Der grosse Garrick

THE GREAT GARRICK
USA 1937
Regie: James Whale
Darsteller: Brian Aherne, Olivia de Havilland, Edward Everett Horton, Melville Cooper, Lionel Atwill, Lana Turner, u.a.
Drehbuch: Ernest Vajda
Studio: Warner Bros
Deutschsprachige Kino- oder TV-Auswertung: keine
Dauer: 89 min

DER FILM:
Theaterverfilmungen gibt es viele: Ein Theaterstück wird mit filmischen Mitteln zu filmischer „Realität“ verarbeitet. Der Bühnenraum wird geöffnet, er weitet sich, wird zur Welt in Leinwandformat – im besten Fall; manchmal gelingt es nicht, die Einheit des Ortes aufzubrechen, dann bleibt der Bühnenraum als solcher auf der Leinwand sicht- oder spürbar.
Dann gibt es Filme über das Theater. Die Theaterwelt wird zum Thema, die Kamera taucht in die Welt der Bühne ein. In der Regel weitet sich der Raum auch hier – zumindest auf einen Blick hinter die Kulissen.
Und es gibt Filme – wenige – da übernimmt das Theater die Rolle der „Realität“ und täuscht – den Zuschauer und / oder die Protagonisten, indem es „Realität“ vorspielt. George Roy Hills Klassiker The Sting (dt.: Der Clou) ist wohl das Paradebeispiel für diese Art Film. The Great Garrick, ein heute vollkommen vergessener Film, gehört auch zu letzterer Sorte. Hier täuscht eine Truppe französischer Schauspieler einem englischen Kollegen eine falsche Realität vor, um ihn zu blamieren. Drehbuchautor Ernest Vajda baute aber noch einen zusätzliche Wendung ein: Das Opfer weiss um die Täuschung und spielt mit.
Leider wurde der wunderbare Film ein Flop und ist deshalb heute vergessen.
„A play for the screen by Ernest Vajda“ – diese Formulierung in den Anfangstiteln weist schon augenzwinkernd auf die Theaterwelt hin, bevor die Handlung beginnt. Vajda, ein talentierter ungarischer Autor, der als Drehbuchautor in Hollywood in den Dreissiger- und Vierzigerjahren erfolgreich war, nannte sein Drehbuch hier „Theaterstück für die Leinwand“. Er adaptierte ein eigenes Stück namens „Ladies and Gentlemen“. Ebenfalls ironisch gemeint dürfte der Credit „personally supervised by Mervyn LeRoy“ sein; hier wird der Produzent (LeRoy) für einmal zum Intendanten.

DIE HANDLUNG:
David Garrick hat tatsächlich existiert. Er galt als der grösste englische Schauspieler seiner Zeit (1717 bis 1779). Im Film wird er vom Engländer Brian Aherne verkörpert.
Der „grosse Garrick“ hat eine Einladung der Comédie-Française nach Paris erhalten und verabschiedet sich vom englischen Publikum nach einer Hamlet-Aufführung. Ein betrunkener Zuschauer versteigt sich zur Bemerkung, Garrick gehe den Franzosen das Theaterspielen beibringen.
Bei den Schauspielern der Comédie-Française kommt dieser Spruch als „Beleidigung aus Garricks Mund“ an, man schwört auf Rache und beschliesst, dem „aufgeblasenen Typen“ eine Lektion zu erteilen. Zu diesem Zweck mietet die französische Theatertruppe die Herberge, in der Garrick auf seiner Reise nach Paris nächtigen wird. Man verkleidet sich als Herbergen-Personal und bereitet sich darauf vor, ihm ein Theater vorzuspielen und ihn mittels schauerlicher Ereignisse und verrückter Charaktere das Fürchten zu lehren.
Garrick weiss allerdings bereits von dem Plan, als er in der Raststätte ankommt, lässt sich aber nichts anmerken. Er spielt seinen französischen Kollegen seinerseits ein Theater vor. Mitten in den entstehenden Trubel platzt ein unvorhergesehener Gast: Die Contesse de la Corbe (Olivia De Havilland), auf der Flucht vor ihrem Vater. Sie ist die einzige, die „echt“ ist in dem ganzen Theater, wird aber von Garrick auch für eine Schauspielerin gehalten – für eine schlechte. So umschleichen sich die beiden Parteien gegenseitig, und vor lauter Theater merkt keiner, dass in der Mitte reale Liebe keimt.
Vajda gelang hier nicht nur ein hervorragender Handlungsaufbau, seine Dialoge glänzen zudem mit feiner Ironie.

