Die amerikanische Nacht (1973)

FILM DER WOCHE

LA NUIT AMÉRICAINE
Frankreich 1973
Mit Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Léaud, François Truffaut, Jean-Pierre Aumont, Valentina Cortese, Natalie Baye u.a.
Drehbuch: François Truffaut, Jean-Louis Richard, Suzanne Schiffman
Regie: François Truffaut
Musik: Georges Delerue
Der Film lief bei uns 1973 unter dem Titel Die amerikanische Nacht
Die deutsche DVD des Films ist leider vergriffen. Er kann hierzulande auch nicht gestreamt werden. Es gibt aber eine französische DVD mit deutschem Ton – sie kann hier bestellt werden.

Mit Truffaut konnte ich schon immer ungleich mehr anfangen als mit Godard. Beide stehen für den Beginn der „Nouvelle Vague“, Truffaut entfernte sich bald von deren Dogmatismus, Godard beharrte darauf und macht bis heute Filme, die keiner versteht. Über Truffauts La nuit américaine haben sich die beiden einstigen Compagnons endgültig zerstritten. Godard warf Truffaut „Unehrlichkeit“ vor, weil er sich von ihrer Grundidee, Film und Leben müsse „eine Einheit“ bilden, entfernte. Bis zu Truffauts Tod elf Jahre später, sprachen die beiden nicht mehr miteinander.

Was hatte sich Godard nur gedacht? La nuit américaine behandelt gerade das Thema Film und Leben, auf beinahe erschöpfende Art und Weise. Ein Film wird gedreht; drumherum pulsiert das Leben. Die Art, wie La nuit américaine gemacht ist, lässt das eine immer wieder ins andere übergehen – denn das gezeigte „wahre Leben“ ist ja auch wieder „nur“ ein von einem Regisseur inszenierter Film.
Truffaut schafft auf fast magische Weise das Kunststück, dieses „Leben hinter der Kamera“ und dessen Protagonisten „echt“ erscheinen zu lassen. Man glaubt, was man sieht – nicht nur, weil Truffaut den Regisseur selbst verkörpert (ein gerissener Schachzug!). Mit spürbar tiefer Menschenliebe und -kenntnis kreieren er und sein Drehbuchteam Figuren, die mittels kleiner, genauer Skizzenstriche „wahr“ werden, scharf beobachtet und genau wiederspiegelt. Truffauts Kunst ist nicht das untrennbare Verquicken von echtem Leben und Film, wie Godard dies predigte (er liess oft Streitereien die er mit seiner Frau hatte, am Tag drauf wortgetreu von seinen Schauspielern nachspielen), sondern das liebevolle Beobachten, das er mit künstlerischen Mitteln überzeugend wiederzugeben vermochte.

La nuit américaine ist die Chronik eines Filmdrehs. Für den Regisseur Ferrand (Truffaut) ist Film Leben. Als ordnende Hand im aufbrandenden kreativen Chaos des menschlichen Miteinanders am Set bleibt er stets distanziert, beobachtet und ermöglicht Begegnungen, Interaktionen, Beziehungen und nutzt diese bisweilen für seinen Film (ein Seitenhieb auf Kollege Godard?). Aus Amerika wird ein Star erwartet, Julie Baker (Bisset), die nach einem Zusammenbruch erstmals wieder filmt. Ebenfalls mit am Set: Zwei ehemals zerstrittene Altstars (Aumont und Cortese), eine resolute Assistentin (Baye), ein narzistischer Jungschauspieler (Léaud) und eine ganze Armada von Gesichtern und Typen, die, messerscharf getroffen, jeder für sich unvergesslich bleibt.

Truffaut inszeniert das kreative Chaos lustvoll mit den Mitteln der amerikanischen Screwball-Comedy. Alle reden schnell, durcheinander, aufgeregt, ständig platzt wieder einer mit einer katastrophalen Neuigkeit herein, die alles verändert; es gibt das Spiel mit den verwechselten Türen, den gewechselten Partnern und Identitäten; die hysterischen Ausbrüche fehlen ebensowenig wie die übertieben gezeichneten Nebenfiguren. Alles geht schnell und brüsk. Unvermittelt wird dann der Film wieder ernst. Und immer wieder sind wir wieder mitten im Dreh zu „Je vous présente Pamela“, wo Truffaut augenzwinkernd Tricks aus dem Filmbusiness verrät.

