Kings Row, 1942

KINGS ROW
USA 1942
Mit Robert Cummings, Ronald Reagan, Ann Sheridan, Betty Field, Claude Rains u.a.
Drehbuch: Casey Robinson nach dem Roman von Henry Bellamann
Regie: Sam Wood
Der Film war seit seiner Premiere 1942 nie im deutschsprachigen Raum zu sehen.

Manchmal staunt man.
Kings Row ist in den USA ein durchaus bekannter Klassiker. Bei uns ist der Film völlig unbekannt. Wie’s ausschaut, wurde er nicht mal im Fernsehen gezeigt. Dabei handelt es sich um ein beachtliches Werk, an dem respektable Künstler mitgewirkt hatten: William Cameron Menzies als Production Designer; Komponist Erich Wolfgang Korngold; Kameramann James Wong Howe; Casey Robinson (Captain Blood, Now, Voyager, The Snows of Kilimanjaro) schrieb das Drehbuch. Und Ronald Reagan bot darin seine wohl beste schauspielerische Leistung, an der Seite einer grossartigen Ann Sheridan.

Kings Row behandelt das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt – allerdings nicht so, wie man es von einem Film der Vierzigerjahre erwartet! Obwohl er in schnuckeliger viktorianischer Bilderbuchromantik beginnt, legt er unter der Oberfläche der behaglichen Bürgeridylle langsam und unerwartet Themen wie Wahnsinn, Rache, Mord und Sadismus frei. Nicht erst David Lynch hat die Kleinstadt als Brutherd übelster gesellschaftlicher Fehlformen entdeckt.

Im Mittelpunkt von Kings Row stehen zwei Freunde (Robert Cummings und Ronald Reagan), an deren Werdegang sich das Kleinstadtleben spiegelt. Cummings gibt den werdenden Arzt, der dank seines Mentors (Claude Rains) die freud’sche Psychologie entdeckt, diese in Wien studiert und sie sodann nach Amerika bringt. Und Reagan ist der reiche Bruder Leichtfuss, der zunächst vom Geld seiner Familie lebt, dann einen tiefen sozialen Abstieg durchmacht, dank der Hilfe einer starken Frau aber immer wieder auf die Beine kommt. Bis er letztere auch noch verliert…


Dem Film liegt der gleichnamige Roman von  Henry Bellamann zugrunde, dessen Verfilmung die Verantwortlichen des «Production Code» verhindern wollten, weil er ihnen zu „subversiv“ war. Was schliesslich Eingang in den Film fand, ist zwar eine abgeschwächte Form der Vorlage, doch auch diese hatte (und hat) durchaus ihre Wirkung. Kings Row, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, bleibt haften. Nicht nur dank der einprägsamen Filmmusik und der herrlichen Cinèmatografie. Vor allem die Leistungen Ann Sheridans, Betty Fields (als langsam dem Wahnsinn anheimfallende Arzttochter) und – jawohl! – Ronald Reagans beeindrucken.
Einer aber hat mich restlos verblüfft: Der «gute Onkel des US-Kinos», Charles Coburn, spielt hier ein menschliches Monstrum. So habe ich den gemütlich-verschrobenen Coburn noch nie gesehen. Bei seinen Auftritten läuft es einem kalt den Rücken herunter.

Kings Row war übrigens Ronald Reagans Lieblingsfilm. Er war so stolz auf das Werk, dass er es später, als Politiker und Präsident, bei privaten Anlässen und Empfängen immer wieder vor seinen Gästen abgespielt haben soll. Reagans erste Frau, Jane Wyman, soll Kings Row so richtig satt gehabt haben.
8 / 10

Kings Row ist in der Reihe Warner Archive Collection erschienen und bei amazon.co.uk zu relativ günstigen Versandkosten zu beziehen.

