Im Garten des Mondes – Garden of the Moon, 1938

gabelingeber gräbt diese Woche eine vergessene Musik-Komödien aus dem Hollywood der Dreissigerjahre aus und vergleicht sie mit einer anderen, ungleich berühmteren Musik-Komödie aus den Dreissigerjahren – mit erstaunlichem Ergebnis.
Er lästert zudem über die Marx Brothers und preist einen kleinen, feinen Film aus dem heutigen Japan.

GARDEN OF THE MOON
USA 1938
Mit Pat O’Brien, John Payne, Margaret Lindsay, Johnnie Davis, Melville Cooper, Curt Bois u.a.
Drehbuch: Jerry Wald und Richard Macaulay nach einer Story von H. Bedford Jones und John B. Browne
Regie: Busby Berkeley
Studio: Warner
Der Film lief 1995 erstmal im deutschen Fernsehen – unter dem Titel Im Garten des Mondes

Ein weiterer obskurer Film aus „old Hollywood“, dessen Sichtung mir so richtig Spass gemacht hat! Garden of the Moon spielt im gleichnamigen Nachtclub, der in Hollywood sein Publikum mit klingenden Band-Namen anlockt. Als nächstes stünde eigentlich Rudy Vallee und sein Orchester dort auf dem Programm, doch als Vallees Tourneebus verunfallt, muss Garden-Manager Quinn (Pat O’Brien) für raschen (und möglichst gleichwertigen) Ersatz sorgen. Seine Co-Managerin Toni (Margaret Lindsay) jubelt ihm den unbekannten Don Vincente (John Payne) und dessen Band unter, den Quinn zähneknirschend für zwei Wochen als Ersatz unter Vertrag nimmt.
Was dann beginnt, ist ein richtig schön albernes, mit viel Gusto ausgeführtes Hickhack zwischen dem biestigen Nachtclub-Besitzer und dem jungen Bandleader. Für Quinn wird es zur Passion, Vincente Steine in den Weg zu legen und ihn möglichst innovativ zu sabotieren. Vincente wiederum macht sich einen Spass daraus, die drohende Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Die beiden agieren wie Sam, der Pirat und der Hase Bugs Bunny – es macht richtig Laune, O’Brien und Payne bei ihren Fi(e)simatenten zuzuschauen!

Daneben haben sich die Drehbuchautoren weitere wunderbare Albernheiten einfallen lassen: Die reiche, leicht unterbelichtete Gattin eines Kaugummi-Magnaten und ihr Begleiter, der „Affenmensch“ Chauncey (zum Totlachen: Edgar Edwards!); die geizigen Gebrüder McGillicuddy, ihres Zeichens Financiers des Nachtclubs; ein Maharadscha, der eigentlich ein verkleideter Kleptomane ist (herrlich pompös interpretiert vom deutschen Schauspieler Curt Bois, eine Art Vorstudie zu seinem Taschendieb aus dem vier Jahre später entstandenen Casablanca); und Don’s Bandmitglieder, die fast zur Gänze aus überkandidelten Originalen besteht.

Garden oft he Moon ist ein sogenannter „fluff“ aus dem alten Hollywood, der mit unglaublicher Spielfreude, Spass am Herumalbern und einer überbordenden Crew einfach nur Spass macht. Regisseur Busby Berkeley macht hier was ganz anderes als in seinen berühmten frühen Musicals (42nd Street, Golddiggers of 1935), weniger bombastisch und innovativ, doch dafür mit untrüglichem Sinn für Witz und Tempo. Das Drehbuch ist aus einem Guss und Berkeley setzt es mit Gespür für die optimale Wirkung temporeich und beschwingt um.

Die beiden männlichen Hauptdarsteller sind die halbe Miete, Payne vielleicht etwas weniger als der phänomenale Pat O’Brien, aber er schlägt sich mehr als wacker neben dem altgedienten Star. Für Payne war dies die erste Film-Hauptrolle, doch sein Stern wollte nie so recht aufgehen.
Der weibliche Co-Star Margaret Lindsay ist heute noch weniger bekannt als Payne; sie gibt die farbloseste Figur des Films ab. Aber vielleicht liegt das auch an ihrer Rolle. Bette Davis jedenfalls lehnte sie ab, als sie ihr angeboten wurde.

Ich liebe diese alten, überkandidelten Hollywood-Musicals aus der Glanzzeit der Filmindustrie. Garden of he Moon ist zwar nicht bedeutend, aber beglückend! Mir erscheint rätselhaft, dass er heute völlig vergessen ist. Verglichen mit anderen klassischen Filmkomödien jener Zeit (s. in der Sparte Filmschnipsel, unten) hat er durchaus etwas zu bieten.

8 / 10

Garden of the Moon ist in der Reihe Warner Archive Collection erschienen und bei amazon.co.uk zu relativ günstigen Versandkosten zu beziehen.

