Movie-Magazin 5: Blockade in London – 1949

PASSPORT TO PIMLICO
Grossbritannien 1949
Mit Stanley Holloway, Margareth Rutherford, Hermione Baddeley, Raymond Huntley, Barbara Murray, Paul Dupuis, Basil Radford, Naunton Wayne u.a.
Drehbuch: T.E.B. Clarke
Regie: Henry Cornelius
Dauer: 85 min
Der Film lief 1952 auch in deutschen Kinos, unter dem Titel Blockade in London. Der TV-Titel (1969) hiess Pass nach Pimlico.

Vorspann:
Nachkriegszeit in London: Viele Strassen und Plätze des Arbeiterquartiers Pimlico sind noch immer von zerbombten Hausruinen gesäumt. Demnächst soll eine in einem Krater „schlafende“ Bombe zur Detonation gebracht werden, weil der von ihr belegte Platz mit modernen Bürogebäuden „verschönert“ werden soll. Doch das Ding expoldiert wegen einiger spielender Kinder zu früh – und legt einen Schatz frei. Eine zur Rate gezogene Historikerin (Rutherford) belegt zweifelsfrei, dass es bei dem Schatz um den Besitz des burgundischen Herzogs Karls des Kühnen handelt. Doch noch wichtiger als der Schatz ist ein Freibrief, in welchem der damalige englische Herrscher Karl dem Kühnen das Gebiet des heutigen Londoner Stadtteils Pimlico nicht nur abtritt, sondern dieses zudem als von Britannien unabhängiges burgundisches Gebiet deklariert.
Die Sachlage will es, dass Pimlico mit dem Auftauchen des besagten Briefes aus dem britischen Hoheitsgebiet herausfällt, und dessen Bewohner per sofort als Ausländer gelten.
Die schlitzohrigen „Neu-Ausländer“ finden schnell Wege, die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen – zuerst mal mit verlängerten Pub-Öffnungszeiten. Und dann reagiert auch das „Ausland“ – sprich: der Rest Londons – auf die rechtsfreie Zone Pimlico, in welcher sie eine Gelegenheit sehen, die kriegsbedingten Rationierungen und Restriktionen der Regierung zu umgehen. Letztere kommt ins Schwitzen und ergreift Massnahmen, die von den schlauen „Burgundern“ jeweils im Nu wieder unterlaufen werden – und als dann auch noch ein rechtmässiger Nachkomme Karls des Kühnen auftaucht, verschärft dies die Situation zusätzlich…

Der Film:
Es gibt wohl keinen anderen Filmklassiker, der das aktuelle Geschehen in Grossbritannien derart inronisch spiegelt wie diese wundervolle Farce aus dem Jahr 1949. Im Unterschied zu „Brexit“ treten die Briten hier aus Britannien aus, das ja auch aus einem Zusammenschluss mehrerer Staaten besteht. Tatsächlich weist der 1931 gegründete Commonwealth durchaus Ähnlichkeiten mit der EU auf, und der Film wirkt in groben Zügen wie eine Parodie dessen, was die Tage geschieht. Im Detail betrachtet unterscheidet sich „Brexit“ dann doch erheblich von „Pimlico“, und deshalb belassen wir es mit dem Aufzeigen der witzigen Parallele zum Heute. Sie weist allerdings auf die Zeitlosigkeit dieses Werks hin, das trotz seines hohen Alters weder in thematischer noch in dramaturgischer Hinsicht Staub angesetzt hat.

Henry Cornelius‘ erste Regiearbeit ist wahrscheinlich etwas vom Besten, was die legendären britischen Ealing-Filmstudios je verlassen hat. Der Film ist unglaublich: Keine tote Minute, alles scheint in ständiger Bewegung, Akteure, Statisten, Kamera, Requisiten. Die Frames sind voll mit pulsierendem Leben, sind vollgestopft mit Menschen, mit Gesichtern. Ebenso die Handlung – nie würde man glauben, dass nur 85 Minuten vergangen sind, wenn man bei den Schlusstiteln angekommen ist. So viel steckt da thematisch drin, die Handlung nimmt immer wieder neue Wendungen, so schnell, dass man gar nicht dazu kommt, sie vorauszuahnen. Alles ist Tempo, die Handlung, die Bewegungen der Akteuere – meist rennen sie – die Sprache, die Filmmusik (Georges Auric). In seiner umfassenden Beinah-Hysterie ähnelt Passage To Pimlico den atemlosen Komödien Preston Sturges‘.

