Movie-Magazin 3: Pakt mit dem Teufel – 1950

LA BEAUTÉ DU DIABLE
Frankreich 1950

Mit Michel Simon, Gérard Philipe, Nicole Besnard, Simone Valère, Raymond Cordy u.a.
Drehbuch: René Clair und Armand Salacrou
Regie: René Clair
Dauer: 91 min

Der Film lief 1950 auch in den deutschen Kinos. Es existieren zwei alternative deutsche Titel: Die Schönheit des Teufels und Pakt mit dem Teufel.

 

Vorspann:
Die Faszination der Faust-Legende beschäftigte Filmemacher über alle Dekaden. Aus Frankreich kommt die Version von René Clair, über dessen Werk hier im Blog schon mehrfach beleuchtet wurde.
Der alte Magister Henri Faust (Simon) wird von Mephisto (Philipe) besucht und wieder ins Jünglingsalter zurückversetzt. Clairs Fassung wartet mit einem besonderen Twist auf: Sobald Faust oder Mephisto jung sind, werden beide Figuren von Gérard Philippe gespielt. Im Alter leiht ihnen Michel Simon das Gesicht.

Der Film:
René Clair folgt in groben Zügen der Faust-Sage. Allerdings verlegt er die Handlung nach Frankreich, in ein nicht näher bestimmtes Zeitalter, in dem Fürsten, Prinzessinnen, Zigeuner und Alchemisten in die Geschicke der Menschen eingriffen. Er baut eine Wendung ein, gemäss jener Faust von Mephisto die Jugend gratis und franko geliefert bekommt, zusammen mit Liebesglück und Reichtum, welche er ihm allerdings kurz darauf wieder wegnimmt, um deren Rückgabe an die Bedingung der „Seelenspende“ zu knüpfen. Diese soll bei Clair nach Fausts Tod vorgenommen werden.

Diese Wendung weist das Problem hin, das der Film hat: Es fehlt ihm eine geradlinige, schlüssige Narration. Immer wieder werden „Umleitungen“ in die Erzählung eingebaut, die an sich unnötig sind und die Zuschauer auf Fährten locken, die schon bald wieder verlassen werden oder die sich als unwichtig erweisen. Der Eindruck von Verzettelung und der Verwirrung wird noch verstärkt durch den befremdenden (oder respektvoller ausgedrückt: originellen) Einsatz bekannter filmischer Mittel, etwa der Überblendung. Clair überblendet immer wieder zu Szenen, die ein paar Sekunden dauern, dann wird zurück-überblendet zum Ausgangspunkt. Wieso? Für einen derart kurzen Exkurs wäre doch ein schneller Schwenk angebracht gewesen. Ein filmerfahrenes Publikum erwartet auf eine Überblendung den Beginn eines neuen „Aktes“. Schwenks werden von Clair auch eingesetzt, zum Überbrücken grosser Zeitsprünge, wo sie ebenfalls deplatziert wirken, da sie üblicherweise für schnelle Ortswechsel eingesetzt werden.
So unterläuft Clair nicht nur mit der Narration, sondern auch mit der Wahl der filmischen Mittel ständig die Erwartungen und Sehgewohnheiten der Zuschauer und entzieht ihnen ständig den Boden unter den Füssen. Absichtlich? In allen Filmen René Clairs (die amerikanischen ausgenommen) fällt der scheinbar deplatzierte Einsatz filmischer Mittel auf, in einigen das Fehlen eines narrativen Zentrums. Hat das mit seinen Anfängen als Avantgarde-Filmer in der Stummfilmzeit zu tun (eine Haltung, die er nie ganz aufgeben mochte)? Oder handelt es sich um Unvermögen?

Der Rest des Films erscheint sonst recht konventionell: Die Dekors, der Einsatz der Musik, das Personal. Der Humor. Drei Dinge machen die oben genannten Irritationen wett: Clairs bezaubernder, verspielter Charme, mit dem er alle seine Geschichten erzählt, sein untrüglicher Sinn für die richtige Portion Humor am richtigen Ort. Und die beiden Hauptdarsteller, denen der Regisseur hier eine Spielwiese bietet, auf welcher er sie zu Höchstform auflaufen lässt.
Michel Simon und Gérard Philipe waren damals die Stars des französischen Kinos – und auch des Theaters. Beide kamen sie von der Bühne und kehrten auch immer wieder dorthin zurück. La beauté du diable trägt dem durch seinen vom klassischen Theater inspirierten Ton Rechnung, indem er gerade den jungen Faust mit leicht pathetischem Tonfall sprechen lässt. Solche kleine ironische Spitzen durchziehen den ganzen Film und geben ihm sein Gesicht. Das ist typisch Clair – so unterschiedlich seine Filme über die verschiedenen Schaffensperioden auch sein mögen, dieser charakteristische heiter-ironische, manchmal leicht frivole Grundton in Bild und Dialog zieht sich unverwechselbar als sein Markenzeichen durch sein gesamtes Werk. Trotz einiger ernsten Sequenzen von Tod und Verderben, welche an atomare Verwüstung erinnern und die Folgen von wissenschaftlichem Grössenwahn illustrieren, bleibt der Grundton von La beauté du diable heiter und luftig.

