Robert Shaw

The Man in the Glass Booth (1975)

Diesmal war die Wahl des „Films der Woche“ echt schwierig! Drei praktisch gleichwertige, grandiose, völlig unterschiedliche Kinowerke habe ich gesehen; zuerst den wunderbaren Brooklyn, von dem ich überzeugt war, dass ich ihn zum „Film der Woche“ küren würde. Doch dann kam The Man in the Glass Booth, ein aufwühlendes Portrait eines zutiefst verstörten Mannes; und schliesslich Hitchcock’s Sabotage, den ich als einer seiner schwächeren Werke in Erinnerung hatte und feststellen musste, dass ich damit falsch lag.
Was nun? Alle drei Filme erreichen neun Punkte auf meiner Skala.
Ich gebe The Man in the Glass Booth den Vorzug; Brooklyn und Sabotage kennt man – über beide Filme wurde schon vieles geschrieben – The Man in the Glass Booth hingegen ist zumindest im deutschsprachigen Raum zu Unrecht völlig unbekannt. Es ist ein Film, den zu entdecken sich wirklich lohnt!

FILM DER WOCHE:


USA 1975
Mit Maximilian Schell, Lawrence Pressman, Lois Nettleton, Luther Adler u.a.
Drehbuch: Adward Anhalt nach dem Theaterstück von Robert Shaw
Regie: Arthur Hiller
Der Film wurde im deutschsprachigen Raum bislang nicht gezeigt.
Gleichzeitig ist er der „Film der Woche“ und „der vergessene Film der Woche“.

Eigentlich erstaunlich, dass dieses Kinowerk hierzulande nie zu sehen war: Er enthält eine der besten Film-Leistungen des österreichischen Schauspielers Maximilian Schell – wenn nicht sogar seine beste. Sie brachte ihm eine Oscar-Nomination ein. Allerdings verlor er gegen Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest. Ungerechtfertigterweise, wie ich finde. Nicholson ist zwar hervorragend in Kuckucksnest – aber an Schell reicht er nicht annähernd heran.

The Man in the Glass Booth ist die Verfilmung eines Theaterstücks des bekannten Schauspielers Robert Shaw (Der weisse Hai, Das Ding). Dass der mehrfach talentierte Engländer auch schriftstellerisch tätig war, wissen wohl die wenigsten Filmfreunde. Shaw verfasste mehrere Romane, Theaterstücke und Drehbücher (u.a. zu Joseph Loseys Figures in A Landscape dt.: Im Visier des Falken), womit er durchaus erfolgreich war.
Dass sein Name in diesem Film nicht in den Credits erscheint, hat damit zu tun, dass Regisseur Arthur Hiller (Trans-Amerika Express) mehr Gefühl im Film drin haben wollte und Drehbuchautor Edward Anhalt zu einigen wenigen Änderungen in dieser Richtung ermunterte. Shaw reagierte empört – sein Stück sollte nicht „verwässert“ werden – und verbot die Verwendung seines Namens. Als er jedoch den fertigen Film sah, empfand er die (minimalen) Abweichungen von seinem Stück als absolut stimmig; aber da war es zu spät, der Zusatz „nach einem Stück von Robert Shaw“ liess sich nicht mehr in die Credits einsetzen, da sämtliche Kopien des Films bereits gezogen waren.

The Man in the Glass Booth handelt vom jüdischen Architekten Arthur Goldman (Schell), einem in Amerika reich gewordenen Holocaust-Überlebenden. Der äusserst exzentrische Goldman, der in einem Penthouse hoch über New York thront und ein kleines Grüppchen Getreuer um sich schart, leidet unter Verfolgungswahn. Er glaubt, Dr. Dorff, sein Peiniger aus dem KZ, verfolge ihn und wolle „Besitz“ von ihm ergreifen. Goldman irritiert mit seinem „verrückten“ Verhalten und seinen scheinbar sinnlosen Monologen seine Umgebung und die Zuschauer.
Eines Morgens dringt ein bewaffneter Trupp des israelischen Geheimdienstes in seine Wohung ein und beschuldigt ihn, in Wahrheit SS-Führer Dorff zu sein, der sich bislang zum Schutz als jüdischer Architekt getarnt habe. Goldman bestätigt die Anschuldigung und stellt sich – in SS-Uniform – einem jüdischen Tribunal…

