Hidden – Die Angst holt dich ein

Alles ist im Fluss: gabelingeber hat mal wieder das Blog-Konzept geändert. In Zukunft (fragt sich bloss, wie lange…) soll derjenige Film an prominenter Stelle stehen, der ihm in der laufenden Woche am besten gefallen hat – und nicht mehr eine Entdeckung aus der Vergangenheit. Der Rest der visionierten Filme wird unter der Rubrik „Kurzkritiken“ abgehandelt – in absteigendem Gefälligkeitsgrad. So präsentiert sich dem regelmässigen Blogleser wöchentlich ein empfehlenswerter Titel.

HIDDEN
USA 2015
Mit Alexander Skarsgard, Andrea Riseborough, Emily Alyn Lind, u.a.
Drehbuch und Regie: The Duffer Brothers
Der Film kam im deutschsprachigen Raum nicht in die Kinos, sondern wurde unter dem Titel Hidden – Die Angst holt dich ein direkt auf DVD veröffentlicht.

Im Horrorgenre bin ich kaum bewandert. Ich mache mir nichts aus Schocks und Gore. Auch Zombies interessieren micht kaum. Trotzdem gibt es immer mal wieder Vertreter des Genres, die mich aufhorchen lassen. Wie Hidden. Bei genauer Betrachtung stellt sich allerdings die Frage, ob Hidden überhaupt ein Horrorfilm ist.
Da geht es um eine Familie (Vater, Mutter, Kind), die sich in einem Luftschutzbunker versteckt. Seit Monaten harren sie da unten in der Düsternis aus, haben sich zwischen Beton und Stahl ein alternatives Leben eingerichtet. Es geht ums nackte Überleben, denn draussen ist etwas, etwas Schreckliches vor dem man sich verstecken muss.

Der Zuschauer tappt lange im Dunkeln, bekommt durch die Gespräche zwischen Eltern und Kind Häppchenweise mit, was geschehen ist, und das macht Hidden ungemein spannend. Die Handlung setzt ein, lange nachdem sich das Leben im Bunker etabliert hat und für die Eingeschlossenen zur „Normalität“ geworden ist. Man wird langsam eingeweiht, das Bild vervollständigt sich zunehmend im Fortgang der filmischen Erzählung. Nebenbei wird die Frage aufgeworfen, was ein „gutes Leben“ sei. Wir erleben ein westliche Mittelstandsfamilie, die plötzlich all ihrer Privilegien beraubt wird und nur noch mit dem Allernötigsten auskommen muss. Dieses Allernötigste erscheint ihnen unter den gegebenen Umständen als Segen – schliesslich leben sie noch um haben in ihrem Versteck Ruhe vor dem Unaussprechlichen. „Oben“ ist eine Seuche ausgebrochen, eine Seuche, welche die Menschen zu Monstern – sogenannten „Breedern“ –  hat mutieren lassen.

Zunächst nimmt man Teil am Alltag der drei Flüchtlinge. Die Situation im Kleinen wie im Grossen wird herauskristallisiert. Gleichzeitig wird die Psychologie der vielleicht letzten Überlebenden scharf umrissen. Das ist ungemein spannend, obwohl äusserlich nichts geschieht. Geschickt bauen die Filmemacher ihre Erzählung auf mehreren Ebenen auf und legen den Grundstein für das, was danach kommt.

Eine verirrte Ratte im Bunker ist Schuld, dass die Situation plötzlich aus dem Ruder läuft. Von einem Augenblick zum nächsten steigt die Gefahr einer Entdeckung, denn die Aufmerksamkeit der „Breeder“ scheint auf geradezu unheimliche Weise gesteigert zu sein. Und tatsächlich: Der Bunker wird entdeckt. Und dann gibt es kein Halten mehr.

Genau in dem Moment, wo ich dachte: So, das war’s nun, jetzt fällt das so kunstvoll aufgebaute Gerüst und die ganze sorgfältig austarierte Figurenpsychologie in sich zusammen und der Film artet in eine adrenalingesättigte Verfolgungsjagd aus – genau in dem Moment warten die Filmemacher mit einem schlauen Twist auf.

Steht im ersten Teil die Psychologie, das von drei Schauspielern getragene intensive Kammerspiel im Zentrum, so ist es im zweiten Teil die Action, die dominiert. Doch auch diese ist nie reiner Selbstzweck, denn ab hier beginnt man, das im ersten Teil Erfahrene neu zu überdenken.
So, mehr will ich jetzt der Fairness halber nicht verraten und Hidden nur noch zur Ansicht empfehlen. Der Film, ein höchst interessanter Mix aus Horrorfilm und Kammerspiel, stammt von Matt und Ross Duffer, bekannt als „die Duffer Brothers“, dieselben, welche auch für die derzeit erfolgreiche Netflix-Mystery-Serie Stranger Things verantwortlich zeichnen.

