Movie-Magazin 7: Auf der Kugel stand kein Name – 1959

NO NAME ON THE BULLETT
USA 1959
Mit Audie Murphy, Charles Drake, Joan Evans, Willis Bouchey, Warren Stevens, Edgar Stehli, u.a.
Drehbuch: Gene L. Coon nach einer Story von Howard Amacker
Regie: Jack Arnold
Dauer: 77 min
Der Film kam 1959 auch im deutschsprachigen Raum in die Kinos – unter dem Titel Auf der Kugel stand kein Name

Vorspann:
„John Gant“ – als die Bewohner des Städtchens Lordsburg den Namen hören, zucken sie angstvoll zusammen. Niemand weiss, was der berüchtigte Kontrakt-Killer im Städtchen will, und auf wen er es abgesehen hat. Hektische Nervosität bricht aus, denn John Gant (Audie Murphy) ist dafür bekannt, seinen Job sauber zu erledigen. Niemand konnte ihm bislang einen Mord nachweisen.
Der Dorfarzt Canfield (Charles Drake) begegnet dem Killer zunächst offen, nicht ahnend, wen er da vor sich hat, und es entwickelt sich sowas wie eine Freundschaft. Doch diese wird jäh zerstört, als Canfield feststellt, dass Lordsburg unter dem Druck und der Angst, die mit John Gant im Städtchen Einzug gehalten haben, auseinanderzufallen droht.

Der Film:
Regisseur Jack Arnold ist bei uns in den 80er-Jahren so richtig bekannt geworden, als die ARD eine umfangreiche Science-Fiction-Filmreihe ausstrahlte. Darunter Arnolds Klassiker Tarantula und The Incredible Shrinking Man (dt.: Die unglaubliche Geschichte des Mister C). Doch Arnolds Schaffen umfasst die ganze Bandbreite der Filmgenres – von der Bob Hope-Komödie bis zum Film Noir. Zu Beginn seiner Karriere drehte der frühere Assistent Robert J. Flahertys eine Reihe von Dokumentarfilmen, einer davon (With These Hands, 1950) brachte ihm seine einzige Oscar-Nominierung ein. In späteren Jahren arbeitete Arnold, wie viele seiner Kollegen, fürs Fernsehen. So drehte er zum Besispiel sechs Episoden der von Blake Edwards kreierten Krimi-Serie Peter Gunn (1959) oder 26 episoden der Comedy-Serie Gilligan’s Island (1964-1967).
Am meisten taucht der Western in seiner Filmografie auf.
No Name on the Bullett ist, wie die meisten von Arnolds Filmen, eine sogenannte B-Produktion.

Audie Murphys Karriere begann als Kriegsheld. Nach Ende des zweiten Weltkrieges erlangte Murphy Heldenruhm als meistdekorierter Soldat der US-Armee. Unter seinen 33 Auszeichnungen befand sich auch die Ehernmedallie, und auf seinem Ruhmesblatt stand unter anderen auch, dass er 250 Deutsche während Kriegshandlungen getötet hatte. Von Verwundeten und Gefangenen ganz zu schweigen. Murphys Heldentaten klingen so verwegen und todesmutig als stammten sie aus einem überkandidelten Hollywood-Blockbuster. Kein Wunder also, dass ihn James Cagney, dessen Filmfiguren mit Murphys real existierendem Charakter korrespondierten, zum Film holen wollte. Murphy, der mit einem gefälschen Pass mit 16 in die Armee eintrat, hatte zuvor keinen Beruf gelernt – und sagte Cagney zu. Die Sache mit der Schauspielerei sah zunächst allerdings nicht erfolgversprechend aus, die Schwierigkeiten begannen schon in der Ausbildung: Murphy musste u.a. lernen, zu singen und zu tanzen. Danach hielt sich der Kriegsheld A.D. mit kleinen Rollen über Wasser.
Erst die Hauptrollen in Kurt Neumanns Adoleszenten-Drama Bad Boy (dt.: Gefängnis ohne Gitter, 1949) und John Hustons Kriegsepos The Red Badge of Courage (dt.: Die rote Tapferkeitsmedallie, 1951) brachten den Durchbruch als Hauptdarsteller, obwohl letzterer an den Kinokassen floppte. Die Verfilmung von Murphys eigener Kriegsabenteuer, To Hell and Back (dt.: Zur Hölle und zurück, Jesse Hibbs, 1955) mit ihm selbst in der Hauptrolle, entwickelte sich dagegen zum grössten US-Box-Office-Hit für die nächsten 20 Jahre; dessen Einnahmen-Erfolge wurde erst von Spielbergs Jaws (1975) übertroffen. Nach 1955 spezialisierte sich Murphy auf Western. Insgesamt wirkte er in 44 Filmen mit.
Neben der Schauspielerei war Murphy als Geschäftsmann (Vieh und Landwirtschaft) und als Songwriter (u.a. für Dean Martin) tätig. Privat galt er als eher unangenehmer Zeitgenosse; seine Nerven waren – eine Folge des Krieges – stets zum Zerreissen gespannt und es war nicht vorherzusehen, wann er in die Luft ging. Er trug – auch am Filmset – stets eine geladene Waffe mit sich herum, weshalb niemand wirklich gerne mit ihm arbeitete. Während des Vietnamkriegs wies er als prominente Stimme auf die Probleme der Heimkehrer hin und setzte sich bei der Regierung für deren Betreuung ein – er wusste, wovon er sprach. In dem er seine eigenen Kriegstraumata öffentlich machte, brachte er ein Tabuthema auf dem Tisch und half so unzähligen psychisch Geschädigten. Audie Murphy kam 1971 bei einem Flugzeugunglück ums Leben.

