Murnaus Faust – zum Zweiten

FAUST – EINE DEUTSCHE VOLKSSAGE
Deutschland 1926
Mit Gösta Ekman, Emil Jannings, Camilla Horn, Wilhelm Dieterle, u.a.
Regie: F.W. Murnau
Dauer: 108 min

Es gibt in diesem Blog bereits einen Artikel zu diesem Film. Geschrieben hatte ihn seinerzeit Maria.
Nun, da ich den Film endlich auch in seiner Vollversion gesehen habe (ich kannte bislang nur eine gekürzte, schwummerige Super8-Heimkino-Fassung aus den USA), spüre ich grosse Lust, auch meinen Senf dazuzugeben.

Aber wo und wie beginnen? Über diesen Film kann man Bücher füllen.
Am besten fange ich an mit der simplen Feststellung, Faust sei einer der grandiosesten Filme, die ich je gesehen habe. Damit das schon mal klargestellt ist.

Um das zu erklären, muss man vor allem von den Bildern reden! (Für die Inhaltsangabe verweise ich faul auf Marias Text). Jede einzelne Einstellung ist genau durchdacht und durchkomponiert – jede ein Gemälde, unvergesslich in ihrem Ausdruck und Eindruck.
Die kürzlich wiedergefundene Kopie, welche 1926 in den deutschen Kinos lief, ist in dieser Hinsicht noch eindrücklicher als die bisher bekannte „Übersee-Fassung“, welche die UFA für den ausländischen Markt hergestellt hatte und die bis vor kurzem als die einzige erhalten gebliebene galt.

Murnau nahm das Geschehen seinerzeit mit zwei Kameras auf. Die UFA wollte das so, weil der Film, ein Prestige- und Rennomierprojekt des Studios, weltweit in den Kinos gezeigt werden sollte. Man erwartete durch die grosse Verbreitung projektionstechnisch bedingt eine grössere Abnutzung am Filmmaterial. Um dem  entgegenzuwirken wurden zwei Fassungen hergestellt, eine Exportfassung und eine für den heimischen Markt. Nur die „einheimische Fassung“ enthielt Murnaus originale Bild-Versionen. Die Exportfassung bestand aus Filmmaterial aus der zweiten Kamera, die etwas versetzt neben der ersten stand und alles aus einem leicht anderen Blickwinkel filmte. Die Exportfassung enthält auch andere Schnittfolgen.

Nun kann man den Faust also endlich so sehen, wie Murnau ihn gedacht hatte – und das ist in der Tat spektakulär! Ich staune über die Eigenwilligkeit der Bildsprache – und das in einem „Prestigeprojekt“! Murnau scheint freie Hand gehabt zu haben – ein Umstand, der heute in einem ähnlichen Projekt undenkbar wäre.
Aber vielleicht verliess man sich ja auf seine Popularität: Als er Faust drehte, hatte er den Vertrag mit der amerikanischen 20th-Century-Fox bereits in der Tasche. Sein nächster Film hiess Sunrise.
Faust war übrigens auch für den Schauspieler-Star Emil Jannings der letzte deutsche Stummfilm. Er folgte Murnau in die Staaten, kehrte aber mit dem Aufkommen des Tonfilms nach Deutschland zurück – offenbar genügte seine Aussprache des Englischen nicht .

Zurück zu Murnaus Bildern: Sie schlagen einen in ihrer oftmals entrückten Schönheit und der Vollendung ihrer Komposition völlig in ihren Bann. Aufwertend hinzu kommt deren Funktion als starker Handlungsvermittler, deren harmonische Rhythmisierung durch den Schnitt und nicht zuletzt das Einbeziehen der Architektur als bildgestalterisches Element. Das alles geht harmonisch Hand in Hand; dahinter steckt aber ein schierer Willens-Kraftakt, denn vieles, was zu sehen ist, war damals neu und unverbraucht. Der Flug auf Mephistos Cape etwa, wo die Kamera über eine en miniatur nachgebaute Landschaft saust. Oder die mit Überblendungstechnik evozierte telepathische Kontaktaufnahme Gretchens mit Faust. Der Einbezug ganzer Zimmer samt Decke ins Filmbild. Das Spiel mit Licht und Schatten.
Wenn der Film heute sprachlos macht, wie mag er damals erst gewirkt haben?
Es sind süchtig machende Bilder, die Murnau da kreiert, die Handlung tritt darob in den Hintergrund. Faust ist einer der wenigen Filme, wo die Maxime „das Bild ist der Film“ voll und ganz funktioniert.

Faust ist Studio, und zwar von A bis Z, nicht einmal die Blumenwiese vor Martha Schwerdtleins Haus wirkt echt. Kitsch würde man man das heute schimpfen, würde sich ein Regisseur eine ähnliche Kulissen-Orgie zu inszenieren getrauen.
Mir gefällt sowas, einfach deshalb, weil es ehrlich ist. Die ganzen Realismusbestrebungen und das Wahrhaftigkeitssteben des modernen Kinos ist Heuchelei. Film ist künstlich, Murnau verleugnet das keinen Moment. er überhöht die Realität poetisch und dramatisch und schafft so sein eigenes Universum. Ein „Murnau-Mond“ ist immer und sofort als solcher erkennbar.

