Tom Hanks

The Circle (2017)

FILM DER WOCHE:

USA 2017
Mit Emma Watson, Tom Hanks, Karen Gillan, Patton Oswalt, John Boyega, Ellar Coltrane, Bill Paxton, Glenne Headly u.a.
Drehbuch: James Ponsoldt und Dave Eggers nach dem Roman von Dave Eggers
Regie: James Ponsoldt
Musik: Danny Elfman
Der Kinostart des Films im deutschsprachigen Raum ist für September geplant.

„Beauty and the Beast“ zum zweiten. Diesmal bekommt es Emma Watson mit einem „Beast“ ganz anderer Art zu tun: Mit dem „Circle“, einem Google nachempfundenen Internet-Konzern, der sich mit rasender Geschwindigkeit weltweit ausbreitet und sich in den Privatleben der Menschen einnistet. Dave Eggers („Ein Hologramm für den König“) schrieb den gleichnamigen Roman, eine erschreckende Science-Fiction-Vision unserer nahen Zukunft, nun wurde er verfilmt.

Mae (Watson) wird von ihrer Freundin Annie (Gillan) in den Konzern eingeführt und kann bald ihren langweiligen Job in einer Versicherung gegen die aufregende Vorstellung eintauschen, Teil des „Circle“ zu sein. Mae arbeitet im dortigen Call-Center, wo sie im Akkord Kundenanfragen beantworten muss und dafür bewertet wird. Mit sanftem Druck wird sie dazu gepusht, ein möglichst hohes Ranking zu erzielen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es ihr. Sie steigt auf.

Die Durchschnittsbewertung bei Filmseiten wie imdb.com erstaunt: The Circle ist um einiges besser, als die tiefe Punktezahl erwarten lässt. Es handelt sich hier um Science-Fiction, wie man sie heute kaum mehr kennt: Angesiedelt in einer unserer Zeit derart nahen Zukunft, dass äusserlich keinerlei Veränderungen sicht bar sind. Die Welt sieht aus, wie die unsere. Was da gezeigt wird, passiert jetzt. Die Auswirkungen könnte man morgen spüren. Oder übermorgen. Das ist die Botschaft von Ponsoldts Film.
Vielleicht kommt er so schlecht an, weil das Kinopublikum heute Science-Fiction mit Action, krachendem Soundtrack und geifernden Aliens assoziiert? Dabei impliziert der Begriff „Science“ eigentlich eher Besonnenheit, Ernsthaftigkeit. The Circle gibt dem Genrebegriff seine ursprüngliche Ernsthaftigkeit zurück, ohne freilich allzu wissenschaftlich zu werden.

Wissenschaftlich, oder zumindest fast wissenschaftlich mutet höchstens die Genauigkeit an, mit der Eggers und Ponsoldt die Mechanismen aufzeigen, die Konzerne wie Google immer mächtiger werden lassen. Einerseits ist da die Dummheit / Gedankenlosigkeit / der Herdentrieb der User – und da haben wir einen weiteren möglichen Grund für die Ablehnung des Films: Er hält uns den Spiegel vor – andereseits sind es subtile, perfide psychologische Personalführungs- und Verkaufs-Tricks, welche die Leute dahin bringen, wo sie sie hinhaben wollen. Beides geht eine Symbiose ein, beides bedingt sich gegenseitig, und das bringt der Film meisterhaft auf den Punkt. Jemand hat geschrieben, The Circle sei eigentlich ein Horrorfilm. Das hat was! Der Horror ist diese Symbiose – und die Tatsache, dass sie bereits geschehen ist: Die Konzerne haben sich in unseren Gehirnen eingenistet.

Sehr schön wird das ersichtlich in der Figur der Mae, eine nette, ambitionierte junge Frau mit leicht angeschlagenem Selbstbewusstsein. Sie beginnt ganz unten und ist stolz, Teil der Gemeinschaft sein zu dürfen, die sich in einem ringförmigen, campusartigen Firmensitz permanent selbst feiert, in zahlrreichen kostenlosen Aktivitäten endloses Vergnügen findet und darob die Aussenwelt kaum mehr wahrnimmt. Dieser Stolz treibt Mae dazu, immer besser werden zu wollen, sie nimmt die Firmenphilosophie in sich auf und am Ende ist sie es, die ohne jede böse Absicht, den Circle um ein weiteres „tool“ bereichert, jenes, das ihren Ex-Freund das Leben kosten wird. Mae denkt je länger je mehr genauso, wie die Firma dies möchte, nämlich in deren Gedankenmustern.

