Die drei Zeitalter – Buster Keaton

THREE AGES
USA 1923
Mit Buster Keaton, Wallace Beery, Margaret Leahy, Joe Roberts, u.a.
Regie: Buster Keaton
Drehbuch: Clyde Bruckman, Jean Havez und Joseph A. Mitchell
Deutschsprachige Kinoauswertung 1925 unter dem Titel Die drei Zeitalter, resp.: Ben Akiba hat gelogen!
Dauer: 63 min
Im deutschsprachigen Raum ab 19. Juni 2015 auf DVD verfügbar

Vorspann:
Inhalt: Ein Mann liebt eine Frau. Ein Rivale taucht auf. Die Eltern der Frau versprechen die Tochter dem Rivalen, obwohl sie eigentlich den anderen liebt. Es kommt zum Kampf zwischen den zwei Rivalen, den unser Held verliert. In einem Wettlauf gegen sie Zeit rettet er die Heldin aus den Händen des Rivalen, der sich als Schurke entpuppt hat. Und sie lebten glücklich und zufrieden…

Der Film:
Was für eine Inhaltsangabe!
Aber das ist tatsächlich alles. Three Ages handelt von der Zeitlosigkeit der Liebe und spielt seine Handlung gleich drei Mal durch, in drei Zeitaltern: In der Steinzeit, im alten Rom und im (damaligen) Heute. Die einzelnen sich wiederholenden Story-Eckpunkte – Exposé, Eifersuchtsszene, Kampf der Rivalen und Showdown – sind parallel geschnitten, jedes Handlungselement wird allerdings von Zeitalter zu Zeitalter variiert, damit’s nicht langweilig wird.

Plan B
Three Ages
war Keatons erster Langfilm. Nachdem er sich in den vorhergehenden drei Jahren in frischen und originellen Kurzfilmen ausgetobt und sich damit einen Namen gemacht hatte, sollte er nun, gemäss seinem Produzenten und Schwager Joe Schenck, den Schritt wagen, den seine beiden Konkurrenten Chaplin und Harold Lloyd bereits mit Erfolg vollzogen hatten und zur grossen Form wechseln. Ganz sicher war sich Schenck damit offenbar nicht, denn ein möglicher Misserfolg wurde einkalkuliert und ein schlauer Plan B entworfen, der im Falle eines Reinfalls doch noch genügend Geld hätte einbringen sollen: Der Film wurde so konzipiert, dass er in drei Stücke zerteilt hätte werden können; diese wären dann als Keaton-Kurzkomödien einzeln ins Kino gebracht worden.
Das wurde nicht nötig, der drollige Film kam beim Publikum sehr gut an, Keatons Weg zu seinen späteren Meisterwerken war geebnet.

Absurde Parodie
Wie in einigen seiner Kurzfilnme fällt erneut Keatons Hang zum grossen Budget auf, der ihm später finanziell das Genick brechen sollte: In den Rom-Sequenzen wurde an nichts gespart. Ein riesiges Forum Romanum wurde aufgebaut, offenbar in derselben Wüste, in der auch die Steinzeit-Episode gedreht wurde: Hinter den Papp-Tempeln lassen sich ähnliche Felsformationen erkennen. Es gibt auch die Nachbildung eines Kolosseums, in der ein Wagenrennen à la Ben-Hur stattfindet (ein Film, der notabene erst zwei Jahre nach Three Ages entstand). Die Grundidee zum Film basiert auf dem Vorhaben, D.W. Griffiths Kolossalfilm Intolerance von 1916 zu parodieren, der ein ähnliches filmisches Triptichon über drei Zeitalter darstellt. Parodiert wird aber noch vieles mehr, ja, dank der Betonung des Absurden könnte man Three Ages durchaus als „Mutter der absurden Filmparodie“ à la Airplane, Naked Gun und Co bezeichnen.

