Tod, Schuld – und Vergebung

KÖRKARLEN
(dt.: Der Fuhrmann des Todes)
Schweden 1921
Mit Victor Sjöström, Hilda Borgström, Astrid Holm, Olof As, u.a.
Regie: Victor Sjöström
Dauer: 89 min

Die Vorlage zu diesem Stummfilm stammt von Selma Lagerlöf. Sie hatte die gleichnamige Novelle als Auftragswerk verfasst, als Warnung und zur Aufklärung über die damals grassierende Tuberkolose. Indem sie darin auch die Armut der schwedischen Landbevölkerung aufgriff, wurde die Novelle zur engagierten Sozialstudie.

Victor Sjöström, der sich schon in der Vergangenheit, zusammen mit Mauritz Stiller um das weltweite Ansehen des schwedischen Stummfilms verdient gemacht hatte, übernahm die Verfilmung von Körkarlen und die Hauptrolle darin. Als David Holm, eine gescheiterte Existenz, schrieb er Filmgeschichte.
Ingmar Bergman zählte Körkarlen zu seinen Lieblingsfilmen.

Ich konnte mich bei der ersten Sichtung nicht so richtig erwärmen für diesen Film, Körkarlen kam mir erstmal langfädig vor.
Der Realismus, der in Rezensionen und Berichten immer wieder hervorgehoben wird, wirkt heute nicht mehr so stark wie damals, als er im Film noch neu und unverbraucht war.
Die Überblendungstechnik, mit welcher der Kameramann Julius Jaenzon den Fuhrmann des Todes als ausserhalb unserer Realität und Zeit stehend darstellt, brachte ihm bei der Filmkritik höchstes Lob ein – heute ist diese Technik alltäglich und büsst durch die zeitliche Distanz an Wirkung ein.
Die filmische Erzählung ist durch lange, statische Kameraeinstellungen geprägt. Diese Ruhe und äusserliche Unbewegtheit ist es, was die Stummfilme aus der Glanzzeit des schwedischen Kinos auszeichnete, was damals als „typisch schwedisch“ galt, den schwedischen Film vom amerikanischen abhob und ihm zu Ruhm verhalf. Und was ein heutiges, aufs US-Kino gepoltes Publikum als „statisch“ empfindet.

Damit ist nichts Negatives über den Film gesagt, sondern vielmehr etwas über meine / unsere heutigen Sehgewohnheiten. Rasche und harte Schnittfolgen und immer schnellerer Erzählrhythmus prägen das heutige Kino auch ausserhalb des Actiongenres.
Und so verlangt Körkarlen dem heutigen Zuseher etwas ab: Er muss sich Zeit nehmen, sich auf eine innere Zeitreise einstellen und sich zurückversetzen lassen in die Anfangszeit des Kinos, dann ist die Voraussetzung gegeben, dass er diesen Film schätzen lernt.

Bei einer zweiten Betrachtung wurde auch mir klar, was den Film so berühmt gemacht hat. Lässt man sich auf die Ruhe und Langsamkeit der Erzählung ein, erlebt man Momente von grosser Eindringlichkeit. Die Bilder sprechen eine ganz eigene Sprache, kommentieren das Geschehen, indem sie Schichten und Wahrheiten erahnbar machen, die hinter den Handlungen der Figuren verborgen sind.

Der Film beginnt mit der sterbenden, an Tuberkolose erkrankten Heilsarmeeschwester Edith. Ihr letzter Wunsch ist es ausgerechnet, David Holm (Sjöström) zu sehen, einen üblen Säufer und Herumtreiber.
Dazu soll es allerdings (vorerst) nicht kommen, denn Holm wird in der Silvesternacht erschlagen und darauf vom “Fuhrmann des Todes” heimgesucht, der ihn auffordert, ihn in seinem „Amt“ abzulösen. Die Legende will es, dass derjenige Mensch, der als letzter vor dem Jahreswechsel das Zeitliche segnet, zum neuen “Fuhrmann des Todes” wird und bis zur nächsten Silvesternacht durch das Zwischenreich zwischen Leben und Tod ziehen und Verstorbene „heimführen“ muss.