9 / 10

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Kurzkritiken


GESTERN, HEUTE, MORGEN

(OT: Ieri, oggi, domani)
Italien 1963
Mit Sophia Loren, Marcello Mastroianni, Aldo Giuffré, u.a.
Drehbuch: Eduardo De Filippo, Cesare Zavattini u.a.
Regie: Vittorio De Sica
Einer jener typischen Episodenfilme, die in den Sechzigerjahren in Italien „in“ waren. Im Mittelpunkt jeder Episode steht eine (von der Loren gespielte) Frau.
Die erste Episode heißt „Adelina“ und handelt von einer Frau und Mutter in Neapel, die einer Gefängnisstrafe wegen Schmuggels nur entgehen kann, wenn sie permanent schwanger bleibt. Ehemann Mastroianni ist schwer gefordert…!
Teil 2, „Anna“, zeigt einen Ausflug einer reichen, gelangweilten Fabrikantengattin mit einem Schriftsteller.
Teil 3: „Mara“ ist eine Prostituierte, die einen notgeilen Kunden permanent vertrösten muss, weil ständig irgendwas dazwischenkommt.Der Film legt mit der ersten Episode einen fulminanten Start hin. Sie sprüht nur so vor Leben, die Erzählung ist witzig und das Milieu ist fabelhaft gut getroffen.
Leider enttäuscht der Rest des Films. Die letzte Episode ist zwar auch ganz unterhaltsam, doch hier lahmt das Drehbuch. Cesare Zavattini, aus dessen Feder auch die schwache zweite Episode stammt, hat offensichtlich Mühe mit dem Fokus. Man weiß nie so richtig, was nun eigentlich im Zentrum der Geschichte steht und das Lavieren ermüdet auf Dauer.Dank dem wechselvollen Spiel der beiden Hauptdarsteller gewinnt aber auch noch die schwächste Episode. Der Film zeigt deutlich, wie fabelhaft vielseitig die Loren und der Mastroianni waren. In jeder Episode verwandeln sie sich in völlig andere Charaktere. Zudem waren beide grandiose Komödianten!
7 / 10


DIE HÜTTE – EIN WOCHENENDE MIT GOTT

(OT: The Shack)
USA 2017
Mit Sam Worthington, Octavia Spencer, Radha Mitchell u.a.
Drehbuch: John Fusco, Andrew Lanham und Destin Cretton nach dem Buch von William P. Young
Regie: Stuart Hazeldine
„Brot backen mit Gott! Über’s Wasser laufen mit Jesus! Gönnen sie sich ein Wellnesswochenende mit der Dreifaltigkeit!“
So könnte der Werbeslogan dafür lauten, was in diesem Film gezeigt wird.
Doch von Anfang an: Während Mack Phillips seinen Sohn vor dem Ertrinken rettet, wird seine jüngste Tochter entführt und umgebracht. Schon die Ausgangslage mit ihrer Konstruiertheit macht stutzig. Doch es kommt noch dicker!
Nach dem Tod der Tochter fällt Mack in eine tiefe Depression. Da erhält er eine schriftliche (!) Einladung – von Gott. Mack soll zur Hütte zurückkehren, in der seine Tochter ermordet wurde, an den Ort, den er in schrecklichster Erinnerung hat. Er tut es – wider jede Vernunft.
Und dort trifft er nun – Gott. In (natürlich!) weiblicher Form; in Form der schwarzen Schauspielerin Octavia Spencer. Sie backen Brot zusammen. Mack stellt Fragen, Gott/Octavia beantwortet sie weise.
Jesus ist auch da, und der heilige Geist ebenso. Das ganze „Wochenende mit Gott“ ist in Bilder gefasst, die aus der Werbung einer Wellnessfarm stammen könnten. Die ganze Zeit wird weise gemurmelt, über Themen sinniert wie: „Weshalb lässt Gott Gräueltaten zu?“ Und auf jede Frage gibt es eine Antwort.
Es gibt bedenkenswerte Aussagen in diesem Film. Doch das Ganze kommt derart selbstgerecht daher, dass es fast nicht erträglich ist. Im Film – und in der Buchvorlage wohl ebenso – gibt Gott selbst die Antworten. Das Buch wurde aber von einem Menschen geschrieben. Einem Menschen, der offensichtlich weiß, wie Gott denkt und tickt. Wer das von sich glaubt, ist anmassend. Und da wird es für mich abstossend.
Der ganze Film ist eine Lektion in Frömmigkeit, bunt und plakativ umgesetzt, auf dem Niveau eines amerikanischen Fernsehgottesdienstes. Die Schauspieler sind samt und sonders – und sichtlich – von der schwierigen Aufgabe überfordert.
Ogottogott!
2 / 10

