The Man in the Glass Booth (1975)

Diesmal war die Wahl des „Films der Woche“ echt schwierig! Drei praktisch gleichwertige, grandiose, völlig unterschiedliche Kinowerke habe ich gesehen; zuerst den wunderbaren Brooklyn, von dem ich überzeugt war, dass ich ihn zum „Film der Woche“ küren würde. Doch dann kam The Man in the Glass Booth, ein aufwühlendes Portrait eines zutiefst verstörten Mannes; und schliesslich Hitchcock’s Sabotage, den ich als einer seiner schwächeren Werke in Erinnerung hatte und feststellen musste, dass ich damit falsch lag.
Was nun? Alle drei Filme erreichen neun Punkte auf meiner Skala.
Ich gebe The Man in the Glass Booth den Vorzug; Brooklyn und Sabotage kennt man – über beide Filme wurde schon vieles geschrieben – The Man in the Glass Booth hingegen ist zumindest im deutschsprachigen Raum zu Unrecht völlig unbekannt. Es ist ein Film, den zu entdecken sich wirklich lohnt!

FILM DER WOCHE:


USA 1975
Mit Maximilian Schell, Lawrence Pressman, Lois Nettleton, Luther Adler u.a.
Drehbuch: Adward Anhalt nach dem Theaterstück von Robert Shaw
Regie: Arthur Hiller
Der Film wurde im deutschsprachigen Raum bislang nicht gezeigt.
Gleichzeitig ist er der „Film der Woche“ und „der vergessene Film der Woche“.

Eigentlich erstaunlich, dass dieses Kinowerk hierzulande nie zu sehen war: Er enthält eine der besten Film-Leistungen des österreichischen Schauspielers Maximilian Schell – wenn nicht sogar seine beste. Sie brachte ihm eine Oscar-Nomination ein. Allerdings verlor er gegen Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest. Ungerechtfertigterweise, wie ich finde. Nicholson ist zwar hervorragend in Kuckucksnest – aber an Schell reicht er nicht annähernd heran.

The Man in the Glass Booth ist die Verfilmung eines Theaterstücks des bekannten Schauspielers Robert Shaw (Der weisse Hai, Das Ding). Dass der mehrfach talentierte Engländer auch schriftstellerisch tätig war, wissen wohl die wenigsten Filmfreunde. Shaw verfasste mehrere Romane, Theaterstücke und Drehbücher (u.a. zu Joseph Loseys Figures in A Landscape dt.: Im Visier des Falken), womit er durchaus erfolgreich war.
Dass sein Name in diesem Film nicht in den Credits erscheint, hat damit zu tun, dass Regisseur Arthur Hiller (Trans-Amerika Express) mehr Gefühl im Film drin haben wollte und Drehbuchautor Edward Anhalt zu einigen wenigen Änderungen in dieser Richtung ermunterte. Shaw reagierte empört – sein Stück sollte nicht „verwässert“ werden – und verbot die Verwendung seines Namens. Als er jedoch den fertigen Film sah, empfand er die (minimalen) Abweichungen von seinem Stück als absolut stimmig; aber da war es zu spät, der Zusatz „nach einem Stück von Robert Shaw“ liess sich nicht mehr in die Credits einsetzen, da sämtliche Kopien des Films bereits gezogen waren.

The Man in the Glass Booth handelt vom jüdischen Architekten Arthur Goldman (Schell), einem in Amerika reich gewordenen Holocaust-Überlebenden. Der äusserst exzentrische Goldman, der in einem Penthouse hoch über New York thront und ein kleines Grüppchen Getreuer um sich schart, leidet unter Verfolgungswahn. Er glaubt, Dr. Dorff, sein Peiniger aus dem KZ, verfolge ihn und wolle „Besitz“ von ihm ergreifen. Goldman irritiert mit seinem „verrückten“ Verhalten und seinen scheinbar sinnlosen Monologen seine Umgebung und die Zuschauer.
Eines Morgens dringt ein bewaffneter Trupp des israelischen Geheimdienstes in seine Wohung ein und beschuldigt ihn, in Wahrheit SS-Führer Dorff zu sein, der sich bislang zum Schutz als jüdischer Architekt getarnt habe. Goldman bestätigt die Anschuldigung und stellt sich – in SS-Uniform – einem jüdischen Tribunal…

Die Hauptfigur des Films ist bis eine Minute vor Filmende kaum zu fassen. Und dann – mit dem Schlussbild – bleibt einem der Atem weg. Wer ist dieser Goldman/Dorff wirklich? Vor Gericht verteidigt er in flammenden Reden die Gräuel der Nazis, erklärt sie, rechtfertigt sie – es ist schier unerträglich.
Wie Schell das spielt, ist ein Ereignis. Mit einem anderen, weniger begnadeten Schauspieler hätte diese Parforce-Tour schnell peinlich werden können. Bei Schell erlebt der Zuschauer eine faszinierende Gratwanderung zwischen Abscheu, Mitleid und Fassungslosigkeit. Seine Besetzung der Rolle war ein absoluter Glücksgriff, denn mit dem Hauptdarsteller steht und fällt der Film.

