Table 19 – Liebe ist fehl am Platz (2016)

USA 2016
Mit Anna Kendrick, Lisa Kudrow, June Squibb, Stephen Merchant, Wyatt Russell u.a.
Drehbuch: Jeffrey Blitz nach einer Story von Mark und Jay Duplass und Jeffrey Blitz
Regie: Jeffrey Blitz

Die Ausgangslage dieses amerikanischen Indie-Films klingt vielversprechend. Er setzt jene Hochzeitsgäste ins Zentrum, die man zwar einladen muss, auf deren Absage man aber hofft, weil sie nicht (mehr) so recht dazu gehören. Der Neffe des Brautvaters etwa. Oder die Nanny aus den Kindertagen der Braut.
Der titelgebende Table 19 ist in diesem Film der Tisch, an welchem die „misfits“ während der Hochzeitsfeier platziert werden – eine Art Sammelstelle für Übriggebliebene.

Dass ausgerechnet Eloise McGarry (Kendrick), die erste Freundin der Braut und ursprüngliche Brautjungfer, an diesem Tisch landet, hat damit zu tun, dass ihr Freund kurz vor der Hochzeit mit ihr Schluss gemacht hatte. Per SMS. Ihr Ex-Freund ist der Bruder der Braut. Und Brautführer. Die neue Brautjungfer ist sine neue Freundin.
Jeffrey Blitz‘ Film zeigt die Hochzeit aus der Sicht des titelgebenden Tischs 19, respektive aus der Sicht der an diesem Tisch „gestrandeten“ Gäste. Konsequenterweise bleibt das Brautpaar für den Zuschauer während des ganzen Films praktisch unsichtbar.

An Tisch 19 sitzen ausser Eloise die vergessene Nanny, ein entfernt verwandtes, sich permanent streitendes Ehepaar, ein Pubertierender auf Brautschau und der unterbelichtete Neffe des Brautvaters. Ihre Aussenseiter-Dasein schweisst sie für diesen einen Abend zu einer Gemeinschaft zusammen, sie kommen sich ein bischen näher.

Das klingt nicht neu, kann aber für einen unbeschwerten Filmabend durchaus reizvoll sein, und das ist Table 19 zeitweise auch. Doch leider bleibt der Film in den guten Ansätzen stecken. Er entwickelt sich nicht über glatte Oberflächlichkeiten und Clichées hinaus, die Figuren bleiben skizzenhaft. Schade.
Blitz‘ Film ist gerade richtig zum Entspannen nach einem langen Arbeitstag, er macht durchaus Spass, einige Einfälle zünden und werden wirkungsvoll umgesetzt, die Schauspielerinnen und Schauspieler überzeugen – doch Table 19 bleibt nicht im Gedächtnis hängen. Ein Filmchen, das geht zum einen Auge ‚rein und zum anderen wieder ‚raus geht.

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 6 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

Verfügbarkeit: Table 19 -Liebe ist fehl am Platz gibt es auf DVD und auf Blu-ray. Gestreamt werden kann er zudem bei amazon, iTunes, Maxdome, Google Play, Sky Store, Rakuten TV, Microsoft, Videoland, Sony und Chili.
Wer den Film gerne in der Originalfassung mit (oder ohne) dt. Untertiteln sehen möchte, sollte sich die DVD oder die Blu-ray zulegen. Videoland, Rakuten TV, Sky Store, Maxdome und iTunes bieten den Filme alle auch in der Originalfassung, bei iTunes gibt es dazu auch dt.Untertitel.

 

 

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Mord im Orient-Express (1974)

USA 1974
Mit Albert Finney, Lauren Bacall, Anthony Perkins, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Richard Widmark, John Gielgud, Jean-Pierre Cassel, u.a.
Drehbuch: Paul Dehn, nach dem Roman von Agatha Christie
Regie: Sidney Lumet

In den Siebzigerjahren kam Agatha Christies brillianter Detektiv Hercule Poirot im Kino gross in Mode. Ausgelöst wurde der Poirot-Hype mit Murder on the Orient Express, der soeben unter der Regie Kenneth Branaghs neu verfilmt wurde. Das Konzept – möglichst viele Stars in einen Film hineinzupferchen – kam bereits in den späten Sechzigerjahren mit den Katastrophenfilmen auf, doch wie sich zeigen sollte, funktionierte es im historischen Krimi sogar noch besser. In Miss Christies Vorlagen tummelt sich stets eine ganze Schar Verdächtiger, welche man allesamt mit Filmgrössen besetzen konnte.

