THE KING OF KINGS (1927)

(dt.: König der Könige)
USA 1927/1928
Regie: Cecil B. DeMille
Mit H.B. Warner, Ernest Torrence, Joseph Schildkraut, Rudolph Schildkraut u.a.

Das Leben Jesus von Nazareths für die grosse Leinwand zu adaptieren – dies ist ein Unternehmen, das als immer wiederkehrendes Thema durch die gesamte Filmgeschichte zieht und das bis heute nichts von seinem kontroversen Charakter eingebüsst hat (siehe Mel Gibsons jüngsten Versuch).

Im Jahre 1927 präsentierte Regisseur Cecil B. DeMille (Die zehn Gebote) seine 155-minütige Version, die er ein Jahr später für den offizielle Filmstart auf 112 Minuten zurückgestutzt hatte. Das peinliche Bestreben, jegliche Kontroversen zu vermeiden, merkt man dem Film deutlich an; dadurch wird er – jedenfalls aus dem zeitlichen Abstand von über 80 Jahre betrachtet – auch schon wieder kontrovers. Beide Versionen des Films sind auf der DVD von Criterion vorhanden. Ich habe mir die ursprüngliche längere Version zu Gemüte geführt.

Es ist interessant zu sehen, wie man sich dem Thema damals näherte: Mit dem grösstmöglichen Respekt, mit absoluter Buchstabentreue und mit soviel Vorsicht, dass der Film eigentlich als Bibelillustration bezeichnet werden müsste. Im Gegensatz zu Mel Gibsons sehr freier und kontroverser Version bleibt The King of Kings seltsam leblos. Dem Hauptdarsteller scheint keine Regung gestattet worden zu sein, seine Aufgabe war es, eine Ikone darzustellen, die eine Ikone bleibt. Mit fortwährend himmelwärts gerichtetem Blick, generös ausgebreiteten Händen und leidvoller Mine schreitet H.B. Warner mit perfekt fallenden Falten in Umhang und Frisur durch die Szenerie als wäre er nicht von dieser Welt.

Genauso müssen sich die Darsteller der Jünger verhalten – so wird der sonst hervorragende, kraftvolle Schauspieler Ernest Torrence zur blassen, ergeben und hingebungsvoll blickenden Statue.

Jesus’ Gegenpart wird da mehr Leben zugestanden: Die Pharisäer, Priester, die Römer, auch Judas (Joseph Schildkraut) wirken in diesem Film weit packender und überzeugender.

Langweilig wird der Film nie – für mich aber streckenweise schwer erträglich. Die hier präsentierte süsslich-naive Jesus-Darstellung ist heute definitiv überholt und kaum mehr goutierbar – auch nicht für mich, der ich sonst durchaus ein Flair fürs naive Kino habe.

Wettgemacht wird dies allerdings durch inszenatorische Lichtblicke, die durch den ganzen Film gehäuft immer wieder aufscheinen. Etwa wie DeMille die Massen (und wir reden hier von wirklichen Massen!) orchestriert, ist schlichtweg phänomenal und führt zu Sequenzen, die den Betrachter unweigerlich in ihren Bann schlagen. Die Bauten sind ebenfalls eindrücklich und höchst effektvoll in Szene gesetzt und wenn DeMille bei der Kreuzigung die Special-Effects-Maschinerie anwirft, dann ergibt das eine Sequenz, die man in ihrer Intensität und Wucht nicht mehr vergisst. Was ihm an der Schauspielerführung abgeht, macht er mit seinem Showtalent wieder wett.

Dazu gehören auch die effektvoll integrierten Sequenzen in zweifarben-Technicolor, zu der mir eine kleine Fussnote gestattet sei: In der Langfassung von King of Kings gibt es zwei Farbsequenzen, die sich auf seltsame Weise opponieren, nicht nur dadurch, dass die eine den Beginn, die andere den Schluss des Werks markiert; auch thematisch bilden sie Gegenparts: Die Sequenz am Schluss zeigt Jesus’ Auferstehung, Quintesszens und Grundstein des christlichen Glaubens, während die farbige Eingangssequenz eine Origie am römischen Hof zeigt und damit den extremen moralischen Gegenpart der Schlussequenz darstellt. Interessanterweise wurde die Eingangssequenz in der offiziellen Kinofassung von 1928 nicht mehr in Farbe gezeigt – offenbar wollte man damit möglichen Zündstoff eliminieren. Dass diese beiden Sequenzen ursprünglich in Farbe gedreht und auch gezeigt wurden, erscheint mir als beträchtliches Wagnis für die damalige Zeit.

Fazit: The King of Kings ist ein ambivalenter Film, der durch sein ständiges Lavieren zwischen Devotionalismus und Big Show kontrovers wird (die Ambivalenz tritt manchmal sogar innerhalb einer kurzen Szenenfolge zutage), der sich allerdings durchaus anzuschauen lohnt für Leute mit Flair für perfekt inszenierte Show und monumentale Szenen oder für historisch interessiere Filmfans.

Die DVD-Ausgabe: Der Film hat Regionalcode 0, d.h. er ist weltweit auf allen DVD-Geräten abspielbar.
The King of Kings
wurde von Criterion Collection in einer hervorragend restaurierten digital überarbeiteten Fassung herausgebracht, wobei die 155-minütige Langfassung von der Bildqualität her deutlich besser aussieht als die kürzere Fassung – vor allem die Farbsequenzen!

Die Filmmusik: Es gibt drei verschiedene Musikbegleitungen für diesen Film; die 155-Minutenfassung kann wahlweise mit der Musik von Donald Sosin geschaut werden oder stumm (!). Für die kürzere Fassung von 1928 stehen zwei Begleitungen zur Auswahl: Die von Hugo Riesenfeld 1928 extra für den Film komponierte Movietone-Originalbegleitung und eine Improvisation von Timothy J. Tikker auf einer Kirchenorgel.

Mir gefällt Riesenfelds Begleitung am besten – sie setzt dem frömmlerischen Unterton des Film das dringend notwendige, wohltuend nüchterne Gegengewicht. Tikkers Orgelbegleitung zielt in eine ähnliche Richtung, während Sosins Soundtrack den himmelwärts gerichteten Blick des Films durch seine fortwährend aufsteigenden Kadenzen und den überzuckerten Kirchengesangbuchtonfall noch verstärkt. Zudem ahmt Sosin Orchesterklang auf dem Sythesizer nach, was in den “Streicherpassagen” allzu penetrant synthetisch klingt. Verstärkt wird er durch ein echtes Cello und einen Chor.

Bestellung: Bestellen kann man den Film im Moment (27.12.2009) am günstigsten hier. Für weitere Preisvergleiche und andere Fragen im Zusammenhang mit Auslandbestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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-> Zum Verzeichnis der hier besprochenen Filme

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