Woran Harry Langdon scheiterte

TRAMP, TRAMP, TRAMP
USA 1926
Mit Harry Langdon, Joan Crawford, Tom Murray u.a.
Regie: Harry Edwards

In meinem letzten Artikel über Harry Langdon hatte ich erwähnt, dass dieser Komiker manchmal ganz schön irritieren, ja sogar nerven konnte, wenn sein Regisseur das Heft nicht in der Hand hatte und seinen Star nicht richtig anleitete.

Tramp, Tramp, Tramp ist ein Film, wo dies bereits deutlich zum Ausdruck kommt, obwohl er noch zu Langdons gelungenen Werken zu zählen ist. Aber der Regisseur heisst hier nicht Frank Capra, sondern Harry Edwards, und der liess Langdon offenbar mehr Freiheiten, was dieser zu dazu nutzte, sich auf Kosten der Handlung in den Vordergrund zu spielen, ein Drang, dem er in seinen späteren, selbst inszenierten Filmen noch stärker nachgab – zum grossen Nachteil der Filme!

Es gibt hier zwei, drei Sequenzen, in denen der Handlungsfluss bis fast zum völligen Stillstand ausgebremst wird. Dies ist umso störender, als es in Momenten geschieht, wo die Dramaturgie der Handlung eigentlich rasches Fortschreiten vorschreiben würde. Der grosse Lauf quer durch Amerika soll beginnen, die Favoriten stehen am Start, nur einer fehlt noch, Harry, der aufgrund seiner Konstitution sowieso die schlechtesten Karten hat und der nur aus einem Missverständnis heraus teilnimmt. Das Kinoublikum wartet schon seit 15 Minuten auf den Beginn des Laufs, nun endlich ist es soweit, man will wissen wie sich Harry schlägt.
Da kommt er auch, per Taxe, völlig am Boden zerstört, wegen zuviel Schlafmittel total beduselt, in den Knien immer wieder einknickend, und nun bleibt die Kamera auf ihm drauf, zeigt fünf Minuten Harry und den Taxifahrer in einer endlosen Totalaufnahme, wie letzterer den immer wieder wegdämmernden Harry zum Zahlen bewegen will, Harry aber wegen eines überdimensionierten langen Aermels kein Kleingeld aus der Hosentasche holen kann. Immer und immer wieder versucht er’s, erfolglos.

Die Szene ist als komisches Kabinettstückchen gedacht, ist aber erstens absolut unlustig und wird mit jeder Wiederholung noch unlustiger, zweitens bringt sie den Handlungsfluss zum Erliegen und nervt die Zuschauer, welche längst dem Beginn des Wettkampfes entgegenfiebern.
Solcher Art sind Harry Langdons Irritationen, man kann sie in seinem gesamten Stummfilmoeuvre beobachten. Fähige Regisseure wie Frank Capra schafften es, das Beste aus diesen Selbstinszenierungen zu machen, indem sie diese entweder aufs Minimum beschränkten, kürzten oder sie wirkungsvoll ein- und umzusetzen wussten. Aber ohne Capra funktionierte Langdon nicht. Nachdem Capra eigene Wege ging und Langdon sich selbst inszenierte, lief ihm das Publikum in Scharen davon. Das war wirklich dramatisch: Innerhalb von nur drei Filmen und einem Jahr war er am Boden (der aufkommende Tonfilm mag das Seine am Abstieg beigetragen haben).

Dass Tramp, Tramp, Tramp trotzdem ein sehr ansehnlicher Film geworden ist, ist wahrscheinlich wieder Frank Capra zu verdanken, der hier als Autor zeichnete. Der Film wartet mit einer Reihe eindrücklicher Sequenzen auf, welche die oben erwähnten Irritationen in den Hintergrund treten lassen.
Harry Logan (Langdon) ist der Sohn eines armen Schusters, der von den modernen Schuhfabriken an den Rand des Ruins gedrängt wird. Wenn Harry nicht viel Geld auftreibt, kann die Miete nicht mehr bezahlt werden und dann ade, Schusterwerkstatt!
Zufällig beteiligt sich der Vermieter von Vater Logan am von Schuhfabrikant Burton gesponsorten Lauf quer durch Amerika, und weil er ihn begleitet, gerät Harry auch auf die Teilnehmerliste.

Es gemahnt ein wenig an die Zugverfolgunssequenz aus Keatons The General, wie Harry den Trupp seiner Mitstreiter immer wieder verliert, abhängt, wiederfindet, ohne dass er selber merkt, wie ihm eigentlich geschieht. Da sind einige wirklich gelungene Wendungen drin, und eine haarsträubende, wieder an Keaton gemahnende Zyklon-Sequenz beschliesst den Film auf spektakuläre Weise.
Die Bezüge zu Keaton sind hier wohl rein zufällig, obwohl es nicht ausgeschlossen ist, dass Langdons Sturmsequenz Keaton zu jener in Steamboat Bill, jr inspiriert haben könnte. Die Figuren, welche die beiden Komödianten verkörperten, ähnlen sich in ihrer fast ausserirdisch anmutenden Weltfremdheit durchaus. Als Filmemacher aber war Langdon meilenweit von Keaton entfernt. Er war in erster Linie Schauspieler, von der Arbeit und den Gesetzen hinter der Kamera verstand er zu wenig.

So bleiben drei gelungene Langfilme, die den Mann mit dem Babygesicht unsterblich machen. Was danach kam, kündigt sich in Tramp, Tramp, Tramp bereits an. Die DVD von Kino International, welche alle drei Werke vereint, gewährt einen guten Einblick in Langdons Kunst und macht gleichzeitig – mit Tramp, Tramp, Tramp – deutlich, woran er scheiterte.
7/10

Die DVD: Die Bildschärfe ist sehr gut, der Kontrast ebenfalls, insgesamt liegt hier die bessere Bildqualität vor als bei Long Pants. Das Bild ist hier ebenfalls durchgehend gelb viragiert.

Die Musikbegleitung stammt von Phil Carli; diese Klavierbegleitung hat mich nicht vom Hocker gehauen; sie passt nicht schlecht, aber scheint mir etwas gleichförmig.

Extras: Zwei weitere Langfilme aus Harry Langdons Glanzzeit: The Strong Man und Long Pants.

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Nicht verfügbar.
USA: Der Film wird von Kino on Video angeboten. Man bekommt ihn direkt bei Kino, oder bei amazon.com (dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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3 Kommentare

    1. Ob Du’s glaubst oder nicht: Die Crawford ist in diesem Film (noch) derart blass, dass ich glatt vergessen habe, sie zu erwähnen… Sie ist zudem als solche kaum, oder nein: gar nicht zu erkennen. Ich habe den Film schon mehrmals gesehen und jedesmal gedachte: Das könnte irgendeine Schauspielerin sein.

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