Abgebrochen:
– Guardians of the Galaxy, Vol.2
(James Gunn, USA 2017): Keinerlei vernünftige Handlung, die Schauspieler unter Latex und zentimeterdick Schminke begraben, der allseits gepriesene Humor gewollt, verkrampft, kaum der Rede wert. Die Story vom gottgleichen Vater des Helden ein Bockmist sondergleichen… Nee danke!
The Constant Nymph (dt.: Jungfräuliche Liebe / Liebesleid; Edmund Goulding, USA 1943): Oh wow! Charles Boyer, Joan Fontaine und Peter Lorre in einem in der Schweiz spielenden Backfisch-Drama. Chees-y!

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Gedankensplitter

Das Drehbuch
Regisseure werden von der Filmkririk im allgemeinen für alles gelobt oder gerügt, was an einem Film gelungen oder misslungen ist. Dass sie für wichtige Aspekte gar nicht verantwortlich sind, wird gemeinhin übersehen; zu stark hat sich die in den 50er-Jahren geprägte, romantisierende Vorstellung vom „cinèma auteur“, vom Autorenfilm, in den Köpfen festgesetzt.
Dem Regisseur kommt üblicherweise keinerlei Verdienst für das dramaturgische Gerüst zu, es sei denn, er hätte am Drehbuch mitgearbeitet. Trotzdem liest man immer wieder Kommentare, wie jenen in der neusten Ausgabe unseres Lokalblattes zu Mick Jacksons Film Denial. Da beklagt sich der Filmkritiker über das Ende des Films und lastet das angebliche Misslingen dem Regisseur an. Dann holt er zu einem Rundumschlag aus: Jacksons letzter bekannter Film Bodyguard liege ja inzwischen über zwanzig Jahre zurück, seither hätte der nichts „Gescheites“ mehr gedreht und auch Bodyguard sei schon schnulzig gewesen. Was für eine Meisterleistung journalistischen Durchblicks! Dass Jackson in England zwischenzeitlich zahlreiche Fernsehfilme inszeniert hat, die hier gar nicht zu sehen waren, kümmert den Lokal-Kritiker nicht. Weshalb weiss er, dass sie „nichts Gescheites“ waren? Hat er sie wirklich gesehen? Mick Jackson ist kein herausragender Regisseur, aber ihm die Schwächen des Drehbuchs anzulasten zeugt von filmjournalistischer Inkompetenz. Genausowenig kann man dem Regisseur die Stärken eines Drehbuchs gutschreiben. Aber die meisten Filmkritiker tun genau das. Sie vermögen nicht zwischen dem Stoff und seiner Inszenierung zu unterscheiden.
Sehr schön lässt der Einfluss des Drehbuchs in Filmen wie dem oben erwähnten Ieri, oggi, domani von Regisseur Vittorio de Sica belegen, den man als Pflichtstück für angehende Filmjournalisten erklären sollte: Der Film hat drei Episoden, zwei Drehbuchautoren und einen Regisseur. Die erste Episode perlt und pulsiert vor Witz und Lebendigkeit, die anderen beiden kommen mit ihrer Handlung einfach nicht zu potte. Sie haben kein erzählerisches Zentrum und mäandern von einem Thema zum andern. Die erste Episode stammt von einem anderen Autor als die beiden letzten. Gegen deren Drehbuch-Schwächen kann auch der Regisseur wenig ausrichten.

Die Thronfolgerin- Young Bess, 1953

gabelingeber gräbt diese Woche einen sehenswerten, aber vergessenen Hollywood-Ausflug ins britische Königreich aus. Neben den üblichen „Filmschnipseln“ gibt es einen Gedankensplitter zum Thema „Kinokultur anderswo“. Viel Spass bei der Lektüre!

YOUNG BESS
USA 1953
Mit Jean Simmons, Stewart Granger, Deborah Kerr, Charles Laughton, Kay Walsh, Guy Rolfe u.a.
Drehbuch: Jan Lustig und Arthur Wimperis nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Irwin
Regie: George Sidney
Der Film lief 1954 auch im deutschsprachigen Raum in den Kinos – unter dem Titel Die Thronfolgerin.