Es gibt in diesem Film keinen Bösewicht; oder, anders ausgedrückt: Niemand in diesem Film ist explizit böse. Es gibt zwei „Bösewichte“, beide sind aber eigentlich unglaublich nett und grosszügig. Tom Hanks und Patton Oswalt spielen sie hervorragend. Firmenboss Eamon Bailey (Hanks), ein hemdsärmlicher, kumpelhafter Typ, nimmt Mae unter seine Fittiche und formt sie nach seinem Gusto. Und sein Kompagnon Stenton (Oswalt) unterstützt ihn aus dem Hintergrund. Bailey und Stenton sind zudem die einzigen älteren Leute im „Circle“. Alle anderen, die Mitarbeiter sind jung. Bailey und Stenton sind die gerissenen Manipulatoren im Hintergrund. Dabei sind sie so nett, dass sich alle mit ihnen verbünden. Es ist nicht mal sicher, ob sie selber wissen, was sie mit ihrer Firma eigentlich anrichten.
Und da sind wir bei einem weiteren möglichen Rezeptions-Problem: In The Circle verschwimmen die Fronten. Das einfache Gut-Böse-Schema ist aufgehoben. Deshalb ist er nicht einfach zu konsumieren und erfordert einiges an gedanklicher Arbeit.

Romanautor Dave Eggers hat selbst am Drehbuch mitgewirkt – zum Glück. Als Film ist The Circle schlüssiger als das Buch. Episoden, die im Buch viel (auch überflüssigen) Raum einnehmen, sind hier aufs Wesentliche verknappt. Dass dabei nichts fehlt, ist das grosse Verdienst des Drehbuches. Als Film fährt das Gezeigte noch stärker ein als beim Lesen. Die gestylte, oberflächliche Party-Umgebung des „Circle“ gibt einiges an visuellem Schauwert her, und ich ertappte mich mehrmals dabei, dass ich dachte: „Genauso hatte ich mir das beim Lesen vorgestellt!“

Doch dann: Der Schluss!
Da weicht der Film plötzlich stark vom Buch ab; im Roman wird Mae selbst zum „Biest“, zum Monster. Für mich verliert der Roman dort stark an Glaubwürdigkeit. Es gelingt Eggers nicht, seine Identifikationsfigur glaubhaft in ihren eigenen „bösen Zwilling“ umzubiegen.
Der Film lässt den Figuren ihre Persönlichkeiten. Das ist stimmiger, doch es schwächt das Ende ab. Die Sequenz, in der Mae am Ende vor den versammelten „Circlern“ das Steuer herumreisst, ist zwar absolut schlüssig und gelungen; was dem aber folgt, die nimmt der Hauptkritik des Films – Totalverlust der Privatsphäre – ihren Schwung, weil Ponsoldt nun plötzlich die Vorteile der „neuen Öffentlichkeit“ fokussiert (jedenfalls bekommt man diesen Eindruck): Dubiose Firmen können so nicht mehr betrügen.

Am Ende sieht man eine mosaikartig sich auflösende „schöne neue Welt“, die sich aus tausenden von beobachteten Individuen zusammensetzt. Dieser Schluss bleibt auf den ersten Blick rätselhaft. Allerdings sollte man genau überlegen, was Ponsoldt da sagen will. Das Bild von einer glücklichen, im Meer dümpelnden und von drei um sie herumschwirrenden Drohnen beobachteten Mae entpuppt sich als „Fernsehbild“, es wird immer kleiner, daneben und darüber reihen sich weitere Fernsehbilder von Menschen, Plätzen und Räumen, die immer kleiner und immer mehr werden, bis Mae nicht mehr zu erkennen ist. Das Individuum verschwindet, löst sich quasi auf im Meer der Informationen.
The Circle macht trotz einiger Abstriche deutlich – und lässt keinen Zweifel darüber – wo die Gefahren der Zukunft liegen. Der nächsten Zukunft.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