Das Drehbuch von T.E.B. Clarke ist ein kleines Meisterwerk. Clarke war ein „Ealing-Regular“, der in der Glanzzeit des Studios regelmässig wunderbare Komödien hervorbrachte. Man kennt heute nur noch die Namen der Regisseure, die eng mit dem Begriff „Ealing-Komödie“ verknüpft sind – Alexander MacKendrick, Charles Crichton, Robert Hamer – dabei waren sie gar nicht die Hauptverantwortlichen für das britische Komödienwunder, das bis gegen Ende der Fünfzigerjahre anhielt. Die Regisseure waren im Grunde austauschbar. Ich will ihre Fähigkeiten keineswegs kleinreden, denn auch in der Wahl der Regisseure setzte das Studio auf die fähigsten Leute. Doch was hat Alexander MacKendrick ausser Ladykillers gedeht? Was Robert Hamer ausser Kind Hearts and Coronets (dt.: Adel verpflichtet)? Da muss man doch eine Weile überlegen. Sie waren hervorragende Handwerker – hervorragend, aber austauschbar. Im Gegensatz zu den Autoren.

Die Namen der Autoren hingegen waren und sind ausserhalb Englands höchstens einigen „Film-Buffs“ bekannt. Dabei haben viele von ihnen fortgesetzt wahre Juwelen von Drehbüchern produziert. William Rose, der Autor von Ladykillers etwa schrieb auch It’s A Mad, Mad, Mad, Mad World (dt: Eine total, total verrückte Welt) oder Guess who’s Coming to Dinner (dt.: Rat‘ mal, wer zum Essen kommt). Und auch T.E.B. Clarke hat eine ganze Reihe legendäre Ealing-Erfolge „auf dem Gewissen“ (s.unten). Sie waren es, welche „Ealing“ für seine Komödien berühmt gemacht hatten. Nicht MacKendrick, nicht Crichton und nicht Hamer. Ohne diese grandiosen Autoren wäre das Studio eines unter anderen geblieben.

Natürlich, Filme wie Passport to Pimlico waren letztlich Ensembleleistungen. Weniger fähige Regisseure hätten weniger aus den Steil-Vorlagen herausgeholt. Weniger talentierte Akteure und Aktricen hätten die Pointen nicht derart messerscharf auf den Punkt gebracht. Wie Henry Cornelius etwa die Massenszenen inszeniert und dem Geschehen damit zusätzliche Dynamik und zusätzliche Komik verleiht, das ist ein Glücksfall. Oder auch nicht – ein Grossteil des Erfolgs ist wahrscheinlich Michael Balcon, dem Produzenten zu verdanken, der das richtige Gespür dafür hatte, genau die richtigen Leute für seine Projekte zu wählen.

So war „Ealing“ u.a. bekannt dafür, die Rollen ihrer Filme mit den bestmöglichen Schauspielern zu besetzen. Das führte auch in Passport to Pimlico zu einem ausgewogenen Ensemblestück, in dem keiner einziger abfällt und jede kleine Nebenrolle dank perfekter Besetzung glänzt. Stanley Holloway als bauernschlauer Gemischtwarenhändler, Hermione Baddeley als vulgäre Modeverkäuferin, Basil Radford und Naunton Wayne als verzweifelnde Regierungsbeamte – sie sind nur die bekannten Namen. Die anderen sind genauso glänzend. Und Margareth Rutherford als pathetisch aufspielende Historikerin zeigt, dass sie mehr drauf hatte als Miss Marple.