1953 blickte die Welt nach England – genauer: ins englische Königshaus. Damals wurde Elisabeth II zur Queen gekrönt – ein Ereignis, das schon Jahre voraus hohe Wellen warf. Hollywood sprang dankbar auf den „Royalty-Zug“ auf und verfilmte das Leben der jungen Queen Elisabeth I, Tocher Heinrichs des Achten und Anna Boleyn. Young Bess deckt die Zeitspanne von ihrer Geburt bis zum Moment ihrer Krönung ab.

Young Bess ist also ganz ein Kind seiner Zeit; heute gehört er zu den vergessenen Filmen MGM-Studios. Und trotzdem vermag er, 64 Jahre nach seiner Entstehung, noch immer zu packen und zu faszinieren.
Obwohl ihm keine besondere filmhistorische Bedeutung zukommt und er keine Botschaft transportiert, vermag er glänzend zu unterhalten. Sein Grundthema – die Liebe eines Mannes für zwei Frauen – gehört zudem seit der Erfindung des Kinos bis heute zu den Dauerbrennern der Traumfabrik.

Young Bess versammelt die damalige „Crème de la crème“ der britischen Schauspielergilde: Jean Simmons, Deborah Kerr und Charles Laughton führen ein Ensemble an, das bis in die hinterste Nebenrolle mit hervorragenden englischen Mimen besetzt ist. Stewart Granger ist der einzige, dem man das Attribut „gross“ absprechen könnte. Der gebürtige Brite hält mit dem Rest der Truppe allerdings überraschend gut mit! Der Mann war gar nicht so schlecht, wie ihm immer nachgesagt wird!
Der einzige Nicht-Brite im Film ist der damals elfjährige Rex Thompson, der den Part des kindlichen König Edward inne hat; der Kleine stellt den Rest der Crew fast in den Schatten: Sein britischer Akzent wirkt nicht nur täuschend echt, er schafft es sogar, seiner Sprachfärbung jene pompöse Umständlichkeit zu verleihen, die man vom einem Mitglied des Königshauses erwartet. Ich vermute, Charles Laughton hat ihm Schauspiel-Tipps gegeben, denn der Kleine agiert bisweilen wie eine Miniausgabe des großen Briten (der im Film dessen Vater spielt).
Jean Simmons ist schlichtweg brillant in der Titelrolle. Sie spielt den Part mit solcher Lebendigkeit, dass die Leinwand, bzw., der Bildschirm schier in Flammen steht. In ihrer großen Szene mit Laughton, wo sie sich dem König-Vater widersetzt, sprengen die beiden Vollblut-Mimen fast die Leinwand.

Dem Drehbuch wird zwar Geschichtsverfälschung vorgeworfen, doch sind Kritiker fast einhellig der Meinung, dass Jan Lustig und Arthur Wimperis derart gute Arbeit abgeliefert haben, dass man dies verzeihen könne. Ihre Dramatisierung des historischen Stoffes geht erzählerisch geschickt vor und reichert die Geschichte mit interessanten Nebenfiguren und geschickt eingeflochtenen Episoden zu einem schlüssigen Ganzen. Und Regie-Allrounder George Sydney („Sow Boat“, „Kiss Me, Kate“) bringt das alles mit sicherer Hand und Sinn für räumliche Wirkung zum Leben. Young Bess ist die beste Regieleistung, die ich von ihm bisher gesehen habe. Unterstützt wird er vom damals bei MGM omnipräsenten Cederic Gibbons, der für die grandiosen Bauten zuständig war und von Walter Plunkett, der die herrlichen Kostüme entworfen hat.

Das Ganze ist, in herrlichstem Technicolor, heute noch so lebendig wie damals, als Royalty Trumpf war.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist Young Bess als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

9 von 10

=> Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot). Verkauft!

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Filmschnipsel:


