Forgotten Films: Kavalier nach Mitternacht

IT’S LOVE I’M AFTER
USA 1937
Mit Leslie Howard, Bette Davis, Olivia de Havilland, Eric Blore, Patric Knowles, George Barbier, Bonita Granville u.a.
Drehbuch: Casey Robinson, nach der Story „Gentlemen After Midnight“ von Maurice Hanline
Regie: Archie Mayo
Deutschsprachige Erstaufführung gemäss imdb.com nur in Österreich (wahrscheinlich im TV); imdb.com führt zwei deutschsprachige Titel auf: Kavalier nach Mitternacht und Romeo – privat
Dauer: 90 min

Vorspann:
Hiermit nehme ich einen schon vor längerer Zeit verlorenen Faden wieder auf und setze meine Besprechungen vergessener Filme, meist aus „good old Hollywood“, fort. Als Grundlage dafür dient mir die in den USA erscheinende Warner Archive Collection, welche Hollywoods Archive durchforstet und die Werke auf gebrannten DVDs „on demand“ verkauft. Inzwischen sind es über 1800 Titel! Diesmal ist eine Screwball-Komödie an der Reihe, die sich zwar nicht mit den Grossen des Genres messen kann, die aber doch von Anfang bis Ende restlos überzeugt und noch heute zu begeistern weiss.
Inhalt: Basil (Leslie Howard) und Joyce (Bette Davis) sind ein Paar – auf den Brettern, die die Welt bedeuten feiern sie mit Shakespeare Erfolge, im Privatleben herrscht Krieg und Frieden, Streit und Versöhnung. Immer wieder versprechen die beiden Egomanen sich, zu heiraten, bislang wurde nie etwas draus.  Als eines Abends die junge Marcia West (Olivia de Havilland), Tochter aus neureichem Haus und dem gutaussehenden Henry Grant (Patric Knowles) versprochen, Basil als Romeo auf der Bühne sieht, ist sie hin und weg. Sie dringt in seine Garderobe ein und überhäuft ihn mit Liebesbezeugungen – was dem Ego des Mimen gehörig schmeichelt. Nachdem ihm seine Partnerin darob die Hölle heiss gemacht hat, fasst er, zusammen mit Miss Wests Verlobtem, den Plan, anlässlicher eines Dinners im Haus ihrer Eltern als Ekel aufzutreten und sie so von ihrer Verliebtheit zu kurieren…

Der Film:
Ich kann immer wieder nur staunen, welche Filmperlen völlig von der cinéastischen Bildfläche verschwunden sind. Auch It’s Love I’m After gehört dazu, eine vor Dialogwitz und Spielfreude überbordende Screwball-Komödie aus der Frühzeit Hollywoods. Sie mag vielleicht nicht so elegant sein wie vergleichbare Filme George Cukors oder Howard Hawks‘, aber allein schon das Zusammenspiel der vier Hauptdarsteller ist unbezahlbar, vom pointiert-treffenden, rasanten Dialogwitz ganz zu schweigen!

Zur Abwechslung Komödie
Treibende Kraft hinter dem Film war der damals in den USA gefeierte britische Schauspieler-Star Leslie Howard. Nach dramatischen Filmen wie Of Human Bondage und The Petrified Forest (beide ebenfalls mit Bette Davis) wollte er Hollywood auch sein komödiantisches Talent beweisen. Dem Produzenten Hal Wallis gefiel die Idee, und Howard schlug die Story „Gentlemen After Midnight“ des heute kaum mehr bekannten Autors Maurice Hanline vor. Als weiblichen Co-Star wollte Howard ursprünglich die komödienerprobte Bühnenaktrice Gertrude Lawrence, die aber im Film keine besonders gute Figur machte. Wallis engagierte Bette Davis, weil er fand, auch ihr würde eine Image-Erweiterung ins Komödienfach gut tun. Nach einigem Kaprizieren (u.a. passte es der Davis nicht, dass ihr Name an zweiter Stelle neben Howards stehen sollte) sagte sie trotz Arbeitsüberlastung zu (es war ihr viertes Filmprojekt 1937). Die Zusage war ein Glück für die Filmwelt – denn die komödiantische Chemie zwischen Howard und ihr ist in diesem Film geradezu elektrisierend! Sowohl Howard als auch die Davis entpuppten sich als hervorragende Komödianten – und Olivia de Havilland, deren Stern gerade am steigen war, fügte sich ihrerseits wunderbar ein.

