Frühe Screwball-Komödien by Charley Chase

HIS WOODEN WEDDING
USA 1925
Mit Charley Chase, Catherine Grant, Gale Henry u.a.
Regie: Leo McCarey
Dauer: 20 min

Letzte Woche ging es hier um den „vierten Clown“ und um die Frage, ob Harry Langdon Anrecht auf diese Position habe. Ich habe diese  Frage verneint (siehe hier).
Ja, aber wer aber hat denn nun Anrecht auf den Titel „der vierte Clown“ (gemeint ist eine Position neben den „grossen drei“, Chaplin, Keaton und Harold Lloyd)?

Für mich ist die Antwort klar: Es muss Charley Chase sein! Genau wie die „grossen drei“ war er massgeblich an der Produktion, der Regie, dem Look und dem Inhalt seiner Komödien beteiligt, kann somit als „auteur“ bezeichnet werden. Produzent Hal Roach liess seinen Leuten ja bekantlich weitgehend freie Hand, was sich bei den talentierteren von ihnen (zu denen auch Stan Laurel zählte) positiv auf die Filme auswirkte.
Der einzige Unterschied zu seinen berühmteren Kollegen ist, dass Chase nie einen Langfilm gedreht hat. Das heisst: Eigentlich hat er schon, zwei, aber der eine ist verschollen und der andere wurde von Produzent Hal Roach boykotiert – eine undurchsichtige Geschichte, in deren Verlauf Chase (oder Charles Parrott, wie er mit bürgerlichem Namen hiess) von Roach gefeuert wurde.
In der Hoffnung, diesem heute fast völlig vergessenen Komödianten wieder zu etwas mehr Beachtung zu verhelfen, veröffentliche ich hier in lockerer Folge Berichte seiner stummen Kurzfilme.

Chases besten Komödien sind kleine Kurzfilm-Juwelen, die es mit den Werken seiner bekannteren Kollegen von anno dazumal locker aufnehmen können. Zu seinen besten Werken gehört unbestreitbar His Wooden Wedding, ein weiterer Chase-Kurzfilm, aus dessen Inhalt man problemlos einen Abendfüller machen könnte.

Charley heiratet Katherine – eine High-Society-Hochzeit, wie sie im Buche steht. Wenn da nicht Charleys „Freund“ wäre, der dem Publikum ziemlich bald als eifersüchtiger ehemaliger Nebenbuhler vorgestellt wird.
Dieser Freund macht Charley kurz vor dem Betreten des Traualtars glauben, die Braut hätte ein Holzbein. Ein paar Handgriffe und ein dummer Zufall überzeugen Charley vom Wahrheitsgehalt dieses Hinweises – in heller Panik sucht er das Weite. Der Nebenbuhler will noch mehr; unter dem Vorwand, das Familienerbstück zu Charley zurückzubringen zu wollen, luchst er Katherine den Ring mit dem wertvollen Diamanten ab, den Charley seiner Angebeteten einst geschenkt hatte.
Im Bemühen, den Ring einzustecken, wird er vom sturzbetrunkenen Charley überrascht und kann das Schmuckstück gerade noch in der Hutkrempe verstecken – allerdings erwischt er dabei Charleys Hut. Charley hat eine Seereise gebucht, um über sein Leid hinwegzukommen, schnappt sich seinen Hut und schlingert in Richtung Hafen – im Schlepptau: der Nebenbuhler.

Inzwischen deckt der Vater der Baut den fatalen Holzbein-Irrtum auf und hastet Charley mit Katherine hinterher.
Von da an läuft die Geschichte auf zwei Schienen weiter: Die eine zeigt das Hasch-mich-Spiel um den Ring, die andere die Verfolgung Charleys durch die Braut und ihren Vater.

Es klingt unglaublich, aber trotz der scheinbar voll beladenen Handlungsebene finden Chase und Regisseur McCarey immer noch Zeit, eine Vielzahl wunderbarer Kabinettstückchen einzubauen, charmante Szenen, die das Charisma dieses und vieler anderer Chase-Filmen ausmachen. Hier ist es u.a. eine Sequenz, in welcher Charley enteckt, dass über Bord geschmissene Hüte vom Fahrtwind wie ein Bumerang zurückgeblasen werden. Dabei wird nicht nur das komische Potential dieser Idee ausgeschöpft, sie stellt am Schluss den Bezug zur Haupthandlung wieder her, denn natürlich fliegt neben der Mütze des Kapitäns auch der Zylinder mit dem Ring über Bord, was für weitere Verwicklungen sorgt, in welche die Komödiantin Gale Henry als liebeshungrige alte Jungfer eingebunden wird.

His Wooden Wedding ist, wie die meisten Filme Chases keine Slapstick-Komödie, sondern kann als früher Verteter der Screwball-Comedy bezeichnet werden. Sie spielt im Upper-Class-Milieu, und der Ursprung der Komik ist ein im Grunde normaler Zeitgenosse, der plötzlich vor unvorhersehbare und absurd scheinende Widrigkeiten gestellt wird, die er meistern muss.
8,5/10

Die DVD: Die Bildschärfe ist gut, der Kontrast ebenfalls.

Die Musikbegleitung stammt von Neil Brand; seine Klavierbegleitung für den hier besprochenen Film gefällt mir absolut nicht, ich empfinde es als oberflächliches „Geklimper“, das sich nicht gross um das Geschehen im Bild kümmert.

Extras: Vier weitere Filme mit Charley Chase; ein Kurzfilm mit Charleys Bruder, James Parrott; eine kurze Chase-Biografie von Eric Lange.

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Nicht verfügbar.
USA: Der Film findet sich auf der Kompilation Charley Chase Collection 2 und wird von Kino on Video angeboten. Man bekommt die DVD direkt bei Kino, oder bei amazon.com (dort gibt’s die Scheibe ab und zu gebraucht für weniger Geld.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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