Tonfilm-Seitensprung: Fritz Lang dreht jetzt in Hollywood

Fritz Lang ist vor allem für sein Stummfilmschaffen und für den frühen Tonfilm M – eine Stadt sucht einen Mörder bekannt – kurz: für seine in Deutschland gedrehten Filme.
In deren Schatten standen und stehen immer noch die Filme, die er nach seiner Emigration in den USA gemacht hat. Ich zumindest, so wurde mir plötzlich bewusst, kenne die wenigsten davon. Das soll sich nun ändern; ich habe mir vorgenommen, das gesamte amerikanische Werk Langs zu sichten und zu besprechen. Soweit ich feststellen konnte, ist es vollständig auf DVD greifbar – das Meiste davon tatsächlich in Deutschland.
Ich versuche, bei meiner in unregelmässigen Abständen voranschreitenden Erkundungstour chronologisch vorzugehen und beginne mit dem ersten Film, den Fritz Lang drehte, als er nach der „Zwischenstation“ in Frankreich in den USA Fuss zu fassen suchte. (Seinen einzigen französischen Film Liliom werde ich noch aufzutreiben versuchen).

FURY
(dt.: Blinde Wut)
USA 1935
Mit Spencer Tracy, Sylvia Sidney, Bruce Cabot, Walter Brennan, u.a.
Regie: Fritz Lang
Dauer: 85 min

Fritz Langs erster amerikanischer Film (von 1935) gehört, obwohl heute fast vergessen, zu den stärksten und eindrücklichsten Werken seiner langen Regiekarriere. Vordergründig thematisiert er das in den USA damals noch immer grassierende Übel der Lynchjustiz: Ein unbescholtener Mann (Spencer Tracy) wird aufgrund einer Übereinstimmung im Täterprofil (Vorliebe für gesalzene Erdnüsse) für einen gesuchten Kindsentführer gehalten und in einer amerikanischen Kleinstadt zwecks späterer Untersuchung über Nacht inhaftiert. Im Nu verbreitet sich unter den Kleinstädtern das Gerücht, der wahre Verbrecher sei gefasst worden. Bis zum Abend hat sich unter der Leitung eines zwieliechtigen Windbeutels ein Mob gebildet, der randalierend zum Gefängnis marschiert. Der Widerstand des Sheriffs stachelt die Meute zusätzlich auf, das Gefängnis wird in Brand gesteckt und schliesslich in die Luft gejagt.

Lang, der hier auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, führt hier exemplarisch und absolut glaubhaft vor, wie es zu dem Ausbruch kommen konnte, indem er die Zuschauer durch sämtliche Stadien der Eskalation führt, vom harmlosen Versprecher des Hilfssheriffs (Walter Brennan) über den volksfest-ähnlichen Marsch zum Gefängnis bis zum Verschmelzen der Individuen zum zähnebleckenden Mob im Akt der Gewalt. Spätestens da wird klar, dass Lang, der zwei Jahre zuvor aus Deutschland flüchtete, Geschehnisse verarbeitet, welche die Weimarer Republik seit Ende des ersten Weltkrieges beutelten, und welche durch die Machtübernahme der Nazis noch an Aktualität gewannen.

Gelungen ist ihm dabei ein in allen Teilen stimmiger, atmospährisch dichter Film, der von der ersten Minute an eine unglaubliche Sogwirkung ausübt, und der bis heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Fury fokussiert mit kühlem, fast forscherhaftem Blick zwei miteinander verknüpfte, ebenso rätselhafte wie erschreckende menschliche Ur-Phänomene, jenes der scheinbar bedingungslosen Gewaltbereitschaft,  und jenes des ebenso bedingungslosen Mitläufertums. Lang gibt dem Mob ein Gesicht, in dem er einige der darin aufgehenden Individuen bewusst aus der Masse  hervorhebt und ihre Reaktionen studiert. Keiner von ihnen – bis auf den „Anführer“ vielleicht – wäre auf sich allein gestellt zu jener grausamen Tat fähig gewesen. Fury rückt „die Masse“ als Katalysator für Impulse, die das Individuum wohl verspürt, aber unterdrücken kann, ins Zentrum und gibt damit zu denken.

