Die Gezeichneten (1948)

FILM DER WOCHE

THE SEARCH
(dt.: Die Gezeichneten)
Schweiz / USA 1948
Mit Montgomery Clift, Ivan Jandl, Aline MacMahon, Jarmila Novotna, Wendell Corey, u.a.
Drehbuch: Richard Schweizer, David Wechsler und Paul Jarrico
Regie: Fred Zinnemann
Obwohl der Film in der Schweiz in den späten Vierzigerjahren Premiere hatte (unter dem Titel Die Gezeichneten), kam er in Deutschland erst 1961 in die Kinos.

Der Film kann auf Amazon Video gestreamt werden!
Bei Warner Home Video erschien er auf DVD, diese ist aber inzwischen vergriffen. In den USA ist
The Search in der Reihe Warner Archive Collection auf DVD-R erschienen. Sie kann über amazon.de bestellt werden („The Search 1948“ eingeben).

The Search ist filmgeschichtlich nicht nur deshalb von Bedeutung, weil er den Anfang von Montgomery Clifts Leinwandkarriere bezeichnet. In der Schweiz gilt er als Besonderheit, weil es sich dabei um eine schweizerische Produktion handelt, die mit Unterstützung von und in Kolaboration mit Hollywood entstanden ist. Vor der Kamera standen Amerikaner, Engländer, Tschechen – die Arbeiten hinter den Kulissen (Produktion, Drehbuch, Filmmusik, Kamara, Schnitt) waren in schweizer Händen, von Leuten, die damals und heute hierzulande zwar bekannt waren und sind, die in anderen Ländern aber sowohl damals wie heute unbekannt blieben.
Wir haben es hier mit einem Film zu tun, dessen Titel in der Schweiz bis heute ein Begriff ist, der aber in der restlichen Welt als vergessen gilt.

Dabei kann er sich durchaus sehen lassen. The Search spielt im zerbombten Deutschland der Nachkriegszeit und handelt von den Kindern, die aus dem Krieg irgendwie „übrig geblieben“ sind: Verwaiste, verwahrloste, verlorene, verirrte, verstummte Kinder. Ganze Scharen von ihnen kommen zu Beginn des Films an einem Bahnhof irgendwo in Deutschland an, in Eisenbahnwagons zusammengepfercht, welche an die berüchtigten Judentransporte des dritten Reichs erinnern: Zerlumpfte Gestalten mit leeren Blicken, alten Gesichtern: Die Gezeichneten. Vor dem Hintergrund der Gebäude-Skelette der zerbombten Stadt (Nürnberg) ergeben diese Kinder-Züge ein Aussage, die ins Herz trifft und sich unauslöschlich ins Gedächtnis eingräbt.
Hier erweist sich für einmal der deutsche Titel als der passendere – im Grunde ist „die Gezeichneten“ der Originaltitel. The Search wurde bei MGM daraus, die den Film co-produzierte und vertrieb. The Search, die Suche spricht einen anderen Aspekt an: Die Suche einer Mutter nach ihrem verlorenen Jungen. Im Heer der „Gezeichneten“ geht sie beharrlich ihren Weg und hofft, ihren achtjährigen Sohn Karel wiederzufinden. Als Zuschauer sind wir darüber informiert, dass Karel noch lebt; in Parallelschnitten wird seine Geschichte mit jener der Mutter verwebt, beide Geschichten bewegen sich unaufhaltsam aufeinander zu. Der traumatisierte Karel kommt inzwischen bei einem freundlichen GI unter, der ihm die englische Sprache beibringt, ihn wieder aufpäppelt und sich darum bemüht, dass der Junge wieder irgendwo Fuss fassen kann.

Der deutsche und der englische Titel geben das Dilemma dieses Werkes wieder, denn eigentlich laufen hier zwei Filme ab: Die Gezeichneten, ein erschütternd realistisches Portrait der verlorenen Kinder, das die Schrecken des Krieges niederschmetternd glaubhaft und eindringlich fassbar macht, wie das die wenigsten Spielfilme können. Und The Search, welcher das Suchen und Finden eines dieser Kinder thematisiert. The Search funktioniert stark nach den dramaturgischen Vorgaben und Gepflogenheiten des US-Kinos.
Die Gezeichneten ist ungleich stärker und eindringlicher als The Search, der sehr schnell und deutlich ins Fiktive kippt, wo Die Gezeichneten zuvor das Publikum mit Realismus gepackt hatte. Was vorher schmerzhaft deutlich und real daherkam, wird als The Search wieder weichgezeichnet. Das ergibt eine Diskrepanz, die irritiert.