Die Hauptfigur des Films ist bis eine Minute vor Filmende kaum zu fassen. Und dann – mit dem Schlussbild – bleibt einem der Atem weg. Wer ist dieser Goldman/Dorff wirklich? Vor Gericht verteidigt er in flammenden Reden die Gräuel der Nazis, erklärt sie, rechtfertigt sie – es ist schier unerträglich.
Wie Schell das spielt, ist ein Ereignis. Mit einem anderen, weniger begnadeten Schauspieler hätte diese Parforce-Tour schnell peinlich werden können. Bei Schell erlebt der Zuschauer eine faszinierende Gratwanderung zwischen Abscheu, Mitleid und Fassungslosigkeit. Seine Besetzung der Rolle war ein absoluter Glücksgriff, denn mit dem Hauptdarsteller steht und fällt der Film.

Das Stück ist schwere und nicht einfach verständliche Kost. Goldman/Dorff ist in seinem Wahn keine Identifikationsfigur; seine selbstbezogenen Tiraden und Monologe erwecken auch nicht unbedingt Sypathie für die Figur; so zieht sich der erste Akt, in dem Goldman und seine Mitarbeiter/Gefolgsmann Charlie Cohn vorgestellt werden, bisweilen gehörig in die Länge. Trotz Goldmans scheinbar zusammenhangslosem Gelaber lohnt es sich allerdings, genau hinzuhören, denn die Tiraden enthalten Schlüssel zur Interpretation der Figur, die mit Beginn des zweiten Aktes immer rätselhafter und fremdartiger wird.
Dieser Teil raubt einem fast den Atem – punkto Schauspielkust und inhaltlich. Der Jude wird plötzlich zum Nazi. Die folgende Gerichtsverhandlung, während der Goldman/Dorff zum Schutz vor Angriffen in einen Glaskasten (der „Glass Booth“ des Titels) gesteckt wird, ist unglaublich spannend – obwohl nur geredet wird.

Die Änderungen, die der Autor schliesslich doch gut hiess sind zwei kurze non-verbale Sequenzen, die einem in der Tat die Tränen in die Augen treiben, zwei Vignetten, welche die Hauptfigur plötzlich in nochmals ganz anderem Licht erscheinen lassen und einen Interpretationsansatz beinhalten.
The Man in the Glass Booth mag vielen unverständlich oder zumindest schwierig ergründbar erscheinen. Doch man achte sich auf den Moment, wo Goldmans Mitarbeiter Cohn den Gerichtssaal verlässt und den allerletzten Blick der Kamera auf den „Mannes im Glaskasten“. Zusammen mit zwei, drei Äusserungen Goldmans aus dem ersten Akt ergibt sich da ein Sinn, der einem – ganz zuletzt – nochmals den Boden unter den Füssen wegreisst. Und einen den Hut ziehen lässt vor den Leistungen sämtlicher Beteiligter. Einen derart an die Nieren gehenden, im Gedächtnis auch ohne Gräuelbilder sich festsetzender Film über den Holocaust habe ich noch nie gesehen!

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: entfällt wegen „ist nicht“
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

