Die Reise (1959)

THE JOURNEY
USA 1959
Mit Yul Brynner, Deborah Kerr, Jason Robards, Robert Morley, E.G. Marshall, Kurt Kasznar, Anouk Aimee, Gérard Oury, Siegfried Schürenberg, Maria Urban, Ron Howard, u.a.
Drehbuch: Georg Tabori
Regie: Anatole Litvak
Studio: Alby Pictures / MGM
Der Film kam im deutschsprachigen Raum 1959 unter dem Titel Die Reise in die Kinos.
Dauer: 126 min

Vorspann:
Eine Gruppe bunt durcheinandergewürfelter Individuen verschiedener Nationen reist aus Budapest aus und will die oesterreichische Grenze erreichen. Zunächst weiss niemand, dass unter ihnen ein lebensgefährlich verletzter ungarischer Aufständischer mitreist – ausser der englischen Lady Ashmore, die ihn – ihren Geliebten – aus dem sovjetischen Gebiet herausschmuggeln will. Nahe der ungarischen Grenze wird das Grüppchen durch den sovjetischen Grenzschutzmajor Surov angehalten – und festgehalten. In einem nervenaufreibenden, Tage dauernden Prozess kontrolliert der argwöhnische Major sämtliche Reisenden – er ahnt, dass sie etwas zu verbergen haben.

Der Film:
Ein Film, der fast bis zur letzten Nebenrolle mit klingende Namen besetzt ist. Yul Brynner in seiner wohl besten Rolle. Ein fürs damalige Hollywood ungewöhnlich direkt angesprochene, brisante Thematik. Eine Inszenierung, welche ihrer Zeit voraus war.
Und doch ist The Journey heute völlig vergessen. Woran das liegt, kann man nur vermuten. Vielleicht war der Ungarnaufstand, der dem Film seinen Rahmen gibt, zu fern von Hollywood. Vielleicht liegt es an den paar Unglaubwürdigkeiten im Handlungsverlauf. Oder an der bisweilen etwas holprigen Dramaturgie.
Die Stärken wiegen die wenigen „Aussetzer“ aber allemal auf, wie ich finde.

Wo beginnen?
Bei der Inszenierung. Anatole Litvak war selbst Ungar. In den Zwanzigerjahren floh er aus Russland nach Deutschland und kam von dort – erneut auf der Flucht, diesmal vor Hitler – nach Hollywood. Als er sich an The Journey machte, bestand er darauf, an authentischen Schauplätzen zu drehen – an der oesterreich-ungarischen Grenze – und die Rollen der Ungarn mit echten Landsleuten zu besetzen. Auch die Russen werden von Russen gespielt, und es gibt Sequenzen im Film, in denen nur russisch oder ungarisch gesprochen wird – kein pseudo-fremdländisches Kauderwelsch-Englisch wie es im damaligen US-Kino üblich war.
Der Film, der noch heute mit seinem authentischen Look verblüfft, entstand zu einer Zeit, in der Hollywood u.a. in Cinecittà exotische Schauplätze mit aufwändigen Studiokulissen künstlich herstellte. Litvaks Herangehensweise mit seinem Authentizitätsanspruch setzte sich im amerikanischen Film erst rund zehn Jahre später durch. Darüberhinaus ist die Regieführung stets effektiv, funktional, auf die Handlungsentwicklung und die Charaktere fokussiert. Die gesamte Schauspielercrew liefert unter Litvaks Anleitung Bestleistungen, allen voran Yul Brynner, dessen Major Surov unter die Haut geht. Von allen „Russkis“ des damaligen Hollywood ist Surov der wohl echteste weil vielschichtigste.

Viele Kritiker übersehen, dass im Zentrum des Geschehens nicht die Romanze mit Deborah Kerr steht – die im übrigen gar keine ist, da Kerrs Figur den ungarischen Widerstandskämpfer liebt – sondern das tragische Portrait eines Mannes, der im Sovjetregime Karriere gemacht hat und plötzlich feststellt, dass er in eine Sackgasse geraten ist – sowohl menschlich als auch moralisch – und dass er in einem goldenen Käfig sitzt. Die „Romanze“ mit der Kerr – eine Art Echo aus dem gemeinsamen Vorgängerfilm The King and I – ist vor diesem Hintergrund als verezweifelter Ausbruchsversuch des roten Majors zu verstehen. Brynner füllt die Rolle mit ungebremster, leinwandsprengender Energie – und lässt doch Raum für subtile, tragische Zwischentöne.