Joe überlebt den Anschlag wie durch ein Wunder. Doch nachdem er, halb wahnsinnig vor Todesangst in jener Zelle unentrinnbar der „Bestie Mensch“ ausgeliefert war, ist er nicht mehr derselbe. Er sei tot, sagt er, und nicht einmal mehr seine Verlobte Katherine (Silvia Sidney) kann ihn ins Leben zurückholen. Joe wird von Rachegefühlen zerfressen. Er will seine Henker am Galgen sehen, und so lässt er seine beiden jüngeren Brüder ein Gerichtsverfahren  gegen die Bürger jener Kleinstadt eröffnen, während er selbst im Schatten bleibt und sich tot stellt. Auch Katherine lässt er im Glauben, er weile nicht mehr unter den Lebenden, doch diese kommt dem Geheimnis langsam auf die Spur…

Fritz Lang und sein Co-Autor Bartlett Cormack rollen die Thematik mit all ihren Schattierungen auf und handeln sie in einem hervorragend durchdachten, für jene Zeit erstaunlich nuancierten Plot exemplarisch ab. Wenn der Racheengel am Schluss zur Vernunft gebracht wird und von seinem Plan absieht, dann ist dies ebensowenig hollywoodmärchenhaft wie der ganze Rest des Films, den man wohl zum realistischsten aller bis dahin erschienenen Lang-Werke zählen muss.
Dabei behält er seine in Deutschland entwickelte Handschrift bei, die sich hervorragend in den amerikanischen Film jener Zeit einfügt: Die Charaktere sind nicht nur psychologisch sehr scharf und differenziert gezeichnet, und erstaunlicherweise gleichzeitig oft an der Grenze zur Karikatur, sie sind auch in sich stimmig und werden mit einigen kleinen, skizzenhaften Gesten vollständig charakterisiert. Und auch die originelle Handhabung des Tons lässt den Regisseur deutlich erkennen: Auch hier – wie bereits in M und im Testament des Dr. Mabuse – werden Dialoge über Szenenwechsel hinweg geführt; die Begleitmusik einer Szene entpuppt sich als Radioübetragung…
10/10

Fury erschien im deutschsprachigen Raum auf DVD, ist aber inzwischen „out of print“. Er kann aber bei privaten Anbietern via amazon noch bezogen werden.

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5 Kommentare

  1. Mit der Tongestaltung sprichst du einen Punkt an, auf den ich bisher bei diesem Film gar nicht so geachtet habe. Aber es passt natürlich zu Lang. Ich muß ohnehin selbst wohl noch einmal zu einer chronologischen Ansicht ansetzen, da ich auch die wesentlichen Lücken der Filmographie nun geschlossen habe.
    Ich freue mich schon auf einen Text zu The Woman in the Window. Dieser liegt mir von den mir bekannten amerikanischen Filmen Langs bisher noch am meisten.

  2. Bis zu „Woman in the Windows“ ist noch ein weiter Weg zurückzulegen, da dieser erst Mitte der Vierzigerjahre entstand. Da liegen noch sieben Filme dazwischen – ich hoffe, ich halte so lange durch…

  3. Ja, hop hop! 😀

    Wo wir beim Thema sind: Kennst du zuvällig das Buch „Exemplarische Analysen zur Tondramaturgie bei Fritz Lang: Vom Stummfilm zum Tonfilm“ von Verena Boy? Ist mit 59 € für ein Taschenbuch von 160 Seiten nicht gerade ein Schnäppchen, aber das Thema reizt mich als Lang-Anhänger schon. Nur müßte da wirklich etwas Fundiertes drinstehen, damit ich mir das Büchlein leisten würde.

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