Und wenn die geschliffenen Dialoge, die witzigen Kapriolen von zwei so grossartigen Theaterlöwen wie Michel Simon und Gérard Philipe gesprochen und ausgeführt werden, dann ist das ein Fest. Während der Visionierung dieses Films kommt man aus dem Grinsen und Staunen kaum heraus. Der Film amüsiert und unterhält von Anfang bis Schluss. La beauté du diable ist schön, solang er währt. Hinterher reibt man sich die Augen und fragt sich: Worum ging’s jetzt da genau? Ich konnte die Handlung seltsamerweise kaum mehr im Detail rekapitulieren.
Das hat stark mit dem bereits erwähnten Umstand zu tun, dass dem Film ein narratives Zentrum fehlt. Immer, wenn sich in La beauté du diable ein Thema herausgeschält hat (der Handel mit der Seele, das Herstellen von Gold und dessen Folgen, die Wissenschaft als Verursacherin von Tod und Zerstörung, das gegeneinander Ausspielen von Reichtum und Armut), hüpft er in eine unerwartete Richtung davon oder geht zum nächsten Thema über. Ein solch ausufernd assoziatives Erzählen verhindert nicht nur Tiefgang, es strapaziert bisweilen auch die Geduld der Zuschauenden.

Michel Simon und Gérard Philipe verstanden sich offenbar nicht besonders gut – Simon blickte auf den jüngeren Kollegen herunter. „Gérard Philipe? Ein Schauspieler? Gestatten Sie, dass ich lache!“, gab er in einem Interview von sich. Philipe sei vor der Kamera doch nur damit beschäftigt, sein Profil ins rechte Licht zu rücken. Da sprach wohl der Neid aus dem viel älteren Kollegen, denn beobachtet man Philipe im Zusammenspiel mit Simon, dann fällt auf, dass dieser erstens sehr wohl grosses schauspielerisches Talent besass und zweitens, dass sein Spiel um einiges bescheidener ausfiel als Simons. Von wegen Eitelkeit: Philipe stellte sich ganz in den Dienst der Inszenierung, während Simon offenbar immer wieder daraus ausbrach und sein eigenes Ding durchzog. Michel Simon macht, entgegen den Absichten des Regisseurs, aus Mephisto eine saftige komödiantische Nummer. So saftig war es von Clair wohl nicht geplant – aber wer widerspricht schon Michel Simon?! Zum Glück hat er ihn gewähren lassen, Simon ist das Herzstück des Films und seine Schmiere bekommt dem Film gut, da er ihm eine gewisse Richtung gibt.

Die „mise en scène“ ist Clair pur. Die bereits erwähnte alles durchziehende Heiterkeit trägt unverkennbar seine Handschrift – Simons entfesselter Mephisto passt da gut hinein. Auch die vielen Effekte und Kameratricks gehörten seit seinem ersten Werk, dem Stummfilm Entr’Acte (siehe unter „Augenfutter“) zu Clairs Markenzeichen. Die Sequenz, in welcher Mephisto dem jungen Faust in einem Salonspiegel die Zukunft zeigt, gehört dabei zu den ausgeklügeltsten Tricksequenzen des Films, vielleicht des französischen Kinos jener Tage überhaupt.

