Bang Bang Baby (2014)

Kanada 2014
Mit Jane Levy, Justin Chatwin, Peter Stormare, David Reale, Kristian Bruun u.a.
Drebuch und Regie: Jeffrey St.Jules

Ich mag das englischsprachige Kino als solches sehr; ganz besonders mag ich aber die englischsprachigen Indie-Filme (Indie = Independence). Da wird jeweils soviel kreatives Potential frei- und umgesetzt, wie sonst kaum im Kino. Das geht nicht immer zu hundert Prozent gut, doch meist resultieren aus der Unabhängigkeit Filme, die wohltuend anders sind. Bang Bang Baby ist einer davon.

Er spielt in den 50er-Jahren irgendwo im amerikanischen Hinterland. Dort träumt die talentierte jugendliche Stephanie (Jane Levy) vom grossen Ruhm als Sängerin; ihr alkoholsüchtiger Vater will sie aber nicht ziehen lassen, weil er ohne sie verloren wäre. Just als sich im benachbarten Chemiewerk ein rätselhafter Unfall ereignet und giftige lila Gaswolken in Richtung Stadt wabern, strandet dort der Rockstar Bobby Shore (Justin Chatwin). Er freundet sich mit Stephanie an, wohnt eine Weile in ihrem Haus und nährt ihre Hoffnung auf Starruhm. Dank der Giftwolke gibt es plötzlich schreckliche menschliche Mutationen in der Stadt und Stephanie entdeckt, dass sie schwanger ist…

Bang Bang Baby, ein verrückter Mix aus Musical, Komödie und Horrorfilm, ist ganz im Stil der Hollywood-Filme aus den Fünfzigerjahren gehalten, mit bonbonfarbenen Kostümen, absichtsvoll-hölzernen Dialogen und kruden Spezial Effekten. Das macht durchaus Spass, auch wenn der Film bis zuletzt oberflächlich und rätselhaft bleibt und man nie recht weiss, ob die Hölzernheit im Dialog und in der Inszenierung nun gewollt sind oder nicht.
Ebenso wenig ist klar, wie man das Gesehene einordnen soll und ob der Regisseur/Drehbuchautor ernsthaft etwas sagen will; einige Passagen erinnern stark an David Lynch, dessen Werke sich auch endlos interpretieren und über-interpretieren lassen.

Bislang ist Bang Bang Baby Jeffrey St.Jules einziger Langfilm geblieben. Schade eigentlich. Künstlerisches Potenzial ist durchaus vorhanden. Bislang ist von ihm allerdings kein neues Projekt geplant…

Die Regie: 7 / 10 
Das Drehbuch:  7 / 10 
Die Schauspieler: 7 / 10 
Gesamtnote: 7 / 10

Verfügbarkeit
Bang Bang Baby gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro und englische Originalfassung ohne Untertitel).
Gestreamt werden kann er bei amazon prime video (Deutsch/Englisch), maxdome, iTunes (nur Deutsch), Google Play, Videobuster und Videoload.

 

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Sensation am Sonnabend (1955)

USA 1955
Mit Victor Mature, Richard Egan, Stephen McNally, Virginia Leith, Tommy Noonan, Lee Marvin, J. Carrol Naish, Ernest Borgnine, Margaret Hayes, Sylvia Sidney u.a.
Drehbuch: Sydney Boehm nach einem Roman von William L. Heath
Regie: Richard Fleischer
Dauer: 90 min

Ich suche meine Filme sehr sorgfältig aus – meist zahlt sich das durch anregende, befriedigende, unterhaltsame Filmerlebnisse aus; doch manchmal ist eine Enttäuschung darunter. So verhält es sich mit Violent Saturday, dessen Inhaltsangabe ich eigentlich ganz interessant fand: Drei Bankräuber (Stephen McNally, Lee Marvin und J. Carrol Naish) haben nach langer Planung die Gegebenheiten in der Kleinstadt Bradenville in Arizona als für ihren nächsten Raubzug ideal befunden. Verschiedene Umstände wie etwa die Lage des Polizeipostens, die Einrichtung der Bank, die nähere Umgebung erscheinen ihnen in Bradenville für den Erfolg des Überfall besonders günstig zu sein.
Der Film beginnt einen Tag davor und bewegt sich unaufhaltsam auf das im deutschen Titel als „Sensation am Sonnabend“ bezeichnete Ereignis zu. Dabei rückt er nicht ausschliesslich das Räubertrio ins Zentrum des Geschehens, sondern beleuchtet parallel zur fortschreitenden Bankraub-Planung die Schicksale einiger Bewohner Bradenvilles. Trotz der aufgesplitteten Erzählweise spitzt sich die ganze Dramaturgie unaufhaltsam auf den Überfall zu, denn die näher beleuchteten Bewohner werden später alle in irgendeiner Form darin involviert sein.

