Neverwas (USA 2005)

USA 2005
Mit Aaron Eckhart, Ian McKellen, Brittany Murphy, Nick Nolte, William Hurt, Jessica Lange, Allan Cumming, Bill Bellamy, Vera Farmiga, u.a.
Drehbuch und Regie: Joshua Michael Stern
Dauer: 103 min

Inhalt / Hintergrund:
Ein Film mit einem seltenen Aufgebot grosser Namen – sie reichen von Ian McKellen über Nick Nolte, Jessica Lange, William Hurt, Aaron Eckart und Brittany Murphy bis zu Philip Glass, der für die Filmmusik verantwortlich zeichnete. Trotzdem lag Neverwas nach seiner Fertigstellung zwei Jahre auf Eis. Danach bekam er nicht etwa einen Kino-Starttermin, sondern wurde still und leise auf DVD herausgebracht (ich musste deshalb für den Aufmacher auf das graphisch grauslich gemachte amerikanische DVD-Cover zurückgreifen). Neverwas war kaum veröffentlicht und schon vergessen. Man könnte meinen, die Macher hätten die katastrophale Rezeption vorausgeahnt und dies im Filmtitel manifestiert.
Und nun kommt gabelingeber und empfiehlt den Streifen hier.

Doch zuerst zum Inhalt, der schwerlich zusammengefasst werden kann, ohne wichtige Wendungen zu verraten. Neverwas hat zwei Hauptcharaktere: Der Psychiater Zachary (Aaron Eckhart), der zu Filmbeginn eine neue Stelle in jener Klinik antritt, in welcher sein inzwischen verstorbener Vater (Nick Nolte), Verfasser des Kinderromanes „Neverwas“ jahrelang Patient war. Die andere Hauptfigur ist der Klinikpatient Gabriel (Ian McKellen), der behauptet, der König von Neverwas zu sein – ohne das Buch zu kennen. Eines Tages nähert er sich Zachary und stellt ihn zur Rede: Warum er denn erst jetzt komme? Es sei doch jetzt schon fast zu spät.
Zachary versteht nur Bahnhof; weder kennt er Gabriel noch begreift er – zunächst – den Zusammenhang mit dem Buch seines Vaters. Obwohl die Hauptfigur von „Neverwas“ seinen Namen trägt (Zachary), hatte er es stets abgelehnt, mit dem Buch in Verbindung gebracht zu werden. Doch schon bald zwingen ihn die Umstände, sich damit zu befassen – mehr, als ihm zunächst lieb ist…
Zuletzt gibt „der König“ Zachary den Geist von Neverwas zurück; dazu muss dieser aber zurück in seine vom Schrecken der Erwachsenen beherrschte Kindheit.

Neverwas lief nicht nur nie in den deutschsprachigen Kinos, er wurde ebenso nie im deutschsprachigen Fernsehen gezeigt. Bei uns ist der Film trotz Staraufgebot komplett unbekannt.

Mein Senf:
Das „Totschweigen“ dieses Films ist mir ein Rätsel. Natürlich ist Neverwas alles andere als ein publikumskonformer Film. Doch er ist weder unverständlich-avantgardistisch, noch kindisch, und auch das Attribut „dull“, mit dem es von einem Kritiker der amerikanischen Filmzeitschrift „Reel Film Reviews“ bedacht wurde, ist fehl am Platz. Neverwas unterhält nicht nur bestens, glänzt mit fabelhaften schauspielerischen Leistungen, berührt mit liebevoll gezeichneten Charakteren, er besitzt darüberhinaus eine thematische Tiefe, die über den gewöhnlichen Unterhaltungsfilm hinausgeht.

Vielleicht ist das Problem aber, dass sich das Werk in kein Genre richtig einordnen lässt; einmal mehr zeigt sich, dass manche Kritiker damit überfordert sind.
Liest man dagegen die vielen begeisterten Kommentare bei imdb.com aufmerksam durch, kommt man zum Schluss, dass das „gemeine Volk“ durchaus in der Lage ist, den Ernst und die Qualität eines Filmes zu begreifen, ohne ihn in eine Schublade einordnen zu müssen (dasselbe Phänomen lässt sich übrigens bei Dan Fogelmans ebenso schwer schubladisierbarem, von den Kritikern völlig missverstandenem Werk Life Itself beobachten).

Es stimmt, Joshua Michael Sterns Regieführung lässt zu wünschen übrig, und zumindest die Entscheidung des Regisseurs, in den ersten zwei Drittel alles durch einen Gelbfilter zu filmen, ist gewöhnungsbedürftig; doch das vergisst man, je länger der Film dauert. Zu gut ist die Geschichte aufgebaut und erzählt, zu packend gezeichnet die Charaktere, zu gut die Schauspieler und Schauspielerinnen – allen voran Sir Ian McKellen, der als irrer König eine Glanzleistung abliefert, die allein schon die Veröffentlichung des Films rechtfertigen würde.

Die überraschende Botschaft am Ende des Films beinhaltet nicht zuletzt eine deutliche Kritik an der gängigen Praxis in psychiatrischen Klinken, eine Kritik, die sich mühelos auf das gesamte vertechnologisierte, entmenschlichte Gesundheitswesen ausweiten lässt. Und da sich diese Kritik durchaus auf die hiesigen Institutionen anwenden lässt, erstaunt es doppelt, dass uns Neverwas bislang vorenthalten blieb.

Veröffentlichung / Verfügbarkeit:
Eine DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung gab es bei uns bislang nicht – ein Umstand, der nachgeholt werden sollte! Die US-DVD ist vergriffen. Die einzige Chance, Neverwas zu sehen, ist auf youtube, leider nicht in bester Bildqualität (siehe unten).

Das Drehbuch: 9 / 10
Die Regie: 7 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

Film ansehen
Der gesamte Film kann auf youtube in der englischen Originalfassung in annehmbarer Bildqualität angeschaut werden.

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