Das Stück ist schwere und nicht einfach verständliche Kost. Goldman/Dorff ist in seinem Wahn keine Identifikationsfigur; seine selbstbezogenen Tiraden und Monologe erwecken auch nicht unbedingt Sypathie für die Figur; so zieht sich der erste Akt, in dem Goldman und seine Mitarbeiter/Gefolgsmann Charlie Cohn vorgestellt werden, bisweilen gehörig in die Länge. Trotz Goldmans scheinbar zusammenhangslosem Gelaber lohnt es sich allerdings, genau hinzuhören, denn die Tiraden enthalten Schlüssel zur Interpretation der Figur, die mit Beginn des zweiten Aktes immer rätselhafter und fremdartiger wird.
Dieser Teil raubt einem fast den Atem – punkto Schauspielkust und inhaltlich. Der Jude wird plötzlich zum Nazi. Die folgende Gerichtsverhandlung, während der Goldman/Dorff zum Schutz vor Angriffen in einen Glaskasten (der „Glass Booth“ des Titels) gesteckt wird, ist unglaublich spannend – obwohl nur geredet wird.

Die Änderungen, die der Autor schliesslich doch gut hiess sind zwei kurze non-verbale Sequenzen, die einem in der Tat die Tränen in die Augen treiben, zwei Vignetten, welche die Hauptfigur plötzlich in nochmals ganz anderem Licht erscheinen lassen und einen Interpretationsansatz beinhalten.
The Man in the Glass Booth mag vielen unverständlich oder zumindest schwierig ergründbar erscheinen. Doch man achte sich auf den Moment, wo Goldmans Mitarbeiter Cohn den Gerichtssaal verlässt und den allerletzten Blick der Kamera auf den „Mannes im Glaskasten“. Zusammen mit zwei, drei Äusserungen Goldmans aus dem ersten Akt ergibt sich da ein Sinn, der einem – ganz zuletzt – nochmals den Boden unter den Füssen wegreisst. Und einen den Hut ziehen lässt vor den Leistungen sämtlicher Beteiligter. Einen derart an die Nieren gehenden, im Gedächtnis auch ohne Gräuelbilder sich festsetzender Film über den Holocaust habe ich noch nie gesehen!

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: entfällt wegen „ist nicht“
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

SABOTAGE
(UK 1936)
Mit Sylvia Sidney, Oskar Homolka, John Loder, Desmond Tester, William Dewhurst u.a.
Drehbuch: Charles Bennet nach einem Roman von Joseph Conrad
Regie: Alfred Hitchcock
Musik: Hubert Bath, Jack Beaver und Louis Levy
In Sabotage finden sich einige Parallelen zu Hitchcocks erstem Tonfilm Blackmail. Die Auffälligste: Der Mord wird von einer Frau begangen. Und beide Male geschieht er in Notwehr (wobei das hier viel weniger klar ist als im älteren Film). In beiden Filmen geschieht der Mord relativ spät, hier fast am Schluss des Films.
Sabotage handelt vom Kinobesitzer Verloc (Homolka), der von einer nicht näher definierten Organisation angeworben wurde, um Sabotageakte zu begehen; London soll damit in Atem gehalten und von politischen Missetaten eines ebenfalls nicht näher definierten Landes abgelenkt werden.
Verlocs nächster Auftrag ist das Platzieren einer Bombe am stark frequentierten Piccadilly Circus. Davor schreckt unser Saboteur allerdings zurück: Menschen dürfen bei seinen Aktionen nicht zu Schaden kommen. Der Mittelsmann insistiert, Verloc sieht sich zu der Tat gezwungen. Um sich die Hände nicht schmutzig zu machen, schickt er Stevie, den jüngeren Bruder seiner amerikanischen Gattin (Sidney) mit der Bombe los….
Die typisch hitchcockschen Suspense-Momente ergeben sich diesmal aus dem stetigen Näherrücken des Zeitpunkts der Detonation der Bombe (der Zuschauer kennt diesen Zeitpunkt) und dem Umstand, dass Stevie auf seinem Botengang ständig aufgehalten wird; der kritische Zeitpunkt rückt immer näher.
Auffällig ist, wie spielerisch Hitchcock die grimmige Erzählung umsetzt: Bevor der arme Stevie in die Luft fliegt, kriegt er noch die Zähne geputzt und die Haare schön gerichtet; die Entdeckung des mörderischen Treibens des Ehemannes wird von einem Disney-Cartoon in Musical-Manier kommentiert; im Londoner Aquarium werden kreisende Fische in einem Schaukasten mit dem Verkehr am Piccadilly Circus überblendet; und ständig wird das Geschehen mit witzigen Sprüchen von Passanten kommentiert.
Überhaupt: Die ganzen Einstellungen und Kamerafahrten des Films sind genaustens komponiert und ausgeklügelt – aber immer mit einem spielerischen Aspekt. Hitchcocks Regieführung ist ein ständiges Ausprobieren und Experimentieren mit den Mitteln des Films.
Sabotage ist eine Meisterleistung filmischer Erzählkunst – schon damals hatte „Hitch“ es ‚drauf!
In den USA wurde der Film übrigens unter dem Titel The Woman Alone lanciert – mit ebenso mässigem Erfolg wie in England.
Der Film ist hierzulande auf DVD und Blu-ray erhältlich – z.Bsp. hier.
Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