LOST HIGHWAY
USA 1997
Mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey u.a.
Drehbuch: David Lynch und Barry Gifford
Regie: David Lynch
Musik: Angelo Badalamenti
Inszenatorisch ist dies ganz klar der stärkste Film der drei diese Woche besprochenen – ein unverwechselbarer „Lynch“. Leider fällt der Inhalt dagegen derart ab, dass ein krasses Gefälle entsteht. Was Lynch uns da auftischt, ist zwar vom ersten Moment an packend, doch leider auch komplett selbstzweckhaft. Ich kann in Lost Highway inhaltlich nichts entdecken, womit ich etwas anfangen könnte. Die Zeitebenen sind derart verschachtelt, dass eine schlüssige „Entschachtelung“ gar nicht möglich ist. Die Figuren machen Wandlungen durch – auch äusserliche – die nicht nachzuvollziehen sind. Und die Handlung irrlichtert auf etwas zu, von dem man ein schlüssiges Ende erhofft, das aber nie eintritt. Am Ende beisst sich die Katze in den Schwanz – nur: welche Katze? Und welcher Schwanz?
Lost Highway war Lynchs nächster Langfilm nach Fire Walk With Me, der den vorläufigen Abschluss (eigentlich Vorlauf) der Twin Peaks-Serie bildete. Auch hier geht es wieder um „das Böse“, das auf unheimliche Art und Weise Gestalt annimmt und die Gesetze der Logik und der Natur ausser Kraft setzt. Allerdings führt das alles zu nichts. Der Film ist künstlerisch zwar höchst eigenwillig, originell und anspruchsvoll, doch er ist auch kryptisch und letztlich leer.
Fred, ein Saxophonspieler (Pullman) bekommt Videotapes zugespielt, die nachts in seiner Wohnung aufgenommen worden sind – während er und seine Freundin (Arquette) schliefen. Die Polizei wird eingeschaltet, die Lage spitzt sich zu, der Saxophonist scheint verrückt zu sein, und schliesslich wird er verhaftet, weil er seine Freundin umgebracht hat. Im Gefängnis mutiert er plötzlich zu einer anderen Person, dem Mechaniker Pete (Getty), eine ganz andere Geschichte beginnt. Doch immer wieder scheinen Echos der ursprünglichen Handlung auf, bis die beiden Stränge zusammenkommen. Das managt Lynch meisterhaft und spannend – doch er dreht sich mit seinen immer gleichen Obsessionen im Kreis.
Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 8,5 / 10

SILVER RIVER
(dt.: Der Herr der Silberminen)
USA 1948
Mit Errol Flynn, Ann Sheridan, Thomas Mitchell,
Drehbuch: Stephen Longstreet und Harriet Frank Jr. nach einem Roman von Stephen Longstreet
Regie: Raoul Walsh
Musik: Max Steiner
Der vergessene Film der Woche
1951 kam dieses heute vergessene Western-Drama auch im deutschsprachigen Raum in die Kinos. Errol Flynn war halt ein Kassenmagnet. Möglicherweise fiel der Film dann gerade wegen ihm durch, respektive wegen der Rolle, die er darin verkörpert. Diese unterscheidet sich erheblich von jener des strahlenden Helden, auf die Flynn bis dahin abonniert war und in der das Publikum ihn sehen wollte. In Silver River tritt er als selbstherrlicher Spieler auf, der ins Minen-Geschäft einsteigt und damit ein Vermögen macht – nicht zuletzt, indem er seinen Compagnon mit einer Finte in den Tod schickt. Als er dessen Witwe heiratet (sein heimliches Ziel), hat er den Tiefpunkt in der Publikumsgunst erreicht. Trotzdem wird ihm am Ende – praktisch in letzter Minute – eine Läuterung auf den Leib geschrieben, welche die Zuschauer in ein Happyend entlässt, die aber komplett unglaubwürdig wirkt.
Silver River ist das Psychogramm eines Egomanen, und als solches funktioniert er die meiste Zeit hervorragend. Und: Flynn überzeugt als zwieliechtiger Charakter schauspielerisch auf ganzer Länge! Trotz erheblicher Probleme am Set (Flynn und sein Co-Star Ann Sheridan guckten zum Leidwesen des Regisseurs regelmässig zu tief in die Flasche) ist Silver River schauspielerisch überraschend packend. Auch Drehbuch und Regie tragen einiges dazu bei, dass der Film packt und überzeugt. Leider erlaubt sich das Drehbuch einige grobe Schnitzer – das Filmende ist einer davon. Es wirkt wie ein erzwungener Alternativschluss. Ob der von Beginn weg so vorgesehen war und wie das eventuelle ursprüngliche Filmende ausgesehen hat, bleibt ein Rätsel.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