Dieses Schicksal droht David Holm nun. Der alte Fuhrmann lässt nochmals die Stationen von Holms verruchtem Leben Revue passieren, insbesondere führt er ihm Schwester Ediths gescheiterte Versuche, ihn auf den rechten Weg zu bringen, vor Augen und lässt keinen Zweifel daran, dass er, Holm, sie mit seiner Tuberkolose angesteckt und damit zum Tode verurteilt hat. Holm, auf diese drastische Weise und im Zeitraffer mit seiner Bosheit konfrontiert, bereut seine Taten schockiert. Hier gelingt vor allem dem Schauspieler Sjöström Eindringliches. Bisher hatte sich seine Figur mit Emotionen zurückgehalten, hier nun brechen sie aus ihm heraus, auf Knien bittet und bettelt er um Gnade und um eine zweite Chance.

Die Bilder sind, wie eingangs bereits erwähnt, in nüchternem Realismus gehalten. Sie sind geprägt von ruhigen, langen Kameraeinstellungen, die im zweiten Teil die Dramatik des Geschehens dadurch unterstreichen, dass sie dieser entgegenwirken und sie so im Kontrast schärfer hervortreten lassen.
Körkarlen
verwebt Realismus und archaische Religiosität auf absolut überzeugende Weise zu einem traumhaften Bilderreigen, der in seiner erdverbundenen Düsterheit, aber auch in seiner religiösen Leuchtkraft seinesgleichen sucht.

Keine einfache Kost. Körkarlen ist ein Film, der Zeit braucht, der es aber jenen lohnt, welche sich die Mühe nehmen und sich damit auf eine innere Reise in die Vergangenheit des Kinos begeben.

8,5/10

 

 

Die DVD: Die Bildqualität ist hervorragend, das Bild ist klar und scharf; der Film wurde zudem nach den Original-Vorgaben viragiert. Es wurden die originalen schwedischen Untertitel verwendet, die von den deutschen Untertiteln allerdings nur rudimentär übersetzt werden.

Die Musikbegleitung stammt von Elena Kats-Chernin. Sie ist zwar bisweilen etwas repetitiv, doch das ausführende Kammerensemble ist sehr geschmackvoll zusammengestellt und zaubert erstaunliche Klangfarben, welche die Stimmungen des Films hervorragend unterstützen. Eine rundum geglückte, beispielhafte Stummfilmbegleitung!

Extras: Ein weiterer, allerdings fragmentierter Film von und mit Victor Sjöström: Der Todeskuss. Booklet mit kurzen Essays zu beiden enthaltenen Filmen.

Reginalcode: 2

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Der Film ist in Deutschland erschienen, wird von absolut medien vertrieben und ist auch dort zu bestellen. Auch bei amazon.de ist er, u.U etwas günstiger, erhältlich. In der Schweiz ist er hier zu bekommen.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

*******************************************************************

Advertisements

2 Kommentare

  1. Der Film steht schon sehr lange auf meiner Wunschliste. Anscheinend zurecht, wenn ich deine Rezension richtig interpretiere. Wird langsam Zeit dass ich mir die DVD zulege.
    Es ist einfach ungerecht, dass ich für meine exorbitant ins Kraut schießenden DVD-Wünsche nicht genügend Geld verdiene. Kann mal einer meinen Arbeitgeber diesbezüglich anschreiben?

    Interessant finde ich, dass ein kleines Land wie Schweden in den 1920er Jahren eine derart umfangreiche Filmindustrie aufbauen konnte.

    1. Ja, du interpretierst richtig…

      Offenbar konnten sich die „kleineren“ Länder damals noch gegen Hollywood durchsetzen; der amerikanische Massen-Filmgeschmack war damals wohl noch nicht derart globalisiert wie heute, wo starke „Stummfilmländer“ wie Schweden, Deutschland, Dänemark u.a. punkto Filmproduktion nur noch ein marginales Dasein fristen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s