Packender Anti-Nazi-Film

Ich habe kürzlich die amerikanische Version der Warner Archive Collection für mich entdeckt. Es gibt darin einige sehr schöne Titel, klassische amerikanische Spielfilme – die mag ich sowieso – Werke die nie auf DVD erschienen sind, vergessene Perlen des US-Kinos von den Zwanzigerjahren bis heute, zum Teil obskure Titel, hinter denen sich wer-weiss-was verstecken kann – vielleicht eine wertvolle Entdeckung. Die Collection ist inzwischen auf über 500 Titel angewachsen – was für mich eine Herausforderung darstellt, sie zu erkunden.
Die Warner Archive Collection , das sind DVDs „on demand“ – auf DVD-R. Die DVDs der Collection sind alle R0 – auf allen Playern weltweit spielbar. Hier ist der Link zur Collection: Warner Archive Collection

Die Filme werden nicht digital aufbereitet – was mir persönlich sehr sympathisch ist, denn so stellt sich echtes „Kinofeeling“ ein. Es gibt also hie und da kleinere Verunreinigungen (besonders an den Aktenden), bislang habe ich in dieser Hinsicht aber nie etwas wirklich Gravierendes festgestellt! Die Bildschärfe und -auflösung war bei allen Scheiben bislang top.

Nun begebe ich mich hier also auf Entdeckungstour durch die Tiefen der Warner Archive Collection – solange es mir Spass macht. Ich bin gespannt, was ich da so zu Tage fördere…
Den Anfang macht ein völlig vergessener Hollywood-Film, in dem zahlreiche deutsche Schauspieler-Emigranten mitspielen:

ESCAPE
USA 1940
Mit Robert Taylor, Norma Shearer, Conrad Veidt, Philip Dorn, Felix Bressart, Alla Nazimova, Albert Bassermann, Elsa Bassermann, Ernst Deutsch, u.a.
Buch: Arch Oboler und Marguerite Roberts nach dem gleichnamigen Roman von Grace Zaring Stone (publiziert unter dem Pseudonym Ethel Vance)
Regie: Mervyn LeRoy

Schon meine erste DVD der Warner Archive Collection enthält eine Entdeckung. Escape scheint weder in deutschsprachigen Kinos gelaufen noch scheint er hier je im TV gezeigt worden zu sein – ein vergessener Film. Dabei gehörte Escape zu den ersten Anti-Nazi-Filmen Hollywoods, welche die Schrecken der Konzentrationslager thematisierten. Hier geschieht dies zwar nur am Rand und auf „verharmlosende“ Art (hauptsächlich, weil sich das echte Grauen im Amerika des Jahres 1940 niemand vorstellen konnte), trotzdem bleibt das Konzentrationslager für die Handlung zentral.
Robert Taylor spielt Mark Preysing, einen amerikanischen Staatsbürger mit deutschen Wurzeln, der auf der Suche nach seiner verschollenen Mutter nach Nazi-Deutschland reist. Schon bald wird klar, dass diese, eine einst berühmte Schauspielerin (Alla Nazimova) in einem Konzentrationslager auf ihre Exekution wartet.

Preysing übernimmt die Rolle der Identifikationsfigur und ist deshalb mit unglaublicher Naivität ausgestattet – einer der Schwachpunkte des Films, jedenfalls aus heutiger Sicht. Damals galt es, den unbescholtenen amerikanischen Kinogänger an die Hand zu nehmen und ihn in das Grauen der Nazidiktatur einzuführen. Und diese Rolle kam Preysing zu; heute erscheint es nicht mehr glaubhaft, dass ein Mann mit deutschen Wurzeln so gar nichts davon ahnt, was sich seit der Machtübernahme Hitlers in seinem Mutterland getan hat.

Der Film vermittelt allerdings auf subtile und absolut wirkungsvolle Weise die klaustrophobische Stimmung unter der Naziherrschaft. Niemand will mit Preysing reden, alle wenden sich verschämt ab, nachdem er sein Anliegen vorgebracht hat. Bis er auf die Gräfin von Treck (Norma Shearer) trifft, die zufällig auf die Spur von Preysings Mutter kommt. Da die Gräfin aber mit einem Nazigeneral (Conrad Veidt) liiert ist, wird ihre Hilfestellung zum Drahtseilakt…

Der Film glänzt in allererster Linie mit durchs Band hervorragenden schauspielerischen Leistungen und einer packenden Dramaturgie. In der Tat habe ich weder Robert Taylor noch Norma Shearer je so gut wie hier gesehen – ganz zu schweigen von den Nebendarstellern, praktisch allesamt deutsche Emigranten. Besonders Felix Bressart und der Deutsch-Holländer Philip Dorn, der später unter dem Namen Frits van Dongen in Filmen wie Der träumende Mund (D 1953) mitwirkte, prägen sich mit ihrem intensiven Spiel ein.

Escape mag nicht der beste Anti-Nazi-Film aus dem klassischen Hollywood sein, doch seine Dramaturgie und die schauspielerischen Leistungen machen ihn noch heute trotz einiger Schwächen zu einem packenden Seh-Erlebnis!
7,5/10

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