Natürlich kann man noch andere Elemente des Films lobend hervorhebenden – die Bilder sind die augenfällige Spitze des Eisbergs.
Die schauspielerischen Leistungen etwa: Gösta Ekman ist hervorragend, vor allem als alter Faust; Er spielt den alten Mann genauso glaubwürdig, wie Jannings das etwa im „letzten Mann“ gemacht hat. Und Jannings gibt hier eine seiner besten Vorstellungen – als Mephisto!
Man müsste auch den Schnitt erwähnen, die gewagten Kulissen (Robert Herlth und Walter Röhrig), die Beleuchtung und die Kamera (Carl Hoffmann).

Und der Inhalt?
Nicht die Stärke des Films, was aber hier nicht im Geringsten ins Gewicht fällt. Faust ist inhaltlich ein seltsames Wechselbad, aber das lässt sich für viele von Murnaus Filmen sagen. Den ersten Teil könnte man dem Horrorfilm-Genre zuordnen. Nach etwa zwei Dritteln schlägt der Ton abrupt und ohne Vorwarnung zur Komödie um (die Sequenz mit Frau Martha Schwerdtlein und ihrem Liebestrank). Der letzte Teil, der Gretchens Verderben zeigt, ist dann wiederum derart schmerzlich, dass das Betrachten dieser Sequenz richtiggehend weh tut.

Doch nun genug der Worte. Das Interpretieren und „Aufschlüsseln“ des Films und seiner Bilder verkneife ich mir; ein Zitat Erich Kästners dient mir als Begründung: „Man soll die Schönheit nicht duzen!“
Es bleibt mir nur, die werte Leserschaft zu ermuntern, sich den Film anzusehen. Er gehört zu den grössten Werken des Kinos überhaupt!
10/10

Die DVD: Stammt aus England (Faust gehört zu den nicht im deutschen Sprachraum erhältlichen deutschen Stummfilmen), von der Firma Masters of Cinema (MoC). Die Bildqualität der „einheimischen Fassung“ ist sehr gut! Die ebenfalls enthaltene „Exportfassung“ dagegen sieht ziemlich schwummrig aus.

Musikbegleitung: Von den zwei anwählbaren Begleitmusiken sei die Orchesterfassung von Timothy Brock wärmstens empfohlen: Sie unterstützt Murnaus Intentionen aufs Trefflichste, während die ebenfalls enthaltene Harfenmusik von Stan Ambrose für mich daneben greift.

Regionalcode 2

Extras: Die Exportfassung; ein ausführliches 28-seitiges Booklet; ein Videoessay und ein Direktvergleich der beiden Filmfassungen; die originalen deutschen Zwischentitel.

Verfügbarkeit:
England: Die MoC-DVD ist im Moment (Stand November 2010) bei amazon. uk ausserordentlich günstig zu erstehen.
Deutschsprachiger Raum: Nicht Verfügbar.

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2 Kommentare

  1. Es ist ein Trauerspiel, dass ein solches Werk im deutschsprachigen Raum nicht verfügbar ist, ohne das Internet sähe es in manchen Fällen wirklich deprimierend aus mir unserer Filmkultur. Unfassbar, dass sowas selbst heute noch möglich ist, es zeigt den immer noch gewaltigen Rückstand der Filmkultur gegenüber der von Musik, Literatur und bildender Kunst.

    Deine Bildkompositionsbeschreibungen samt den beigefügten Screenshots zeigen mir ein außerordentlich fazinierendes Werk, jedes Bild eröffnet hier eine Kunstwelt für sich.

    Manchmal fühle ich mich an die Helldunkelmodulation und die Kopftypen von Rembrandt-Bildern erinnert, ein anderes Mal an symbolistische Kunst der Jahrhundertwende.

    „Schönheit duzen“ sollte man tatsächlich nicht, da bin ich ganz deiner Meinung, aber ich glaube, es gibt respektvolle Wege, ihr die Reverenz zu erweisen, die ihr zukommt. Vielleicht gibt es ja noch bald einen vierten Murnau Artikel bei dir 😉

    1. An Rembrandt fühlte ich mich tatsächlich auch immer wieder erinnert in diesem Film – das hätte ich auch noch erwähnen können. Der Artikel entstand unter einigem Zeitdruck, da fehlt tatsächlich noch einiges.
      Wie erwähnt: Mit Murnaus Faust könnte man Bücher füllen. Will sagen: Ein tiefschürfender Artikel, der dem Film wirklich gerecht wird, wäre sehr lang geworden. Aber wer liest derart ausufernde Texte in einem Internet-Blog? Wenige. Und wer schreibt sie? Das ist bei mir immer eine Zeitfrage.
      Deshalb wollte ich mich kurz fassen, habe dabei aber feststellen müssen, dass dies hier alles andere als einfach ist. Meiner selbstauferlegten Maxime, meine Begeisterung zu teilen und Interesse am Film zu wecken, bin ich aber hoffentlich gerecht geworden…
      Einen vierten Murnau-Artikel? Sicher. Über einen anderen Murnau-Film bestimmt 😉

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