Die Idee zum Film kam T.E.B. Clarke, als er einen Artikel über die niederländische Prinzessin Juliana in der Zeitung las, welche im kanadischen Exil einen Sohn gebar. Weil die Tradition oder das Gesetz vorschreibt, Thronfolger seien auf niederländischem Grund und Boden zu gebären, musste der Geburtssaal in niederländisches Territorium verwandelt werden. Die Struktur des Films nahm 1948 Gestalt an – die Ereignisse um die Blockade Berlins durch die Sowjetunion gaben Clarke nicht nur den politischen Rahmen, innerhalb dessen sein Schelmenstück vom Stapel laufen konnte, sondern auch Aktualität und Realitätsbezug, die er beide kräftig persifliert. Sogar eine Miniform der Berliner Luftbrücke baute er augenzwinkernd in den Film mit ein.

Passport to Pimlico ist eine Art britischer Trümmerfilm – aber lustig. Weil teils „on location“ gedreht wurde, bildet der Film die Realität eines zerbombten Nachkriegs-Londons ab. Der Wiederaufbau geht schleppend voran, der Markt wird durch die allseits verhassten „Ration-Books“ bestimmt. Die Frustration der Bevölkerung über die auch nach dem Krieg nicht enden wollenden Einschränkungen ist greifbar. Passport to Pimlico ist bei aller Komik auch ein Zeitbild. Dass er bis heute erfrischend aktuell geblieben ist, liegt an Clarkes fabelhaften Drehbuch, das dauerhafte, ernsthafte menschliche und politische Grundthemen wie die Macht der Obrigkeit und den Widerstand dagegen in einer Weise behandelt, die durch ihre genaue und exemplarische Darstellung Modellcharakter aufweist. Der Film könnte noch heute als politisches Lehrstück in Schulen gezeigt werden. Mit Staatskunde dieser Art würde sich garantiert kein Student langweilen!
Passport to Pimlico ist einer jener Filme, den man unbedingt mal sehen sollte!

Abspann:
T.E.B. Clarke schrieb in der Blütezeit der sog. „Ealing-Comedy“ zahlreiche Drehbücher zu mehreren herausragenden Farcen (die bekanntesten davon sind The Titfield Thunderbolt, The Lavender Hill Mob, Barnacle Bill). Clarke war dafür bekannt, für seine Geschichten minuziös zu recherchieren: Was er zu Papier brachte, hatte bei aller Verschrobenheit und Absudität Hand und Fuss und war in der Realität fest verankert. Nicht zuletzt deshalb hat auch Passport to Pimlico bis heute nichts an Aktualität und Frische eingebüsst.
Henry Cornelius war Südafrikaner und ein cinéastischer Tausendsassa. 1931 reiste er nach Berlin, um bei Max Reinhardt zu studieren. Nachdem die Nazis die Macht übernommen hatten, floh er nach Paris, wo er erstmals mit dem Film in Kontakt kam. Nach England gelangte Cornelius 1935, wo er Schnittassistent bei René Clair (für dessen Film The Ghost Goes West, 1936) und Cutter bei Alexander und Zoltan Korda wurde. Zurück in Südafrika arbeitete er an Dokumentarfilmen, um danach wieder nach London überzusiedeln, wo er erst Produktionsassistent  und dann Produktionsleiter bei Ealing wurde. Drehbücher verfasste er ebenfalls. Passport to Pimlico war sein erstes Werk als Regisseur – weitere viereinhalb folgten, denn Cornelius verstarb mitten in den Dreharbeiten zu Law and Disorder (dt.: Herzlich Willkommen im Kittchen, 1958), der von Charles Crichton fertiggestellt wurde. Seine bekanntesten Filme sind Passport to Pimlico und Genevieve (dt.: Die feurige Isabella, 1953).
Stanley Holloway ist vielen Filmfreunden hierzuland in erster Linie als Alfred Doolittle aus George Cukors My Fair Lady (1964) bekannt – seine bis heute erfolgreichste Rolle. Holloway, der ursprünglich Sänger werden wollte, spielte den Doolittle zuvor bereits in der amerikanischen und in der britischen Bühnenproduktion des Musicals; der Song „Wiv A Little Bit O‘ Luck“ wurde zu seinem Markenzeichen. Holloways zweiterfolgreichste Rolle war jene des Butlers Higgins in der US-TV-Serie Our Man Higgins. Liebhaber des britischen Films kennen ihn aus scheinbar zahllosen Filmen, der in Grossbritannien äusserst beliebte Schauspieler wurde immer wieder in Haupt- oder Nebenrollen besetzt. Die Nebenrollen des Bahnangestellten in David Leans Brief Encounter und die des des Totengräbers in Laurence Oliviers Hamlet machten Holloway erstmals einem grossen Publikum bekannt, es folgten Rollen in Meilensteinen wie The Lavender Hill Mob, The Titfield Thunderbolt, und auch in hierzulande weniger bekannten, in England aber geschätzten und geliebten Filmen.

