen Nähe strandet mitten im Krieg ein kleiner Trupp Nazis, Überlebende eines U-Boot-Bombardements. Ihr Anführer, Leutnant Hirth (Portman), will die Gruppe quer durch Kanada lotsen, um in den USA – damals noch neutrales Gebiet – Zuflucht zu finden.

Mit dieser Ausgangslage ist The 49th Parallel der wohl ungewöhnlichste Kriegspropagandafilm in der Geschichte des zweiten Weltkrieges. Ungewöhnlich vor allem deshalb, weil die Hauptfiguren Nazis sind. Der Trupp um Leutnant Hirth und ihre Odyssee stehen im Mittelpunkt von Michael Powells Film.
Gemäss den Aussagen von Drehbuchautor Emmerich Pressburger, einem nach England emigrierten Ungar, der in Berlin studiert hatte, war das Ziel des Films, die USA aufrütteln, das Land zu animieren, seine Neutralität aufzugeben und in den Krieg einzutreten. Man merkt der durchaus differenzierten Zeichnung der Deutschen an, dass Pressburger die Nazis und deren Machtmechanismen aus eigenem Erleben kannte – selten sieht man einen Propagandafilm, in dem auch sympathische Deutsche vorkommen.

Ebenfalls ungewöhnlich – weil irreführend – ist die prominente Nennung zweier britscher Superstars und zweier weiterer Starschauspieler von damals im Titelvorspann und auf den Plakaten. Laurence Olivier, Leslie Howard, Anton Walbrook und Raymond Massey haben im Film nämlich nur relativ kurze, aber durchaus wichtige und prägnante Nebenrollen. The 49th Parallel zerfällt im Grunde in vier Episoden, in welcher je einer der erwähnten Stars auftritt. Auf der quälend beschwerlichen Reise der Nazis durch Kanada spiegeln diese vier Episoden zudem die unterschiedliche Topografie des Landes wieder, die in teils spektakulären Bildern eingefangen wurde.
Und: In jeder Episode bleibt einer der ursprünglich fünf Nazis auf der Strecke, bis am Schluss, kurz vor der amerikanischen Grenze, nur noch Hirth, der Anführer übrig ist.

The 49th Parallel ist hervorragend erzählt. Pressburger versteht es, die Gruppe der Deutschen derart interessant zu zeichnen, dass man als Zuschauer ständig zwischen Ekel und Sympathie, zwischen Ablehnung und Verstehen hin und her schwankt. Das ist nur ein Faktor, der den Film zur spannenden Erfahrung macht. Es gibt auch zahlreiche klug ausgedachte und ausgeführte Episoden, die nicht in erster Linie dank spannender Ereignisse fesseln, sondern dank interessanter Figurenkonstellationen. Als Leutnant Hirth im Camp der Hutteriten (eine ursprünglich deutsche, nach Kanada ausgewanderte Religionsgemeinschaft) eine völkische Brandrede hält, kontert deren ansonsten friedliebendes Oberhaupt (Walbrook) mit einer packenden emotionsgeladenen Gegenrede. Überhaupt ist in der Episode mit den den Hutteriten die Diskrepanz zwischen den Gruppen am interessantesten, kennt doch die Religionsgemeinschaft weder einen (An-)Führer noch Zwang – und sie funktioniert bestens. Der ganze Film lebt von solchen Diskrepanzen, was ihn extrem spannend macht.

Wo die Nazi-Truppe hinkommt, wirkt sie zerstörerisch. Diese Aussage und die Darstellung Hirths als wahres Scheusal sollte die USA zur erwünschten Aufgabe der Neutralität animieren. Soweit kam es nicht, denn das Land trat in den Krieg ein, bevor der Film in Amerika überhaupt in die Kinos kam. Trotzdem wurde The 49th Parallel ein riesiger Erfolg und katapultierte den britischen Film plötzlich auf die Landkarte der wichtigen Filmnationen. Fortan konnte in immer grösserem Stil produziert werden, was schliesslich in das monumentale Kino eines David Lean mündete (der bei diesem Film übrigens auch beteiligt war – als Cutter). Regisseur Powell und Drehbuchautor Pressburger formierten sich zum erfolgreichen Duo, das den britischen Film mit Meisterwerken wie A Matter of Life and Death, The Red Shoes und Black Narcissus gross machten.

Seltsamerweise war dieser grandiose Film in Deutschland bislang nie zu sehen. Es gibt ihn auch nicht zu kaufen. Ist das der Schwarzweiss-Sicht der grassierenden politischen Korrektheit geschuldet?

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  10 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit:
The 49th Parallel gibt es im deutschsprachigen Raum weder auf DVD noch auf Blu-ray. Er wurde auch nie im Fernsehen gezeigt. Damit findet im deutschsprachigen Raum ein Meisterwerk des Kriegsfilms schlichtweg nicht statt.
Da kann ich nur mit „Whoknows“ selig sprechen: Her mit der deutschen DVD!

 

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3 Kommentare

  1. Sehr schöne Review! Hatte mich bisher, was die Thematik angeht, eher mit den Sachen von Fritz Lang (Ministerium der Angst, Cloak and Dagger usw.) beschäftigt.

    P.S.: Mir gefällt die thematische Ausrichtung des Blogs sehr!

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  2. Schöne Kritik, den habe ich noch vor mir. Sehr gut finde ich von Powell/Pressburger auch „Life and Death of Colonel Blimp“ und „A Canterbury Tale“, die beide auch im Zweiten Weltkrieg gedreht wurden, aber die üblichen plumpen Propaganda-Versatzstücke ebenfalls ablehnen. Der erstere Film ist ja zum Glück bei KochMedia erschienen, letzterer war leider ebenfalls bisher noch nicht in Deutschland zu sehen, ist aber ein wunderbarer Film über Geschichte, Kultur, Heimat und Krieg.

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