BROOKLYN
(UK/Kanada/Irland 2015)
Mit Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson, Julie Walters, Jim Broadbent u.a.
Drehbuch: Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín
Regie: John Crowley
Musik: Michael Brook
Von den drei Filmen dieser Woche ist Brooklyn der unspektakulärste, leichteste. Trotzdem überrascht und überzeugt er mit künstlerischem Anspruch und Spitzenleistungen, die begeistern. John Crowley’s Regieführung ist so behutsam und feinsinnig, bisweilen so überraschend originell, dass das Zuschauen eine Freude ist. Ein Name also, den man sich merken sollte! Auch alle anderen Beteiligten liefern Hervorragendes ab.
Brooklyn erzählt von der scheuen jungen Irin Eilis (Ronan), welche in den 50er-Jahren von einem mit der Familie befreundeten irischen Pfarrer zur Auswanderung nach Amerika animiert wird. Brooklyn zeichnet nun das Auswandererschicksal in allen Stadien des Leids und der Freude nach: Die Überfahrt, der Kulturschock, das Heimweh, die erste Liebe, schlimme Nachrichten von zu Hause, die Rückkehr, der dadurch erweckte Zweifel, wo man hingehört…. Alles sehr unspektakulär, aber prägnant, grossartig gespielt, geschrieben, inszeniert – der Film ist eine Wohltat und eine Freude!
Auch wenn er hier nur an dritter Stelle steht: Unbedingt ansehen!
Der kann auf Amazon Video gestreamt werden. Die DVD/ Blu-ray gibt es hier.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Film des Monats Juni

Von den Filmen der Woche im Juni bekommt der jeweils von mir bestbewertete das Prädikat „Film des Monats“. Die „Filme der Woche“ im Juni waren:
Uzala, der Kirgise (1975)
Stranger on the Third Floor (1940)
Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern (2015)
Die verflixte Gastfreundschaft (1923)

DIE VERFLIXTE GASTFREUNDSCHAFT
(Our Hospitality, USA 1923)
Regie: Buster Keaton und John C. Blystone
Verflixte Gastfreundschaft – eine US-amerikanische Stummfilm-Westernkomödie von und mit Buster Keaton aus dem Jahr 1923. Hier setzte Keaton sein Bemühen um eine glaubwürdige Geschichte, in den Verlauf der Handlung eingebaute Gags sowie historische Authentizität erstmals konsequent um. Die Komödie stand somit im Gegensatz zu den allermeisten der damaligen Slapstick-Komödien und gilt daher in der Entwicklung der Filmkomödie als besonders bedeutsam. (Wikipedia)
Zum Artikel in diesem Blog
Den ganzen Film ansehen (youtube)

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Kid Millions (USA 1934)

In the Heath of the Night (dt.: In der Hitze der Nacht, USA 1967)

Captain Fantastic (dt.: Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück; USA 2016)

 

Die verflixte Gastfreundschaft (1923)

FILM DER WOCHE

(dt.: Die verflixte Gastfreundschaft)
USA 1923
Mit Buster Keaton, Natalie Talmadge, Joe Roberts, Joe Keaton, Jack Duffy u.a.
Szenario: Clyde Bruckman, Jean C. Havez und Joseph A. Mitchell
Regie: Buster Keaton und John G. Blystone
Der Film lief 1924 auch in den Deutschland – damals unter dem kryptischen Titel Bei mir – Niagara; spätere Editionen liefen unter Die verflixte Gastfreundschaft

Die deutsche DVD des Films ist vergriffen; es gibt aber eine sehr gute, restaurierte Fassung auf DVD von Kino Lorber, die über amazon.de bestellt werden kann.