Auch das Drehbuch stammt von einem Ungarn: Von Georg Tabori (eigentlich Tabóri György), der nach einer Flucht vor den Nazis zwanzig Jahre lang in den USA lebte, bevor es ihn wieder in den Westen zog. Major Surovs Entwurzelung gleicht jener des Kosmopoliten Taboris. Der Russe Surov, so wird zumindest angedeutet, wurde gegen seinen Willen vom Sovjet-Regime ins besetzte Ungarn versetzt, wo er, als Fremder unter Fremden, als dessen Sprachrohr zu funktionieren hat. Damit bekommt der Kommunismus ein menschliches Gesicht – und das scheint mir für das Hollywood der späten Fünfzigerjahre einzigartig zu sein (Irrtum vorbehalten). Die UdSSR wurde damals vorzugsweise als Reich des Bösen dargestellt, seine Funktionäre als teuflische Intriganten.
Heute zeigen sich Rezensenten über den Ungarn-Fokus des Films erstaunt; dabei übersehen die meisten, dass das zentrale Anliegen von The Journey ist, dem Kommunismus ein Gesicht zu geben. Versteht man den Film so, dann funktioniert er hervorragend. Und Yul Brynner wird zum menschlichen Botschafter aus dem „Reich der roten Teufel“.

Das Drehbuch holpert an manchen Stellen ein wenig, nicht alles erscheint ganz logisch, doch aufgrund der überzeugenden Figurenzeichnung verzeiht man ihm das. Nicht nur Major Surov, auch der Rest des Personals ist interessant gezeichnet und lebendig geschrieben. Verkörpert werden sie allesamt von erstklassigen Darstellern, allen voran Robert Morley, Jason Robards (in seiner ersten Filmrolle, in den Credits als „Jason Robards, jr“ eingeführt), Deborah Kerr und Kurt Krasznar. Neben Jason Robards hat auch der heutige Regisseur und damalige Kinderdarsteller Ron Howard einen seiner ersten Filmauftritte (seinen zweiten, genau genommen).

Produziert wurde The Journey von Alby Pictures.  „Alby“ ist ein Kürzel für „Anatole Litvak“ und „Brynner Yul“. The Journey blieb ihr einziger Film.

Nachspann:
Yul Brynners nächster Film war das von Martin Ritt inszenierte und ebenfalls 1959 herausgebrachte Gesellschaftsdrama The Sound and the Fury. Unter dem Titel Fluch des Südens erschien er damals auch in westdeutschen Kinos. Vor The Journey war Brynner als Buccaneer in dem von Anthony Quinn inszenierten gleichnamigen „Swashbuckler“ zu sehen – bei uns als König der Freibeuter bekannt.
Deborah Kerr war nach dem hier besprochenen Film in Jean Negulescos lauen Komödie Count your Blessings (dt.: Französische Betten) von 1959 zu sehen, neben Maurice Chevallier und Rossano Brazzi. Vor The Journey trat sie neben Burt Lancaster, Rita Hayworth und David Niven in Delbert Manns grandiosem, 1958 fertiggestelltem Drama Seperate Tables (dt.: Getrennt von Tisch und Bett) auf.
Anatole Litvak nächste Regiearbeit kam 1961 heraus, hiess Goodbye Again (dt.: Lieben Sie Brahms?) und vereinigte Ingrid Bergman, Yves Montand und Anthony Perkins. Zuvor drehte er, ebenfalls mit Yul Brynner und Ingrid Bergman das Kostümdrama Anastasia (1956).
Georg Tabori schrieb vor The Journey zwei Drehbücher für zwei Episoden unterschiedlicher Fernsehserien. Für den Film schrieb er 1953 zusammen mit William Archibald Hitchcocks I Confess (dt.: Ich beichte), nach The Journey kam wieder eine Episode einer TV-Serie, und dann der Fernsehfilm The Emperors Clothes, inszeniert 1961 von Boris Sagal. Tabori inszenierte in den Achzigerjahren einige Theaterklassiker fürs deutsche Fernsehen, Warten auf Godot etwa, oder Shakespeares Othello.

The Journey ist ein nicht nur vom historischen Standpunkt höchst interessanter Film, der durchaus eine deutsche DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung verdient hätte. Hierzulande war er nicht mal auf VHS erhältlich, im TV wurde er ebenfalls ewig nicht mehr gezeigt.
In den USA erschien er als “DVD on demand” innerhalb der Reihe Warner Archive Collection.

 

Der klassische Film, anderswo gebloggt
Da ich mich ganz dem klassichen US-Kino (Stummfilmzeit bis ca. 1969) verschrieben habe – Ausflüge in europäische Filmländer nicht ausgeschlossen – und wegen Zeitmangels nie alles besprechen kann, was es auf diesem Gebiet an Interessantem zu besprechen gibt, starte ich hiermit eine Sparte, in der ich auf besonders gelungene Beiträge zum Thema aus anderen Blogs hinweise. Diese Woche auf
Michael (Carl Theodor Dreyer, 1924), einen Stummfilm des Dänen Carl Theodor Dreyer, dem Cameron von Drei Cinéasten eine ausführliche und erhellende Analyse widmet, die so richtig Lust auf das Werk macht.
The Jungle Book (Wolfang Reitherman / Walt Disney, 1967) lässt Marco von Duoscope aus aktuellem Anlass (die Neuverfilmung) mit reichhaltigem Hintergrundwissen und äusserst lesenswert wiederaufleben.

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s