OTHELLO (1922)

Deutschland 1922
Regie: Dimitri Buchowetzki
Mit Emil Jannings, Werner Krauss, Lya De Putti, Ica von Lenkeffy u.a.
Dauer: 80 min

Shakespeare im Stummfilm – ist das nicht ein Wiederspruch in sich? Dimitri Buchowetzkis Othello beantwortet die Frage nicht, regt aber zu Gedanken zum Thema Literaturadaptionen an.

Der Stummfilm Othello benützt zwar Textpassagen Shakespeares als Zwischentitel, notwendigerweise fällt aber das Gros des Textes untern (Schneide)Tisch. Es bleibt das Gerüst der Handlung – und daraus haben Buchowetzki und sein Mit-Drehbuchautor Carl Müller-Hagen etwas Neues, Eigenes gemacht: Ein neues Kunstwerk, das Shakespeares Verse durch starke Bilder ersetzt; durch schöne Tableaus, durch Bewegungen, welche mittels raffinierter Choreographie von Bewegung und Schnitt harmonisch und fliessend erscheinen. Die Bilder und die Bewegungen der Akteure durch diese Bilder lassen eine ganz eigene, cinématografische Poesie entstehen und setzen sie jener des fehlenden Worten entgegen – ob dies gewollt ist oder nicht, sei dahingestellt. (Am Rande sei bemerkt, dass mich die Texttafeln mit der Zeit sogar stören, weil sie bisweilen etwas ungeschickt zwischengeschnitten sind.)

Es gibt Leute, die von cinémathografischen Literaturadaptionen absolute Buchstabentreue fordern. Da dies in einem Stummfilm von vornherein nicht möglich ist, stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser Forderung. Sie stellt sich nicht nur im diesem besonderen Fall, auch allgemein wird immer wieder darüber diskutiert, wobei literarisch Beflissene oft zu anderen Ergebnissen gelangen als cinématografisch Angehauchte. Ich kann sie nur für mich beantworten: Jene sklavischen Literaturadaptionen, die ich kenne, sind gleichzeitig blutleer und dürr. Und ich kenne einige. Ich sehe keinen Grund, weshalb aus einer Vorlage nicht was Neues entstehen soll/ darf. Die hier diskutierte Othello-Adaption jedenfalls weckt Lust, das Stück zu lesen – und das ist das höchste Lob, das man einer Literaturverfilmung aussprechen kann. Werktreue Umsetzungen wie etwa Schlöndorffs Stiller hingegen bewirken oft das Gegenteil.

Wie bereits angetönt, glänzt Buchowetzkis Othello durch herrlich arrangierte Tableaus und grandiose Bauten und Dekors. Die Schauspielerleistungen hingegen sind umstritten: Die Frauen bleiben blass, ebenso Theodor Loos’ Cassio. Die Darbietungen von Emil Jannings und Werner Krauss sorgen da für mehr Diskussionsstoff. Die beiden „Giganten“ der deutschen Schauspielergilde sind selten zusammen im selben Film zu bewundern.

Während Jannings, schwarz bemalt, seltsam blass bleibt, bis die Eifersucht an ihm zu nagen beginnt, überzeugt Krauss vom Beginn weg mit katzenhafter Geschmeidigkeit und Verschlagenheit. Er liefert seinen Part, den intriganten Iago mit sichtlicher Lust am Spiel ab; ich wurde das Gefühl nicht los, als Vorbild hätte ihm irgendein fetter Kater gedient, eine These, die zumindest durch die grotesken Schnurrhaare, die ihm an der Oberlippe kleben, untermauert wird. Jedenfalls ist es eine Freude, ihm beim Spielen zuzuschauen.
Neben ihm wirkt Jannings hölzern und plump, erst recht, als er den Eifersüchtigen mimen muss, ein Gemütszustand, den er mit rollenden Augen, aufgeblasenen Backen, gebleckten Zähnen und krampfhaften Zuckungen auszudrücken versucht. Jannings spielt den Othello wie ein Theaterschauspieler, der sich bemüht, bis zur letzten Reihe durchzudringen. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir ihn aufgrund dieses Films für einen Schmierenkomödianten halten.

Egal. Seine mimischen Entgleisungen können dem Film nichts anhaben. Die Bauten von Karl Machus und Fritz Kraencke, Krauss’ Spiel und Buchowetzkis Regie fesseln den Zuschauer von der ersten Minute weg. Auch wenn Othellos Ruf eher zweifelhaft ist, ich kann ihn fast vorbehaltlos empfehlen!

Die DVD-Ausgabe: Othello ist einer jener Klassiker des deutschen Stummfilms, die in Deutschland nie auf DVD erschienen sind. Kino on Video hat den Film in seiner amerikanischen Verleihfassung von damals herausgebracht, deshalb sind die Zwischentitel in Englisch. Das Bild stammt von einer 35mm-Kopie mit einigen Alterserscheinungen (Laufstreifen, Schmutzpartikel), die mich aber gemeinhin nicht zu stören pflegen. Die Bildqualität ist sehr gut, scharf und klar, und die Tiefenschärfe ist auch zufrieden stellend.

Die Musikbegleitung von Jon G. Mirsalis ist angemessen, aber etwas repetitiv, und mit zunehmender Filmdauer erweist sie sich als nicht besonders packend. Daran ändern auch die Schumann-Zitate nichts (aus dem Klavierkonzert), die aus mir unerfindlichen Gründen immer wieder erklingen.

Extras: Kino hat die DVD mit den enthaltenen Extras thematisch zu einer Shakespeare-Scheibe gemacht. So gibt es als Zugabe vier weitere Stummfilme, die einen Stoff des englischen Barden behandeln, Kurzfilme, die zwischen 1904 und 1911 entstanden sind; einer von D.W. Griffith (The Taming of the Shrew), einer von August Blom (Desdemona), und einen Pathécolor-Film mit Max Linder (Roméo se fait bandit).

Reginalcode: 0

Bestellung: Bestellen kann man den Film direkt beim Hersteller (Versandkosten nach Europa: $11). Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit Auslandbestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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