Our Hospitality war Buster Keatons zweiter Langfilm – nach The Three Ages (dt.: Drei Zeitalter, 1922). War der erste noch eine geschickt konzipiertes Zwischending zwischen Kurz- und Langfilm, so war Our Hospitality bereits ein Meilenstein der langen Filmkomödie. Und noch heute erscheint er kein bischen angestaubt.

Grundlage der Geschichte ist die in Amerika legendäre Familienfehde zwischen den Hatfields und den McCoys. Die beiden Familien bekämpften sich über Generationen hinweg, indem eine Art „Blutrache“ zur Anwendung kam, welche sämtliche Nachfahren einschloss.
Bei Keaton heissen die Familien Canfield und McKay. Ihr Streit bildet das Zentrum des Werks, das mit einer Rückblende beginnt. Diese führt die Fehde in einem dramatischen Prolog ein und gibt den Ton vor, der den ganzen Film beherrscht. Dieser Auftakt mag das Publikum damals verwirrt haben – auch heutige Zuschauer werden davon überrascht sein: Man erwartet eine Komödie und bekommt höchste Dramatik und Spannung.

Nachdem die Rachegeschichte in ihren Grundzügen etabliert ist, springt der Film ins Jahr 1831, wo der junge Willie McKay (Keaton) in New York von einem Erbe erfährt. Er reist nach Süden, wo er das Grundstück seiner Familie in Besitz nehmen soll. Natürlich bekommen die Nachfahren der verfeindeten Familie Canfield Wind von der Sache und wetzen schon mal die Messer. Willie weiss nichts von der Fehde und begibt sich ahnungslos in höchste Gefahr.

Im Grunde ist Our Hospitality ein Rachedrama mit eingebauter Romeo-und-Julia-Geschichte – doch Keaton und seine Mitarbeiter machen eine Komödie daraus. Dabei bringen sie das Kunststück fertig, die komischen Elemente organisch in die ernste Handlung einzubauen. Oder besser: Die komischen Elemente aus der Handlung herauszudestillieren. Immer wieder werden an geeigneten Stellen Anlässe für Gags und komische Szenen aufgespürt und so genutzt, dass kein Bruch entsteht. Beispiel: Die berühmte, zum unfallen komische Zugfahrt mit der „Rocket“. Sie ist derart ausgedehnt, dass man ein Stagnieren der eigentlichen Erzählung befürchtet; doch Keaton nutzt die Fahrt geschickt, um die Romeo-und-Julia-Handlung zu etablieren, denn Willie McKay und die Canfield-Tochter (Talmadge) teilen sich eines der engen Zugabteile und kommen sich auf der ereignisreichen Fahrt näher.

Am Ziel angekommen, lädt die Canfield-Tochter Willie in das Heim ihrer Familie ein, ahnungslos, wen sie da ins Haus holt. Willie nimmt freudig an – was Vater Canfield und dessen Söhne grimmig schlucken müssen, denn ein altes Gesetz der Gastfreundschaft untersagt die Fortführung einer Fehde im eigenen Haus. Willie wird eingeweiht und erfährt, dass er nur geschützt ist, solange er sich im Hause Canfield befindet. Während die männlichen Canfields alles unternehmen, um Willie vors Haus zu spedieren, findet dieser immer neue Tricks, ihr Bemühen zu unterlaufen…

Im Gegensatz zum Vorgängerfilm wirkt Our Hospitality wie aus einem Guss. Keine Einstellung ist zuviel, keine Geste am falschen Platz, kein Gag am falschen Ort. Keaton hat damit eine der grossen und zeitlosen amerikanischen Filmkomödien geschaffen. Umso erstaunlicher, wenn man erfährt, dass die Crew ohne Drehbuch arbeitete. Der Film ist stringenter als mancher zeitgenössische drehbuchbasierte Film. Die endgültige Form erhielt er mit ziemlicher Sicherheit am Schneidetisch – wobei nicht zu eruieren ist, wer für den Cut zuständig war.

Die Produktion war – wie so oft bei Keaton – vom Unglück verfolgt: So erlitt Joe Roberts – der „Heavy“ aus Keatons Kurzfilmen – eine Herzattacke, welche die Dreharbeiten zum Erliegen brachten. Nachdem Roberts sich einigermassen davon erholt hatte, konnte weitergedreht werden, doch Our Hospitality wurde zum letzten Film des markanten Mimen: Joe Roberts verstarb kurz nach Abschluss der Dreharbeiten. Keatons damalige Ehefrau Natalie Talmadge musste ihre Schwangerschaft vor der Kamera verbergen, was zu erheblichen Schwierigkeiten führte. Und Keaton entging – einmal mehr – knapp dem Tod, diesmal durch Ertrinken. Während des Drehs im reissenden Fluss riss die Sicherheitsleine und er wurde durch die tückischen Stromschnellen gejagt. Eine Flussbiegung rette ihm das Leben.