The Wild Bunch (dt.: The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz; USA 1969)

Whip It (dt.: Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg; USA 2009)

Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern (2015)

FILM DER WOCHE

Kanada  2015
Mit Christopher Plummer, Martin Landau, Henry Czerny, Dean Norris, Jürgen Prochnow, Bruno Ganz u.a.
Drehbuch: Benjamin August
Regie: Atom Egoyan
Der Film wurde zuerst am Filmfestival Hamburg gezeigt und kam danach in die deutschsprachigen Kinos – unter dem umständlich-verschachtelten Titel Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern
Der Film ist als Blu-ray oder DVD erhältlich oder kann bei Amazon Video gestreamt werden.

Eigentlich darf über den Inhalt dieses Films praktisch nichts verraten werden. Höchstens das: Ein alter Mann, Zev Guttmann (Plummer), erwacht eines Morgens in seinem Zimmer und stellt fest, dass seine Frau verschwunden ist. Verwirrt tapst er zur Tür, und als er sie öffnet, steht er im Empfangsbereich einer Klinik. Eine Pflegerin tritt ihm entgegen und erinnert ihn dran, dass seine Frau vor einer Woche gestorben sei. Nun wissen wir: Zev ist in einem Alters-Pflegeheim und leidet an Demenz.
Dieser Beginn, der einen mit einem Cut vom vermeintlichen Eigenheim zum wahren Aufenthaltsort Zevs führt, ist charakteristisch für Atom Egoyans neusten Film. Darin ist vieles nicht, wie es scheint.

Zev hat einen Freund im Pflegeheim, Max Rosenbaum (Landau). Die beiden kennen sich aus Auschwitz – nur weiss Zev das natürlich nicht mehr. Zev wird nun vom an den Rollstuhl gefesselten Max mit einem gehemnisvollen Auftrag losgeschickt. Mit einem Brief ausgestattet schleicht Zev sich in einem unbeobachteten Moment aus dem Heim und verschwindet – spurlos für seine Angehörigen, aber nicht für die Zuschauer. Wir begleiten Zev auf einer Reise, die ihn schliesslich quer durch die USA führt. Wie ein ferngesteuerter Roboter wankt er mit seiner schriftlichen Anleitung durch Strassen und  Hotelkorridore, um „den Auftrag“ auszuführen, und man weiss nie, ob er das Geschehen um ihn herum überhaupt begreift oder nicht. Und jeden Morgen erwacht er ohne Erinnerung und muss zuerst wieder Max‘ Anleitung durchlesen.
Wie Zev tappt der Zuschauer zunächst ebenfalls im Nebel und begreift nicht ganz, was der alte Mann da überhaupt tun soll. Schliesslich wird der Aufrag immer klarer: Er dreht sich um Rache. Weil Max nicht mehr mobil ist, soll Zev seinen Racheplan ausführen. Max ist das Gehirn, Zev die Waffe. Wie in einem Superhelden-Film, aber mit Greisen.

Eine Rezension dieses Films ist ausserordentlich schwierig, weil man nicht zuviel preisgeben sollte. Remember entfaltet seine Wirkung am besten, wenn man ihn möglichst unbescholten betrachtet, ganz so wie Zev, der die Welt täglich neu entdecken muss. Deshalb nur soviel: Ich habe selten einen Film gesehen, der einen derart über moralische Begriffe wie „gut“, „böse“, „Schuld“, „Sühne“ und „Gerechtigkeit“ ins Grübeln bringt. Der die ganze Komplexität und Widersprüchlichkeit des Menschen, seine Unzulänglichkeit, seine gleichzeitige Gefährlichkeit und Verletzlichkeit derart überzeugend, fassbar und anregend dazustellen vermag. Mich zumindest wird er lange nicht mehr loslassen. Das ist weniger das Verdienst der Regie – die Inszenierung von Altmeister Egoyan ist leider punkto Qualität nicht auf derselben Höhe wie das Drehbuch – der einzige Wehrmutstropfen in diesem ansonsten perfekten Film.