Ein glücklicher Unfall
Obwohl Three Ages nicht zu Keatons besten Werken gehört, ist er doch von Anfang bis Ende unterhaltsam und mit originellen Ideen gespickt. Es gibt Szenen, die sind unbezahlbar und gehören mit zum Besten, was Keaton je gemacht hat. Die Flucht vor der Polizei im zeitgenössischen Segment etwa: Der verhaftete Buster gelangt durch einen glücklichen Zufall und zunächst ohne es zu bemerken, aus dem Polizeiposten in die Freiheit. Kaum hat er sein Glück entdeckt, wird er auch gleich von den Polizisten gesichtet, welche seine Verfolgung aufnehmen. Die wilde Jagd gipfelt in einer Sequenz auf einem Hochhausdach. Keaton will auf das Dach des benachbarten Hauses hüpfen, springt zu kurz, verfehlt den Rand und stürzt in die Tiefe, durch eine ganze Reihe Sonnenstoren hindurch, bis ihm eine davon endlich Halt gibt. Er steigt auf die benachbarte Regenrinne, will daran herunterkletterm, doch diese knickt um, schleudert ihn durch ein offenes Fenster in einen Raum, der sich als Schlafraum eines Feuerwehrgebäudes entpuppt, rutscht durch den Raum auf die Stange zu, die in der Fahrzeugraum führt, rutscht daran herunter und landet auf seinem Allerwertesten. Erschöpft setzt er sich auf eine freie Fläche – das Trittbrett eines der Feuerwehrautos, welches genau in dem Moment mit Blauchlicht losfährt, und da es die Polizeistation ist, die bennt, landet Buster wieder am Ausgangsort seiner Flucht. Das alles in 20 Sekunden. Es heisst, die Sequenz sei so gedreht worden, weil Keaton  die Brüstung des anderen Gebäudes tatsächlich verfehlt hat. Dass dem so war, kann man deutlich sehen – das sieht nicht nach Absicht aus. Anstatt die Szene nochmals zu drehen, wurde einfach improvisiert und die Sequenz erweitert. So drehte man damals: Skript, Drehbuchanweisungen und Drehpläne wurden oftmals einfach über den Haufen geworfen und machten spontanen Einfällen und Experimenten Platz. Unfälle konnten einem Film zugute kommen, vor allem bei fantasievollen Geistern wie Keaton.
Die Wirkung der oben beschriebenen Sequenz entsteht in erster Linie durch den genau ausgeführten Schnitt, mit dessen Hilfe Keaton oft Meisterleistungen des Absurden auf die Leinwand zauberte.

Leichtes dramaturgisches Manko
Abgesehen von der oben erwähnten und einer Handvoll anderen grandiosen Sequenzen, gehört Three Ages wie bereits erwähnt, zu Keatons schwächeren Werken. Bedingt durch die Dreiteilung und die repetitive Erzählstruktur bleibt die Dramaturgie immer mal wieder hängen – kurz zwar, aber doch merklich. Allerdings muss im gleichen Atemzug erwähnt werden, dass die Wechsel der Zeitebene an anderen Stellen auch für die nötige Abwechslung sorgen. Schaut man die drei Episoden getrennt voeinander, so wie sie nach „Plan B“ in die Kinos hätten gebracht werden sollen, dann macht sich beim Zuschauer deutlich Ermüdung breit. Da erscheint die Dramaturgie richtiggehend löchrig, und man erkennt, wie geschickt der Langfilm trotz der paar Schwächen doch konzipiert ist. Er ist „am Stück“ allemal interessanter und funktioniert runder als in drei Episoden getrennt, nicht zuletzt, weil Keaton dank geschicktem Schnitt immer wieder ironische Querbezüge zwischen den Zeitaltern herstellt.
An Keatons grosse Klassiker wie The General, Sherlock, jr oder Steamboat Bill, jr reicht Three Ages nicht heran. Für einen vergnügten Stummfilmabend ist er aber allemal gut. Denn: Auch ein mittelmässiger Keaton ist allemal einen Blick wert.

Abspann:
Margaret Leahys Filmkarriere begann mit diesem Film – und endete auch mit ihm. Die schöne Engländerin gewann vor Beginn der Dreharbeiten einen Schönheitswettbewerb, der von Produzent Joseph Schenck ausgeschrieben worden war, um neue Aktricen zu finden. Leahy, eine Modedesignerin, sollte zunächst einen Film mit Regisseur Frank Lloyd drehen, doch dieser drohte mit Kündigung, falls er weiterhin mit ihr zusammenarbeiten müsse. Schenck schob sie als „leading lady“ in Keatons erstes Langfilmprojekt Three Ages ab; sie ist wohl die einzige von Keatons Partnerinnen, die beim Betrachter absolut keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie wurde danach als vollkommen untalentiert fallengelassen.
Ben Akiba, der im alternativ verwendeten deutschen Titel steht und dem heutigen Leser Rätsel aufgibt, kommt in Keatons Film gar nicht vor. Der Name Ben Akiba geht auf ein Theaterstück des deutschen Journalisten Karl Gutzkow zurück. In dessen 1826 entstandenem Drama „Uriel Acosta“ steht Ben Akiba für die Haltung: „Alles schon mal dagewesen“. Zur Zeit der deutschen Erstaufführung von Keatons erstem Langfilm schien Gutzkows Stück oder zumindest die Figur des Ben Akiba – samt seinem „Credo“ – noch sehr präsent gewesen zu sein.

 

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