Our Hospitality hat trotz seines hohen Alters nichts von seiner Spannung, von seinem Witz und von seiner Frische eingebüsst; der Film wird wohl noch vielen Generationen von Filmbegeisterten ein leuchtendes Beispiel für eine gelungene Filmkomödie sein.

Die Regie: 10 / 10 – Absolut funktional, schnörkellos und mit hervorragendem Timing inszeniert; damit wird eine umwerfende Mischung aus Spannung und Witz erreicht, die seinesgleichen sucht.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Obwohl kein Drehbuch vorhanden war und am Set viel improvisiert wurde, wirkt der Film wie aus einem Guss.
Die Schauspieler: 10 / 10 – Überzeugend bis in die kleinste Nebenrolle (darunter Keatons Vater Joe als Lokführer); nur die weibliche Hauptrolle ist etwas blass geraten.
Die Filmmusik: 10 / 10 – Die bekannteste Vertonung des Films stammt von Carl Davis, für kleines Orchester; sie ist schlichtweg grandios.
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

THE GAME
(dt.: The Game – Das Geschenk seines Lebens)
(USA 1997)
Mit Michael Douglas, Deborah Kara Unger, Sean Penn, James Rebhorn, Peter Donat u.a.
Drehbuch: Jim Brancato und Michael Ferris
Regie: David Fincher
Musik: Howard Shore
Um David Fincher kommt der Filmfreund wohl einfach nicht herum, auch wenn der Verdacht besteht, mit dem Hype um diesen Regisseur sei es nicht weit her.
Natürlich darf ein unvoreingenommener Filmfan nicht mit Vorurteilen operieren; obwohl mich Finchers Filme bislang nicht heftig interessiert hatten, sah ich mich zur Schliessung dieser Lücke genötigt und erkor The Game zu meinem ersten Fincher-Film. Ich bin nicht komplett begeistert, aber moderat beeindruckt.
Es ist nämlich so, dass Fincher in diesem Fall mit seiner Regie ein schwaches Drehbuch veredelt. Damit belegt er, dass er durchaus etwas kann. Seine Leistung in The Game genügt mir allerdings noch nicht als Erklärung für den oben erwähnten Hype. Dafür muss ich mir weitere Filme ansehen.
Mit genau bedachten Einstellungen und Kamerafahrten kühlt Fincher die überhitzte Handlung von The Game soweit herunter, dass dessen zahlreiche Unstimmigkeiten einem nicht mehr allzu schmerzhaft ins Auge stechen. In gedämpften Bildern dimmt er die Irrungen des hanebüchenen Drehbuchs auf ein erträgliches Mass herunter und erzeugt damit gleichzeitig eine permanente Atmosphäre von schleichender Bedrohung (die sich im Nachhinein allerdings als – SPOILER: Täuschung entpuppt). Die ganze Handlung ist somit ein einziges Wind-Ei. Ein gut gemachtes zwar, das aber trotzdem einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. SPOLIER ENDE.
The Game handelt vom Finanzhai Nicholas van Orten (Douglas), einem dauergenervten reichen Arsch…, der von seinem jüngeren Bruder Conrad (Penn) eine Mitgliedschaft der nebulösen Firma CRS zum Geburtstag erhält. Nicholas soll sich bei CRS melden und dann sehen, was passiert. Gesagt, getan: Nachdem ihm die Firma auch von mehreren anderen Geschäftsmännern empfohlen wurde (mit verschwörerischem Unterton), begibt sich Nicholas zum Sitz der Firma, um sich für „The Game“ „immatrikulieren“ zu lassen. Kurz darauf gerät sein Leben komplett aus den Fugen.
Nicholas und den Zuschauenden wird in diesem Film immer wieder der Boden unter den Füssen weggezogen – nichts ist, wie es scheint. Dass die Logik und der Realitätsbezug zu diesem Zweck von den Drehbuchschreibern immer wieder mal nach Belieben ausser Kraft gesetzt werden, wird mit zunehmender Filmdauer immer ärgerlicher. Das geht soweit, dass man der Firma hellseherische Fähigkeiten zuschreiben muss.
Fincher bemüht sich zwar nach Kräften, den ganzen Humbug mittels Inszenierung in der Realität zu verankern, glaubwürdiger wird die Geschichte dadurch allerdings nicht.
Der Film kann bei Amazon Video gestreamt werden. Alternativ erscheint demnächst es ein Blu-ray Steelbook (limited, vorbestellbar); der Film ist auch auf DVD oder Blu-ray bestellbar.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 7,5 / 10