SHAUN, DAS SCHAF – DER FILM
(OT: Shaun the Sheep Movie)
GB 2015
Drehbuch und Regie: Mark Burton und Richard Starzak
Eigentlich wollte ich in diesen Film nur mal kurz ‘reingucken. Aus Nostalgie, denn früher fand ich die Aardman-Filme («Wallace & Gromit») ganz toll. Ich erwartete nichts, denn Shaun, das Schaf ist doch eine Kinderserie, oder?
Der Film hatte mich im Nu erobert. Ich blieb hängen. Und nicht nur das: Nach und nach kamen weitere Familienmitglieder (mein erwachsener Sohn und meine Frau) herein – und verliessen den Filmraum bis zum Schluss nicht mehr.
Ein glänzender Animationsfilm! Dass Aardman in der Zeit der überbordenden, alles verschlingenden Computeranimation noch immer abendfüllende Plastilin-Filme macht, wusste ich gar nicht. Auf jeden Fall setzen sie hier ein brilliantes Gegengewicht. Shaun das Schaf – Der Film lebt von dem, was Aardmans Filme immer ausgemacht hat: Von unglaublich skurrilen, schrägen Einfällen, typisch britischem Understatement und liebevoller Handarbeit. Und von wegen «Kinderfilm»!
Die Schafe rund um Shaun langweilen sich, der Bauer langweilt sich, sogar die Spinne im Dachgebälk langweilt sich: Täglich der gleiche öde Trott. Die Schafe beschliessen, daraus auszubrechen und sich mal im Haus des Farmers eine Auszeit zu gönnen. Zu diesem Zweck wollen sie den «Herr und Meister» ausser Hauses locken. Diese Aktion aber geht schief und löst eine unglaubliche Verkettung von Unglücksfällen aus, an deren Ende alle in der Grossstadt landen, der Bauer sein Gedächtnis verliert und die Schafe vor einem rabiaten Tierfänger flüchten müssen.
Der verrückte Plot ist mit so vielen brillianten Einfällen und Gags aufgepeppt, dass es ein Fest ist. Unterhaltung vom Besten (obwohl kein Wort gesprochen wird)! Sehr zu empfehlen!
9 / 10


HIDDEN FIGURES

Mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Jim Parsons, Kirsten Dunst u.a.
Drehbuch: Allison Schroeder und Theodore Melfi
Regie: Theodore Melfi
Filme «Nach einer wahren Begebenheit» sind seltsamerweise oft unglaubwürdig. Weil die Tatsachen oft gestaucht und verkürzt werden, damit sie in die normale Kinolänge passen. Das ist auch hier der Fall. Die vier genialen «coloured Ladies», die zwar der NASA die Raumfahrt ermöglichten, deren Namen aber nie an die Oeffentlichkeit gelangten, werden von diesem Film zu Papiertigern gemacht. Hidden Figures wirkt wie eine filmische Pflichtübung, zu der niemand wirklich Lust hatte – ausser vielleicht die drei hervorragenden Hauptdarstellerinnen. Ohne ihr spürbares Engagement würde das Publikum in Langeweile versinken.
Weder ist beim Drehbuch irgendeine Inspiriertheit auszumachen, noch fällt Theodore Melfis Regie (St. Vincent) durch besonderes Inszenierungstalent auf.
Der Film zieht sich betulich bis zäh dahin, was daran liegt, dass die Heldinnen vom Drehbuch nicht mit genügend Fleisch ausgestattet wurden.
6 / 10

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Gedankensplitter

Kino anderswo
Für schweizerische Filmfreaks gilt Deutschland nach wie vor als cinematografisches Entwicklungsland: Dort kommen die Filme nur in der deutschen Synchronfassung in die Kinos. Ein barabarischer Zustand! Wenn die deutschen Kollegen dann gar anfangen, die Synchronfassungen nach ihrer Güte zu bewerten und sie zu verteidigen, wird’s für die Schweizer vollends unverständlich. (Am Rand sei bemerkt, dass die Kinos, welche untertitelte Originalfassungen spielen, in der Schweiz inzwischen immer weniger werden.)
Handkehrum reagieren deutsche Kinofreunde fassungslos, wenn ihnen in der Schweiz mitten in einer dramaturgisch sensibeln Stelle des Films das Pausensignet aufs Cineastenauge gedrückt wird und darauf eine Eisverkäuferin mit Bauchladen den Saal betritt. Die Schweizer müssen grad‘ was sagen von wegen Barbarei!

Andere Länder, andere Sitten. Endlos sind die Streitgespräche über die Ethik der Filmsynchronisation oder der Pausenunterbrechung. Wer damit gross geworden ist, stösst sich lustigerweise weniger an einem „no-go“ als die anderen. Fazit: Man gewöhnt sich an jede Unsitte, man muss nur früh genug damit anfangen!

Natürlich gibt es immer auch noch krassere Beispiele, anhand deren man das eigene Weltbild wieder einigermassen geraderücken kann. In Honkong zum Besispiel werden die Filme jeweils mit drei Sets Untertiteln gezeigt: Mandarin, Kantonesisch und Englisch. Die chinesischen Schriftzeichen verdecken die Hälfte des Filmbildes. (Jedenfalls war das noch zur Zeit der britischen Regierung so; heute sind die englischen Untertitel ja möglicherweise verschwunden…)
Und im Fernsehen wird ein Film dauernd von irgendwelchen barbarischen Marktschreiern unterbrochen.
Seien wir also froh um unsere Kinokultur und geniessen sie – solange man sie uns noch geniessen lässt!

