Mit Ernst Lubitsch im Morgenland

SUMURUN
Deutschland 1920
Mit Pola Negri, Ernst Lubitsch, Paul Wegener, Aud Egede Nissen, Harry Liedtke, u.a.
Regie: Ernst Lubitsch
Dauer: 108 min

Irgendwo im fernen Morgenlande: Eine Truppe Gaukler ist auf dem Weg in die nächste Stadt. Die schöne Tänzerin Yannaia (Pola Negri) sticht dem Sklavenhändler Achmed sofort ins Auge: Die wäre was für das Harem des alten Scheich (Paul Wegener). Leider ist der bucklige Yeggar, der Anführer der Gauklertruppe (Ernst Lubitsch), unsterblich in seine Tänzerin verliebt – und nicht nur er: Sie verdreht jedem den Kopf – ausser dem Tuchhändler Nur-Al Din (Harry Liedtke). Dieser verzehrt sich nach der schönen Sumurun, die wiederum in des Scheichs Harem von ihm träumt.

Soweit die Ausgangslage dieser komplizierten Handlung, die auf einer von Friedrich Freska geschriebenen und damals von Max Reinhardt auf der Bühne inszenierten Pantomime beruht.
Ernst Lubitsch im Morgenland? In seinen Anfängen versuchte der Meister der luftigen Beziehungskomödie sich in verschiedenen Genres, somit auch im damals äusserst populären exotischen Abenteuer- und Märchenfilm (siehe auch Die Augen der Mumie Ra oder Das Weib des Pharao).
Und siehe: Auch in diesem Genre leistete er für die damalige Zeit Beispielhaftes. Das führt Sumurun dem Betrachter eindrücklich vor Augen.

In prächtiger, aufwändiger und sicherlich kostspieliger Kulisse tummeln sich in gewissen Szenen Hundertschaften von Komparsen. Lubitsch weiss sowohl mit der Masse wirkungsvoll umzugehen als auch mit dem Set und seinen Versatzstücken die grösstmögliche Wirkung zu erzielen.
Sein Inszenierungsstil hat schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine hohe Meisterschaft erreicht. Ohne je den grossen Bogen der im Grunde tragischen Geschichte aus dem Auge zu verlieren, und mit erstaunlich sicherem Gefühl für die innere Balance der Geschichte, webt er immer wieder kleine, humoristische Vignetten in die Erzählung ein, die den Film auflockern und ihm seine Richtung geben. Die im Grunde ernst gemeinte Geschichte wird so zum prallen und augenzwinkernden Schaustück aus 1001 Nacht, das dem Publikum gibt, wonach es verlangt.

Lubitsch, der Regisseur übernimmt im Film sinnigerweise die Rolle des Gauklerkönigs, ein buckliger Bettler, der im Unterhaltungsbusiness die Fäden zieht. Er spielt hier mit seiner eigenen Rolle im Filmgeschäft, manche sagen sogar, mit der Rolle der Juden im Unterhaltungsbusiness, denn  die von ihm verkörperte Figur lässt sich durch ihre äusseren Insignien durchaus dieser Ethnie zuordnen. Ihm dabei zuzuschauen, ist eines der Hauptvergnügen dieses mit Vergnügen nicht gerade geizenden Werks. Das Spiel ist zwar ins groteske übertrieben, doch das ist in diesem Film Programm: Er verleugnet bei aller filmtechnischen Raffinesse die Herkunft der Pantomimen-Vorlage nicht. Ohne viele Zwischentitel wird die Geschichte hier mit frenetischen Gebärden, exaltierten Grimassen und grotesken Verrenkungen herübergebracht. Und weil es Teil des Konzepts ist, nervt es kaum, zumal mit dem alten Scheich und dem Tuchhändler fast erratische Gegengewichte gesetzt sind: Wegener und Liedtke verziehen im ganzen Film fast keine Miene, ihre äusseren Bewegungen sind aufs Minimum beschränkt, während ihre stets gespannte Körperhaltung das innere Brodeln der Emotionen verrät.

Sumurun gemahnt nicht nur wegen der von Lubitsch verkörperten Figur des tragischen jüdischen „Attraktionenhändlers“ an Shakespeare. Es gibt im Film eine äuffällige Häufung an Dopplungen, wie man sie auch in den Stücken des grossen englischen Barden findet: Zwei Liebespaare (hier ein glückliches und ein unglückliches), zwei Scheiche (der junge und der alte), zwei Geschäftstreibende (der Tuchhändler und der bucklige Schausteller), jeder von ihnen hat zwei Diener oder Angestellte, und der Schar Haremsdamen mit ihrer klar charakterisierten komischen Anführerin steht spiegelbildlich eine Schar Eununchen mit einem ebenso komischen Anführer gegenüber.
Ob Lubitsch wirklich Shakespeare huldigen wollte oder ob die genannten Parallelen zufällig in jene Richtung weisen, bleibt ungewiss.

Zu erwähnen bleibt die norwegische Schauspielerin Aud Egede Nissen. Wer sie als tragisch umwölktes Gangsterliebchen aus Fritz Langs erstem, zwei Jahre nach Sumurun entstandenem Mabuse-Film kennt – eine Rolle, auf die sie heute fixiert wird, als wäre es ihre einzige gewesen – wird überrascht. Als Anführerin des Harems glänzt sie hier als auffallend talentierte Komödiantin. Es ist eine Lust, ihr beim eifrigen Spinnen der Intrigen gegen den ollen dicken Scheich zuzuschauen. Wie ein gut gelaunter Wirbelwind fegt sie dabei durch die Dekors und stiehlt dabei den meisten anderen Akteuren die Schau.

Fazit: Sumurun ist ein absolut lohnender Film, der weit besser ist als sein Ruf als lediglich filmhistorisch interessantes „Abfallprodukt“ aus Lubitschs Experimentierzeit. Der Film kann sich noch heute mit beträchtlichem Gewinn sehen lassen. In seinen erotischen Sequenzen hat er es auch aus heutiger Sicht faustdick hinter den Ohren. Wenn sexy Pola Negri ihn wie eine liebeshungrige Raubkatze umgarnt, verliert sogar der steife Paul Wegener kurz die Contenance.
8/10

Die hier besprochenene DVD stammt aus der Masters of Cinema-Serie des britischen Labels Eureka. Der Film wurde von Transit Film und der Murnau-Stiftung sehr schön restauriert, die originalen deutschen Zwischentitel wurden belassen.

Die Begleitmusik stammt von einem mir unbekannten (weil in den Credits einfach vergessenen) Pianisten. Sie passt gut und geht angenehm ins Ohr.

Verfügbarkeit:
England
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Masters of Cinema. Er ist Teil des 6-DVD-Sets Lubitsch in Berlin; dieses kann bei amazon.co.uk bezogen werden. Regionalcode 2. Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Hier ist der Film in identischer Qualität ebenfalls erschienen, im Box-Set Ernst Lubitsch Collection (die praktisch identisch ist mit dem Box-Set aus England). Es ist bei amazon. de zu beziehen.


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

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