Hier kann der Film via youtube angeschaut werden (US-Originalfassung ohne Untertitel; 5 Teile):

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Filmschnipsel:

SKANDAL IN DER OPER (DVD)
USA 1935
(OT: A Night at the Opera)
Mit Groucho, Chico und Harpo Marx, Walter Woolf King, Siegfried Rumann u.a.
Drehbuch: George S.Kaufman, Morrie Ryskind u.v.a.
Regie: Sam Wood
Es kommt ganz darauf an, welche Ansprüche man an eine Komödie hat. Wer sich mit einer Aneinanderreihung von Lachnummern zufrieden gibt, wird Skandal in der Oper toll finden. Wer – wie ich – eher auf Charakterzeichnung, Handlungsführung und kömödiantisches Timing legt, kratzt sich bei diesem Film am Hinterkopf und wundert sich: Das soll nun «eine der besten Filmkomödien» sein?
Ich habe mich durch diesen Film hindurchgegähnt. So geht es mir zwar mit praktisch allen Marx-Brothers-Filmen, doch von diesem hatte ich mir aufgrund seiner Reputation mehr erhofft. Es gibt zwar tolle komische Momente (die berühmte Kabinenszene etwa), aber dann fällt das Ganze auch immer wieder in sich zusammen. Dem Film fehlt der grosse Atem, ständig geht ihm die Puste aus, und dann herrscht erstmal Flaute. Die Gesangsnummern scheinen end- und ziellos und unterbrechen die Handlung, und vielen Gag-Sequenzen fehlt schlicht das richtige Timing. (Zu) viele Gags kommen, völlig unsubtil, mit dem Holzhammer, sind schlecht vorbereitet und fallen deshalb oft flach. Sogar verglichen mit heute vergessenen Musik-Komödien wie dem oben besprochenen Garden of the Moon nimmt sich A Night at the Opera, unter handwerklichen Gesichtspunkten betrachtet, zweitklassig aus.
Weil die Marx-Brothers anarchisch waren und gegen Konventionen verstiessen, wurden sie von der linksgedrehten, ideologisch motivierten Filmkritik gegen Ende der 60er-Jahre hochgejubelt; alles was für sie nach „Anti-Hollywood“ aussah, erhielt automatisch das Gütesiegel. Anarchie allein ist aber noch kein Qualitätsmerkmal, und handwerklich vermögen die Filme der Marx Brothers einfach nicht zu überzeugen – auch dieser nicht. Der Komik fehlt die Brillianz und das Know-How der Vorgänger (Keaton, Chaplin, Stan & Ollie, Harold Lloyd), die wussten, wie man einem Gag grösstmögliche Wirkung abrang. Bezeichnenderweise hielt sich der Erfolg der Marxens zu ihrer Zeit in engen Grenzen. Man musste einen Film schon mittels zahlreicher Probevorführungen und mit der Stoppuhr und der Korrekturschere konzipieren – wie dies beim vorliegenden Werk der Fall war – um die Leute mit dem Namen „Marx“ in die Kinos zu locken.
Es gibt bei den Marxens einzelne denkwürdige Momente, aber durchgängig zu überzeugen konnte mich bislang kein einziges ihrer Werke (und ich habe nach «Opera» nun alle gesehen).
6 / 10

LIKE FATHER, LIKE SON
Japan 2013
(OT: Soshite chichi ni naru)
Mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Yoko Maki, Lily Franky u.a.
Drehbuch und Regie: Hirokazu Kore-eda
Na also, geht doch! Es gibt auch Arthouse-Filme, die nicht nur ideologisch motivierte, anti-imperialistische Hollywood-Hasser, sondern auch Normalsterbliche gut finden können.
«Like Father, Like Son» (was für ein deutscher Verleihtitel!) ist eine ruhig und feinsinnig erzählte Geschichte einer traditionell ausgerichteten Ein-Kind-Familie (Vater Architekt, mit der Firma verheiratet, Mutter Heimchen am Herd), die erfährt, dass ihr Kind kurz nach der Geburt vertauscht wurde. Ihr wirklicher Sohn lebt bei einer kinderreichen Arbeiterfamilie.
Nun stellt sich für beide Familien die Frage, ob sie die Jungs zurücktauschen sollen – ihre eigenen leiblichen Kinder zurückholen sollen. Die Beschäftigung mit dieser Frage bewirkt tiefgreifende Verwerfungen innerhalb der Familie des Architekten, in erster Linie beim Herrn des Hauses, der sich plötzlich die Frage über den Stellenwert der Familie und seine Rolle darin stellen muss.
Das Ganze wird als menschliche Entwicklungsgeschichte abgehandelt, die immer spannend bleibt, weil erstens die Figuren stimmen und zweitens, weil man nie weiss, was als nächstes kommen wird.
Mit leisen Zwischentönen grandios und mit Tiefe inszeniert, überzeugt «Like Father, Like Son» als gesellschaftliche Versuchsanordnung, die auch hierzulande problemlos verstanden wird.
10 / 10

 

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