 

Mädchen ohne Mitgift – The Catered Affair, 1956

Heute sinniert gabelingeber über das Schreiben von Film-Tipps: Bringt das überhaupt was? Zudem stellt er erstmals Filme vor, deren Sichtung er abgebrochen hat. Im Hauptbeitrag wird wieder ein vergessener Hollywood-Film aus der Versenkung geholt (diesmal einer von Richard Brooks), und zwei weitere US-Filme werden kurz vorgestellt.

THE CATERED AFFAIR
USA 1956
Mit Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
Drehbuch: Gore Vidal nach einem Teleplay von Paddy Chayevsky
Regie: Richard Brooks

Wenn sich eine Film-Familie aus Bette Davis (Mutter), Ernest Borgnine (Vater), Debbie Reynolds (Tochter) und Barry Fitzgerald (Onkel) zusammensetzt – dann schaut man sogar gern zu, wenn der Film schlecht ist.
Nun, Richard Brooks The Catered Affair ist alles andere als schlecht ist! Und das macht die Sache so richtig interessant. The Catered Affair gehört zwar dank seines damaligen Misserfolgs zu den heute vergessenen Werken dieses ansonsten gefeierten Regisseurs, doch die Sichtung lohnt sich – und eine Neubewertung ist fällig.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu New Yorks, wo Vater Tom Hurley (Borgnine) als Taxifahrer seine Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Ende Monat ist die Haushaltskasse leer, aber Tom legt immer wieder etwas beiseite – bald hat er genug beisammen, um das eigene Taxi zu kaufen und mit seinem alten Kumpel zusammen ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Da platzt Töchterchen Jane (Reynolds) mit der Nachricht ihrer geplanten Hochzeit ins Haus. Nur klein soll diese sein, im engsten Familienkreis, zehn Minuten höchstens soll sie dauern, und dann soll’s mit Ehemann Ralph (Taylor) ab in die Flitterwochen gehen.
Die Hochzeit wächst sich im Hause Hurley aber zum Politikum aus. Onkel Jack (Fitzgerald) ist beleidigt, weil er nicht zum „engsten Familienkreis“ gezählt wird, obwohl er schon seit 12 Jahren bei den Hurleys wohnt. Und für Mutter Aggie (Davis) kommt sowieso keine kleine Hochzeit infrage; aus Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber modelliert sie das geplante Fest mit eiserner Fuchtel nach und nach zum kostspieligen 200-Gäste-Anlass um. Vater Tom sieht seinen Traum vom Taxi entschwinden.

Alle meinen es gut in dem Film. Aber alte Geschichten, Stolz und Enttäuschungen schaukeln die bevorstehende Hochzeit zur drohenden Katastrophe hoch. Bis der verständnisvollen Tochter der Kragen platzt. „Alles geht schief!“, brüllt sie ihre Eltern an. „Meine beste Freundin hat mich verlassen, Onkel Jack ist ausgezogen, und ihr beide streitet nur noch miteinander. Und alles wegen dieser verdammten Hochzeit!“

Am Ende kommt alles gut, aber bis dahin brechen alte Konflikte auf, alte Schuld zollt ihren Tribut, der Standesunterschied zwischen den reichen Eltern des Bräutigams und den Hurleys lastet – man kriegt als Zuschauer einen guten Einblick in den Alltag von Amerikas „working poor“ der 50er-Jahre.

The Catering Affair pulsiert vor Leben. Das Milieu und die Charaktere sind scharf gezeichnet, Charakterstudien fast allesamt, in denen Schauspieler zeigen können, was sie drauf haben. Es ist eine wahre Freude, der hier versammelten Truppe zuzusehen. Bette Davis als verbitterte, Arbeiterfrau brennt sich mit ihrem abgehärmten Ausdruck und ihrer Reibeisenstimme unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Ihre schauspielerischen Zwischentöne, mit denen sie immer wieder kurz hinter die raue Fassade dieser Frau blicken lässt, machen ihre Aggie zur glaubwürdigen Figur. Borgnine, der während der Dreharbeiten den Oscar für die Titelrolle in Marty erhielt, erbringt hier eine ähnlich denkwürdige Leistung wie im preisgekrönten Vorgängerfilm. Und Debbie Reynolds, bis dahin Musical-Darling und fröhlicher Springinsfeld, überrascht in einer ernsten Rolle und einer soliden Leistung, die ihr nicht mal Regisseur Brooks zugetraut hatte: Er wollte die Reynolds eigentlich nicht im Team haben, aber weil er Bette Davis‘ Mitwirkung beim Produzenten durchdrückte, musste er bei Debbie Reynolds nachgeben. Er hatte es offenbar nicht bereut.

