Ein Oscar für den Hund!
THE ARTIST
Frankreich 2011
Mit Jean Dujardin, Berenice Bejo, John Goodman, James Cromwell u.a.
Regie und Drehbuch: Michel Hazanavicius
Dauer: 100 min

Dass ich in diesen Film gehe und hier berichte, war ja abzusehen. Ein neuer, ein “moderner” Stummfilm! Ehrensache, dass gabelingeber sich damit befasst.
Um es gleich vorwegzunehmen: The Artist hat mir absolut nicht gefallen. Ich fand ihn ärgerlich. Blendwerk. Und gleich erkläre ich, weshalb.
Michel Hazanavicius’ Film befasst sich mit einem von Douglas Fairbanks inspirierten Stummfilmstar, der am neu aufkommenden Tonfilm zerbricht.
Gedreht wurde er – als Stummfilm. Mit Begleitmusik und Zwischentiteln – ohne Dialoge und Geräuscheffekte. Fragt sich nur, weshalb.
Den einzigen Gewinn, den ich darin erkennen kann, ist der des Sensations-Effekts: Hey, Leute, da hat einer einen Stummfilm gedreht. Wow, endlich mal wieder was anderes! Und dieser Effekt lockt das Volk denn auch prompt ins Kino.
Es ist ja nicht so, dass ich generell gegen Stummfilme bin – gell?! Aber während zwei Dritteln dieses Films hier ist das Fehlen von Ton schlicht sinnlos.
Im ersten Drittel, welcher den Artist während der Stummfilmzeit zeigt, ist es ein netter Effekt, eine schöne Abwechslung. Aber dann wird das Aufkommen des Tonfilms gezeigt. Und The Artist bleibt stumm. Es wirkt etwas läppisch, wenn sich die Protagonisten einen Tonfilm ansehen und man dabei nix hört.
Wenn Hazanavicius und seine Mitstreiter wenigstens eine Hommage an den Stummfilm gemacht hätten – aber das ist The Artist ganz klar nicht, allerhöchstens eine Hommage an die späten Zwanzigerjahre.

Dieser Film hätte die Chance gehabt, einem heutigen Publikum den Stummfilm näher zu bringen. Aber er geht weder auf die damals gepflegte Art des pantomimischen Schauspiels noch auf die dem Stummfilm eigene Bildsprache ein. Er benützt beides nicht und er thematisiert beides nicht. So ist The Artist eine Art Retorten-Stummfilm, ein künstliches Gebilde, das nirgends richtig verankert ist, ausser im Kommerzdenken des heutigen Kinos.
Weder sind die Zwischentitel in irgendeiner Form originell – platt wäre der passende Ausdruck – noch überzeugen die Hauptdarsteller. Dujardin und Bejo sind in ihren Rollen sogar schlichtweg schlecht. In keinem Moment erreichen sie jene mimische Ausdruckskraft, mit denen die Protagonisten der Stummfilmzeit noch heute zu bezaubern vermögen. Ihr angestrengte Grimassieren ist nur hilflos und wirkt bisweilen peinlich.



Einzig John Goodman kommt mit seinen Gesichtsverrenkungen der mimischen Beredtsamkeit jener vergangenen Kunst am nächsten. Aber leider auch nur annähernd. Am überzeugendsten ist noch der Hund.
Thematisch hat man ein durchaus interessantes Feld gewählt – die Übergangszeit von Stumm- zum Tonfilm. Dieses wird aber einerseits emotional überstrapaziert und andererseits historisch unterbelichtet. Man erfährt nichts, rein gar nichts darüber, weder über diesen Übergang, noch weshalb der Artist derart daunter leidet, dass er vor die Hunde geht. Dafür wird sein Leiden aufgeblasen, zu sehr, um noch goutierbar zu sein. Der Film badet förmlich in der Gefühls-Sülze des Selbstmitleides. Erst ganz zum Schluss, als endlich der Ton eingeschaltet wird, erfährt man – gewissermassen als “Schlussgag” – warum er nicht am Erfolg des Tonfilms partizipieren wollte/konnte/durfte. Diese Wendung verstehen allerdings nur Eingeweihte.
Ich verstehe den Hype um diesen Film nicht. Aber wahrscheinlich verhält es sich etwa so, dass er einfach oberflächlich genug ist, um die Massen anzuziehen. Dass er gleich für zehn Oscars nominiert wurde, darunter in den wichtigsten Sparten, ist für mich ein Argument mehr für die Wertlosigkeit dieser Auszeichnung. Ich hoffe innständig, dass Scorseses um Längen besserer Hugo Cabret die wichtigsten Goldstatuen einheimsen wird. Der macht ebenfalls einen Ausflug in die Stummfilmzeit; allerdings mit den modernsten Mitteln, die das heutige Kino zu bieten hat – und mit viel mehr Liebe, Tiefgang und Detailfreude.
Alles andere wäre schlichtweg lächerlich! Gut – den Hund dürfen sie auszeichnen. Und die Art Direction.
4/10
Die Visualisierung der Angst
NOSFERATU – EINE SINFONIE DES GRAUENS
Deutschland 1922
Mit Max Schreck, Gustav von Wangenheim, Alexander Granach, Greta Schröder u.a.
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Dauer: 94 min