Ein unglaublich reicher, liebevoll gemachter Film im Film (im Film), der erstaunlich authentisch wirkt und die Zuschauenden von Anfang bis Ende gefangen nimmt

Die Regie: 10 / 10 – Mit unglaublich leichter Hand inszeniert, unprätentiös, bescheiden, und dabei derart eindringlich, dass man gewisse Figuren und sequenzen nicht mehr vergisst.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Mit viel Liebe zum Detail und scharfer Beobachtung ebenso leichthändig und unprätentiös wie die regie; Truffaut halt. Wunderbar liebenswürdig und doch entlarvend!
Die Schauspieler: 10 / 10 – Perfekt ausgesucht und punktgenau auf ihre Rollen passend, perfekt besetzt auch in den kleinen Nebenrollen.
Die Filmmusik: 10 / 10 – Von Georges Delerue – für mich einer der besten Filmkomponisten aller Zeiten!
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

THE BOXTROLLS
(dt.: Die Boxtrolls)
USA 2014
Mit den Stimmen von Ben Kingsley, Elle Fanning, Isaac Hempstead White, Nick Frost, Jared Harris, u.a.
Drehbuch: Irena Brignull und Adam Pava
Regie: Graham Annable und Anthony Stacci
Musik: Dario Marianelli und Eric Idle
Seltsam, wie manche gleichwertigen Filme zu unterschiedlichen Erfolgen führen. Während computeranimierte Familienfilme wie Inside Out oder Despicable Me 1-3 jedes Kind kennt, zucken die Leute beim Titel Boxtrolls mit den Schultern. Obwohl dieser problemlos an die anderen Streifen heranreicht! Liegt es daran, dass es sich um einen „Claymation“-Film handelt? Wohl kaum: Die Figuren und Settings sind so sophisticated und perfekt in Szene gesetzt wie man es sich nur wünschen kann. Die Geschichte ist kindgerecht… nur der Humor ist bisweilen ziemlich „erwachsen“.
Es geht um die „Boxtrolls“, kleine seltsame, in Schachteln lebende Wesen, die ihr Heinzelmännchendasein im Untergrund der Stadt Cheesebridge fristen. Sie werden von Archibald Snatcher, einem fiesen Emporkömmling zwecks Mehrung seines Status als üble Monster verteufelt und gnadenlos gejagt. Ein von den Boxtrolls angeblich entführtes Baby dient Snatcher als Aufhänger für seine Schauergeschichten, mit denen er ganz Cheesebridge in Angst versetzt. Als besagtes Baby eines Tages wieder auftaucht und Snachter Lügen staft, beschliesst dieser rasch die Boxtroll-Endlösung…
Ein atemberaubend gut gemachter, köstlich unterhaltender Animationsfilm, dessen Visionierung man unbedingt nachholen sollte, falls man ihn noch nicht kennt. Und zwar in der Originalsprache. Ben Kingsley als Archibald Snatcher ist ein Spektakel für sich, aber auch die Nebenfiguren sind grandios konzipiert, allen voran Snatchers drei Gehilfen, von denen zwei permanent philosophisch über Gut und Böse argumentieren (Nick Frost und Richard Ayoade), während der dritte, ein sadistischer Irrer (Tracy Morgan), kichernd die Drecksarbeit verrichtet. Und das alles in schönstem Cockney-English!
Ein absolut ausgefallener Animationsfilm, der vom Look bis zur Musik erstklassige Unterhaltung bietet.
Der kann auf Amazon Video gestreamt werden. Die DVD/ Blu-ray gibt es hier.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

ON THE DOUBLE
(dt.: Unternehmen Pappkamerad /General Pfeifendeckel)
USA 1961
Mit Danny Kaye, Dana Wynter, Wilfrid Hyde-White, Diana Dors, Margaret Rutherford u.a.
Drehbuch: Jack Rose und Melville Shavelson
Regie: Melville Shavelson
Musik: Leith Stevens
Der vergessene Film der Woche.
Ein weiterer Film, den man getrost wieder vergessen kann (nach Kid Millions von letzter Woche). Gut, On the Double ist unterhaltsam, entbehrt aber jeglicher Substanz. Der Doppelgänger eines englischen Generals, ein harmloser amerikanischer Soldat, wird für eine geheime Mission rekrutiert. Verwicklungen und Chaos folgen… man kennt das aus anderen Filmen. Was On the Double diesen voraus hat, ist der Schauspieler und Komiker Danny Kaye. Seine Kunst rettet das flache Filmchen und macht es Sequenzweise höchst vergnüglich. Der völlig untypische Kurzauftritt von Margareth Rutherford gehört ebenfalls zu den Highlights dieses Streifens.
Die Handlung wartet weder mit originellen Wendungen noch mit witzigen Dialogen auf; der Film wurde Danny Kaye auf den Leib geschneidert und vertraut ganz auf dessen enormes Talent. Fast ein bischen billig, würde ich sagen („Junge, wir brauchen uns nicht anstrengen, Danny wird das Kind schon schaukeln!“). Das tut er auch – der Film ruht zur Gänze auf seinen Schultern. Mit einem weniger begnadeten Akteur wäre der Film wohl nur schwer auszuhalten.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Silver River (dt.: Der Herr der Silberminen; USA 1948)

Lost Highway (USA 1997)

The Circle (USA 2017)

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