Albert Finney gab in diesem ersten Poirot-Film den belgischen Detektiv, später wurde dieser von Peter Ustinov verkörpert. Finney erweist sich als der bessere Poirot – zumindest unter der meisterhaften Regie Sidney Lumets (Die zwölf Geschworenen): Finneys Poirot ist, anders als Ustinovs, kein schlitzohriger, gemütlicher Onkel; er beisst sich richtiggehend fest in den Fall, er wird auch mal unangenehm, laut und aggressiv. Finney spielt das unvergesslich, gleichzeitig verkrampft und agil, lauernd und jovial, liebenswürdig und fies – kein leicht einzuordnender Charakter. Agatha Christie, welche bei der Filmpremiere anwesend war, soll sich sehr positiv über Lumets/Finneys Poirot-Portrait geäussert haben; es komme ihrer eigenen Vorstellung des schrulligen Belgiers sehr nahe. Zudem bezeichnete sie Murder in the Orient-Express als die bis dato gelungenste Christie-Verfilmung.

Aber auch der Rest der Besetzung kann sich sehen lassen, allen voran Lauren Bacall als lautes amerikanisches Schandmaul, Anthony Perkins als gehemmter Sekretär und Ingrid Bergman in einer ihrer schönsten Rollen als gottesfürchtige, verschupfte schwedische Gouvernante. Sie erhielt für ihre rund fünf Minuten dauernde (und in einer einzigen Einstellung durchgefilmte) grosse Szene einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Bergmans grandioser Auftritt ist zudem ein schlagkräftiges Argument für das Anschauen von Filmen in ihren Originalfassungen: Die unnachahmliche Sprachmischung aus geradebrechtem Englisch mit dickem schwedischen Akzent lässt sich in der Synchronisation kaum reproduzieren – und gerade die „ungeschickte“ Sprechweise trägt erheblich zur Charakterisierung ihrer Figur bei.

Achtung, Spoiler: Wer die Handlung noch nicht kennt, sollte erst ab „Spoiler Ende“weiterlesen.
Interessanterweise erscheint Murder on the Orient Express wie eine Variante von Lumets erstem und berühmtestem Werk Die zwölf Geschworenen. Hier wie dort entscheiden zwölf Menschen über Leben und Tod eines „Angeklagten“. Im vorliegenden Fall ist dies der Geschäftsmann Ratchett (Widmark), hinter dessen Fassade sich der Kindsmörder Cassetti verbirgt, der mit einer Tat die Leben aller zwölf im Orient-Express anwesenden „Geschworenen“ (oder besser: „Verschworenen“) aufs Schwerste belastet hatte. Das Urteil der zwölf lautet „Tod“ und sie vollstrecken es eigenhändig, sind also Richter und Jury in Personalunion. Der Twist der Geschichte beinhaltet eine vertrackte Gewissensfrage: Das Opfer war ein übler Mörder, die zwölf Rächer sind es durch ihre Rache geworden – welche Tat wiegt nun schwerer?
Leider geht der Film auf dieses Dilemma nicht näher ein. Es hätte daraus eine reizvoller Diskurs entstehen können. Spoiler Ende.

Aber auch so ist Murder on the Orient Express ein starker, höchst vergnüglicher Film geworden, der auf allen Ebenen des Filmemachens zu überzeugen vermag, der Spass macht und der nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: Mord im Orient-Express gibt es auf DVD und seit einem Monat auch auf Blu-ray. Gestreamt werden kann er zudem bei amazon, iTunes und Maxdome.
Wer den Film gerne in der Originalfassung mit (oder ohne) dt. Untertiteln sehen möchte (was ich nur empfehlen kann), sollte sich die DVD oder die Blu-ray zulegen. Die oben genannten Streaming-Dienste bieten den Filme alle auch in der Originalfassung, allerdings ohne Untertitel.