Schade, dass man den Film heute praktisch nicht mehr sieht. Er steht in einer Linie mit den berühmten Sozialdramen, die in den USA der späten Fünfzigerjahre in Mode kamen und die ein ganz anderes Amerika zeigten als die gloriosen Eskapismus-Orgien der Vierziger.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist er als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

8 / 10

 => Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot).

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Filmschnipsel:

(500) DAYS OF SUMMER
USA 2009
Mit Zooey Deschanel, Joseph Gordon-Levitt, Geoffrey Arend u.a.
Drehbuch: Scott Neustader und Michael H. Weber
Regie: Marc Webb
Eine Liebesgeschichte? Naja – auf sowas steh‘ ich nicht besonders, aber dieser Film erreicht bei imdb.com immerhin eine Wertung von über 7. Kann man sich ja mal ansehen.
„Dies ist keine Liebesgeschichte!“, stellt der Off-Erzähler gleich zu Beginn des Films klar. Was dann folgt – ist der klassische Beginn einer Liebesgeschichte. Am Ende wird der Off-Erzähler Recht behalten.
Klingt verwirrend? Es wird noch besser: (500) Days of Summer hüpft wild zwischen den 500 im Titel besagten Tagen hin und her. Kaum haben sich Tom und Summer kennengelernt, wird zum Tag vorgespult, an dem ihre Beziehung in eine schwere Krise gerät. Um sogleich wieder zurückzuhüpfen.
Diese Erzählweise ist erfrischend anders – und längst nicht so chaotisch, wie es klingt, denn ein roter Faden ist immer da. Die Erzählweise entspricht dem sprunghaften Wesen der Titelheldin Summer, die von Zooey Deschanel („New Girl“) pefekt verkörpert wird.
Vieles an dem Film ist unkonventionell, obwohl er eine absolut konventionelle Geschichte erzählt (Boy meets Girl). Der Humor ist permanent schräg und man kommt aus dem Grinsen kaum heraus, die Hauptcharaktere sind so sympathisch gezeichnet und werden so gut gespielt, dass man sie gerne ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Insgesamt ein toll geschriebener, höchst unterhaltsamer, anregender Liebesfilm, (der gar kein Liebesfilm ist!), der immer wieder mit kreativen Ideen verblüfft. Letztlich ist er zwar recht belanglos, aber er unterhält hervorragend. Kann man sich gut und gern mal ansehen – hier in der englisch gesprochenen Originalversion (Stream).
7 / 10

THE NICE GUYS
USA 2016
Mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger, u.a.
Drehbuch: Shane Black und Anthony Bagarozzi
Regie: Shane Black
NATÜRLICH – ich betone es gleich zu Beginn: The Nice Guys bringt nichts Neues. Aber erstens tun das die allerwenigsten Filme, und zweitens will er das gar nicht. Er will unterhalten – und das tut er auf hohem Niveau! Das hat seinen Wert, auch wenn nichts „Neues“ dabei ist. Im Thai-Restaurant schmeckt einem das Essen ja auch nicht nur, wenn der Koch „was Neues“ erfunden hat.
The Nice Guys blendet zurück in die 7oer-Jahre und erzählt die Geschichte eines Falls, ist also einerseits ein Krimi. Eine Darstellerin aus einem propagandistischen Pornofilm wird plötzlich von wütenden Killern gejagt – warum?
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen zwei Privatdetektive (Crowe und Gosling), der eine gescheitert und ohne Lizenz, der andere ein versoffener Möchtegern. Die beiden bringen starke Elemente der Komödie in den Film, die Figurenkonstellation ist nicht ohne (komischen) Zündstoff. Das Drehbuch verwickelt als zusätzliche Würze noch die minderjährige Tochter des Möchtegern-Ermittlers in die Krimi-Handlung mit ein – und fertig ist ein Cocktail, der von A bis Z bei der Stange hält und einfach Spass macht.
Crowe spielt seine Rolle mit unglaublicher Präzision; bislang hielt ich von diesem Schauspieler nicht viel (aufgrund seiner Leistung in Les Miserables), ich hatte praktisch alle Filme von ihm ausgelassen. Hier ist er eine Bombe. Er erzählt zwischen den Zeilen, die Geschichte seiner Figur schwingt in seinem Spiel mit, ohne dass viele Worte darüber verloren werden. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchs, aber Crowe setzt das optimal um. Neben ihm glänzen Ryan Gosling als grossmäuliger Tollpatsch und die niedliche Angourie Rice als dessen Tochter. Matt Bomer (bekannt aus der Serie White Collar) überrascht mit einem Auftritt, der komplett gegen seinen Serien-Charakter gebürstet ist.
Und Shane Black, der Regisseur? Ein alter Hase im Filmbusiness. Von ihm stammt das Drehbuch zum ersten Lethal Weapon-Streifen und zum dritten Iron Man-Sequel. Der Mann kann sowohl Komödie als auch Action. Schreibender- und Inszenierenderweise. Anschauen und geniessen: Hier in der US-Originalfassung und hier in der deutsch synchronisierten Fassung (Stream).
8 / 10

