Cary Grant

Der unsichtbare Dritte (1959)

USA 1959
Mit Cary Grant, Eva Maria Saint, James Mason, Leo C. Caroll, Martin Landau u.a.
Drehbuch: Ernest Lehman
Regie: Alfred Hitchcock
Dauer: 136min

Über diesen Film verliere ich nicht viele Worte. Nicht weil er es nicht Wert ist, sondern weil über ihn schon längst alles – und mehr – geschrieben worden ist; er wurde bis in den hintersten Kamerawinkel ausgeleuchtet, jede Wendung in der Handlung wurde ausgelotet, ja, alleine über Bernard Herrmanns Filmmusik sind wohl schon Bände gefüllt worden. Unnötig, zu sagen, dass dabei kaum mit Superlativen gegeizt wurde.

Zum Inhalt: Der unbescholtene Werbefachmann Roger Thornhill (Cary Grant) gerät zufällig in ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem FBI und einer skrupellosen internationalen Verbrecherbande – nur wegen einer achtlosen Handbewegung. Eh‘ er sich’s versieht wird er aufgrund einer Verwechslung von zwei Gangstern abgeschleppt und zu ihrem Boss (James Mason) gebracht, der seinen Schergen kurzum den Befehl erteilt, Thornhill unverzüglich ins Jenseits zu befördern.
Doch das klappt nicht wie geplant, Thornhill kommt mit dem Leben davon und es entwickelt sich eine Verfolgungsjagd, bei der man nicht recht weiss, wer hier eigentlich wen nicht los wird: Immer, wenn die Gangster glauben, sich Thornhills entledigt zu haben, taucht er wieder auf, immer, wenn Thornhill sich in Sicherheit wähnt, hat der die Bande wieder am Hals. Mit der Zeit gelingt es Thornhill, immer gewitzter zu agieren. Eine hübsche Zugbekanntschaft (Eva Maria Saint) bringt zusätzliche Verunsicherung in die verworrene Geschichte…

North by Northwest ist wohl der Prototyp und der gleichzeitig der Höhepunkt des Spannungsfilm-Subgenres „Unschuldiger-wird-in-ein-schreckliches-Verbrechen-hineingezogen“. Der Film half mit, den Mythos von Hitchcocks angeblicher Besessenheit mit dem Thema zu untermauern. Daneben zählt der Streifen zu den besten Agentenfilmen aller Zeiten, obwohl echte Geheimagenten darin nur am Rande vorkommen. Und das Drehbuch ist so wasserdicht wie wenige andere, die „Hitch“ verfilmt hat: Hier ist alles, trotz gehörigen Übertreibungen, schlüssig, auch unlogische scheinende Sequenzen werden im Nachhinein ins rechte Lot gerückt.

Über den Film ist, wie erwähnt, schon so viel geschrieben worden, dass ich es bei diesen Zeilen bewenden lasse, und abschliessend festhalte, dass sogar ich seinen Status als einer der unvergänglichen, staublosen Filmklassiker bestätigen kann; North by Northwest ist einer, den man gesehen haben sollte.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch: 10 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 10 / 10

Verfügbarkeit:
North by Northwest ist im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray erhältlich (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT).
Im Stream zu finden ist er bei amazon prime (Deutsch/Englisch mit dt. Untertiteln), Videobuster, Rakuten TV und Videoload (Deutsch und Englisch ohne dt. Untertitel), iTunes, maxdome, Google Play, Microsoft, videociety, Freenet Video und CHILI (nur Deutsch).

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Movie-Magazin 8: Hexenkessel (1950) & Leoparden küsst man nicht (1938)

CRISIS
USA 1950
Mit Cary Grant, José Ferrer, Gilbert Roland, Paula Raymond, Signe Hasso, Leon Ames, Ramon Novarro, u.a.
Drehbuch: Richard Brooks nach einer Story von Georg Tabori
Regie: Richard Brooks
Dauer: 96 min
Der Film kam erst 1955 unter dem Titel Hexenkessel in die deutschen Kinos