Das Wunder von Manhattan (1947)

USA 1947
Mit Maureen O’Hara, Edmund Gwenn, Natalie Wood, John Payne,
Drehubuch: George Seaton nach einer Story von Valentine Davies
Regie: George Seaton

Der damalige Kritiker-Papst Bosley Crowther (New York Times) nannte den Film nach der Premiere anno 1947 „den erfrischendsten Film seit langem, vielleicht sogar die beste Komödie des Jahres“. Obwohl er damals gar nicht als Weihnachtfilm lanciert wurde (Studioboss Darryl F. Zanuck verfügte einen Start im Sommer, weil da mehr Leute ins Kino gehen), avancierte The Miracle on 34th Street, zusammen mit Capras It’s A Wonderful Life, zum jährlich wiederkehrenden TV-Weihnachtsklassiker.
Tatsächlich wirkt George Seatons Film, als sei er vom Geist der Capra-Klassiker inspiriert worden: Im Mittelpunkt steht ein feslsenfest integerer Charakter, welcher der Hektik und Kälte der kapitalistischen Welt mit Menschlichkeit und Würde entgegentritt und sie dadurch verändert. The Miracle on 34th Street unterscheidet sich eigentlich nur durch die merklich billigere Machart und das Fehlen der üblichen Capra-Nebendarsteller von einem echten Capra-Film.

Kris Kringle (Gwenn) ist ein eleganter älterer Herr, der mit seiner Überzeugung, der echte Santa Claus zu sein, überall für Irritation sorgt. Als er von den Verantwortlichen des Kaufhauses Macy’s anlässlich einer Thaksgiving-Parade als Ersatz für den betrunkenen Nikolaus-Darsteller engagiert wird, sagt er belustigt zu und setzt sich auf den überdimensionierten Rentierschlitten.
Schon bald ist dem Zuschauer klar, dass Mr.Kringle tatsächlich der echte Santa Claus ist. Weil er so überzeugend und zuverlässig ist, wird er von Organisatorin Doris Walker (O’Hara) gleich noch für Weihnachten engagiert – als Kaufhaus-Weihnachtsmann. Nicht nur dort sorgt Mr. Kringle mit seinen unkonventionellen Einfällen für Verwicklungen, auch in der Rest-Familie der geschiedenen Doris Walker entsteht Unruhe, da er der streng nach den Prizipien des Realismus erzogenen kleinen Tochter (Wood) Flausen in den Kopf setzt.

The Miracle on 34th Street behandelt die Kälte, Nüchternheit und Bedrücktheit des modernen Lebens und setzt diesem Aspekt den Gegenentwurf des kindlichen Staunens entgegen, der auch Wunder nicht ausschliesst. Wie Capra bringt George Seaton das Kunststück fertig, das Unmögliche glaubhaft und völlig logisch erscheinen zu lassen. Die Gerichtsverhandlung am Schluss, in der die Nicht-Existenz des Nikolaus bewiesen werden soll, gerät wie bei Capra zur Farce, welche nicht nur die Absurdität des erwachsenen „vernünftigen“ Denkens aufzeigt, sondern auch deren katastrophale Auswirkungen auf die Menschen. Am Schluss entdeckt man, dass man durchaus dazu bereit ist, an den Nikolaus zu glauben.

Das Herzstück des Films ist der aus zahlreichen Lassie-Filmen bekannte britische Charakterdarsteller Edmund Gwenn. Sein ruhiges, souveränes Spiel lässt keine Zweifel an der Echtheit der von ihm gespielten Figur, neben ihm verblassen die beiden Co-Stars Maureen O’Hara und John Payne und mit ihnen fast der ganze Rest der Besetzung. Einzig die damals neunjährige Natalie Wood (West Side Story) hält ihm die Stange – die gemeinsamen Szenen der beiden gehören zu den schönsten Kinomomenten der späten Vierzigerjahre.

Regisseur George Seaton ist heute vor allem dank dem anhaltenden Erfolg des hier besprochenen Films bekannt. Der Regisseur/Drehbuchautor (er verfilmte oft eigene Drehbücher) hat zwar 20 abendfüllende Filme verschiedenster Genres gedreht, bekannt ist heute neben Miracle on 34th Street allenfalls noch seine Rom-Com Teacher’s Pet (dt.: Reporter der Liebe) von 1958 mit Doris Day und Clark Gable und Airport (1970), der erste Streifen der gleichnamigen Serie. Dabei verdiente Seatons Werk durchaus eine nähere Betrachtung – die meisten seiner Filme sind zwar heute vergessen, erfuhren zu seiner Zeit aber durchaus eine hohe Wertschätzung.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: Das Wunder von Manhattan gibt es auf DVD und Blu-ray. Gestreamt werden kann er bei amazon, iTunes, Chili und Netflix. Wer den Film gerne in der (wärmstens empfohlenen) Originalfassung mit dt. Untertiteln sehen möchte, streamt ihn bei Netflix oder legt sich die DVD oder die Blu-ray zu (letztere enthält zusätlich die Neuverfilmung von 1994).

Weitere Filme mit John Payne, die in diesem Blog besprochen wurden: Klick!