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Filmschnipsel:

DIE TRUMAN SHOW (Blu-ray)
USA 1998
Mit Jim Carey, Ed Harris, Laura Linney, Noah Emmerich u.a.
Drehbuch: Andrew Niccol
Regie: Peter Weir
Die “Truman Show“ ist eine innovative 24-Stunden-Reality-TV-Serie, initiiert und überwacht vom TV-Wunderkind Christof (Ed Harris). In dessen Mittelpunkt steht der amerikanische Normalbürger Truman Burbank (Jim Carey). Sämtliche Charaktere der Serie werden von Schauspielern verkörpert – bis auf Truman. Der ist als einziger echt. Truman wird im Glauben gelassen, er befinde sich in der realen Welt. Alles um ihn herum dient seiner Täuschung, der Aufrechterhaltung einer Schein-Welt: Der Mensch als Versuchskaninchen im gläsernen Medien-Käfig.
Doch eines Tages wird schöpft Truman Verdacht…
Drehbuchautor Andrew Niccol („Gattaca“) und Regisseur Peter Weir („Der Club der toten Dichter“) haben hiermit eine zündende und noch heute funktionierende Medien-Satire geschaffen, die mit hoher Originalität und viel Witz daherkommt, hinter denen aber eine gute Portion Ernst steckt. So erscheint der Serien-Schöpfer Christof als gottgleicher Schicksals-Verwalter, der im Lauf der Serie eine väterliche Beziehung zu seiner „Schöpfung“ entwickelt hat und „seinen“ Truman vor den Unbillden der Realität fernhalten will. Währenddessen spiegelt sich in Trumans Entwicklung die Emanzipation des Kindes von seinen Eltern, des Menschen in die innere Freiheit.
Das alles ist grandios umgesetzt, von den Darstellern bis zum leicht irrealen Production Design stimmt jedes Detail. Zudem macht der Film einfach Spass, er funktioniert sowohl als Gedankenexperiment wie auch als Satire auf das Kleinstadtleben und auf die Auswüchse der Unterhaltungsindustrie.
10 / 10


BUTCH CASSIDY UND SUNDANCE KID
(Blu-ray)
USA 1968
Mit Paul Newman, Robert Redford, Katharine Ross,
Drehbuch: William Goldman
Regie: George Roy Hill
Es ist immer wieder interessant, einen Filmklassiker mit kritischen Augen (wieder-) zu sehen. Verblüffend oft bleibt die Frage, was denn jetzt an dem so gut sein soll. So einmal mehr geschehen bei meiner Visionierung von dem allseits hoch gelobten „Butch Cassidy and the Sundance Kid“.
Ich war ziemlich enttäuscht. Nicht von den Schauspielern – die machen ihre Sache sehr gut (vor allem Redford, mal in einer Charakterrolle, überzeugt). Auch nicht von der Regie – Hill holt sichtlich das Beste heraus, indem er die Sache immer wieder ironisch bricht und uns immer wieder daran erinnert, dass wir im Kino sitzen.
Das Problem ist das Drehbuch. Genauer: Das Problem ist William Goldman!
Darf man gegen diesen von der europäischen Filmkritik heiliggesprochenen Autor überhaupt etwas sagen? Wieso nicht? Der Mann kann handwerklich schon was, jaja, aber auch nicht mehr als viele andere seiner Gilde. Aber seine Drehbücher bleiben für einen derart hoch gehandelten Künstler oft erschreckend oberflächlich. In „Butch Cassidy…“ wird dieser Umstand mit der Zeit zum Ärgernis. Was ist das Motiv hinter den Taten der zwei Banditen? Was macht ihre Freundschaft aus? Worin fusst ihrer beider Beziehung zu der von Katharine Ross gespielten Lehrerin? In Gleichgültigkeit? Freie Liebe im Wilden Westen? Oder was? Und wieso werden zwei Bankräuber, Gesetzbrecher, vom Drehbuch derart idealisiert? Was ist so bewundernswert an ihren feigen, für andere Menschen ruinösen Taten? Keine Ahnung. Der Film liefert keine Erklärung. „Man muss sie einfach gerne haben“!
Da spielt ganz stark die unreflektierte linke Ideologie der späten Sechzigerjahre hinein (der Rebell ist an sich edel, einfach weil er ausserhalb der Gesellschaft steht und die Gesellschaft eh‘ böse ist), und das wirkt heute seltsam deplatziert. Mir jedenfalls kam die geballte Oberflächlichkeit des Streifen total in die Quere.
Er ist solide – aber es gibt weitaus bessere Western!
6 / 10

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