Vorspann:
Irgendwo in Südamerika: Der amerikanische Arzt Eugene Ferguson (Grant) und seine Gattin (Raymond) landen auf ihrer Urlaubsreise im Staat des Tyrannen Farrago (Ferrer). Im Volk kocht der Zorn, das Militär ist omnipräsent, die Atmosphäre kocht und steht kurz vor der Explosion. Bei der Ausreise werden die Fergusons von Militärs aufgehalten und in den Palst des Diktators verschleppt. Raul Farrago ist krank, tödlich krank und er braucht sofort ärztliche Hilfe. Da er sich nicht mehr hinaus traut, soll der entführte Arzt die notwendige Hirnoperation im Palast durchführen. Ferguson gerät zusätzlich unter Druck der Rebellen, die ihm nahelegen, einen „Kunstfehler“ zu begehen.
Zwischen dem Diktator und dem Arzt entspinnt sich ein hintersinniger Schlagabtausch zu den Themen Demokratie und Diktatur.
Als die Rebellen Fergusons Frau entführen und mit dem Tod bedrohen, um den Arzt für ihre Zwecke zu „motivieren“, verwischen die bis dahin schon unklaren Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ vollends.

Der Film:
Crisis sieht nicht aus wie ein typischer MGM-Film vom Anfang der 50er-Jahre: Keine saubergeleckten, frisch gestrichenen Kulissen, kein Glamour, keine üppige Filmmusik. Statt dessen: Schmutz, Düsterkeit, Gewalt, Undurchsichtigkeit. Auch thematisch unterscheidet sich Crisis von der üblichen MGM-Kost.
Es gibt ihn natürlich schon, den „good guy“, den man im US-Kino bis heute liebt und braucht. Dr. Eugene Ferguson steht stoisch wie ein Fels im zwielichtigen, nicht einfach zu durchschauenden Streit zwischen dem Herrscher und seinem Volk, hält sich streng an den hypokratischen Eid und tut, was er tun muss. Erlaubt sich als Einziger im respressiven Angst-Klima Respektlosigkeiten, weil er weiss, dass er unabdingbar ist. Ferguson ist die einzige Hoffnung, die Farrago noch hat. Und damit erscheint er dem Volk suspekt. Was er tut, kann ihn in Gefahr bringen: Gelingt die Operation, hat er den Mob gegen sich, gelingt sie nicht, zieht er sich den Unmut von Farragos Getreuen und dessen Gattin zu.
Wie kommt er da bloss wieder heil ‚raus? Auch darüber schweigt sich Richard Brooks‘ Erstling am Ende aus – auch das ist MGM-untypisch.

Brooks‘ Filme sind für ihren Bruch mit Hollywood bekannt – ein Wunder, dass der konservative Gigant MGM den jungen Wilden so lange portierte (13 Filme lang). In Crisis ist davon schon einiges sichtbar. Wahrscheinlich gehört er deshalb zu den vergessenen Filmen: Der Zeit war er voraus, er irritierte Kritiker und Publikum – und aus heutiger Sicht fällt er im Vergleich zu anderen Werken dieses Regisseurs ab, weil er zu wenig „Brooks-typisch“ ist.
Nimmt man ihn aber für sich, ohne ihn im Kontext anderer Filme dieses Regisseurs zu sehen und entsprechend zu werten – dann hat man einen Film, welcher dem Lauf der Zeit stand gehalten hat und der politische und gesellschaftliche Themen auf höchst spannende Weise in die Tiefe auslotet.

Es gibt im Grunde zwei Arten, einen Film zu bewerten. a.) Im Kontext seiner Zeit und seiner Macher: Hier bewertet man ein Werk mit Blick auf das Gesamtschaffen eines bestimmten Künstlers – ich nenne das mal die „elitäre Sichtweise“. b.) Man vergleicht ein Werk mit dem Gros der anderen vergleichbaren Werke aus jener Zeit oder aus allen Zeiten, betrachtet es somit als eigenständiges Werk – das könnte man als „populäre Sichtweise“ bezeichnen. Der Nachteil oder die Eingeschränktheit der „elitären Sichtweise“ liegt auf der Hand: Es ist, als würde man das heute servierte Dinner von Chefkoch A nicht geniessen, weil es dem sonst so hohen Standard seiner Küche nicht ganz gerecht wird. Dass es aber im Vergleich zum Essen sämtlicher anderer Restaurants der Stadt noch immer ein absoluter Hochgenuss ist, wird unterschlagen; man bringt sich somit um eine Gaumenfreude.
Nun kann das mit dem Bewerten von Filmen natürlich jeder halten, wie er will. Die „elitäre Sichtweise“ soll m.E. der „Elite“ vorbehalten sein – Filmwissenschaftlern und -historikern. Und den „Möchtegern-Spezialisten“, wenn sie sich öffentlich nicht zu sehr damit aufspielen und den Lesern auf die Nerven fallen. Ich für meinen Teil ziehe die „populäre Sichtweise“ vor, da ich erstens einen Film gerne geniesse und mir, zweitens, nicht anmasse, ein Filmspezialist zu sein. Wer meint, diese Sichtweise belächeln zu müssen, der soll bitte diesen Blog verlassen.