MAYA
(dt.: Gefahr im Tal der Tiger)
USA 1966
Mit Clint Walker, Jay North, Sajid Khan, I. S. Johar, u.a.
Drehbuch: John Fante nach einer Novelle von Jalal Din und Lois Roth
Regie: John Berry
Musik: Riz Ortolani
Der „vergessene Film der Woche“:
Irgendwo in Indien: Der amerikanische Teenager Terry wartet vergeblich auf seinen Vater, den berühmten Grosswildjäger Hugh Bowen (Walker), der ihn am Bahnhof abholen sollte. Als er dessen Haus schliesslich zu Fuss erreicht, verhält sich der bewunderte, aber lange nicht gesehene Vater merkwürdig. Schliesslich haut der Junge ab und trifft auf den gleichaltrigen Inder Raji, der ihm das Leben rettet. Raji ist auf Geheiss seines verstorbenen Vaters mit einem weissen Elefanten und dessen Mutter Maya unterwegs; der weisse Elefant als heilig gilt, haben die Jungs bald einen üblen Verfolger am Hals…
John Berrys Film überzeugt mit wunderschönen Technicolor-Bildern (von Kameramann Günther Senftleben), die an Originalschauplätzen entstanden. Die Bilder sind denn auch so ziemlich das einzige, was an diesem Film wirlklich überzeugt. Die amerikanischen Schauspieler sind schlecht, allen voran der Western-Darsteller Clint Walker, der hier wie ein nach Indien transferierter Cowboy wirkt. Der Darsteller seines Sohnes, Jay North, ist schier unerträglich.
Das Drehbuch ist schwach, ohne richtigen Fokus, mit teils dümmlichen Dialogen…
Ein vergessener Film, den man getrost in der Vergessenheit belassen kann.
Es gibt eine amerikanische DVD des Films von Warner Archive Collection, die über amazon.de bestellt werden kann.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 4 / 10
Die Filmmusik: 5 / 10
Gesamtnote: 5 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Sabotage (UK 1936)

Brooklyn (dt.: Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten; UK, Kanada, Irland 2015)

Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern (2015)

FILM DER WOCHE

Kanada  2015
Mit Christopher Plummer, Martin Landau, Henry Czerny, Dean Norris, Jürgen Prochnow, Bruno Ganz u.a.
Drehbuch: Benjamin August
Regie: Atom Egoyan
Der Film wurde zuerst am Filmfestival Hamburg gezeigt und kam danach in die deutschsprachigen Kinos – unter dem umständlich-verschachtelten Titel Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern
Der Film ist als Blu-ray oder DVD erhältlich oder kann bei Amazon Video gestreamt werden.

Eigentlich darf über den Inhalt dieses Films praktisch nichts verraten werden. Höchstens das: Ein alter Mann, Zev Guttmann (Plummer), erwacht eines Morgens in seinem Zimmer und stellt fest, dass seine Frau verschwunden ist. Verwirrt tapst er zur Tür, und als er sie öffnet, steht er im Empfangsbereich einer Klinik. Eine Pflegerin tritt ihm entgegen und erinnert ihn dran, dass seine Frau vor einer Woche gestorben sei. Nun wissen wir: Zev ist in einem Alters-Pflegeheim und leidet an Demenz.
Dieser Beginn, der einen mit einem Cut vom vermeintlichen Eigenheim zum wahren Aufenthaltsort Zevs führt, ist charakteristisch für Atom Egoyans neusten Film. Darin ist vieles nicht, wie es scheint.

Zev hat einen Freund im Pflegeheim, Max Rosenbaum (Landau). Die beiden kennen sich aus Auschwitz – nur weiss Zev das natürlich nicht mehr. Zev wird nun vom an den Rollstuhl gefesselten Max mit einem gehemnisvollen Auftrag losgeschickt. Mit einem Brief ausgestattet schleicht Zev sich in einem unbeobachteten Moment aus dem Heim und verschwindet – spurlos für seine Angehörigen, aber nicht für die Zuschauer. Wir begleiten Zev auf einer Reise, die ihn schliesslich quer durch die USA führt. Wie ein ferngesteuerter Roboter wankt er mit seiner schriftlichen Anleitung durch Strassen und  Hotelkorridore, um „den Auftrag“ auszuführen, und man weiss nie, ob er das Geschehen um ihn herum überhaupt begreift oder nicht. Und jeden Morgen erwacht er ohne Erinnerung und muss zuerst wieder Max‘ Anleitung durchlesen.
Wie Zev tappt der Zuschauer zunächst ebenfalls im Nebel und begreift nicht ganz, was der alte Mann da überhaupt tun soll. Schliesslich wird der Aufrag immer klarer: Er dreht sich um Rache. Weil Max nicht mehr mobil ist, soll Zev seinen Racheplan ausführen. Max ist das Gehirn, Zev die Waffe. Wie in einem Superhelden-Film, aber mit Greisen.