Es gibt zwei Filmgenres, mit denen ich mich trotz mehrfacher Versuche einfach nicht anfreunden kann: Der Gangster- und der Horrorfilm. Ich weiss zwar um die Beiträge zur Filmgeschichte gerade des klassischen Horrorfilms, trotzdem muss ich gestehen: Man kann mich damit jagen.
Als Betreiber eines Stummfilmblogs komme ich allerdings um eine Besprechung von Nosferatu, dieser Mutter aller Vampirfilme, nicht herum. Und weil F.W. Murnau zu meinen Lieblingsregisseuren gehört, war ich doch gespannt auf eine erneute Sichtung dieses Klassikers.
Die Sichtung konnte mich nicht zum Horrorfilm bekehren. Ich fand es zwar hochinteressant, Murnau zwei Jahre vor dem letzten Mann zu sehen, doch als besonderes Sehvergnügen kann ich Nosferatu nicht bezeichnen.
Am verblüffendsten war für mich die Entdeckung, dass Murnau von 1922 bis 1924, von Nosferatu bis Der letzte Mann regelrechte Quantensprünge in Sachen Bildsprache und Handhabung der filmischen Mittel gemacht hat. Er hat in dieser kurzen Zeit zu seiner genuinen Filmsprache gefunden. Von 1924 an schuf Murnau seine eigenen Welten im Studio, während Nosferatu an originalen Schauplätzen gedreht wurde und so trotz seiner abstrusen Story viel realer anmutet als die lebensnahe Erzählung vom letzten Mann.
Filmspezialisten argumentieren damit, dass gerade diese Realitätsnähe das beabsichtige Grauen noch verstärke, und damit haben sie natürlich Recht. Murnau zeigt, dass er die äusseren Bedingungen optimal für seine filmische Zwecke zu nutzen wusste – damals schon.
Der Kontrast des idyllischen Biedermeier-Städtchens zur expressionistisch verfremdeten, insektenhaften Figur des Grafen Orlock, der dieses mit einem Sarg unterm Arm durchmisst, ist auch heute noch schockierend; und die Sequenzen, in denen Murnau die Stop-Motion-Kamera einsetzt oder im Zeitraffer filmt und damit erreicht, dass sich Figuren durch ihre groteske Bewegungsart plötzlich aus der realistischen Umgebung herauslösen und sich von ihr abheben, muss damals als etwas Erschreckendes empfunden worden sein.

Es sind die Bilder, die Nosferatus Status als erster und als einer der grössten Horrorfilme aller Zeiten rechtfertigen, Bilder, die in ihrer alptraumartigen Qualität noch heute unmittelbar wirken. Das Drehbuch von Henrik Galeen weist einige grobe Schnitzer und logische Lücken auf, doch Murnau lässt keinen Zweifel daran, dass es hier um Bilder geht – um Bilder des Grauens, um die Visualisierung von Angst. Wenn Graf Orlock den armen Hutter nachts in seinem Zimmer heimsucht und glotzäugig durch die sargartige Tür hereingleitet, dann sträuben sich auch heute noch Nackenhaare. Oder die irreale Art, wie er im Schiff aus seinem Sarg herauskippt, von der Bodenlage in den Stand; oder die Art, wie Murnau bestimmte, vom Vampir besetzte Orte filmte, das Schiff etwa, oder das verfallene Haus – diese Bilder beinhalten das Grauen, ohne dass man zu sagen vermöchte, weshalb.




Der Film war eine Auftragsarbeit für Murnau; es blieb der einzige Film der Produktionsfirma Prana-Film, die sich mit diesem Projekt finanziell völlig übernommen hatte. Bram Stokers Witwe erreichte mit einer Plagiatsklage sogar ein Gerichtsurteil, das die Vernichtung des Werkes gebot, da die Produzenten die Rechte auf der Vorlage – denn auf nichts anderem als auf Bram Stokers Roman Dracula basierte der Film – nicht besassen. Von Nosferatu existierten allerdings bereits so viele semi-offizielle Kopien, Teil-Kopien und Zusammenschnitte, dass der Film vor einigen Jahren wieder in den Originalzustand zurückrestauriert werden konnte. Sogar die Partitur von Hans Erdmanns Original-Begleitmusik konnte gefunden und wiederhergestellt werden.
Nosferatu gilt als einer der ersten genuinen Horror-Filme der Geschichte; einer der ersten, der die Angst personifiziert hat und das Publikum Bildern aussetzte, die es beunruhigte und noch nächtelang verfolgte. Der das Grauen bildlich auszudrücken vermochte und mit diesen Bildern Generationen von Künstlern inspirierte und beeinflusste.
Würde ich das Horrorfilmgenre mehr schätzen, wüsste ich auch die Wichtigkeit dieses Werks gebührend zu würdigen. Aber das haben Legionen von Filmspezialisten bereits getan.
8/10