Crisis hat durchaus saftiges Fleisch am Knochen, das zudem erstaunlich frisch geblieben ist. Da wären einmal die verschiedenen moralischen Dilemmas, mit denen die Hauptfigur konfrontiert wird. Als junger Arzt schwor sich Ferguson, unter allen Umständen zu helfen, Leben zu retten. Das war seine Hauptmotivation. Nun wird er entführt und sieht sich in Farragos Palast vor die Aufgabe gestellt, das Leben eines Tyrannen retten zu müssen, den das Volk lieber tot sehen würde. Natürlich gibt Ferguson sein Bestes, versucht, den Menschen hinter der Maske zu sehen. Doch dann kommt er in Kontakt mit Widerständlern und wird in Versuchung geführt. Ferguson bleibt standhaft, er hält sich an die ethischen Grundprinzipien.
Und genau darum geht dem Film es im Grunde: Die ethische Haltung. Ferguson ist der Einzige, der in dem Hexenkessel ethisch handelt. Alle anderen haben sich entweder eine eigene kleine Privatethik zusammenfantasiert – Farrago und sein Hofstaat etwa – oder sie richten ihr Handeln nach der Ethik des Marktes – so der Vertreter einer amerikanischen Ölfirma, die sich mit dem Diktator gut stellt. Und die Aufständischen? Ihr Handeln folgt überhaupt keiner Ethik. Der Schluss des Films zeigt, dass hier der nackte Macht- und Zerstörungshunger herrscht.

Cary Grant studiert Brooks‘ Gips

Einer der grossen Vorzüge des Films ist es, dass er die Sichtweisen auf seine Figuren immer wieder in Frage stellt. Der Diktator – ein Monstrum? Vielleicht, aber sicher können wir dessen nicht sein. Er sagt Dinge, die klingen wie Lügen, geben aber doch zu denken und lassen einen nicht los: Ist der vom Volk als Märtyrer gefeierte tote Revolutionär wirklich vom Militär ermordet worden? Farragos Erklärung klingt verdammt plausibel und weist in eine gänzlich andere Richtung. Und der Rebellenführer Gonzales – ist er ein „Guter“ oder ein Aufrührer?
Einzig Ferguson bleibt, was er von Anfang an ist, ein Muster an Integrität, allerdings spürt man in jeder Sekunde, wie er darum ringt. Cary Grant spielt das grandios – obwohl er äusserlich ruhig bleibt und aussieht, als hätte man ihn in Stein gemeisselt, macht er durch wenige Gesichtsmuskelzuckungen deutlich, was für ein Konflikt in ihm lodert.

Grant hatte sich mächtig ins Zeug gelegt für diesen Film. Er bereitete sich auf diese Rolle vor wie auf keine andere, indem er Ärzte und Krankenschwestern interviewte und Operationsabläufe genau studierte. Daneben unterstützte er auch Richard Brooks, der am Set einen schweren Stand hatte – einige der älteren MGM-Stabmitglieder akzeptierten den Neuling nicht. Kameramann Ray June etwa soll Brooks wie einen Schuljungen abgekanzelt haben, und Set Decorator Cedric Gibbons verstrickte ihn in endlose Diskussionen, weil er alles besser zu wissen glaubte. Als ein Kamerawagen Brooks fast den Fuss zerquetschte, scheute dieser sich, zum Arzt zu gehen, weil er befürchtete, MGMs notorisch straffe Zeitpläne würden sein Ausfallen nicht zulassen und man würde ihn ersetzen. Grant schickte ihn mit den Worten zum Arzt, dass sich das Studio in diesem Falle auch gleich einen Ersatzhauptdarsteller suchen könne.