SABOTAGE
(UK 1936)
Mit Sylvia Sidney, Oskar Homolka, John Loder, Desmond Tester, William Dewhurst u.a.
Drehbuch: Charles Bennet nach einem Roman von Joseph Conrad
Regie: Alfred Hitchcock
Musik: Hubert Bath, Jack Beaver und Louis Levy
In Sabotage finden sich einige Parallelen zu Hitchcocks erstem Tonfilm Blackmail. Die Auffälligste: Der Mord wird von einer Frau begangen. Und beide Male geschieht er in Notwehr (wobei das hier viel weniger klar ist als im älteren Film). In beiden Filmen geschieht der Mord relativ spät, hier fast am Schluss des Films.
Sabotage handelt vom Kinobesitzer Verloc (Homolka), der von einer nicht näher definierten Organisation angeworben wurde, um Sabotageakte zu begehen; London soll damit in Atem gehalten und von politischen Missetaten eines ebenfalls nicht näher definierten Landes abgelenkt werden.
Verlocs nächster Auftrag ist das Platzieren einer Bombe am stark frequentierten Piccadilly Circus. Davor schreckt unser Saboteur allerdings zurück: Menschen dürfen bei seinen Aktionen nicht zu Schaden kommen. Der Mittelsmann insistiert, Verloc sieht sich zu der Tat gezwungen. Um sich die Hände nicht schmutzig zu machen, schickt er Stevie, den jüngeren Bruder seiner amerikanischen Gattin (Sidney) mit der Bombe los….
Die typisch hitchcockschen Suspense-Momente ergeben sich diesmal aus dem stetigen Näherrücken des Zeitpunkts der Detonation der Bombe (der Zuschauer kennt diesen Zeitpunkt) und dem Umstand, dass Stevie auf seinem Botengang ständig aufgehalten wird; der kritische Zeitpunkt rückt immer näher.
Auffällig ist, wie spielerisch Hitchcock die grimmige Erzählung umsetzt: Bevor der arme Stevie in die Luft fliegt, kriegt er noch die Zähne geputzt und die Haare schön gerichtet; die Entdeckung des mörderischen Treibens des Ehemannes wird von einem Disney-Cartoon in Musical-Manier kommentiert; im Londoner Aquarium werden kreisende Fische in einem Schaukasten mit dem Verkehr am Piccadilly Circus überblendet; und ständig wird das Geschehen mit witzigen Sprüchen von Passanten kommentiert.
Überhaupt: Die ganzen Einstellungen und Kamerafahrten des Films sind genaustens komponiert und ausgeklügelt – aber immer mit einem spielerischen Aspekt. Hitchcocks Regieführung ist ein ständiges Ausprobieren und Experimentieren mit den Mitteln des Films.
Sabotage ist eine Meisterleistung filmischer Erzählkunst – schon damals hatte „Hitch“ es ‚drauf!
In den USA wurde der Film übrigens unter dem Titel The Woman Alone lanciert – mit ebenso mässigem Erfolg wie in England.
Der Film ist hierzulande auf DVD und Blu-ray erhältlich – z.Bsp. hier.
Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

BROOKLYN
(UK/Kanada/Irland 2015)
Mit Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson, Julie Walters, Jim Broadbent u.a.
Drehbuch: Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín
Regie: John Crowley
Musik: Michael Brook
Von den drei Filmen dieser Woche ist Brooklyn der unspektakulärste, leichteste. Trotzdem überrascht und überzeugt er mit künstlerischem Anspruch und Spitzenleistungen, die begeistern. John Crowley’s Regieführung ist so behutsam und feinsinnig, bisweilen so überraschend originell, dass das Zuschauen eine Freude ist. Ein Name also, den man sich merken sollte! Auch alle anderen Beteiligten liefern Hervorragendes ab.
Brooklyn erzählt von der scheuen jungen Irin Eilis (Ronan), welche in den 50er-Jahren von einem mit der Familie befreundeten irischen Pfarrer zur Auswanderung nach Amerika animiert wird. Brooklyn zeichnet nun das Auswandererschicksal in allen Stadien des Leids und der Freude nach: Die Überfahrt, der Kulturschock, das Heimweh, die erste Liebe, schlimme Nachrichten von zu Hause, die Rückkehr, der dadurch erweckte Zweifel, wo man hingehört…. Alles sehr unspektakulär, aber prägnant, grossartig gespielt, geschrieben, inszeniert – der Film ist eine Wohltat und eine Freude!
Auch wenn er hier nur an dritter Stelle steht: Unbedingt ansehen!
Der kann auf Amazon Video gestreamt werden. Die DVD/ Blu-ray gibt es hier.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Film des Monats Juni

Von den Filmen der Woche im Juni bekommt der jeweils von mir bestbewertete das Prädikat „Film des Monats“. Die „Filme der Woche“ im Juni waren:
Uzala, der Kirgise (1975)
Stranger on the Third Floor (1940)
Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern (2015)
Die verflixte Gastfreundschaft (1923)