Der Kriegsheld war bestimmt kein grandioser Schauspieler. Doch führt man sich No Name on the Bullett vor Augen, kann man sich keinen besseren Darsteller in der Rolle des Killers vorstellen als Audie Murphy. Obwohl er gar nicht viel tut, evoziert er ein permanentes Gefühl von Gefahr und Unbehagen. Man glaubt sofort, dass dieser leise sprechende, kultivierte, permanent lächelnde Mann von einem Moment zum nächsten gefährlich werden kann. Es liegt in seinen Augen und in seiner permanent gespannten Haltung. Tatsächlich fühlt man sich immer wieder an den jungen James Cagney in seinen Gangsterrollen, dieses psychisch zerrüttete Nervenbündel, erinnert – kein Wunder, dass gerade jener Murphy zum Film holte. Im Gegensatz zu Cagney, der den Typus spielte, verkörpert Murphy ihn.
Der Rest der Schauspieler-Crew ist nicht grandios, aber solide. Jede(r) passt exakt in seine / ihre Rolle. Es sind viele aus diversen TV-Serien bekannte Gesichter dabei.

Vom TV ist auch der Drehbuchautor Gene L. Coon bekannt. So schrieb er mehrere Drehbücher für die originale Star Trek-Serie, bei der er übrigens auch als Produzent firmierte und massgeblich an der Entwicklung von dessen Mythos beteiligt war, aber auch Bonanza und Die Stassen von San Francisco verdanken ihm einige Episoden. Coon hat ebenfalls für eine von Blake Edwards aus der Taufe gehobene TV-Serie gearbeitet, für Mr.Lucky – für die Jack Arnold 15 Episoden inszenierte.
Fürs Kino arbeitete er genau sieben Mal, neben dem Drehbuch zum hier besprochenen Werk schrieb er u.a. noch The Killers (dt.: Der Tod eines Killers; Don Siegel, 1964) und einen weiteren Jack-Arnold-Western, Man in the Shadow (dt.: Des Teufels Lohn, 1957).