Neben Grant brillieren aber auch sämtliche anderen Darstellerinnen und Darsteller – oder fallen wenigstens nicht negativ auf. Paula Raymond hat als Grants Partnerin nicht viel zu tun, auch Leon Ames als Vertreter der Ölfirma nicht. Die grösste Beachtung gebührt neben Cary Grant dem Puertoricaner José Ferrer (der nicht mit dem fünf Jahre jüngeren Mel Ferrer verwandt ist). Ferrer und Grant bilden zwei charakterliche Gegenpole, deren gemeinsame Szenen vor Spannung und unterschwelligem Ressentiment regelrecht knistern. Als Dr. Ferguson die vorgesehene Operation anhand eines Kunststoff-Kopfes demonstriert, fragt ihn Farrago hinterher: „Und, Doktor – ging die Operation gut?“ Und Ferguson: „Bestens. Sie sind gestorben.“

Abspann:
Der Film fiel an den Kinokassen durch, einerseits, weil er neu und für das damalige Kinopublikum aussergewöhnlich komplex war, andererseits, weil die Presseabteilung, die der Sache offensichtlich nicht traute, alles noch mit einer irreführenden Werbekampagne verschlimmerte. Die Plakate verkündeten „Carefree Cary Grant on a gay holiday“ (s.o.).
Hierzulande kam er zwar in die Kinos, doch auf DVD oder VHS ist er bei uns nie erschienen. Dabei hätte der Film verdient, aus der Versenkung geholt zu werden.
In den USA kann ist er als „DVD on demand“ innerhalb der verdienstvollen Reihe „Warner Archive Collection“ in – na ja, diesmal nur leidlich guter Bildqualität zu bekommen. (Bestellbar zu geringen Versandkosten ist er hier.)

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Bringin Up Baby (dt.: Leoparden küsst man nicht; Howard Hawks, USA 1938) Mit Cary Grant, Katharine Hepburn, Charlie Ruggles, u.a.
„Die Screwball-Komödie schlechthin“, so wird Bringing Up Baby einstimmig genannt. Da kann doch was nicht stimmen…?! Da schreiben die Kritiker doch mal wieder voneinander ab?!
25 Jahre nach der Erstsichtung schaue ich mir diesen Klassiker zum zweiten Mal an und komme zum Schluss, dass Bringing Up Baby die Screwball-Komödie schlechthin ist! Vorsichtshalber schicke ich hinterher, dass ich natürlich nicht sämtliche Screwball-Komödien kenne, ich kann die Behauptung also nicht wirklich nachprüfen. Und ich bin mir sicher, dass es den allermeisten, welche dem Film diesen ehrenvollen Stempel verpassen, gleich geht.
Trotzdem: Der Film entspricht genau der Definition einer Screwball-Komödie. Aber wurde diese nicht vielleicht anhand dieses Films verfasst? Hier gerät man ins Grübeln… Man kennt das ja: Irgendein „Cahiers-du-Cinèma“-Schlaukopf hat den Film in Fünfzigerjahren gesehen, für gut befunden und sogleich eine wortreiche Filmtheorie darüber verfasst, und seither redet man nur noch von diesem Film, wenn man „Screwball“ meint.
Uns kann das egal sein. Die Fünfzigerjahre sind längst passé und wir schauen uns die Filme mit anderer Sichtweise, unter geänderten Voraussetzungen an. Und da lässt sich feststellen, dass Bringing Up Baby zu den lustigsten Filmen gehört, die ich kenne (und ich kenne viele lustige Filme!). Der „Screwball“ wird hier von Katharine Hepburn verkörpert – und wie! Bislang mochte ich diese Aktrice nicht besonders – für ihre Rolle in diesem Film liebe ich sie! Ihre hyperaktiv-exzentrische Susan gehört zu den unvergesslichen Kinofiguren. Cary Grant zieht zwar alle Register, hat aber gegen diesen kopflosen Wirbelwind kaum Chancen. Die Hepburn ist der Film.
Sie spielt eine Millionärstochter, welche dem verhuschten Paläontologen Huxley permanent in die Quere kommt und dabei ein Unglück nach dem anderen verursacht. Was Huxley auch tut (eigentlich will er nur sein Brontosaurus-Skelett fertig stellen), Susan taucht aus dem Nichts auf, und schon sieht der Professor aus wie durch den Schredder gezogen.
Bringing Up Baby ist ein typischer „Props-Film“: Irgendwelche Gegenstände (eng. props) spielen eine ganz wichtige Rolle, verschwinden aber ständig oder werden verwechselt und halten damit die Handlung am Laufen, die Charaktere beschäftigt. Hier ist es ein Saurierknochen.
Zudem gibt es eine ganze Reihe verschrobener Charaktere, die mit ihren Reaktionen auf den Wahnwitz des Geschehens zusätzlich für Erheiterung sorgen.
Howard Hawks inszeniert Dudely Nichols‘ irrwitziges Drehbuch mit grösstmöglichem Gespür für komödiantisches Timing: Jede Pointe sitzt und entfaltet durch minuziöse Vorbereitung ihre Wirkung maximal. Und immer ist die Kamera am genau richtigen Platz, um diese Wirkung auch optisch wirkungsvoll einzufangen.
Ein Schatz von einem Film! Wer den noch nicht kennt: Unbedingt endlich ansehen!