Nosferatu ist – mit der Originalmusik von Hans Erdmann – im deutschsprachigen Raum in der hervorragend restaurierten Fassung von Transit-Film auf DVD erhältlich, u.a. bei amazon.de.
Wenig ergiebiges Kostümstück
LITTLE OLD NEW YORK
USA 1923
Mit Marion Davies, Harrison Ford, Montague Love, Louis Wolheim u.a.
Regie: Sidney Olcott
Dauer: 106 min

Manchmal hat man Pech.
Da bestellt man für teures Geld einen wenig bekannten Stummfilm bei jenem kleinen DVD-Manufakteur in den USA, der seine DVDs von 16mm-Kopien aus eigener Sammlung oder befreundeter Sammler herstellt. Da sind manchmal echte Perlen dabei, die in keinem anderen DVD-Katalog zu finden sind.
Doch eben: Manchmal hat man Pech und kriegt einen unbedeutenden oder unoriginellen Film, den man geradesogut in der Obskurität hätte belassen können.
Obwohl die Inhaltsangabe und die imdb-Bewertung vielversprechend klangen, musste ich leider feststellen: Little Old New York ist einer davon.
New York im Jahre 1806: In einer stürmischen Nacht erreicht ein Passagierboot aus Irland den Hafen. An Bord sind der alte John O’Day und sein Sohn Pat. Den Jungen erwartet die reiche Erbschaft eines vor Jahren ausgewanderten Onkels, was den verarmten O’Days gerade gelegen kommt.
Da der echte Pat, ein kränklicher, bettlägriger Junge während der Überfahrt verstarb, übernimmt seine Schwester Patricia die Rolle des Erben, damit die Familie an das Geld kommt. Allerdings muss sie sich in New York in die Obhut eines Vormundes begeben, der sich ebenfalls einen Anteil der Erbschafft erhofft hatte. Und in den verliebt sie sich im Lauf des Films, was sie wegen ihrer Aufmachung als Mann zu verstecken genötigt ist.

Marion Davies und Harrison Ford der ältere (keine Verwandtschaft mit Harrison Ford dem jüngeren) spielen Vormund und Mündel in diesem schön ausgestatteten, bisweilen etwas gar behäbigen Gesellschaftsdrama aus New Yorks Anfangszeit. Es wurde nicht an Kulissen gespart, sogar Robert Fultons erster Schaufelraddampfer wurde akkurat und in voller Grösse nachgebaut (finanziert wurde der teure Film von William Randolph Hearst), historische Figuren treten zu Hauf’ (und in für die Handlung absolut belanglosen Szenen) in Erscheinung – trotzdem bleibt der Film in seiner ersten Hälfte zäh und mühsam.

Erst, als er sich vom ganzen historisierenden Korsett befreit und endlich zu erzählen beginnt, kommt mehr Leben in die Bude. Die Aufregung um die Geldbeschaffung für das erste Dampfboot auf dem Hudson, ein Boxkampf, der in eine Massenhysterie mündet, Pat’s Rettung vor dem Lynchmob durch ihren Vormund – das alles hat Tempo und ist gerade in den Massenszenen hervorragend inszeniert. Und mittendrin wirbelt Marion Davies als Herz des Films in ihrer ersten erfolgreichen Rolle und drückt dem burschikose Mädchen ihren eigenen komödiantischen Stempel auf.

Doch ist das Thema des Films wohl zu amerikanisch, jedenfalls erscheint der Film insgesamt belanglos und für uns Europäer eher uninteressant. Ein Kostümstück aus demselben historischen New York, dem Martin Scorsese mit The Age of Innocence 70 Jahre später ein eindringlicher gestaltetes Porträt gewidmet hat.
Ich konnte mich nicht besonders dafür erwärmen – deshalb: Kurzer Text und weiter zu besseren Stummfilmen…
6/10

Der Film ist bei Grapevine Video in den USA zu beziehen. Die Versandkosten nach Europa veranschlagt Geschäftsinhaber Jack Hardy nicht allzu hoch.
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