Zu Vieles in The Search wirkt unglaubwürdig, aufgesetzt. Es ist, als hätte man die durch den ersten Teil aufgebrachten Gemüter mit einer schönen Geschichte wieder beruhigen wollen. Wenn die vom Drehbuch vorgegebenen Unglaubwürdigkeiten nicht so herausstechen würden (der tschechische junge Karel kann etwa nach kurzer Zeit und ein paar Schnitten plötzlich fast perfekt englisch), wäre die erwähnte Diskrepanz wahrscheinlich weniger auffällig. So aber wird der zweite Teil bisweilen zum Störfaktor. Möglich, dass dieser Umstand damals noch nicht so stark auffiel, doch heute ist man sich von einem solchen Film an absolute Stimmigkeit gewohnt.

Das ist natürlich Meckern bei hohem Niveau. Auch im schwächeren Teil des Film gelingen Zinnemann und seinen Schauspielern eindrückliche Momente. Vor allem die Szenen zwischen Monty Clift und dem kleinen Ivan Jandl berühren dank der spürbaren Hingabe, mit der die beiden ihre Rollen verkörpern; die Chemie zwischen den beiden scheint echt, und das macht ihre Szenen unvergesslich. Zudem stehen sämtliche Akteure sichtlich unter dem Bann der Ereignisse; ein humanitärer Geist, der das Projekt wohl begleitet hat, liegt spürbar über dem Film. „So etwas darf nicht mehr geschehen“ – dieser Satz spricht aus jeder Szene und steht in den Gesichtern der meisten Schauspieler geschrieben. Das macht ihn trotz seiner Mängel einmalig – und für immer aktuell.

Die Regie: 10 / 10 – „High-Noon“-Regisseur Fred Zinnemann findet im ersten Teil Bilder, die das Elend und den Wahnsinn des Krieges anklagen, wie man sie so kaum in einem anderen Film jener Zeit findet. Bilder, die unter die Haut gehen. Das anschliessende Kammerspiel setzt er funktional und mit viel Gespür für den richtigen Ton um; die Schauspielerführung ist optimal.
Das Drehbuch: 7 / 10 – Solide; etwas gar schweizerisch-betulich im zweiten Teil, und zu sorglos, was die Glaubwürdigkeit anbelangt.
Die Schauspieler: 9 / 10 – Der Film wartet mit durchs Band eindrücklichen schauspielerische Leistungen auf, mit einer Ausnahme: die Darstellerin der Mutter, die Tschechin Jarmila Novotna fällt gegenüber dem Rest der Besetzung leider ab. Montgomery Clift fasziniert bereits in seiner ersten Filmrolle.
Die Filmmusik: 8 / 10 – Ambitioniertes (streckenweise vielleicht etwas über-ambitioniertes) Projekt des schweizer Komponisten Robert Blum, der unter anderem die Musik zu vielen der bekanntesten schweizer Filmen schrieb. Seine Komposition für diesen Film trägt eine durchaus eigene Handschrift.
Gesamtnote: 8,5 / 10

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Kurzkritiken

WO HU CANG LONG
(dt.: Tiger and Dragon)
Taiwan / Hong Kong / China / USA 2000
Mit Yun-Fat Chow, Michelle Yeoh, Ziyi Zhang, Chen Chang, Pei-Pei Cheng, Sihung Lung u.a.
Drehbuch: Hui-Ling Wang, James Shamus und Kuo Jung Tsai nach dem Buch von Du Lu Wang
Regie: Ang Lee
Ang Lee, zurück zu seinen Wurzeln. Der Regisseur, der in den Neunzigerjahren das Augenmerk der Filmwelt mit Filmen wie The Wedding Banquet und Eat, Drink, Man, Woman auf das taiwanesische Filmschaffen gelenkt hat, kehrte nach einigen aufsehenerregenden Erfolgen in den USA im Jahr 2000 nach Asien zurück und drehte mit Crouching Tiger, Hidden Dragon eine hinreissende Hommage an das chinesische Martial Arts-Kino. Das Werk wurde zum ersten Martial-Arts-Film, der für einen Oscar als „Bester Film“ nominiert wurde; den gewann er zwar nicht, dafür wurde er mit internationalen Preisen richtiggehend überhäuft (darunter der Oscar und der Golden Globe für den besten ausländischen Film).
Wenn ich mir einen asiatischen Film anschaue, insbesondere einen mit historischem Hintergrund, dann komme ich mir immer etwas dumm vor. Vieles entgeht mir, weil ich mich in der gezeigten Kultur nicht auskenne. Crouching Tiger, Hidden Dragon ist voll mit Symbolen und Anspielungen, die sich dem Durchschnittseuropäer nicht erschliessen. Besonders, wenn die Geschichte, wie hier, einem uralten chinesischen Romanzyklus folgt.
Zum Glück hält Ang Lees Film genügend Schauwerte, Zwischenmenschliches, viel Spannung und Witz bereit, so dass er einem „Unwissendem“ wie mir trotzdem höchst vergnügliche und denkwürdige zwei Stunden beschert. Die „schwerelosen“ Kampfszenen verblüffen und begeistern mit ihrer tänzerisch-anmutigen Choreografie, die Szenerie ist bisweilen atemberaubend, alles ist derart geschmackvoll und sinnlich umgesetzt, dass es eine wahre Freude ist. Definitiv ein Film, der zu weiteren Sichtungen animiert.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10