Benjamin Augusts Drehbuch ist ein Wunderwerk. Da stimmt jeder Nebensatz, der verschachtelte Aufbau hält einen permanent wach, die Dramturgie stimmt ebenso wie die Figuren. Die moralischen Fragen werden nebenbei eingebaut ohne dass sie auch nur einmal verbalisiert werden müssen. Der Film wirft durch seinen Aufbau und die Handlung Fragen auf, die nicht mehr loslassen. Er setzt ein reifes, denkendes Publikum voraus – eine weitere Stärke. Nichts wird zwei Mal erklärt, Wichtiges ist subtil eingestreut, für jene, die sehen und hören und mitdenken können und wollen.

Christopher Plummer und Martin Landau – zwei meiner absoluten Lieblingsschauspieler im gleichen Film! – tragen das Drehbuch, das seine zwei Hauptfiguren zu wichtigen Stützen ausbaut. Sie brennen sich mit ihrem intensiven Spiel regelrecht ein ins Gedächtnis der Zuschauenden, verschmelzen mit ihren Rollen.

Remember stellt Fragen, beunruhigende Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Er reisst einen heraus aus scheinbaren Gewissheiten, in denen man sich das eigene Leben gemütlich eingerichtet hat.
Vielleicht schlägt ihm deshalb – neben einer guten Portion Wohlwollen- auch viel Ablehnung entgegen.

Die Regie: 7 / 10 – Leider, leider ist Egoyans Regieführung nicht auf gleicher Höhe mit dem Drehbuch. Es gibt einige fast ärgerliche Mankos (etwa die sprachlichen Schludrigkeiten beim deutschen Akzent der beiden Hauptfiguren), aber zum Glück hält das Drehbuch diese aus.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Grandios! Spannend und tiefgründig zugleich. Eines der sorgfältigst ausgeklügelten und aufgebauten Drehbücher, die ich kenne. Ich bin begeistert! Schade, dass die Regie nicht überzeugt!
Die Schauspieler: 10 / 10 – Plummer und Landau – da kann nichts schief gehen. Sie schaffen zwei unvergessliche Leinwandfiguren – einmal mehr! Auch der Rest der Crew überzeugt.
Die Filmmusik: 9
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

JOE VERSUS THE VOLCANO
(dt.: Joe gegen den Vulkan)
USA 1990
Mit Tom Hanks, Meg Ryan, Lloyd Bridges, Dan Hedaya, Ossie Davis, Abe Vigoda u.a.
Drehbuch und Regie: John Patrick Shanley
Diesen Film hatte ich damals geliebt. Die Kritiker nicht. Darauf ist er in der Versenkung verschwunden.
Nach fast dreissig Jahren wage ich ein Wiedersehen. Und stelle fest: Ich liebe den Film noch immer!
Die blinde Begeisterung meiner Jugend ist jedenfalls einer kritischen Sicht gewichen und ich entdecke nun einige deutliche Mängel – vor allem im Mittelteil, wo der Film zeitweise total in sich zusammenfällt und fade wird; wo die Dialoge bedeutungsschwanger verquast werden. Die schauspielerische Leistung von Meg Ryan (in einer Dreifachrolle) lässt stark zu wünschen übrig. Und einige Szenen sind zu dick aufgetragen.
In der Gesamtsicht überzeugt mich John Patrick Shanleys Regie-Erstling trotzdem noch immer. Shanley, ein Theatermann, der gelegentliche Ausflüge zum Film macht – zuletzt 2008 mit Doubt (dt.: Glaubensfrage), seiner zweiten Regiearbeit – tischt uns hier ein Märchen auf, das er mit viel Kulissenzauber ausstaffiert und dabei unvergessliche, bezaubernd schöne Bilder kreiert.
Der vermeintlich todkranke Hypochonder Joe Banks (Hanks) wird vom reichen Fabrikanten Graynamore (Bridges) angeheuert, auf eine Südseeinsel zu reisen, um dort in einen Vulkan zu springen. Unterwegs darf er soviel Geld auszugeben, wie er will. Verrückt? Ein Märchen.
Das Schönste an Joe Versus the Volcano sind die Bilder; zusammen mit der fantastischen Filmmusik treffen sie mitten ins Herz, tragen den ganzen Film über all seine Mängel hinweg und sagen mehr aus, als Shanley in seinen bisweilen gewollten Dialoge ausdrücken kann. Sie sind Kinomagie pur!
Ich kann die Ablehnung, die dem Film damals entgegengebracht wurde, heute durchaus nachvollziehen. Wer filmischen Kulissenzauber als Kitsch abtut, muss den Film hassen. Wer die poesie dahinter wahrzunehmen imstande ist, wird ihn lieben.
Der Film kann bei Amazon Video gestreamt werden.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 8,5 / 10

