Ein vergessener Film von John Ford

THE RISING OF THE MOON
Irland 1957
Mit Tyrone Power, Cyril Cusack, Dennis O’Dea, Donal Donnelly, u.a.
Drehbuch: Frank S. Nugent
Regie: John Ford

Ein unbekannter Film des grossen John Ford? Das gibt’s!
Ohne die Warner Archive Collection hätte ich dieses filmische Kleinod wohl nie entdeckt. Die in den USA sich grosser Popularität erfreuender DVD-R-Serie, welche „vergessene“ Filme „on demand“ zugänglich macht, entpuppt sich mehr und mehr als unverzichtbar. Auch der hier vorliegende Titel beweist, dass längst nicht alle vergessenen Filme zu Recht vergessen sind.

The Rising of the Moon wurde vollständig in Irland gedreht. Regisseur Ford gedachte damit nicht zum ersten Mal seiner irischen Herkunft (zuvor entstanden die ungleich bekannteren Irland-Filme The Informerund The Quiet Man). Mit The Rising of the Moon wollte Ford das Filmemachen in Irland vorantreiben. Später sagte er, er hätte diesen Film „just for fun“ gemacht und hätte es sehr genossen. Das merkt man: Der Spass überträgt sich auf die Zuschauer!

Die Schauspieler sind (oder waren damals) alle unbekannt, samt und sonders Iren, die meisten von der renommierten Abbey Theatre Company in Dublin, die heute noch existiert. Ein Star wurde, wohl zu Marketingzwecken, trotzdem eingebaut, nämlich Tyrone Power, der den Erzähler gibt. The Rising of the Moon besteht aus drei Episoden, verfasst von drei verschiedenen irischen Autoren, und Power verbindet diese mit kurzen Kommentaren.

Episode eins, The Majesty of the Law ist die verhaltenste der drei – aber trotzdem höchst vergnüglich! Darin begibt sich ein Polizeiinspektor (Cyril Cusack) auf einen schweren Gang: Er soll den alten Gutsbesitzer Dan O’Flaherty wegen tätlichen Angreifens eines Nachbarn festnehmen. Dabei wird er vom Delinquenten mit soviel ehrlicher Herzlichkeit empfangen und bewirtet, dass er sich kaum mehr traut, auf den Zweck seines Besuchs zu sprechen zu kommen.
One Minute’s Wait berichtet vom kurzen Aufenthalt eines vollbeladenen Personenzugs in einem kleinen Bahnhof, der sich wegen zahlreicher lächerlicher Zwischenfälle immer mehr in die Länge zieht und immer turbulenter wird. Hier zieht John Ford meisterhaft die Register seines komödiantischen Talents, das in seinen bekannten Filmen immer wieder durchscheint. One Minute’s Wait ist eine wunderbare Farce mit köstlichen Chargen – zum Quietschen komisch!
Die letzte Episode, 1921, erzählt eine Geschichte aus der Zeit der englischen Besetzung. Der junge irische Nationalist Sean Curran soll gehängt werden. Er hat noch eine Stunde zu leben, als er von zwei Nonnen besucht wird. Danach ist er verschwunden. Die Engländer suchen die ganze Stadt ab ohne zu ahnen, was ihnen die pfiffigen Iren da für einen Streich gespielt haben.

The Rising of the Moon wirkt trotz seiner Episodenhaftigkeit wie aus einen Guss. Das ist einerseits dem Drehbuchautor Frank S. Nugent zu verdanken, der einige der besten Filme Fords mitgeprägt hat (u.a. das ein Jahr zuvor entstandene Meisterwerk Der schwarze Falke), andererseits Fords prägnanter Regie-Handschrift, welche den Film durch wunderbar durchkomponierte Einstellungen zum Seh-Genuss werden lässt. Und in allen drei Episoden wird die „typisch irische“ Pfiffigkeit zelebriert, die dem ganzen Film ihren Stempel aufdrückt und den Grundton bestimmt.
Von den zwei mir bekannten Irland-Filmen Fords gefällt mir The Rising of the Moon deutlich am besten – obwohl er kaum bekannt ist und in Deutschland, wie’s aussieht, noch nie zu sehen war!

Soviel zum Thema „Qualität unbekannter Filme“! Ich bleibe auf jeden Fall dran an der Warner Archive Collection und werde weiter berichten…
9/10

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11 Kommentare

  1. Danke für die interessante Empfehlung!
    Produzent von THE RISING OF THE MOON war übrigens der spätere IOC-Präsident Lord Killanin, der entfernt mit Ford verwandt war und auch schon bei THE QUIET MAN als Produktionsleiter oder sowas dabei war.

  2. Ja, THE RISING OF THE MOON ist wirklich ein unbekannter Ford. Im Grunde variiert er einige Themen, die in seinen größeren Filmen schon enthalten waren. Die zweite Episode handelt vom gedehnten Raum-/Zeitgefüge wie wir es schon von der Bahnstation aus DER SIEGER kennen. Die dritte Episode enthält Anklänge an DER VERRÄTER. Nur bei der ersten Episode habe ich mich an Fords unbekannte Polizeikomödie RILEY, THE COP erinnert gefühlt. THE RISING OF THE MOON als bester Irland-Film? Das finde ich dann doch etwas diskussionswürdig 😉

    Welche drei Irland-Filme meinst Du genau? HOW GREEN WAS MY VALLEY spielt – auch wenn der Irlandbezug offenkundig sein mag – in Wales. Fords Irland-Filme sind m. W. DER VERRÄTER, DER PFLUG UND DIE STERNE, DER SIEGER, mit Abstrichen MIT LEIB UND SEELE und eben THE RISING OF THE MOON.

    1. Danke für Deine fundierten Ergänzungen!
      Da ich keinerlei Anspruch auf Filmhistorische oder -wissenschaftliche Akkuratesse erheben will und kann, hatte ich in meinem Text auch betont, dass „von den drei MIR BEKANNTEN Irland-Filmen Fords, mir dieser am besten gefalle“. Ganz subjektiv.

      1. Hallo, weiter so mit dem Blog! Macht es Dir was aus, HOW GREEN WAS MY VALLEY, der in Wales spielt, nicht als „Irland-Film“ zu führen? Das ist ein wenig, als würde Tirol unter Elsass subsumiert. Dank und Gruß, Hofmeister

    1. Halte ruhig Ausschau – es lohnt sich!
      Es GIBT Boxen, zum Beispiel zum Thema „Forbidden Hollywood“ mit Filmen, die vor der Einführungt des „Hays-Codes“ entstanden. Rasend spannend!

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