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Hello, my Name is Doris
(Michael Showalter, USA 2015) Mit Sally Field, Max Greenbaum, Tyne Daly, Peter Gallagher, u.a.
Ein Film, der leider nicht bei uns zu sehen war. Das sollte sich noch ändern, denn Sally Field ist eine Bombe! Sie spielt die alte Jungfer Doris, die jahrzehntelang bei ihrer kranken Mutter gelebt hat und nach deren Tod plötzlich schutzlos im Leben steht. Und sich in den jungen neuen Bürokollegen verliebt. Lässt Harold & Maude grüssen? Nein, der Film geht ganz andere Wege. Und mitten drin Sally Field, der die Rolle der ältlichen Schrulle auf den Leib geschrieben ist. Michael Showalter (The Baxter) schrieb und inszenierte diese quer in der Landschaft stehende Geschichte mit viel Sinn für Witz und Schalk und führt die verschupfte Doris wunderbar behutsam durch alle Stationen des Erwachens. Und Sally Fields (Norma Rae, Smoky and the Bandit) ist so knuddelig und verschroben, wie man sie noch nie gesehen hat. Eine echte Entdeckung!


Elvis & Nixon
(Liza Johnson, USA 2016) Mit Michael Shannon, Alex Pettyfer, Kevin Spacey, Colin Hanks, u.a.
Gerade wird Elvis & Nixon hierzulande (in der Schweiz) von der Kritik hochgejubelt. Der Spielfilm, der eine fiktionalisierte Vorgeschichte um das reale Zusammentreffen zwischen dem „King“ und dem damals (1970) mächtigsten Mann der Welt bastelt, ist zwar durchwegs amüsant, läuft aber im Grunde ins Leere. Die Erkenntnis, dass „jene ganz oben“ einsam und allein sind, ist nicht gerade neu. Die Regie hinterlässt keinen bleibenden Eindruck und das Spiel der beiden Hauptdarsteller, Shannon und Spacey überzeugt nicht vollends. Dafür wartet das Drehbuch mit einigen schönen Episoden und Wendungen auf.
Ein unterhaltsamer Film, der in den USA wahrscheinlich auf mehr Interesse und Echo stösst als bei uns.

Vorschau:
Das nächste Film-Magazin stellt einen hierzulande nie gezeigten, zu Unrecht vergessenen meisterhaften Film Noir von Anthony Mann vor: Side Street aus dem Jahr 1949. Darin gerät ein unbescholtener Briefbote (Farley Granger) durch einen Diebstahl in eine Erpressergeschichte und wird schliesslich sowohl von Gangstern als auch der Polizei quer durch New York gejagt.
Der „Filmklassiker auf dem Prüfstand“ wird Gérard Ourys La grande vadrouille (dt.: Die grosse Sause, 1966) sein.

 

Movie-Magazin 4: Die Nacht begann am Morgen – 1950

 

MORNING DEPARTURE
Grossbritannien 1950
Mit John Mills, Richard Attenborough, Nigel Patrick, James Hayter, Bernard Lee u.a.
Drehbuch: W.E. Fairchild nach dem gleichnamigen Theaterstück von Kenneth Woollard
Regie: Roy Ward Baker
Dauer: 98 min
Der Film lief 1952 auch in den deutschen Kinos, unter dem Titel Die Nacht begann am Morgen

Vorspann:
Das britische U-Boot „Trojan“ läuft während eines Routinemanövers auf eine seit dem zweiten Weltkrieg unentdeckt im Meer dümpelnde Miene auf und sinkt. Grosse Teile des Schiffs sind beschädigt, ein Teil der Mannschaft ist tot. Ueberlebt hat eine Gruppe von elf Männern im relativ unbeschädigten Mittelteil des Tauchbootes; acht können sich durch die Ausstiegsluken retten. Für drei reichen aber die zum Ausstieg notwendigen Geräte nicht. Sie müssen auf dem Meeresgrund bleiben und während einiger banger Tage auf Rettung hoffen – während der Sauerstoffvorrat langsam zur Neige geht.

