Movie-Magazin 4: Die Nacht begann am Morgen – 1950

 

MORNING DEPARTURE
Grossbritannien 1950
Mit John Mills, Richard Attenborough, Nigel Patrick, James Hayter, Bernard Lee u.a.
Drehbuch: W.E. Fairchild nach dem gleichnamigen Theaterstück von Kenneth Woollard
Regie: Roy Ward Baker
Dauer: 98 min
Der Film lief 1952 auch in den deutschen Kinos, unter dem Titel Die Nacht begann am Morgen

Vorspann:
Das britische U-Boot „Trojan“ läuft während eines Routinemanövers auf eine seit dem zweiten Weltkrieg unentdeckt im Meer dümpelnde Miene auf und sinkt. Grosse Teile des Schiffs sind beschädigt, ein Teil der Mannschaft ist tot. Ueberlebt hat eine Gruppe von elf Männern im relativ unbeschädigten Mittelteil des Tauchbootes; acht können sich durch die Ausstiegsluken retten. Für drei reichen aber die zum Ausstieg notwendigen Geräte nicht. Sie müssen auf dem Meeresgrund bleiben und während einiger banger Tage auf Rettung hoffen – während der Sauerstoffvorrat langsam zur Neige geht.

Der Film:
Dem Film liegt ein Theaterstück zu Grunde, das merkt man. Verfasst hatte es Kenneth Woollard, ein obskurer Autor, über den rein gar nichts in Erfahrung zu bringen ist, ausser dass er dieses Stück verfasst hat. Ansonsten scheint er nichts oder nichts von Belang geschrieben zu haben. Morning Departure muss allerdings äusserst erfolgreich gewesen sein, denn es wurde vor seiner cinèmatografischen Umsetzung bereits zwei Mal, 1946 und 1948 fürs britische Fernsehen aufbereitet, als „Live TV-Play“. Danach gleich nochmals (1956). Und auch auch die Holländer machten daraus Fernsehspiel, 1959 unter dem Titel: S 14 vermist.

Für den US-Markt wurde der Filmtitel geändert

So verdammt gut, dass es gleich fünf Verfilmungen rechtfertigen würde, ist das Stück aber beileibe nicht. Es gab schon vorher thematisch und dramaturgisch ganz ähnlich geartete Filme; Morning Departure weiss der bekannten Thematik keinerlei Neuerungen oder Variationen beizufügen. Zudem bleibt die Vorlage stets an der Oberfläche, sowohl bezüglich der Figurenzeichnung als auch der Thematik. Die hoffnungslose Ausgangslage schafft ja weiss Gott Raum für tiefschürfende „letzte Fragen“, aber nein, es geht fast ausschliesslich darum, „die Haltung“ zu bewahren. Auch dramaturgisch hat das Stück nicht viel zu bieten. Dass der Autor heute nicht mehr bekannt ist, wundert mich deshalb wenig.
Auch Drehbuchautor W.E. Fairchild, dessen Identität offenbar ebenso unklar zu sein scheint wie jene Woollards, schafft es nicht, die Schwächen der Vorlage genügend zu kaschieren. Dem Film war allerdings ein beachtlicher Kassenerfolg beschieden.

Roy Ward Baker

Das Stück ist das eine, die Verfilmung etwas ganz anderes. Sie ist der Beweis, dass auch mittelmässige Vorlagen einen packenden Film ergeben können, wenn nur die richtigen Leute mit „im Boot“ sitzen. Natürlich ist Morning Departure weit davon entfernt, ein Meisterwerk zu sein; angestaubt und etwas hölzern wirkt er trotz allem, aber das geht m. E. allein auf das Konto der Vorlage. Regisseur Roy Ward Baker (in den Credits als „Roy Baker“ aufgeführt) setzt auf dem beengtem Raum ein visuell abwechslungsreiches und ansprechendes Kammerspiel um, das seine Theaterherkunft zwar nicht leugnen kann, aber immerhin mit schauspielerischen Bestleistungen glänzt. Darauf legt er sein Hauptaugenmerk, und zum Glück hatte er eine Crew zur Hand, die das Möglichste herausholte – auch in den kleinen Nebenrollen.