Coons Drehbuch zu No Name on the Bullett ist das Glanzstück eines Films, der sonst mit keinen grossen Leistungen aufwartet. Die Arbeit sämtlicher Mitwirkender ist solide – von den Darstellern über den Ausstatter bis zum Regisseur, so solide wie eine gute TV-Produktion aus jener Zeit. Ohne Coons vielschichtiges Drehbuch wäre der Film kaum der Rede wert. Ohne jede Action wird hier in spannungsgeladener Ruhe vorgeführt, was im weitgehend rechtsfreien Raum einer Kleinstadt des Westens geschieht, wenn plötzlich ein Auftrags-Rächer auftaucht. Plötzlich wird deutlich, dass fast jeder der ehrenwerten Bürger Dreck am Stecken hat und die Rache irgendeines Partners fürchtet. Denn John Gant ist im Auftrag hier – und er verrät weder den Namen seines Auftraggebers noch jenen des Opfers. Nun kommt Leben ins Kaff. Einer Versuchsanordnung gleich führen Coon und Arnold vor Augen, wie Leute funktionieren und reagieren und sich verändern, die von einem rabenschwarzen Gewissen und von Angst getrieben sind.
Interessant ist auch, dass die beiden Hauptfiguren nicht einfach in ein Gut-Böse-Schema gepresst werden. Zu Beginn erscheint Gant als Todesengel. Der Dorfarzt hingegen ist von Beginn weg der „good guy“. Doch je länger der Film dauert, desto unsicherer werden diese Zuordnungen. Gant tut nur seine Arbeit, darüberhinaus will er keiner Flige etwas zuleide tun. Der Arzt, der sich einzumischen beginnt ohne den geringsten Überblick zu haben, wird zusehends zu demjenigen, der Schaden anrichtet ohne es zu wollen.
Wer ist moralisch zu verurteilen?, diese Frage steht mit der letzten Einstellung im Raum. Der Killer, der nur seinen Job macht oder der Arzt, der mit seinem Eifer ein Leben zerstört?
Ein denkwürdiger Western mit philosophischen Dimensionen.

Abspann:
No Name on the Bullett lohnt durchaus einen Blick – der Film ist im deutschsprachigen Raum sogar auf DVD erhältlich. Koch Media brachte ihn bereits 2010 auf den Markt, in der Original- und in der deutschen Synchronfassung. Bestellbar hier.

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Sichinin no samurai (dt.: Die sieben Samurai; Akira Kurosawa, Japan 1954) Mt Toshiro Mifune, Takashi Shimura, Keiko Tsushima u.a.
Der beste Film, den ich nie gesehen habe!
Neulich habe ich erneut versucht, mir diesen grossen, vielgelobten Klassiker des japanischen Kinos zu Gemüte zu führen. Und habe habe den Versuch einmal mehr abgebrochen.
Es mag ja sein, dass er zu „den besten“ gehört. Das wage ich gar nicht zu bezweifeln. Ich kann nur einfach nichts damit anfangen. Die Bilder – grossartig! Die Schauspieler – für unsere Sehgewohnheiten grenzwertig!
Das permanente Geschrei und Gehampel der Hauptakteure – allen voran Toshiro Mifune – wird mir bereits nach 15 Minuten zuviel. Ich kann also im Grunde nichts über den Film sagen. Er ist und bleibt mir fremd. Seine Symbolik bleibt mir ein Rätsel. Die Schauspiel-Tradition ebenfalls. Ich finde nicht hinein in diese versunkene Welt des alten Japan.
Eine oberflächliche Sichtweise? Eben gerade nicht! Indem ich meinen fehlenden Zugang zugebe, mir eingestehe, dass mir die fernöstliche Symbolik, Erzählweise, Spielweise, Musik fremd bleibt und ich den Film aus diesem Grund gar nicht wirklich bewerten kann, gehe ich tiefer als jene, die den Film einfach abnicken („ein anerkanntes Meisterwerk“). Die wenig verstehen, es dabei belassen und so tun, als könnten sie das Ganze beurteilen.
Ich könnte natürlich in die Tiefe gehen und mich mit der Thematik, Symbolik, Kultur usw. näher befassen, wie seriöse Filmjournalisten und -historiker das tun – könnte alles unternehmen, damit ich Die sieben Samurai tatsächlich verstehen und bewerten kann. Doch dafür fehlt mir neben meinem Job schlicht die Zeit.
Genau gleich geht es mir übrigens mit afrikanischen, arabischen, chinesischen Filmen. Mit Filmen aus Kulturen, die der unseren im Grunde fremd sind – fremd im Sinne von „anders“. So anders, dass man sie nicht einfach – oder einfach nicht – versteht. Spannend, sich daran abzuarbeiten.
Die meisten mir bekannten „Weltkino-Freunde“ belassen es allerdings dabei, „wissend“ zu tun. Schliesslich sind wir multikulti, wir sollten schon nur aus Solidarität wertschätzen, was an „Weltkino“ zu uns kommt, solange es keine „Amifilme“ sind. „Wertschätzen“ heisst aber nicht einfach vorbehaltlos gut finden. Es kann auch bedeuten, seine Ratlosigkeit offenzulegen und auf eine Beurteilung zu verzichten. Ich kann einen chinesischen, argentinischen, indischen Film interessant finden, bildgewaltig oder anderes – ihn in seiner Gesamtheit zu beurteilen, traue ich mir nicht zu. Dazu bräuchte ich mehr Zeit.
Generalisieren mag ich das oben Geschriebene allerdings nicht; es gibt Kurosawa-Filme, die ich sehr schätze, und Ikiru (dt.: Einmal richtig leben, 1952) zählt gar zu meinen zehn absoluten Lieblingsfilmen.