Der Film:
Dem Film liegt ein Theaterstück zu Grunde, das merkt man. Verfasst hatte es Kenneth Woollard, ein obskurer Autor, über den rein gar nichts in Erfahrung zu bringen ist, ausser dass er dieses Stück verfasst hat. Ansonsten scheint er nichts oder nichts von Belang geschrieben zu haben. Morning Departure muss allerdings äusserst erfolgreich gewesen sein, denn es wurde vor seiner cinèmatografischen Umsetzung bereits zwei Mal, 1946 und 1948 fürs britische Fernsehen aufbereitet, als „Live TV-Play“. Danach gleich nochmals (1956). Und auch auch die Holländer machten daraus Fernsehspiel, 1959 unter dem Titel: S 14 vermist.

Für den US-Markt wurde der Filmtitel geändert

So verdammt gut, dass es gleich fünf Verfilmungen rechtfertigen würde, ist das Stück aber beileibe nicht. Es gab schon vorher thematisch und dramaturgisch ganz ähnlich geartete Filme; Morning Departure weiss der bekannten Thematik keinerlei Neuerungen oder Variationen beizufügen. Zudem bleibt die Vorlage stets an der Oberfläche, sowohl bezüglich der Figurenzeichnung als auch der Thematik. Die hoffnungslose Ausgangslage schafft ja weiss Gott Raum für tiefschürfende „letzte Fragen“, aber nein, es geht fast ausschliesslich darum, „die Haltung“ zu bewahren. Auch dramaturgisch hat das Stück nicht viel zu bieten. Dass der Autor heute nicht mehr bekannt ist, wundert mich deshalb wenig.
Auch Drehbuchautor W.E. Fairchild, dessen Identität offenbar ebenso unklar zu sein scheint wie jene Woollards, schafft es nicht, die Schwächen der Vorlage genügend zu kaschieren. Dem Film war allerdings ein beachtlicher Kassenerfolg beschieden.

Roy Ward Baker

Das Stück ist das eine, die Verfilmung etwas ganz anderes. Sie ist der Beweis, dass auch mittelmässige Vorlagen einen packenden Film ergeben können, wenn nur die richtigen Leute mit „im Boot“ sitzen. Natürlich ist Morning Departure weit davon entfernt, ein Meisterwerk zu sein; angestaubt und etwas hölzern wirkt er trotz allem, aber das geht m. E. allein auf das Konto der Vorlage. Regisseur Roy Ward Baker (in den Credits als „Roy Baker“ aufgeführt) setzt auf dem beengtem Raum ein visuell abwechslungsreiches und ansprechendes Kammerspiel um, das seine Theaterherkunft zwar nicht leugnen kann, aber immerhin mit schauspielerischen Bestleistungen glänzt. Darauf legt er sein Hauptaugenmerk, und zum Glück hatte er eine Crew zur Hand, die das Möglichste herausholte – auch in den kleinen Nebenrollen.

Den undankbarsten Part hat John Mills: Er gibt den Commander, stets korrekt, aufrecht, steif – und dadurch langweilig. Er darf sich kaum eine Regung erlauben, stellt sich ganz und gar in den Dienst der Sache und hält durch seine ruhige Art die Mannschaft auch in schwerer Zeit zusammen. Interessanter ist da die Rolle des jungen Heizers Snipe, den Richard Attenborough verkörpert. Als das U-Boot auf Grund läuft, droht Snipe durchzudrehen – der Vorfall bringt seine latent vorhandene Klaustrophobie zum Ausbruch, die er allerdings (auf Befehl des Commanders) niederzuringen im Stande ist. James Hayter gibt den gutmütigen Gefreiten Higgins, ein Prolo mit dem Herz am rechten Fleck, die komische Figur des Films, die mit ihren Sprüchen immer wieder für Entspannung sorgt. Und Nigel Patrick überzeugt als abgebrühter Lieutnant Manson, dessen sich zunehmend verschlechternder Gesundheitszustand dem Ganzen zusätzliche Dramatik verleiht. Attenborough, Hayter und Patrick füllen ihre Charaktere durch ihr packendes Spiel so mit Leben, dass das Interesse der Zusachauer permanent lebendig bleibt und man den Film trotz seiner Schwächen als positive Erfahrung bezeichnen kann.
Und irgendwo huscht mal ein junger Mann namens Maurice Joseph Micklewhite durchs Bild, der später als „Michael Caine“ zu Weltruhm gelangen sollte. In Morning Departure hatte er seinen ersten Auftritt in einem langen Spielfilm.