Den undankbarsten Part hat John Mills: Er gibt den Commander, stets korrekt, aufrecht, steif – und dadurch langweilig. Er darf sich kaum eine Regung erlauben, stellt sich ganz und gar in den Dienst der Sache und hält durch seine ruhige Art die Mannschaft auch in schwerer Zeit zusammen. Interessanter ist da die Rolle des jungen Heizers Snipe, den Richard Attenborough verkörpert. Als das U-Boot auf Grund läuft, droht Snipe durchzudrehen – der Vorfall bringt seine latent vorhandene Klaustrophobie zum Ausbruch, die er allerdings (auf Befehl des Commanders) niederzuringen im Stande ist. James Hayter gibt den gutmütigen Gefreiten Higgins, ein Prolo mit dem Herz am rechten Fleck, die komische Figur des Films, die mit ihren Sprüchen immer wieder für Entspannung sorgt. Und Nigel Patrick überzeugt als abgebrühter Lieutnant Manson, dessen sich zunehmend verschlechternder Gesundheitszustand dem Ganzen zusätzliche Dramatik verleiht. Attenborough, Hayter und Patrick füllen ihre Charaktere durch ihr packendes Spiel so mit Leben, dass das Interesse der Zusachauer permanent lebendig bleibt und man den Film trotz seiner Schwächen als positive Erfahrung bezeichnen kann.
Und irgendwo huscht mal ein junger Mann namens Maurice Joseph Micklewhite durchs Bild, der später als „Michael Caine“ zu Weltruhm gelangen sollte. In Morning Departure hatte er seinen ersten Auftritt in einem langen Spielfilm.

Der Film wäre übrigens kurz vor seinem Start fast zurückgezogen worden: Kurz vor der geplanten Premiere ereignete sich ein reales U-Boot-Unglück mit tragischem Verlauf. Die „HMS Truculent“ sank nach einer Kollision mit einem schwedischen Öltanker, 64 Menschen kamen dabei ums Leben. Nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, Morning Departure trotzdem in die Kinos zu bringen, mit einem Hinweis auf die reale Tragödie im Vorspann und dem Zusatz, der Film sei ein „Tribut an die Offiziere und Männer ihrer Majestät U-Boote und an die königliche Marine, deren Teil sie sind.“

Abspann:
Roy Ward Baker ist heute noch vor allem für den grossartigen Titanic-Film A Night To Remember (dt.: Die letzte Nacht der Titanic; GB 1958) bekannt. Sein erstes Engagement als Regisseur hatte er Eric Ambler zu verdanken, der nicht nur Romane schrieb, sondern damals auch Filmproduzent war. Baker drehte auch vier Filme in Amerika, doch seine Titanic-Verfilmung blieb das einzige Werk, das bis heute zum Kanon der grossen Filmklassiker zählt.
Richard Attenborough – oder besser Lord Richard Attenborough – begann 1942 mit der Filmschauspielerei; 1969 wechselte er hinter die Kamera und drehte so denkwürdige Filme wie Oh! What A Lovely War (1969), Gandhi (1982) und Cry Freedom (1987).
John Mills war der englische Schauspieler überhaupt. Naja, neben Ralph Richardson, Michael Redgrave und John Gielgud und ein paar anderen vielleicht. Mills spielte – gefühlt – in jedem zweiten britischen Film mit. Über ihn vielleicht zu späterer Gelegenheit mehr.

Morning Departure ist zwar heute nicht mehr sehr bekannt, trotzdem erschien er in Deutschland auf DVD, gemäss einem amazon-User allerdings offenbar in einer billig gemachten Veröffentlichung. Sie ist inzwischen vergriffen. Die britische Ausgabe kann hier zu vernüftigen Versandkosten bestellt werden.

Rezeption:
Dem Film war in Grossbritannien ein beachtlicher Kassenerfolg beschieden. Offenbar kam er auch und besonders in Amerika gut an (dort wurde sein Titel reisserisch in Operation Disaster geändert) – jedenfalls erhielt Roy Ward Baker darauf ein Angebot, in den USA zu drehen.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene Klassiker:

Operation Petticoat (dt: Unternehmen Petticoat; Blake Edwards, USA 1959) Mit Cary Grant, Tony Curtis, Joan O’Brien u.a.
Der zweite U-Boot-Film diese Woche war zwar amüsanter als der im Hauptteil beschriebene, aber so grandios wie sein Ruf fand ich ihn denn doch nicht. Die Abenteuer eines abgetakelten U-Boots und dessen seltsamer Crew dümpelt etwas allzu seicht durch den Pazifischen Ozean und zieht sich allzusehr in die Länge. Eine Kürzung um 30 Minuten hätte ihm gut getan. Cary Grant war zur Zeit des Drehs in seinen Manierismen erstarrt – man hat das Gefühl, er zeigte in jedem Film der späten 50er-Jahre immer dieselben paar Gesichtsregungen – was dem Film zusätzlich Drive wegnimmt. Es gibt ein paar nette Highlight wie das rosarote U-Boot und damit hat sich’s.

