Lubitschs grosses Kasperltheater

DIE PUPPE
Deutschland 1919
Mit Ossi Oswalda, Hermann Thimig, Victor Janson, Jakob Tiedtke u.a.
Regie: Ernst Lubitsch
Dauer: 64 min

Während kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges Deutschland darniederlag, die Leute hungerten, in einigen Städten das Chaos tobte und gewisse Kreise bereits wieder die Messer wetzten – da holte Ernst Lubitsch, designierter Komödiant und Komödienregisseur ein Puppenhaus und zwei Holzpüppchen aus einer Kiste und stellte sie vor laufender Kamera in eine Spielzeuglandschaft.

Das war der Anfang seines bezaubernden, gegen alle Zeichen der Zeit gebürsteten Märchenfilms Die Puppe, nach einer Operette von A. E. Millner. Lubitsch hielt es mit seinen Filmen meist so: Auf düstere Zeiten reagierte er mit leichtfüssigen Filmen. Das Publikum dankte es ihm, er hatte damit grossen Erfolg. Während berühmte Kollegen wie etwa Fritz Lang die bedrohliche Stimmung der Weimarer Republik in Filmen wie Doktor Mabuse, der Spieler umsetzten und für die Nachwelt konservierten, tat Lubitsch das Gegenteil.

Die Puppe lässt nichts ahnen von der Zeit, in der das Lustspiel entstand. Er ist ihr in allem entrückt: Zeit, Ort, Umgebung, Thematik – nirgends ist der Film in der Realität verhaftet, alles ist Erfindung, Märchen, Theater, Kulisse – Film in seiner ursprünglichsten Form eben. Das ist reizvoll, denn dadurch erhält das Werk etwas Zeitloses.

Wie im expressionistischen Film sind die Kulissen sichtlich gemalt – allerdings nicht mit expressionistischen Zeichen, sondern mit Kinderzeichnungen. Mit dem Expressionismus wollte Lubitsch erklärtermassen nichts zu tun haben. Das Dekor ist das einer Spielzeugstadt, die Kostüme ähneln Puppenkleider, die Frisuren Puppenfrisuren. Der Titel ist durchaus Programm, und obwohl im Film nur eine „echte“ Puppe vorkommt, inszeniert Lubitsch seine Geschichte als grosses Kasperltheater.

Da kommt ein Kasperl vor, in prominenter Rolle – hier heisst er Lancelot – der heiraten soll und sich aus Angst vor den Frauen im Koster versteckt. Der findige Abt gibt ihm die Adresse eines Spielzeugmachers, der lebensechte Puppen herstellt. Er rät Lancelot, eine solche Puppe zu kaufen, sie zum Schein zu heiraten und die üppige Mitgift dem Kloster zu vermachen.
Der Puppenmacher, ein leicht überkandidelter Gepetto-Verschnitt, verkauft ihm ohne es zu merken die eigene Tochter, die sich als Puppe ausgibt.
Die Hochzeit gerät zur Farce, in welcher die Spielzeugmachertochter vor ihrem Bräutigam krampfhaft den Schein wahren muss, während sie die Gäste von ihrer Echtheit überzeugen möchte.
Am Ende hat der Kasper dank der falschen Puppe seine Furcht vor den Frauen verloren und wird mit ihr glücklich.

Der Schluss des Films ist leider verloren; zu gerne wüsste ich, ob Lubitsch in seiner Rolle als göttlicher Regisseur die bunte Puppenwelt, die er am Anfang schuf, zuletzt wieder in die Kiste zurückräumt und die Illusion der künstlichen Welt, die er wie ein Zauberer zu Beginn geweckt hat, damit wieder aufhebt.

Die Puppe ist auch aus der zeitlichen Distanz von 90 Jahren noch herrlich anzusehen! Er kommt so direkt und unverblümt frech daher, dass sich seine unmittelbare Wirkung bis heute erhalten hat.
Es gibt zudem so viele wunderbare Regieeinfälle, dass in keinem Moment Langeweile aufkommt, und die explizit ausgespielte Künstlichkeit in Dekor, Kulissen, Kostümen und Perücken verleiht dem ganzen einen zauberhaften Charme. Lubitsch selbst soll rückblickend bemerkt haben, er halte Die Puppe für einen der einfallsreichsten Filme, die er je gedreht habe.
Die Puppe ist ein durch und durch ehrlicher Film, der sich keinen Moment in der Heuchelei ergeht, Realität abbilden zu wollen. Dabei kreiert er eine ganz eigene, verquere neue Realität und ist ist darin – ganz Film.
9/10

Die hier besprochenene DVD stammt aus der Masters of Cinema-Serie des britischen Labels Eureka. Der Film wurde von Transit Film und der Murnau-Stiftung restauriert, die originalen deutschen Zwischentitel wurden belassen.

Die Begleitmusik stammt von Bernard Wrigley; er spielt sie auf einer Concertina ein – leider ein eher gewöhnungsbedürftiges Erlebnis! Die Musik ist äusserst repetitiv und einfallslos – diesem Film hätte man eine passendere Begleitung gewünscht!

Regionalcode 0

Verfügbarkeit:
England
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Masters of Cinema. Er ist Teil des 6-DVD-Sets Lubitsch in Berlin; dieses kann bei amazon.co.uk bezogen werden. Regionalcode 2. Momentan kann sie hier massiv verbilligt bezogen werden!
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Hier ist der Film nicht erhältlich.


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

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3 Kommentare

  1. Schöne Besprechung zu einem bemerkenswerten Film. Voller Leichtigkeit und Humor. Ein guter Gegenbeweis dazu, dass in der frühen Weimarer Republik nicht alles nihilistisch und dämonisch gesehen werden mußte.
    Und der ironische Einsatz der expressionistischen Stilmittel in dem Film ist mir vorher garnicht so aufgefallen.
    Unverständlich bleibt mir bloß, warum dieser Film nur in der englischen Edition der „Lubitsch in Berlin“ Box verfügbar ist, und in der der deutschen und amerikanischen Edition einfach „unterschlagen“ wird.
    Bleibt zu hoffen, das noch weitere frühe Lubitsch Werke auf DVD veröffentlicht werden. Besonders „Meyer aus Berlin“ würde ich gerne mal auf DVD sehen. Diesen durfte ich mal im Kino erleben, und ich habe mich selten so sehr im Kino amüsiert wie eben zu jenem frühen Lubitsch Film! Aber auch „Schuhpalast Pinkus“, oder „Kohlhiesels Töchter“, wären sehr schön….

  2. Ja, nach der Sichtung von inzwischen vier deutschen Lubitschfilmen habe ich auch dringenden Bedarf nach mehr! Aber da müssen wir wohl wieder auf England (MoC) oder Amerika (Kino International) hoffen…

    1. Immerhin befindet sich noch einiges in den Archiven deutscher Fernsehsender. MADAME DUBARRY und ANNA BOLEYN liefen in den letzten Jahren bei arte, und CARMEN und KOHLHIESELS TÖCHTER (mit einem ungewohnt krachledernen Jannings) hab ich auch schon vor langer Zeit im Fernsehen gesehen, ebenso wie SUMURUN, der in der Lubitsch-Box enthalten ist. Es besteht also noch Hoffnung. Bei DUBARRY und BOLEYN zeigt sich Lubitsch auch als Meister dramatischer Historienstoffe und aufwendiger Großproduktionen, die so in Deutschland damals nur aufgrund der Nachkriegsinflation möglich waren.

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