DIE REGIE:
James Whale ist heute ausschliesslich für seine Verdienste im Horror-Genre bekannt – für vier Filme, um genau zu sein (Frankenstein, The Old, Dark House, The Invisible Man, Bride of Frankenstein). Er zählt zu den wenigen Regisseuren, dessen berühmteste Werke innerhalb von vier Jahren entstanden, und von dessen anderen 19 Werken heute kaum jemand auch nur einen Titel nennen kann.
Whale, dessen gesamtes Werk in den wenigen Jahren zwischen 1929 und 1941 entstand, soll also Komödien gedreht haben, fragt der Filmkenner ungläubig? Doch, er hat! Wer den überkandidelten Bride of Frankenstein oder The Invisible Man mit seinen Slapstick-Einlagen kennt, kann sich das sogar vorstellen. The Great Garrick, Whales siebentletzter abendfüllender Film zeigt: Der Mann war sogar ein Komödienregisseur par excellence!
Er versteht es meisterhaft, die Figuren in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeigen, indem er sämtliche Schauspieler, die Schauspieler spielen, die harmlosesten Dialoge in schwülstigem Pathos deklamieren lässt. „Ham“ nennt man das in England, „schmieren“ auf Deutsch. (Der eingangs gezeigte Hamlet ist voll beabsichtigt!) Damit erscheinen sämtliche Vertreter dieser Zunft als überkandidelte Egomanen. Und trotzdem bleiben sie liebenswert. Whale leitet seine Akteure und Aktricen mit sicherer Hand zu einem Übertreiben an, das zwar pompös und somit komisch ist, aber er findet das genau richtige Mass, um ein Kippen ins Nervig-Bemühende zu vermeiden. Unterstützt wird er dabei von einem hervorragenden Drehbuch, das mit immer neuen Wendungen und Dialogperlen geistreich sprüht.
Es gelingt Whale, dessen Stärken zu maximaler Geltung zu bringen – indem er auf inszenatorischen Extravaganzen und exzentrische Bildeinstellungen, wie man sie aus seinen Horrofilmen kennt (und die dort absolut passend sind), weitgehend verzichtet und ein perfektes inszenatorisches Timing enthüllt, das sich vollkommen in den Dienst der Komödie stellt.
Whale führt die Schauspieler als gleichberechtigte Mitglieder von Gruppen – auf der einen Seite „die Franzosen“ (sehr zahlreich), auf der anderen „die Engländer“ (zu zweit). Und gerade in den Gruppenszenen vollbringt er Grossartiges! Es gibt sehr viele Sequenzen in diesem Film, in der Massen von Menschen sich durch die Räume des Gasthauses bewegen – schreitend, schleichend, wuselnd. Diese Sequenzen sind von ausserordentlicher Lebendigkeit, weil jeder Einzelne in der Masse als Individuum verbleibt und als solches jederzeit erkennbar ist. Zudem sind diese Sequenzen von verblüffend tänzerischer Leichtigkeit. Whale muss sie genaustens choreografiert haben, und jeder einzelne Akteur muss detaillierte Regieanweisungen bekommen haben, was er mit seinem Charakter während dieser Gruppenszenen zu tun hat. Ein Filmkritiker verglich diese Massenszenen gar mit jenen in Tatis Meisterwerk Playtime – und man muss dem eine gewisse Berechtigung attestieren! Jedenfalls erreicht The Great Garrick dadurch eine Lebendigkeit und eine Leichtigkeit, die einen für 90 Minuten vollkommen in den Bann schlägt!