Der Film wäre übrigens kurz vor seinem Start fast zurückgezogen worden: Kurz vor der geplanten Premiere ereignete sich ein reales U-Boot-Unglück mit tragischem Verlauf. Die „HMS Truculent“ sank nach einer Kollision mit einem schwedischen Öltanker, 64 Menschen kamen dabei ums Leben. Nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, Morning Departure trotzdem in die Kinos zu bringen, mit einem Hinweis auf die reale Tragödie im Vorspann und dem Zusatz, der Film sei ein „Tribut an die Offiziere und Männer ihrer Majestät U-Boote und an die königliche Marine, deren Teil sie sind.“

Abspann:
Roy Ward Baker ist heute noch vor allem für den grossartigen Titanic-Film A Night To Remember (dt.: Die letzte Nacht der Titanic; GB 1958) bekannt. Sein erstes Engagement als Regisseur hatte er Eric Ambler zu verdanken, der nicht nur Romane schrieb, sondern damals auch Filmproduzent war. Baker drehte auch vier Filme in Amerika, doch seine Titanic-Verfilmung blieb das einzige Werk, das bis heute zum Kanon der grossen Filmklassiker zählt.
Richard Attenborough – oder besser Lord Richard Attenborough – begann 1942 mit der Filmschauspielerei; 1969 wechselte er hinter die Kamera und drehte so denkwürdige Filme wie Oh! What A Lovely War (1969), Gandhi (1982) und Cry Freedom (1987).
John Mills war der englische Schauspieler überhaupt. Naja, neben Ralph Richardson, Michael Redgrave und John Gielgud und ein paar anderen vielleicht. Mills spielte – gefühlt – in jedem zweiten britischen Film mit. Über ihn vielleicht zu späterer Gelegenheit mehr.

Morning Departure ist zwar heute nicht mehr sehr bekannt, trotzdem erschien er in Deutschland auf DVD, gemäss einem amazon-User allerdings offenbar in einer billig gemachten Veröffentlichung. Sie ist inzwischen vergriffen. Die britische Ausgabe kann hier zu vernüftigen Versandkosten bestellt werden.

Rezeption:
Dem Film war in Grossbritannien ein beachtlicher Kassenerfolg beschieden. Offenbar kam er auch und besonders in Amerika gut an (dort wurde sein Titel reisserisch in Operation Disaster geändert) – jedenfalls erhielt Roy Ward Baker darauf ein Angebot, in den USA zu drehen.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene Klassiker:

Operation Petticoat (dt: Unternehmen Petticoat; Blake Edwards, USA 1959) Mit Cary Grant, Tony Curtis, Joan O’Brien u.a.
Der zweite U-Boot-Film diese Woche war zwar amüsanter als der im Hauptteil beschriebene, aber so grandios wie sein Ruf fand ich ihn denn doch nicht. Die Abenteuer eines abgetakelten U-Boots und dessen seltsamer Crew dümpelt etwas allzu seicht durch den Pazifischen Ozean und zieht sich allzusehr in die Länge. Eine Kürzung um 30 Minuten hätte ihm gut getan. Cary Grant war zur Zeit des Drehs in seinen Manierismen erstarrt – man hat das Gefühl, er zeigte in jedem Film der späten 50er-Jahre immer dieselben paar Gesichtsregungen – was dem Film zusätzlich Drive wegnimmt. Es gibt ein paar nette Highlight wie das rosarote U-Boot und damit hat sich’s.