Passport to Pimlico fristet neben anderen bekannten Ealing-Komödien wie Ladykillers oder The Lavender Hill Mob (dt.: Einmal Millionär sein) hierzulande eher ein Schattendasein. Zu Unrecht! Der Film verdient dringendst eine deutsche DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung! Hierzulande ist/war er je weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erhältlich.
In den England erschien er kürzlich restauriert auf DVD und Blu-ray. Bestellbar zu geringen Versandkosten sind beide hier.

Rezeption:
Der Film gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Filmen in England.
Der Plot von Passport to Pimlico stand Pate für die schwedische Radiosendung Mosebacke Monarki, die von 1958 – 1983 erfolgreich lief. Und auch der 1969 entstandene Westdeutsche Fernsehfilm Die Dubrow-Krise von Eberhard Itzenplitz liess sich vom britischen Klasiker inspirieren: Dort schliesst sich eine ostdeutsche Kleinstadt Westdeutschland an.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Philomena (Stephen Frears, GB 2013) Mit Judi Dench, Steve Coogan u.a.
Martin, ein geschasster Polit-TV-Journalist soll eine Home Story über eine alte Dame schreiben, die auf der Suche nach ihrem verlorenen Sohn ist. Nach anfänglichem Widerwillen beginnt ihn Philomena und ihre Geschichte zu interessieren, und er willigt ein, sie auf ihrer Suche zu begleiten.
Als junge Frau wuchs Philomena bei streng gläubigen Nonnen auf; ein Techtelmechtel auf der Kirmes führte zu einer Schwangerschaft – und zu einem Sohn namens Anthony. Die Nonnen gaben ihn zur Adoption frei und so wurde Anthony eines Tages abgeholt – und ward nicht mehr gesehen.
Bei einem Besuch in ihrer alten Wirkungsstätte stellt Martin fest, dass die Nonnen etwas zu verbergen versuchen – und nun gibt es für ihn kein Halten mehr. Mit Philomena im Schlepptau reist Martin nach einigen Recherchen nach Amerika…
„Nach einer wahren Geschichte“ steht im Vorspann zu lesen. Das ist oft kein gutes Zeichen, doch diesmal ist aus einer wahren Geschichte ein packender, brisanter und berührender Film geworden. Steve Coogan hat mit Hilfe von Jeff Pope aus dem Tatsachenbericht ein hervorragendes Drehbuch destilliert, das keinen Moment papieren wirkt und den Wahrheitsanspruch nie über Gebühr strapaziert. Regisseur Stephen Frears hat es einerseits schlüssig und stringent, andererseits künstlerisch ansprechend umgesetzt – die grobkörnigen Rückblenden sind eine Reminiszenz an die „kitchen sink“-Dramen des englischen Kinos, mit denen Frears seine Karriere begann. Und die Schauspieler sind allesamt erste Sahne, perfekt gewählt und überzeugend. Ein empfehlenswerter, reichhaltiger Film mit emotionaler und (kirchen-)politischer Sprengkraft.

Augenfutter:
Anatole Litvaks famoses, vergessenes Cold-War-Drama The Journey (1959) lohnt einen Blick. Hier geht es zu meinem Artikel darüber – und unten kann er angeschaut werden (engl. Originalfassung ohne Untertitel):

Vorschau:
Im Zentrum der kommenden Ausgabe steht der atemberaubende „Film Noir“ Woman on the Run (dt.: Einer weiss zuviel, USA 1950) von Norman Foster. In den Hauptrollen: Ann Sheridan und Dennis O’Keefe. Es geht um eine Frau, die mit Hilfe eines Reporters nach ihrem vermissten Mann sucht. Dieser ist scheinbar spurlos verschwunden, nachdem er einen Mord unter Gangstern beobachtet hat und von der Polizei als Zeuge benötigt wird.

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