Leider funktioniert das Konstrukt nicht so gut, wie es klingt, obwohl mit Sydney Boehm ein durchaus fähiger Drehbuchautor beteiligt war (The Big Heath, Side Street). Das liegt zur Hauptsache daran, dass sämtliche Charaktere, die da skizziert werden, bis zuletzt flach und eindimensional bleiben. Die bisweilen ungewöhnlichen, durchaus interessanten Verhaltensweisen der Figuren bleiben aufgesetzt und vordergründig – Fassade halt: Der Spanner, die Nyphomanin, der Alkoholiker… sie alle bleiben leblos; weil sie einfallslos und eindimensional gezeichnet sind, wirken sie wie Abziehbilder der Realität – Kitsch.

Erschwerend kommt dazu, dass einige der zentralen Akteure – Victor Mature, Virginia Leith und Margaret Hayes – bestenfalls zweitklassige schauspielerische Leistungen abliefern. Interessant hingegen ist die Besetzung der damals noch kaum bekannten späteren Stars Lee Marvin und Ernest Borgnine in tragenden Nebenrollen. Borgnine als angehöriger der Amischen – diese Fehlbesetzung hat einen ganz eigenen Unterhaltungswert.
Doch auch sie retten den damals wegen seiner „übertriebenen Gewaltdarstellung“ angeprangerten Film trotz seiner interessanten Dramaturgie nicht davor, oberflächlich und schnulzig zu wirken.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch:  6 / 10 
Die Schauspieler: 6 / 10 
Gesamtnote: 7 / 10

Verfügbarkeit:
Violent Saturday gibt es im deutschsprachigen Raum weder auf DVD noch auf Blu-ray. Er kam in Deutschland 1955 unter dem altbackenen Titel Sensation am Sonnabend in die Kinos.

Crazy Stupid Love (2011)

USA 2011
Mit Steve Carell, Ryan Gosling, Julianne Moore, Emma Stone, Analeigh Tipton, Marisa Tomei u.a.
Drehbuch: Dan Fogelman
Regie: Glenn Ficarra und John Requa
Dauer: 118 min

Dies ist wieder ein Film, dem eines dieser hervorragenden, kürzlich hier so genannten „Sophisticated Screenplays“ zugrunde liegt. Er behandelt ein altbackenes, in über hundet Jahren Kinogeschichte längst abgenudeltes Thema, das aber von einem hervorragenden Drehbuch aufgewertet wird. Es gewinnt dem Thema neue Aspekte ab, vermeidet die alten Klischees, baut überraschende Wendungen ein und wartet mit glänzenden Dialoge und wunderbaren Kinomomenten auf.

Obwohl der Streifen die Liebe im Titel führt, geht es im Grunde ums Trennen. Tatsächlich spielt Crazy Stupid Love verschiedene Aspekte des „Sich-Trennens“ aus; in jedem Fall erscheint die Liebe als etwas Verrücktes, Dummes, ja Störendes – weil sie sich nicht einfach ausschalten lässt. Sie ist nach Jahrzehnten der Beziehung noch immer da, ist übriggeblieben, nachdem sich die anfängliche Leidenschaft verflüchtigt hat.
Im Mittelpunkt steht ein Ehepaar, das sich nach langen Ehejahren trennt. Für den Gatten, Cal (Steve Carell) kommt der Wunsch der Gattin Emily (Julianne Moore) wie der Blitz aus heiterem Himmel und er stürzt – in eine Midlife-Krise. Am Tiefpunkt angelangt, wird der krisengeschüttelte Ehemann in einer Bar von einem erfolgreichen „Womanizer“ (Ryan Gosling) aufgegabelt, der ihm beizubringen verspricht, wie man erfolgreich paarungswillige Frauen anbaggert.