Abspann:
René Clair filmte ab den Fünfzigerjahren immer weniger. Sein folgender Film, Les belles du nuit (dt.: Die Schönen der Nacht, 1952) wieder mit Gérard Philippe in der Hauptrolle, gilt als sein letztes bedeutendes Werk. Bis 1966 stellte er noch vier weitere Filme fertig, wirkte an zwei Episodenfilmen mit und inszenierte eine Folge der TV-Serie Les fables de Lafontaine, dann zog er sich aus dem Filmgeschäft zurück, schrieb und inszenierte Opern und Theaterstücke. 1960 wurde er als erster Filmemacher in die Académie Française gewählt.
Gérard Philipe wurde leider nicht alt, im Jahr 1959 bricht sein Filmschaffen ab. Er hat heute den Stempel des „Schönlings“, weil er in Filmen oft in solchen Rollen besetzt worden war. Dabei trat er im Theater in Stücken von durchaus ernst zu nehmenden zeitgenössischen Autoren wie Albert Camus und Jean Giraudoux, aber auch mit einem klassischen Répertoire auf. Auf der Bühne führte Philipe immer wieder auch selbst Regie. Durch sein anti-amerikanisches Engagement, das sich vor allem auf den kulturellen Bereich bezog, kam er in den „Genuss“ eines Empfangs in der DDR, denn dort wurde sein politischen Engagement ausdrücklich begrüsst und gelobt. Philipe hätte ein Angebot der DEFA nach eigener Aussage nicht ausgeschlossen.
1959 erlag Philipe im Alter von nur 37 Jahren einem Krebsleiden.
Michel Simon war ein Schweizer, der es in Frankreich als Schauspieler zum kaum überbietbarem Ruf brachte. Obwohl er eine Abneigung gegen das Kino hatte und Dreharbeiten hasste, trat er in vielen bekannten Filmen der meisten grossen französischen Regisseure von 1928 bis Anfang der Siebzigerjahre auf. La beauté du diable entstand noch vor seiner Gesichtslähmung, die er sich kurz danach dank der Verwendung eines aggressiven Schminkmittels zuzog. Nach La beauté du diable drehte Simon mit Sacha Guitry den hier im Blog bereits besprochenen La poison (1951).

La beauté du diable war trotz seines relativ geringen Bekanntheits- und Popularitätsgrades im deutschsprachigen Raum auf DVD erhältlich (inzwischen ist sie nicht mehr lieferbar, aber noch gebraucht erhältlich), und zwar in sehr guter Qualität, sowohl in der in Originalsprache mit zuwählbaren deutschen Untertiteln als auch in deutscher Synchronisation.

Rezeption:
Der Film wurde von Kritik und Publikum wohlwollend aufgenommen, verschwand aber nach seiner Erstaufführung in der Versenkung. Die Geringschätzung, die Clair und seinen Werken von einigen Exponenten der „nouvelle vague“ ab Ende der 50er-Jahre öffentlich entgegengebracht wurde, blockierte möglicherweise das Interesse an seinem Werk, das plötzlich als „rückständig“ galt, auf längere Zeit.

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:
Danny Collins
(Dan Fogelman, USA 2015) Mit Al Pacino, Annette Bening, Bobby Cannavale, Jennifer Garner, Christopher Plummer, u.a.
So langsam komme ich auf den Geschmack, übersehene Filme auch im zeitgenössischen Filmschaffen aufzuspüren. Dass sich auch da Perlen finden, beweist diese wunderbare geschriebene und gespielte erste Regiearbeit des Drehbuchautors Dan Fogelman („Crazy, Stupid, Love“, „Cars“). Bei uns kam der Film nicht in die Kinos, er wird voraussichtlich im August direkt auf DVD und Blu-ray (unter dem Titel „Mr. Collins‘ zweiter Frühling“) lanciert. Was angesichts der Star-Häufung und der Qualität erstaunt.
Danny Collins (Pacino) ist ein verlebter, abgehalfterter ehemaliger Songwriter/Sänger, der seit Jahren kein neues Lied mehr geschrieben hat und sein Leben mit alten Hits anderer Sänger bestreitet. Er säuft, kokst und ist mit einer viel jüngeren Frau liiert, die ihn mit anderen Männern betrügt. So weit, so bekannt. Eines Tages im Jahr 2014 erhält Collins einen Brief, der sein Leben verändert hätte, wäre er damals (1971) tatsächlich bei ihm angekommen. Geschrieben hat ihn John Lennon. Dieser Brief und seine verspätete Zustellung bewirkt, dass Collins entsetzt realisiert, was er aus seinem Leben gemacht hat. Und vor allem: Was hätte sein können. Zum Leidwesen seines Managers (Plummer) sagt er die geplante Abschiedstournee ab, fährt nach New Jersey und checkt dort in ein teures Hotel ein. Trifft neue Leute. Knüpft neue Bande.
Fogelmans Film schält behutsam und mit viel Feingefühl das Portrait eines scheinbar gescheiterten Menschen heraus, der seine wahre Grösse hinter der Maske des Egoismus verbirgt, der selbst kein Bein auf die Erde bekommt, für andere aber zum Fels in der Brandung wird. Danny Collins ist ein grossartiger Film, hervorragend geschrieben und grandios gespielt, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die in keinem Moment billig wirkt. Ein Film, der den Mut hat, Gefühle zuzulassen und der ganz ohne falsche Töne auskommt.