DIE SCHAUSPIELER:
James Whale hat mit The Great Garrick einen Ensemblefilm im besten Sinn gedreht – von den Akteuren und Aktricen sticht keine(r) heraus – ausser vielleicht Olivia De Havilland, aber nur, weil sie die einzige Figur spielen muss, die nicht zum Theater gehört. Jede(r) ist aber perfekt besetzt und das Ensemble funktioniert erstklassig. Es ist eine Freude, ihm „bei der Arbeit“ zuzusehen!

FAZIT:
The Great Garrick beweist eindrücklich, dass ein vergessener Film nicht automatisch schlecht sein muss. Und dass es berühmte Regisseure gibt, die man zu kennen glaubt, deren verborgenes Werk einen überrascht. The Great Garrick zeigt Aspekte, die ich nie mit Whale in Verbindung gebracht hätte, allen voran die meisterhafte und leichthändige Handhabung von Massenszenen.
Der Film ist „a fluff“, leicht wie ein Souflée, ohne tieferen Sinn, aber mit hoher Meisterschaft gebacken, ein Glücklichmacher, der dem Zuseher ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubert.
Das schreit nach mehr – aber leider sind die allermeisten Filme von Whale nicht auf DVD greifbar.
9/10

DIE DVD:
Audio: Englischsprachige Originalfassung
Untertitel: keine
Extras: der Original-Kinotrailer zum Film
Im deutschsprachigen Raum ist der Film leider nicht auf DVD erschienen. In den USA gibt es ihn als „video on demand“ auf einer DVD-R der Serie Warner Archive Collection. Die Bild- und Tonqualität ist leider nicht ganz auf der Höhe der Serie, die Bildauflösung ist nicht ganz befriedigend und der Ton ist stellenweise etwas verrauscht; aber das Ganze hält sich in durchaus annehmbaren Grenzen!
Die besprochene DVD kann über amazon.de als Neuware bestellt werden.

VORHER-NACHHER:
James Whale führte im selben Jahr Regie in der Remarque-Verfilmung The Road Back (dt.: Der Weg zurück); im Jahr darauf folgte das Plane-Crash-Drama Sinners in Paradise.
Ernest Vajdas Drehbuch zu Personal Property (dt.: Der Mann mit dem Kuckuck) wurde vor The Great Garrick von W.S. Van Dyke verfilmt, danach schrieb er mit Preston Sturges zusammen Port of Seven Seas (1938), eine Pagnol-Verfilmung, die ebenfalls von James Whale inszeniert wurde.
Brian Aherne war im Vorjahr in einer Hauptrolle in H.C. Potters Beloved Enemy (dt.: Geliebter Rebell) zu sehen, im Folgejahr in Norman Z. McLeods romantischer Komödie Merrily We Live (dt.: Uns geht’s ja prächtig!).
Olivia de Havilland war zur Zeit von The Great Garrick gerade mal 21 Jahre alt. Ihr Vorgängerfilm war Archie Mayos It’s Love I’m After (1937), zufälligerweise ebenfalls eine Theaterkomödie, wo sie neben Bette Davis die weibliche Hauptrolle inne hatte. („Hauptsache (Stumm) Film“ wird sich diesem Film demnächst annehmen.) Im Jahr drauf trat sie als leading Lady in Michael Curtiz‘ Western Gold Is Where You Find It (dt.: Goldene Erde Kalifornien) auf.
Edward Everett Horton war im Jahr 1937 in nicht weniger als zehn Filmen zu sehen. Vor The Great Garrick in Michael Curtz‘ The Perfect Specimen (dt.: Ein Kerl zum Verlieben), einer Komödie mit Errol Flynn, danach in Raoul Walshs Musical Hitting a New High.

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