Eine Rezension dieses Films ist ausserordentlich schwierig, weil man nicht zuviel preisgeben sollte. Remember entfaltet seine Wirkung am besten, wenn man ihn möglichst unbescholten betrachtet, ganz so wie Zev, der die Welt täglich neu entdecken muss. Deshalb nur soviel: Ich habe selten einen Film gesehen, der einen derart über moralische Begriffe wie „gut“, „böse“, „Schuld“, „Sühne“ und „Gerechtigkeit“ ins Grübeln bringt. Der die ganze Komplexität und Widersprüchlichkeit des Menschen, seine Unzulänglichkeit, seine gleichzeitige Gefährlichkeit und Verletzlichkeit derart überzeugend, fassbar und anregend dazustellen vermag. Mich zumindest wird er lange nicht mehr loslassen. Das ist weniger das Verdienst der Regie – die Inszenierung von Altmeister Egoyan ist leider punkto Qualität nicht auf derselben Höhe wie das Drehbuch – der einzige Wehrmutstropfen in diesem ansonsten perfekten Film.

Benjamin Augusts Drehbuch ist ein Wunderwerk. Da stimmt jeder Nebensatz, der verschachtelte Aufbau hält einen permanent wach, die Dramturgie stimmt ebenso wie die Figuren. Die moralischen Fragen werden nebenbei eingebaut ohne dass sie auch nur einmal verbalisiert werden müssen. Der Film wirft durch seinen Aufbau und die Handlung Fragen auf, die nicht mehr loslassen. Er setzt ein reifes, denkendes Publikum voraus – eine weitere Stärke. Nichts wird zwei Mal erklärt, Wichtiges ist subtil eingestreut, für jene, die sehen und hören und mitdenken können und wollen.

Christopher Plummer und Martin Landau – zwei meiner absoluten Lieblingsschauspieler im gleichen Film! – tragen das Drehbuch, das seine zwei Hauptfiguren zu wichtigen Stützen ausbaut. Sie brennen sich mit ihrem intensiven Spiel regelrecht ein ins Gedächtnis der Zuschauenden, verschmelzen mit ihren Rollen.

Remember stellt Fragen, beunruhigende Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Er reisst einen heraus aus scheinbaren Gewissheiten, in denen man sich das eigene Leben gemütlich eingerichtet hat.
Vielleicht schlägt ihm deshalb – neben einer guten Portion Wohlwollen- auch viel Ablehnung entgegen.

Die Regie: 7 / 10 – Leider, leider ist Egoyans Regieführung nicht auf gleicher Höhe mit dem Drehbuch. Es gibt einige fast ärgerliche Mankos (etwa die sprachlichen Schludrigkeiten beim deutschen Akzent der beiden Hauptfiguren), aber zum Glück hält das Drehbuch diese aus.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Grandios! Spannend und tiefgründig zugleich. Eines der sorgfältigst ausgeklügelten und aufgebauten Drehbücher, die ich kenne. Ich bin begeistert! Schade, dass die Regie nicht überzeugt!
Die Schauspieler: 10 / 10 – Plummer und Landau – da kann nichts schief gehen. Sie schaffen zwei unvergessliche Leinwandfiguren – einmal mehr! Auch der Rest der Crew überzeugt.
Die Filmmusik: 9
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

JOE VERSUS THE VOLCANO
(dt.: Joe gegen den Vulkan)
USA 1990
Mit Tom Hanks, Meg Ryan, Lloyd Bridges, Dan Hedaya, Ossie Davis, Abe Vigoda u.a.
Drehbuch und Regie: John Patrick Shanley
Diesen Film hatte ich damals geliebt. Die Kritiker nicht. Darauf ist er in der Versenkung verschwunden.
Nach fast dreissig Jahren wage ich ein Wiedersehen. Und stelle fest: Ich liebe den Film noch immer!
Die blinde Begeisterung meiner Jugend ist jedenfalls einer kritischen Sicht gewichen und ich entdecke nun einige deutliche Mängel – vor allem im Mittelteil, wo der Film zeitweise total in sich zusammenfällt und fade wird; wo die Dialoge bedeutungsschwanger verquast werden. Die schauspielerische Leistung von Meg Ryan (in einer Dreifachrolle) lässt stark zu wünschen übrig. Und einige Szenen sind zu dick aufgetragen.
In der Gesamtsicht überzeugt mich John Patrick Shanleys Regie-Erstling trotzdem noch immer. Shanley, ein Theatermann, der gelegentliche Ausflüge zum Film macht – zuletzt 2008 mit Doubt (dt.: Glaubensfrage), seiner zweiten Regiearbeit – tischt uns hier ein Märchen auf, das er mit viel Kulissenzauber ausstaffiert und dabei unvergessliche, bezaubernd schöne Bilder kreiert.
Der vermeintlich todkranke Hypochonder Joe Banks (Hanks) wird vom reichen Fabrikanten Graynamore (Bridges) angeheuert, auf eine Südseeinsel zu reisen, um dort in einen Vulkan zu springen. Unterwegs darf er soviel Geld auszugeben, wie er will. Verrückt? Ein Märchen.
Das Schönste an Joe Versus the Volcano sind die Bilder; zusammen mit der fantastischen Filmmusik treffen sie mitten ins Herz, tragen den ganzen Film über all seine Mängel hinweg und sagen mehr aus, als Shanley in seinen bisweilen gewollten Dialoge ausdrücken kann. Sie sind Kinomagie pur!
Ich kann die Ablehnung, die dem Film damals entgegengebracht wurde, heute durchaus nachvollziehen. Wer filmischen Kulissenzauber als Kitsch abtut, muss den Film hassen. Wer die poesie dahinter wahrzunehmen imstande ist, wird ihn lieben.
Der Film kann bei Amazon Video gestreamt werden.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 8,5 / 10