Da der Film als Komödie verkauft wird, kann an dieser Stelle des Resümees die Befürchtung auftauchen, es handle sich um eine dieser billigen 08/15 Hollywood-Klamotten, die mit dumpfen Witzen unterhalb der Gürtellinie nerven. Das war der Grund, weshalb ich den Film bei der Kino-Erstaufführung ausgelassen hatte.
Schaut man sich Crazy Stupid Love vorurteilslos an, wird schnell klar, dass er anders gestrickt ist. Von Beginn weg finden die Macher eine sensible Balance zwischen Komik und Tragödie, die Figuren werden in keinem Moment der Lächerlichkeit preisgegeben. Etwa eine Stunde lang plätschert der Film zwar etwas geschwätzig dahin. Doch die guten Dialoge, die feine Charakterzeichnung und der interessante Handlungsaufbau halten bei der Stange und tragen einen über den etwas länglichen Start hinweg. Trotzdem hätte es nicht geschadet, einige Sequenzen im ersten Teil der Schere zu opfern.

In der zweiten Filmhälfte gewinnt der Film dann deutlich an Fahrt, weil sich die etablierten Figurenkonstellationen plötzlich verschieben: Die bis dahin wie ein Fremdkörper sich ausserhalb der Haupthandlung bewegende Figur der jungen Anwältin Hannah (Emma Stone) integriert sich plötzlich und völlig überraschend ins Gesamtgeschehen und bringt alles durcheinander; und dann wird’s wirklich lustig.

Auch bei Hannah ist Trennung das zentrale Thema, allerdings wird es von einer anderen Seite angegangen: Hannahs aalglatter Anwalt-Freund behandelt sie wie ein Accessoir seiner Kanzlei; doch Hannah lässt sich davon nicht beirren und macht sich punkto „grosse Liebe“ etwas vor. Sie schiebt die längst fällige Trennung immer weiter hinaus.
Auch hier thematisiert der Film das Thema, was eine Trennung mit einem Menschen, mit der Liebe macht. In einer Kurzschlusshandlung wirft sich Hannah ausgerechnet dem uns bekannten Womanizer an den Hals, der Cal inzwischen erfolgreich zu seinem Ebenbild umgepolt hat.

Das fein gesponnene Drehbuch von Crazy Stupid Love stammt aus der Feder Dan Fogelmans, von dem ich hier bereits einmal geschwärmt hatte – im Zusammenhang mit seiner ersten grossen Regierarbeit Danny Collins (in einer Kurzkritik nach dem Hauptbeitrag). Fogelmans Drehbuch geht sein Thema in Grunde absolut ernsthaft an; dabei gibt gibt er immer wieder Anlass zum Nachdenken. Was aber das Verblüffendste ist: Crazy Stupid Love funktioniert tatsächlich auch als Komödie. Weil Fogelman seine genau beobachteten Figuren und deren Nöte aber ernst nimmt, entsteht eine fast schwebende, heiter-melancholische Atmosphäre.
Aber auch die Regisseure Glenn Ficarra und John Requa leisten hervorragende Arbeit! Sie bringen die Vorlage zu bestmöglicher Wirkung, weil sie  das nötige Feingefühl besitzen, diese adäquat, im richtigen (leisen) Ton umzusetzen und die Schauspieler zu grösstmöglicher Zurückhaltung anzuhalten. So entstehen einige intime, schwebende Kino-Momente, die berühren.

Überhaupt – die Schauspieler: Sie sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, erzielen mit kleinen Gesten grösstmögliche Wirkung – es ist eine Freude, dem Ensemble zuzuschauen. Besonders schön: Marisa Tomei als durchgeknallte Englischlehrerin und Kevin Bacon als Buchhalter!

So ist Crazy Stupid Love eine erfeuliche Ensembleleistung wie aus einem Guss, ein fein austarierter Unterhaltungsfilm, der immer wieder mit einem kleinen Schuss Tiefang angereichert ist.

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit:
Crazy Stupid Love gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und Blu-ray (deutsche Synchro / englische Originalfassung, gemäss den Infos von amazon allerdings ohne deutsche Untertitel).
Gestreamt werden kann er bei amazon, Netflix, iTunes und Microsoft – alle drei bieten den Film sowohl in deutscher Synchronisation als auch in der orginalen Sprachfassung mit deutschen Untertiteln an.
maxdome und Videoload haben die deutsche Synchronisation und die orginale Sprachfassung ohne deutsche Untertitel im Programm.
Nur deutsch ist er auf GooglePlay, Videobuster, RakutenTV, freenet video und Sony zu sehen.