Abgebrochenene Filmsichtungen:


RED RIVER
USA 1948
Mit John Wayne, Montgomery Clift, Walter Brennan,
Drehbuch: Borden Chase
Regie: Howard Hawks
Ein bedeutender Western, bedeutend dank der Tatsache, dass erstmals in einem Film eine echte Rinderstampede inszeniert wurde. Sie wurde von in den Boden eingelassenen Kameras gefilmt, die mit Panzerglas abgedeckt waren. Zudem wurde hier erstmals in einem US-Film eine Handkamera eingesetzt.
Die Stampede ist eindrücklich. Trotzdem hat mich der Film kalt gelassen. Ich habe nach einer Stunde aufgegeben, nachdem ich einfach nicht ‚reinkam. John Wayne spielt ein selbstgerechtes Arsch; ich hatte erwartet, dass er sich im Verlauf der Handlung zum üblen, despotischen Rinderbaron entwickeln wird, so ist die Rolle angelegt, aber nein: Etwa in der Mitte des Films wird unterstrichen, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Passt einfach nicht!
Der Film zieht sich wie Kaugummi, und obwohl ich ihm als Howard Hawks-Fan alle Chancen gegeben hatte, strich ich nach 60 Minuten die Fahnen. Das Drehbuch ist alles andere als pointiert und verliert sich in schier uferlosen Episoden, deren Zweck man nicht wirklich erkennt. Und John Wayne spielt schlecht, furchtbar; meine Güte, war das ein mieser Schauspieler!
Nee, das ist einer jener „bedeutenden Filme“ auf deren „Genuss“ ich verzichten kann. Ansehen im Stream in der US-Originalfassung: Hier.
(Keine Wertung – abgebrochen)

GHOST IN THE SHELL
USA 2017
Mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.a.
Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler und Ehren Krueger
Regie: Rupert Sanders

Ich war im Kino… und bin in der Pause gegangen.
Zuerst muss ich anmerken, dass ich Anime-Vorlage nicht kenne.
Ich fand den Film eigentlich sehr gut inszeniert, der Look ist gewaltig, das Drehbuch, naja, schlecht fand ich es nicht, aber auch nicht besonders gut. Man merkt schon, dass da gerafft und gestaucht werden musste.
Die Schauspieler hatten angesichts der geballten Ladung an CGI und Action keinerlei Chance, irgendwas zu zeigen ausser Gehetztheit und Drohgebärden.
Was mir absolut nicht gefallen hat, mich sogar richtiggehend abgestossen hat, war der „Cyberpunk-Effekt“. Ich konnte deshalb schon die Bücher von William Gibson und Co. nicht lesen – diese Koppelung von Mensch und Maschine, die das bionische Prinzip praktisch umdreht und den Menschen nach dem Vorbild von Maschinen optimiert, das behagt mir irgendwie nicht. Und Bilder von verkabelten Wesen sind für mich schlimmer als irgendeine Splatter-Szene.
Fragt mich nicht, weshalb…
(Keine Wertung – abgebrochen)

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Gedankensplitter

Schreiben über Film
Seit Jahren führe ich diesen Blog, seit Jahren hege ich Zweifel daran, ob das Schreriben über Film dem Medium überhaupt gerecht wird. Immer wieder legte ich längere Pausen ein, weil ich von der Sache einfach nicht überzeugt war. Film ist Bild, Ton, Schauspiel, Bewegung, Musik und, und, und…
Text hingegen ist… einfach Text.
Mein Bedürfnis war immer, auf gute Filme aufmerksam zu machen, andere zum Sehen zu animieren. Doch die Blogsphäre ist derart voll mit Filmseiten, dass ein einzelner Text in der Menge schlichtweg verloren geht.
Am liebsten würde ich den jeweils besprochenen Film auf meinem Blog zugänglich machen. Damit man die Anregung, die der Text hoffentlich bietet, gleich ins Seh-Erlebnis umsetzen kann.
Seit Jahren suche ich nach einer Möglichkeit. Bei drei der hier besprochenen Filme habe ich mal versuchsweise Links  zu Steamingseiten eingefügt. Schauen wir mal, was passiert…