BARAKAH YOQABIL BARAKAH
(dt.: Barakah Meets Barakah)
Saudi-Arabien 2016
Mit Hisham Fageeh, Fatima Al Banawi, Sami Hifny, Khairia Nazmi u.a.
Drehbuch und Regie: Mahmoud Sabbagh
Saudi-Arabien ist ein Ein-Kino-Land. Will heissen: Es gibt genau ein Kino dort. Der Saudische Film? Praktisch inexistent.
Bis jetzt jedenfalls. Mahmoud Sabbaghs Liebeskomödie Barakah Meets Barakah schafft erfolgreich Abhilfe – sein Film war schon an zahlreichen Festivals zu sehen (u.a. letztes Jahr in Berlin), auch den Sprung in die Kinos benachbarter Länder hatte es die flockige Satire geschafft; nur im einzigen Kino Saudi-Arabiens lief er bislang noch nicht. Und so wird es wohl in nächster Zukunft bleiben. Die Saudis dulden keinerlei Regimekritik.
Genau diesen nationalen Misstand greift Regisseur Sabbagh auf. Er entlarvt die rigide Auslegung islamischer Gesetze des Staates mittels einer Liebesgeschichte – mit etwas im Kino Alltäglichen also. Dass er dabei Vorsicht walten lassen musste, leuchtet ein: Vieles in diesem Gesellschaftsporträt wirkt beschönigt.
Der Film zeichnet ein unaufgeregtes Bild der Saudischen Alltags. Damit wirft er bei uns Westlern natürlich Fragen auf, die beantwortet sein wollen, will man nicht an der Oberfläche kleben bleiben. Bohrt man ein wenig nach Informationen, wird einiges des Gezeigten klarer und verständlicher. Und man lernt, Sabbaghs Courage und Effort zu schätzen – ebenso wie sein schön konzipiertes, bisweilen maliziöses Drehbuch.
Barakah, der in seiner Freizeit als Teilzeit-Sittenwächter amtet, verliebt sich in die freigeistige Bibi, die einen erfolgreichen Instagram-Account betreibt und die in Wahrheit ebenfalls Barakah heisst. Die beiden versuchen verzweifelt, sich näher zu kommen – doch wie stellt man das an in einem Land, in dem die Zusammenkunft zwischen Frau und Mann in der Öffentlichkeit unter Strafe verboten ist, wenn die beiden weder verheiratet noch verlobt sind? Ihre geplanten Treffen an versteckten Orten werden zu Spiessrutenläufen, die immer wieder wegen Nichtigkeiten platzen. Verlieben ist nicht, so das bittere Fazit des Films – Verbindungen zwischen Mann und Frau werden von den Eltern befohlen.
Sabbaghs Regimekritik erfolgt zwischen den Zeilen. Erkennt man sie richtig, erscheint ein erschreckendes Bild Saudi-Arabiens auf: Es ist das Bild eines Landes, in dem das Natürlichste der Welt – die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau – in Angst erstickt, mit Verboten belegt und somit abgewürgt wird. Das ist eine Leistung – mit einem scheinbar harmlosen Film allen Kritik-Verboten zum Trotz eine derart anklagende Aussage zu machen.
Der Film kann im Online-Kino von trigon-film gestreamt werden.

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: Wertung entfällt wegen „ist nicht“!
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Our Hospitality (dt.: Die verflixte Gastfreundschaft; USA 1923)

Maya (dt.: Gefahr im Tal der Tiger; USA 1966)

The Game (dt.: The Game – Das Geschenk seines Lebens; USA 1997)