Intellektuelle Ensemblekiste

Und hier kommt der nächste „vergessene Film“ aus der amerikanischen DVD-Reihe Warner Archive Collection:

THE MADWOMAN OF CHAILLOT
(dt.: Die Irre von Chaillot)
USA 1969
Mit Katharine Hepburn, Richard Chamberlain, Yul Brynner, Paul Henreid, Danny Kaye, Edith Evans, Donald Pleasance, Oskar Homolka, Giulietta Masina, Charles Boyer u.a.
Drehbuch: Edward Anhalt
Regie: Bryan Forbes

Ein weiterer „vergessener Film“, der sich sehen lassen kann und an den sich einige der älteren Semester möglicherweise erinnern, denn Die Irre von Chaillot lief 1969 auch in den deutschen Kinos.
Ich für meinen Teil erinnere mich an eine Fernsehausstrahlung in den Achzigerjahren, möglicherweise im ORF und in der englischsprachigen Originalfassung. Auf DVD gab es den Film bislang weder im deutschsprachigen noch im englischsprachigen Raum; dort war er vor Jahren immerhin einmal auf VHS erhältlich.
Dank der Warner Archive Collection taucht dieser erstaunliche Film nun wieder aus der Versenkung auf. Zum Glück!

La folle de Chaillot hiess ein Theaterstück aus der Feder des französischen Autors Jean Giraudoux, geschrieben und uraufgeführt 1943.
26 Jahre später wurde es für den Film adaptiert – von Hollywood. Mit einem beispiellosen Staraufgebot wurde das Stück 1969 ins damalige „Heute“ versetzt – und floppte an der Kinokasse.
Und so haben wir einen grossartigen Film mehr, der in der Versenkung verschwunden ist. Den Amis war er wohl zu intellektuell, und weil die anspruchsvollen Themen in märchenhafte Bilder verpackt daherkommen, irritierte The Madwoman das Publikum mehr, als dass er es zur Reflexion anregte.

Mich hat der Film – mit einigen wenigen Abstrichen – vollkommen überzeugt. The Madwoman of Chaillot ist verfilmtes Theater, das wird sympathischerweise nie verleugnet, und das mag ihn für heutige, actiongeprüfte Sehgewohnheiten zeitweise etwas gewöhnungsbdürftig machen. Eine höchst sensible Regieführung, die allesamt grossartigen Darstellerinnen und Darsteller und ein grandioses Kostüm- und Kulissenkonzept holen aber das denkbar Beste aus dem Theater heraus!
Entstanden ist ein Ensemblefilm, der mit zahlreichen denkwürdigen und berührenden Momenten aufwartet. Katharine Hepburn ist schlicht grossartig als die alternde Verrückte; ihr ebenbürtig sind u.a. Danny Kaye – in seinem letzten Leinwandauftritt – als Lumpensammler, der vor dem Gericht der Verrückten die Rolle des Verteidigers übernimmt; oder Donald Pleasance als machtgeiler Prospektor, der eine Ölquelle im Pariser Untergrund entdeckt und diese wirtschaftlich erbarmungslos ausschlachten will. Edith Evans hat einen unvergesslichen Auftritt als selbsternannte Richterin. Aber auch alle anderen Beteiligten glänzen, keiner der Stars hat nur eine kleine Rolle, The Madwoman of Chaillot ist eine Ensemblekiste, und als das wird sie hier auch – bestens – verkauft.

1969 wurde Giraudoux‘ Stück dank der Jugendunruhen wieder hochaktuell, denn es geht darin um das Missverhältnis zwischen den zerstörungswütigen Mächtigen und den „kleinen Leuten“. Ursprünglich waren damit die deutschen Besetzter und die französische Volk gemeint. Forbes‘ Film transponiert die Geschichte allerdings geschickt in den zeitgeistigen Kontext von ’68 und setzt der lebensfeindlichen Raffgier der Mächtigen die Menschlichkeit und Wärme der einfachen, armen Leute entgegen. So entsteht ein Klassenkampf, in dem die „Normalen“ die Welt ins Verderben treiben und die „Verrückten“ sie davon abzuhalten versuchen.

Ein Prospektor entdeckt Öl im Pariser Untergrund und trommelt einige mächtige und reiche Männer aus Politik, Wirtschaft, Militär und Kirche zusammen, um sich mit deren Hilfe an den Schätzen zu bereichern. Als die „Irre von Chaillot“ erfährt, dass ihrem alten Paris die Zerstörung droht, ja, dass der Menschlichkeit an sich ein vernichtender Schlag bevorsteht, heckt sie einen Plan aus, der den Mächtigen ein für allemal das Handwerk legen soll. Dazu schart sie ihre Freundinnen – drei weitere „Madwomen“ – und die Menschen aus den untersten Gesellschaftsschichten um sich, um die Welt „ein für allemal von dem Bösen zu befreien“.

Immer wieder scheinen Parallelen zu Michael Endes Roman Momo auf: Die grauen Herren haben deutliche Ähnlichkeit mit den hier auftretenden „Mächtigen“; hier wie dort stehen ihnen die „einfachen Leute“ entgegen; angeührt werden sie dort von einem Kind, hier von einer Verrückten. Und hier wie dort herrscht eine Atmosphäre des Märchenhaften, Unwirklichen, des Zaubers, wie ihn nur Kinder und Verrückte wahrzunehmen scheinen…
Es würde mich nicht wundern, wenn dieser Film Ende zu seiner Geschichte inspiriert hätte.
9/10

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Ein Kommentar

  1. Klingt ja wunderbar. Für die Dreharbeiten ließ Hepburn sogar die Oscarverleihung 1969 sausen, obwohl sie für ihren vorigen Film DER LÖWE IM WINTER nominiert war (und auch tatsächlich ihren dritten Oscar gewann). Aber sie machte sich sowieso nichts aus Auszeichnungen. DIE IRRE VON CHAILLOT war schon vage auf meiner Wunschliste, und jetzt verstärkt (und DIE TROERINNEN müsste ich auch mal sehen).

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