Grandiose Schauspielkunst
Howard brilliert als egomanischer Tragöde mit Hang zum Schmierentheater, Davis als egomane Tragödin mit Hang zu bissigem Sarkasmen. Eric Blore, der „ewige Butler“ Hollywoods, stiehlt als Vogelstimmen imitierender „Sidekick“ Howards den beiden fast die Show. Und Olivia de Havilland spielt – sofern das bei so viel grosser Schauspielkunst überhaupt noch möglich ist – den Rest der Crew glattweg an die Wand; sie verblüfft als hyperaktiver, im Furor der Verehrung richtiggehend hysterischer Fan, der seine Sätze in der schieren backfischhaften Aufregung wie Maschinengewehrsalven von sich gibt. Alle vier Mimen scheinen grossen Spass an ihren Rollen zu haben. Kommt dazu, dass jede Nebenrolle perfekt besetzt ist – der Film ist ein Fest für Freunde der Schauspielkunst. Blore notabene ist der einzige Schauspieler in diesem Film, der eine echte „ham performance“ abgibt („ham“ = eine Rolle schauspielerisch übertreiben, overacting). Die anderen spielen ihr „ham acting“ nur. Blore geht in seiner Rolle aber erstens mit soviel Gusto und Witz auf, dass es eine Freude ist; zudem lässt das Drehbuch den Schluss zu – und die Regie unterstützt dies mit subtilen Mitteln – dass all die Jahre im Dienst eines „ham actors“ auf den Butler abgefärbt haben.

Der Regisseur
Hinter der Kamera stand Archie Mayo, unter dessen 87 Filme zählendem Lebenswerk sich einige sehr solide und bemerkenswerte Streifen befinden. Heute ist er vielleicht noch bekannt für The Petrified Forest, in dem Humphrey Bogart erstmals Gelegenheit hatte, als Gangster zu zeigen, was wirklich in ihm steckte, und A Night in Casablanca mit den Marx Brothers. Mayo war ein solider Handwerker, der gute Drehbücher zum glänzen bringen und Schauspieler zu Bestleistungen antreiben konnte, als Künstler aber durch keine persönliche Handschrift auffiel. Er muss gegen Ende seiner Karriere (er hörte 1946 mit der Filmerei auf) ein ziemlicher Despot gewesen sein. Seine zunehmende Ungeduld mit den Schauspielern scheint ihn zur Konsequenz des Ausstiegs geführt zu haben.

Abspann:
Leslie Howard war im Jahr zuvor in George Cukors Version von Shakespeares Romeo and Juliet zu sehen – eine freche Parodie darauf wurde in It’s Love I’m After eingebaut. Danach spielte er in Tay Garnetts Komödie Stand-In, erneut an Humphrey Bogarts Seite. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges kehrte Howard nach England zurück und führte dort in drei Filmen Regie. 1943 kam er ums Leben, als ein deutscher Bomber das Passagierflugzeug, in welchem Howard und 17 andere Zivilisten von Lissabon nach Bristol flogen, abschoss.
Bette Davis‚ Vorgängerfilm war Edmund Gouldings That Certain Woman, danach kam (1938) Jezebel von William Wyler. In beiden war ihr männlicher Partner Henry Fonda.
Olivia de Havilland war zuvor in Call it a Day zu sehen (ebenfalls unter der Regie von Archie Mayo), danach in James Whales The Great Garrick (Besprechung in diesem Blog > hier). Alle drei Filme entstanden 1937.
-Der deutsche Titel „Kavalier nach Mitternacht“ gibt Rätsel auf. Er ist eine fast wörtliche – und ziemlich ungeschickte – Übersetzung der Buchvorlage. War das Buch also hierzulande so bekannt, dass der Filmtitel Assoziationen hätte hervorrufen sollen – sofern er überhaupt in den Kinos lief? Eine Internet-Suche führt allerdings zum Schluss, dass im deutschsprachigen Raum nie ein Buch aus Hanlines Feder erschien.

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