Augenfutter:
Entr’Acte (René Clair, Frankreich 1923) Mit Eric Satie, Francis Picabia, Man Ray, u.a.
Hier geht es zu meinem Artikel über René Clairs 20-minütigem surrealem Erstlingswerk. Und unten kann er in voller Länge angeschaut werden.

Der klassische Film diese Woche – Blick in andere Film-Blogs:
-Den deutschen Horrorfilm Die Schlangengrube und das Pendel (Harald Reinl, 1967) stellt der Blog Schattenlichter vor und entdeckt die charmant-naive Seite dieses Films. Mit Drehort-Special!
-Und noch ein deutscher Grusel: Die toten Augen von London, Alfred Vohrers Erstlingsfilm, eine Edgar-Wallace-Verfilmung von 1961, beleuchtet von Splattertrash.
-Und gleich nochmals Alfred Vohrer und Edgar Wallace: Schlombies Filmbesprechungen stellt den Hund von Blackwood Castle aus dem Jahr 1968 vor.
L’amore in città betrachtet Mario Monicellis Casanova ’70 aus dem Jahr 1965 – eine absurde „commedia all’italiana“, welche die männlichen Reaktionen auf die damals neue weibliche Selbstbestimmung ad absurdum führt.

Vorschau:
Im Zentrum der nächsten Ausgabe steht eine Art Unterwasser-Kammerspiel: Der britische Klassiker Morning Departure (dt.: Die Nacht begann am Morgen, Roy Ward Baker, 1950) berichtet von einer U-Boot-Crew, die nach einem Unfall auf dem Meeresgrund festsitzt und auf Rettung wartet. John Mills, Richard Attenborough und James Hayter glänzen in ihren Rollen.

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2 Kommentare

  1. Ich bin der Geist, der stets verneint!

    Und deshalb muss ich Dir mitteilen, dass Du Gérard Philipe ein „p“ zuviel spendiert hast … :-Þ

    Was die unkonventionellen Szenenübergänge betrifft, so haben sie mich nicht gestört. Um mehr dazu zu sagen, müsste ich mir den Film aber nochmal ansehen, aber dazu fehlt mir etwas die Zeit. Unfähigkeit in dieser Hinsicht würde ich aber Clair keinesfalls unterstellen.

    Dass Clair mit seiner mangelnden Fokussierung in der Handlungsführung an seine Anfänge in der Avantgarde anknüpfen wollte, glaube ich auch nicht. Eher erscheint es mir plausibel, dass er den Poetischen Realismus der 30er Jahre mit seiner oft bewusst gedämpften Dramaturgie wieder heraufbeschwören wollte. Bei einem Film mit historischem oder pseudo-historischem Setting wie hier fält das vielleicht nicht auf,(oder ist vielleicht auch nur Blödsinn von mir), aber DIE MAUSEFALLE (PORTE DES LILAS) von 1957 geht meiner Meinung nach recht deutlich in diese Richtung.

    1. Tja, ich habe eine Teillegasthenie, die sich auf Dopplungen der Buchstaben P und L in Namen fokussiert (Philippe, Pollak… 😉 ). Aber danke für den Hinweis.
      Ich habe Clair nicht der Unfähigkeit verdächtigt, ich habe von „Unvermögen“ geschrieben – das ist ein feiner Unterschied. Als unfähig würde ich keinen mir bekannten Regisseur bezeichnen – aber die Frage nach Clairs narrativen Fähigkeiten bleibt für mich im Raum. Sämtliche Filme, die ich von ihm kenne (6), weisen diese, ich nenne es jetzt einfach mal Schwäche, auf – und ich glabe nicht, dass sie etwas mit dem poetischen Realismus der 30er Jahre zu tun haben.
      Aber vielleicht bin ich einfach zu verwöhnt von der Gradlingkeit die man i.d.R. im englischsprachigen Film findet; diese behagt mir eh‘ mehr als die freiere Handhabung der cinèmatografischen Form, welche im europäischen Kino Tradition hat. Die Auflösung der cinèmatografischen Regeln, wie sie die Franzosen später in der „nouvelle vague“ praktizierten ist mir gar ein echter Graus.

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