BARAKAH YOQABIL BARAKAH
(dt.: Barakah Meets Barakah)
Saudi-Arabien 2016
Mit Hisham Fageeh, Fatima Al Banawi, Sami Hifny, Khairia Nazmi u.a.
Drehbuch und Regie: Mahmoud Sabbagh
Saudi-Arabien ist ein Ein-Kino-Land. Will heissen: Es gibt genau ein Kino dort. Der Saudische Film? Praktisch inexistent.
Bis jetzt jedenfalls. Mahmoud Sabbaghs Liebeskomödie Barakah Meets Barakah schafft erfolgreich Abhilfe – sein Film war schon an zahlreichen Festivals zu sehen (u.a. letztes Jahr in Berlin), auch den Sprung in die Kinos benachbarter Länder hatte es die flockige Satire geschafft; nur im einzigen Kino Saudi-Arabiens lief er bislang noch nicht. Und so wird es wohl in nächster Zukunft bleiben. Die Saudis dulden keinerlei Regimekritik.
Genau diesen nationalen Misstand greift Regisseur Sabbagh auf. Er entlarvt die rigide Auslegung islamischer Gesetze des Staates mittels einer Liebesgeschichte – mit etwas im Kino Alltäglichen also. Dass er dabei Vorsicht walten lassen musste, leuchtet ein: Vieles in diesem Gesellschaftsporträt wirkt beschönigt.
Der Film zeichnet ein unaufgeregtes Bild der Saudischen Alltags. Damit wirft er bei uns Westlern natürlich Fragen auf, die beantwortet sein wollen, will man nicht an der Oberfläche kleben bleiben. Bohrt man ein wenig nach Informationen, wird einiges des Gezeigten klarer und verständlicher. Und man lernt, Sabbaghs Courage und Effort zu schätzen – ebenso wie sein schön konzipiertes, bisweilen maliziöses Drehbuch.
Barakah, der in seiner Freizeit als Teilzeit-Sittenwächter amtet, verliebt sich in die freigeistige Bibi, die einen erfolgreichen Instagram-Account betreibt und die in Wahrheit ebenfalls Barakah heisst. Die beiden versuchen verzweifelt, sich näher zu kommen – doch wie stellt man das an in einem Land, in dem die Zusammenkunft zwischen Frau und Mann in der Öffentlichkeit unter Strafe verboten ist, wenn die beiden weder verheiratet noch verlobt sind? Ihre geplanten Treffen an versteckten Orten werden zu Spiessrutenläufen, die immer wieder wegen Nichtigkeiten platzen. Verlieben ist nicht, so das bittere Fazit des Films – Verbindungen zwischen Mann und Frau werden von den Eltern befohlen.
Sabbaghs Regimekritik erfolgt zwischen den Zeilen. Erkennt man sie richtig, erscheint ein erschreckendes Bild Saudi-Arabiens auf: Es ist das Bild eines Landes, in dem das Natürlichste der Welt – die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau – in Angst erstickt, mit Verboten belegt und somit abgewürgt wird. Das ist eine Leistung – mit einem scheinbar harmlosen Film allen Kritik-Verboten zum Trotz eine derart anklagende Aussage zu machen.
Der Film kann im Online-Kino von trigon-film gestreamt werden.

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: Wertung entfällt wegen „ist nicht“!
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Our Hospitality (dt.: Die verflixte Gastfreundschaft; USA 1923)

Maya (dt.: Gefahr im Tal der Tiger; USA 1966)

The Game (dt.: The Game – Das Geschenk seines Lebens; USA 1997)