Das Scheusal – Sacha Guitry

LA POISON
Frankreich 1951
Mit Michel Simon, Germaine Reuver, Jean Debucourt, Marcelle Arnold, Georges Bever, Louis de Funès u.a.
Drehbuch und Regie: Sacha Guitry
Der Film lief im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Das Scheusal.
Dauer: 87 min
Im deutschsprachigen Raum ist der Film nicht verfügbar

Vorspann:
Inhalt: Paul Braconnier hasst seine Frau – am liebsten würde er sie umbringen. Sie säuft, wäscht sich nicht und hat kein gutes Wort für ihn übrig. Als Paul im Radio einen Anwalt hört, der sich seiner wirkungsvollen Verteidigung von Verbrechern brüstet, fasst der ehemüde Gatte einen waghalsigen Plan: Er sucht den Anwalt auf und beichtet ihm den Mord an seiner Frau – den er allerdings erst auszuführen gedenkt, wenn er dem Anwalt genügend praktische Hinweise zur sicheren Durchführung entlockt hat.

Der Film:
Guitrys La poison gehört zu den irritierendsten Filmen, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Die ganze Zeit glaubt man, einer witzig geschriebenen, charmant ausgeführten schwarzen Komödie beizuwohnen. Die Rollen von gut und böse sind scheinbar klar verteilt, schon das Wortspiel im Titel, „la poison“, weist Pauls Ehefrau als „Scheusal“ aus, die Hauptfigur erscheint im Gewand des armen, gutmütigen Ehetolpatschs.
Doch plötzlich, zehn Minuten vor Schluss, zieht einem der Film den Boden unter den Füssen weg. Die Gerichtsverhandlung kurz vor Filmende lässt den guten Paul in einem ganz anderen Licht erscheinen. Plötzlich ist er kein Trottel mehr, sondern ein wortgewandter, gerissener Hund, der alles zu seinen Gunsten orchestriert und manipuliert hat – inklusive Dorfbevölkerung. Doch weil Guitry den harmlos-charmanten Ton bis zum Schluss beibehält und das Geschehen permanent mit heiter-lieblicher Musik untermalt, merkt man zunächst gar nicht, wie man ihm auf den Leim kriecht. Man ist über Pauls Freispruch am Ende sogar erleichtert und feiert mit der Dorfbevölkerung mit.

Aber Moment!
Ein Mann ersticht seine Frau mit einem Messer. Vorher trifft er kaltblütig und minuziös Vorkehrungen, die die Jury zu seinen Gunsten einnehmen sollen, Vorkehrungen, die er seinem Verteidiger vorher schlau entlockt hatte. Dann verdreht er vor Gericht seinen Anklägern mit inszenierter Bauernschläue das Wort derart im Mund, dass diese wie Trottel dastehen.
Und er wird freigesprochen. Zu Unrecht! Und wir freuen uns?
Man kriecht Guitry voll auf den Leim. La poison ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich ein Filmpublikum manipulieren lässt – bis zum dem Grad, eine ammoralische Konklusion freudig zu akzeptieren. Und das ist das Irritierende an diesem Film: Der Zynismus versteckt sich unmerklich im Gewand des Harmlos-Betulichen. Guitry entlarvt das Rechtssystem gnadenlos, und macht noch einen drauf, indem er uns, die Zuschauer als Kolaborateure des Unrechts entlarvt: Indem wir uns über den Freispruch des Mörders freuen, bezeugen wir, dass wir den Missbrauch und die Verdrehung der Rechtsprechung gutheissen. Und weil wir das tun, wird der Missbrauch erst praktikabel. Und das ist, so wage ich zu behaupten, die eigentliche Botschaft des Films.

Für einmal ist der deutsche Titel treffender als der des Originals. Das Scheusal markiert genau die Doppelbödigkeit, die dem Film immanent ist, denn die Bezeichnung kann sowohl Pauls Gattin zugeschrieben werden – als auch Paul selbst. Am Ende fragt man sich nämlich, wer denn nun das wahre „Scheusal“ ist. Es könnte geradesogut Paul sein, denn die meisten Schauergeschichten, die er jedem, der es nicht hören will über seine Frau erzählt, werden vom Regisseur nie verifiziert. Er könnte sich dabei genausogut um Lügengeschichten handeln, um Teile der Manipulation, als deren Meister sich Paul später entpuppt. Wir sehen zwar, dass Pauls Gattin Blandine säuft und ihm respektlos begegnet. Aber das könnten auch Folgeerscheinungen seiner Lieblosigkeit und seines Disrespekts sein.
Michel Simon spielt Paul meisterhaft doppeldeutig. Bis zur Gerichtsverhandlung tritt er als harmloser Biedermann auf; doch vor dem Richter zeigt er, während die Verteidigung an sich reisst, geradezu dämonische Züge.

La poison gilt als Guitrys bester Film. Der ehemalige Theatermensch hat hier, nachdem er mehrere eigene Theaterstücke verfilmt hat, ein Originaldrehbuch umgesetzt, mit einer vom unvergleichlichen Michel Simon angeführten grandiosen Schauspielertruppe. Allerdings merkt man auch diesem Film Guitrys Herkunft an: Ellenlange, schlicht abgefilmte Dialoge reihen sich aneinander, herrlich ausgefeilte Konversationen zwar, aber sie lassen La poison wie ein für die Leinwand abgefilmtes Theater aussehen. Dass der Streifen bereits nach elf Tagen im Kasten war, bestätgit seine relativ einfache ciématografische Disposition; die kurze Drehzeit ist auch der Bitte Michel Simons geschuldet, nie mehr als ein Take für eine Szene zu drehen, eine Forderung, der Guitry trotz der Aufwändigkeit ihrer Realisierung (minuziöse Vorbereitung aller Beteiligten und der Anleitung des Regisseurs) nachkam.

Abspann:
Sacha Guitry war für seine gesprochenen Credits berühmt. In La poison hält er zu Beginn eine Lobrede an Michel Simon, bevor er sämtliche anderen Beteiligten mit kurzen scherzhaften Worten vorstellt. Guitry verstarb sieben Jahre nach Fertigstellung dieses Films. Er drehte bis dahin noch sieben Werke, zwei weitere davon mit Michel Simon.
Michel Simon war ein Theatermensch durch und durch, der sich auf der Bühne zu Hause fühlte. Mit dem Film konnte er nach eigener Aussage nur wenig anfangen, da er dort seine Szenen nicht spontan entstehen lassen konnte. Deshalb wollte er jede Szene nur einmal drehen. „Beim zweiten Mal ist es eine Lüge“, pflegte er zu sagen und meinte, dass dann die Natürlichkeit seines Spiels dahin sei, wenn er eine Szene wiederholen müsse. Trotzdem trat er bis zu seinem Tod im Jahre 1975 in 11o Filmen auf. Dass La poison ein derart unterhaltsamer Film geworden ist, ist zu einem grossen Teil Simons Verdienst.

 

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