Ten North Frederick (dt.: Ein Mann in den besten Jahren; Philip Dunne, USA 1958) Mit Gary Cooper, Diane Varsi, Suzy Parker, Geraldine Fitzgerald u.a.
Gary Cooper drehte zwischen Billy Wilders Love in the Afternoon und John Sturges‘ Man of the West 1958 diesen Film, der heute kaum mehr bekannt ist. Das Familiendrama Ten North Frederick zeigt Cooper als einen aufrechten Gouverneursanwärter, dem eine familieninterne Angelegenheit zum Verhängnis wird und an dem er zerbricht. Schauspielerisch fällt der Film ziemlich flach: Gary Cooper ist komplett fehl besetzt – dem immer aufrechten „Jolly Good Fellow“ nimmt man den an der Skrupellosigkeit seiner Umwelt verzweifelnden alten Mann einfach nicht ab, und mit dem Abgleiten in den Alkoholismus ist Cooper mimisch schlichtweg überfordert. Aber auch das Gros der Nebendarsteller überzeugt schauspielerisch nicht. Das Drehbuch ist noch das Beste an dem Film, obwohl es einige Glaubwürdigkeitslücken aufweist. Es stammt aus der Feder Philip Dunnes, der auch (höchst konventionell) Regie führt.

Calling the Tune (Reginald Denham & Thorold Dickinson, GB 1936) Mit Adele Dixon, Sally Gray, Sam Livesey, Donald Wolfit u.a.
Dieser gründlich vergessene britische Film um die Entstehung der Schallplatte stellt zwei konkurrenzierende Schallplattenhersteller und deren Sprösslinge ins Zentrum. Die Handlung schleppt, die Dekors variieren bis zum dramatischen Höhepunkt wenig und die Darstellerinnen sind von unterschiedlicher Güte. Das Ende ist deutlich von Hitchcock inspiriert und bringt einige visuelle Glanzlichter, die der Film bis dahin fast vollständig vermissen liess. Vin historischem Interesse sind die immer wieder eingeschobenen Auftritte britischer Musik- und Schauspielergrössen, die beim Aufnehmen von Schallplatten zu sehen sind.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Absolutely Anything (dt.: Zufällig allmächtig, Terry Jones, GB 2015) Mit Simon Pegg, Kate Beckinsale, Rob Riggle u.a.
Filme über Erdenbürger, die plötzlich Superkräfte besitzen gibt es inzwischen nicht wenige. Ich muss zugeben, dass ich bislang keinen einzigen davon gesehen habe. Ausser Absolutely Anything des Monty Python-Mitglieds Terry Jones. Jones, der praktisch für alle Kinofilme der Pythons im Regiestuhl sass, schrieb hierfür auch das Drehbuch. Und das merkt man: Absolutely Anything unterscheidet sich! Die Gags sind wirklich lustig. Vollkommen abgedreht und wunderbar kreativ. Nichts von der Stange. Kein Witz wird acht Mal wiederholt, damit ihn auch der hinterste Doofkopp kapiert.
Simon Pegg ist köstlich als Lehrer Neil, der von einer Gruppe Ausserirdischer per Zufallsprinzip auserkoren wird, Zauberkräfte zu besitzen: Alles was er sich wünscht, geht in Erfüllung. Wendet er seine Kräfte für Gutes an, wird die Erde verschont, tut er nur Böses, soll sie von den Aliens vernichtet werden. Und was macht Neil mit seiner Gabe? Eigentlich nur Blödsinn.
Das hat herrlich subversive Kraft und unterscheidet Absolutely Anything wohltuend von ähnlich gearteten, aber ungleich plumperen amerikanischen Kindsköpfigkeiten.
Robin Williams ist hier in seiner allerletzten Filmrolle zu hören: Er spricht Neils Hund, dem dieser natürlich die menschliche Sprache herbeigewünscht hat.

Augenfutter:
Der oben beschriebene Film, Morning Departure, kann hier in voller Länge und in Originalsprache (ohne Untertitel) betrachtet werden. Bei youtube ist er unter seinem US-Verleihtitel Operation Disaster gelistet.

Vorschau:
Ein weiterer Klassiker des britischen Films kommt in der nächsten Ausgabe aufs Tapet: Die grandiose Komödie Passport To Pimlico (dt.: Barrikade in London / Pass nach Pimlico) von Henry Cornelius aus dem Jahr 1949. Darin spaltet sich ein Stadtteil Londons vom Rest Grossbritanniens ab – mit unglaublichen Folgen.

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