GET OUT

USA 2017
Mit Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford, Catherine Keener u.a.
Drehbuch und Regie: Jordan Peele
Läuft gerade im Kino und wird einhellig bejubelt: Der Horror-Film Get Out des schwarzen Komikers Jordan Peele.
Wobei ich mich nach der Sichtung frage, wieviel „Schwarzen-Bonus“ bei der Bewertung dabei ist. An sich bringt der Film nichts Neues – was ja durchaus legitim ist. Er spielt höchst geschickt auf der Klaviatur des Horrorkinos – mit dem Unterschied, dass hier die Rassenthematik eine gewichtige Rolle spielt. Rassismus als Horror – aber auch das ist nicht neu.
Get Out ist ein strukturell hervorragend aufgebauter und inszenierter Horrorfilm, der sich im Nachhinein als gallige Polemik entpuppt. Wenn man gegen Filmende endlich erfahren hat, worum es da eigentlich geht, kann man Peeles Film als bösen Kommentar zur Geschichte der Koexistenz zwischen Schwarz und Weiss in Amerika lesen. Der Film hat eine Message. Die Freude über den wohligen Grusel und die schleichende Spannung bleiben einem am Schluss buchstäblich im Halse stecken.
Die Message, so geschickt verpackt sie sich präsentiert, wirkt bei näherer Betrachtung allerdings ziemlich eindimensional und simpel; grösstenteils deshalb, weil die Weissen ausnahmslos als Schweine präsentiert werden und die Schwarzen ausnahmslos als gut. Zurück bleibt ein ungutes Gefühl. Der Film ähnelt mir zu sehr einer „wie du mir, so ich dir“-Reaktion.
Aber weil der Filmemacher einer ethnischen Minderheit angehört, darf man das natürlich nicht laut sagen.
Wären die Vorzeichen umgekehrt – wäre also „Weiss“ durch „Schwarz“ ersetzt worden und umgekehrt – wären die Organisationen der Afroamerikaner in den USA garantiert gegen den Film Sturm gelaufen. Aber auch das darf man ja bestimmt nicht laut sagen…
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 6 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 7,5 / 10

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Gedankensplitter

Happyend

„Je weniger Happyends das Leben uns bereitet, desto mehr brauchen wir davon im Kino“
Walter Ludin (Schweizer Journalist, Redakteur, Aphoristiker und Buchautor,
Mitglied des franziskanischen Ordens der Kapuziner)

Die meisten Kritiker würden obigem Zitat widersprechen, ein grosser Teil des „normalen“ Kinopublikums nicht (damit will ich nicht gesagt haben, Kritiker seien nicht normal!). Für Kritiker gibt es nämlich nichts Schlimmeres als ein Happyend. Ein Film mit einem Happyend ist für die meisten von ihnen durchgefallen.
Akzeptieren wir die Aussage im obigen Zitat als richtig, dann müssten Kritiker die glücklichsten Menschen sein: Sie brauchen keine Happyends, sie haben selbst welche.
Doch leider trifft das Gegenteil zu: Kritiker sind nicht glückliche Menschen; wahrscheinlich sind sie vom Leben (oder vom Kino?) gebeutelt. Das Leben macht ihnen Angst, es ist ihnen derart zuwider, dass sie sich am liebsten den ganzen Tag in einem dunklen Saal verkriechen und erfundenen Leben auf einer weissen Wand zusehen. Happyends bringen sie auf die Palme, weil diese ihre eigenen Miseren noch schlimmer erscheinen lassen.
Der Rest der Menschheit, der nicht Kritiker ist, kann mit den Tiefschlägen des Lebens besser umgehen. Er steckt sogar Happyends im Kino locker weg. Wahrscheinlich ist er deshalb nicht Kritiker geworden…

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…
Die Kategorisierung (Vergessener Film, Filmklassiker und zeitgenössischer Film) habe ich bereits wieder abgeschafft – sie schränkt die Filmauswahl zu sehr ein; zudem gibt es unzählige Filme, die sich kaum in eine dieser Kategorien einordnen lassen.

Wartime-Comedy: Hail the Conquering Hero (dt.: Heil dem siegreichen Helden; USA 1944)

Natur-Abenteuer: Dersu Uzala (dt.: Uzala, der Kirgise; UdSSR/Japan 1975)

Fantasy-Drama: A Monster Calls (dt.: Sieben Minuten nach Mitternacht; UK/Spanien/USA 2016)

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