 

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene Klassiker:

My Cousin Rachel (dt.: Meine Cousine Rachel, Henry Koster, USA 1952) Mit Richard Burton, Olivia De Havilland, u.a.
Atmosphärische Verfilmung einer Mystery-Story aus Daphne Du Mauriers Feder – mit Richard Burton in seiner ersten Hauptrolle und seinem ersten Hollywood-Film. Der Film hat das Pech, gegen Hitchcocks vergleichbaren Rebecca (ebenfalls Du Maurier) antreten zu müssen – und da zieht er trotz hervorragender darstellerischer Leistungen deutlich den Kürzeren. Die Frage, ob Rachel ihren Gatten umgebracht hat und nun dasselbe mit dessen Mündel vorhat, hält die Spannung der Geschichte leidlich aufrecht und das Interesse des Publikums wach, auch wenn rein gar nichts geschieht. Doch der Haupt-Plot-Twist bleibt unglaubwürdig und damit droht das Interesse des Betrachters immer wieder zu erlahmen. Gnadenlos wird einem im Vergleich bewusst, dass Henry Koster einfach nicht Alfred Hitchcock ist; letzterer vermochte die Spannung allein auf der Bildebene am Kochen zu halten. Koster lässt die meisten Gelegenheiten dafür versteichen.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Le tout nouveau testament (dt.: Das brandneue Testament; Jaco Van Dormael, Belgien 2014) Mit Benoit Poolvoerde, Pili Groyne, Catherine Deneuve u.a.
Gott lebt. Er wohnt in Belgien. Und er sieht aus wie Benoit Poolvoerde.
Der belgische Filmemacher Jaco Van Dormael hat wieder mal einen überbordend spinnerten Film gedreht, voller poetischer Momente, voll clownesker Ideen – aber im Grunde voll depro.
Gott lebt mit Frau und Tochter in einer engen Wohnung in einem Hochhaus. Den ganzen Tag hockt er am Computer und denkt sich hässliche Gesetze aus, mit denen er die Menschen bis aufs Blut quält. Seiner Tochter Ea geht der Alte schon lang auf den Wecker, sie hackt seinen Computer und verschwindet. Als Folge des Hacks erfahren sämtliche Erdenbewohner ihre Todeszeit. Gott tobt und verfolgt Ea. Diese sucht sich sechs Apostel und schreibt mit ihnen das „brandneue Testament“, in der Hoffnung, die Erde zu einem besseren Ort zu machen.
Ein komplett eigenständiger, höchst origineller und unterhaltsamer Film, der allerdings komlett an der Oberfläche bleibt. Seine philosophischen Gedanken und Einfälle (wie das Bekanntwerden der Todesdaten) werden nicht in ihre Tiefe verfolgt, sondern dienen nur der kurzzeitigen Unterhaltung. Das wirkt auf die Dauer etwas billig. Dafür macht er Statements wie „Gott ist ein Arschloch“, die auf einer zutiefst negativen Sichtweise beruhen.
Le tout nouveau testament ist in erster Linie die Verkündung der Weltsicht Jaco Van Dormaels – wen’s interessiert…! Dass er dies auf höchst unterhaltsame, kreative und teilweise poetische Weise tut, macht ihn überhaupt erst geniessbar.

Vorschau:
Im Zentrum des nächsten Movie-Magazins steht Richard Brooks‘ erster Spielfilm Crisis (dt.: Hexenkessel; USA 1950), in dem ein amerikanischer Arzt (Cary Grant) einen verhassten südamerikanischen Diktator (José Ferrer), gegen den ein Volksaufstand schwelt, von einem tödlichen Hirntumor befreien soll.

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