Ten North Frederick (dt.: Ein Mann in den besten Jahren; Philip Dunne, USA 1958) Mit Gary Cooper, Diane Varsi, Suzy Parker, Geraldine Fitzgerald u.a.
Gary Cooper drehte zwischen Billy Wilders Love in the Afternoon und John Sturges‘ Man of the West 1958 diesen Film, der heute kaum mehr bekannt ist. Das Familiendrama Ten North Frederick zeigt Cooper als einen aufrechten Gouverneursanwärter, dem eine familieninterne Angelegenheit zum Verhängnis wird und an dem er zerbricht. Schauspielerisch fällt der Film ziemlich flach: Gary Cooper ist komplett fehl besetzt – dem immer aufrechten „Jolly Good Fellow“ nimmt man den an der Skrupellosigkeit seiner Umwelt verzweifelnden alten Mann einfach nicht ab, und mit dem Abgleiten in den Alkoholismus ist Cooper mimisch schlichtweg überfordert. Aber auch das Gros der Nebendarsteller überzeugt schauspielerisch nicht. Das Drehbuch ist noch das Beste an dem Film, obwohl es einige Glaubwürdigkeitslücken aufweist. Es stammt aus der Feder Philip Dunnes, der auch (höchst konventionell) Regie führt.

Calling the Tune (Reginald Denham & Thorold Dickinson, GB 1936) Mit Adele Dixon, Sally Gray, Sam Livesey, Donald Wolfit u.a.
Dieser gründlich vergessene britische Film um die Entstehung der Schallplatte stellt zwei konkurrenzierende Schallplattenhersteller und deren Sprösslinge ins Zentrum. Die Handlung schleppt, die Dekors variieren bis zum dramatischen Höhepunkt wenig und die Darstellerinnen sind von unterschiedlicher Güte. Das Ende ist deutlich von Hitchcock inspiriert und bringt einige visuelle Glanzlichter, die der Film bis dahin fast vollständig vermissen liess. Vin historischem Interesse sind die immer wieder eingeschobenen Auftritte britischer Musik- und Schauspielergrössen, die beim Aufnehmen von Schallplatten zu sehen sind.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Absolutely Anything (dt.: Zufällig allmächtig, Terry Jones, GB 2015) Mit Simon Pegg, Kate Beckinsale, Rob Riggle u.a.
Filme über Erdenbürger, die plötzlich Superkräfte besitzen gibt es inzwischen nicht wenige. Ich muss zugeben, dass ich bislang keinen einzigen davon gesehen habe. Ausser Absolutely Anything des Monty Python-Mitglieds Terry Jones. Jones, der praktisch für alle Kinofilme der Pythons im Regiestuhl sass, schrieb hierfür auch das Drehbuch. Und das merkt man: Absolutely Anything unterscheidet sich! Die Gags sind wirklich lustig. Vollkommen abgedreht und wunderbar kreativ. Nichts von der Stange. Kein Witz wird acht Mal wiederholt, damit ihn auch der hinterste Doofkopp kapiert.
Simon Pegg ist köstlich als Lehrer Neil, der von einer Gruppe Ausserirdischer per Zufallsprinzip auserkoren wird, Zauberkräfte zu besitzen: Alles was er sich wünscht, geht in Erfüllung. Wendet er seine Kräfte für Gutes an, wird die Erde verschont, tut er nur Böses, soll sie von den Aliens vernichtet werden. Und was macht Neil mit seiner Gabe? Eigentlich nur Blödsinn.
Das hat herrlich subversive Kraft und unterscheidet Absolutely Anything wohltuend von ähnlich gearteten, aber ungleich plumperen amerikanischen Kindsköpfigkeiten.
Robin Williams ist hier in seiner allerletzten Filmrolle zu hören: Er spricht Neils Hund, dem dieser natürlich die menschliche Sprache herbeigewünscht hat.

Augenfutter:
Der oben beschriebene Film, Morning Departure, kann hier in voller Länge und in Originalsprache (ohne Untertitel) betrachtet werden. Bei youtube ist er unter seinem US-Verleihtitel Operation Disaster gelistet.

Vorschau:
Ein weiterer Klassiker des britischen Films kommt in der nächsten Ausgabe aufs Tapet: Die grandiose Komödie Passport To Pimlico (dt.: Barrikade in London / Pass nach Pimlico) von Henry Cornelius aus dem Jahr 1949. Darin spaltet sich ein Stadtteil Londons vom Rest Grossbritanniens ab – mit unglaublichen Folgen.