DIE VERFLIXTE GASTFREUNDSCHAFT
(Our Hospitality, USA 1923)
Regie: Buster Keaton und John C. Blystone
Verflixte Gastfreundschaft – eine US-amerikanische Stummfilm-Westernkomödie von und mit Buster Keaton aus dem Jahr 1923. Hier setzte Keaton sein Bemühen um eine glaubwürdige Geschichte, in den Verlauf der Handlung eingebaute Gags sowie historische Authentizität erstmals konsequent um. Die Komödie stand somit im Gegensatz zu den allermeisten der damaligen Slapstick-Komödien und gilt daher in der Entwicklung der Filmkomödie als besonders bedeutsam. (Wikipedia)
Zum Artikel in diesem Blog
Den ganzen Film ansehen (youtube)

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Kid Millions (USA 1934)

In the Heath of the Night (dt.: In der Hitze der Nacht, USA 1967)

Captain Fantastic (dt.: Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück; USA 2016)

 

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Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 – 1974

Ein Klassiker auf dem Prüfstand
THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE
USA 1974
Mit Walter Matthau, Robert Shaw, Martin Balsam, Hector Elizondo, Earl Hindman, James Broderick u.a.
Drehbuch: Peter Stone nach einem Roman von John Godey
Regie: Joseph Sargent
Studio: Palomar Pictures / Palladium Productions
Dauer: 100 min
Der Film lief 1974 auch in den deutschsprachigen Raum, unter dem völlig irreführenden Titel Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3

Vorspann:
Joseph Sargents Grosstadt-Thriller wurde zwar 2009 neu gedreht, blieb aber dennoch unerreicht. Das Vorbild für Speed und andere moderne Actionfilme, platzte mitten in die Katastrophenfilm-Welle der Siebzigerjahre und brachte die Stadt New York mit einer Authentizität und einem Realismus auf die Leinwand, dass man in ihm heute durchaus als historische Momentaufnahme anschauen kann.
Inhalt: Der U-Bahn-Zug „Pelham 1-2-3“ (so benannt nach dem Abfahrtsort und der Abfahrtszeit 1:32) wird während seiner Fahrt durch New Yorks Untergrund von einer Gruppe Verkleideter in Besitz genommen und zum Halten gebracht. Ihre Forderung: Wenn die Stadt ihnen nicht binnen einer Stunde eine Million Dollar zukommen lasse, würden jede verstreichende Minute ein Fahrgast erschossen. Nach anfänglichem Augenreiben bricht „oben“ die Hektik los: Der Bürgermeister wird vom Krankenlager geholt, die Polizei strategisch über die U-Bahnhöfe verteilt, Scharfschützen werden mobilisiert, am Telefon wird verzweifelt die Zeit verhandelt.

Der Film:
The Taking of Pelham One Two Three zählt neben Lumets Serpico (1973), Scorseses Taxi Driver (1976) und Woody Allens Manhattan (1979) zu den grossen cinèastischen New York-Portraits der Siebzigerjahre. Joseph Sargent, der hauptsächlich fürs Fernsehen gearbeitet und vergleichsweise wenige Kinofilme gedreht hatte, inszeniert „The Big Apple“ mit famoser Virtuosität und Lust am Detail. Authentizität schien beim Dreh oberstes Gebot zu sein: Gefilmt wurde ausschliesslich „on location“ (was ob der Massenszenen erstaunt), die U-Bahn-Behörden liess (nach einigem publicity-bedingtem Zögern) erst die Rechercheure und dann die Kamerateams in die Schächte. Und selten sieht man einen Film, der bis in die hinterletzte Nebenrolle derart perfekt besetzt ist. Jeder Nebendarsteller trägt zur Authentizität bei. Und was besonders wohltuend und authentizitätsstiftend ist: Politische Korrektheit gab es damals noch nicht – die Figuren reden so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Da fällt auch mal ein rassistischer Spruch oder ein wüstes sexistisches Schimpfwort. Wie in der Realität. Ach, waren das Zeiten!
Nach der Sichtung dieses Film nahm ich mir vor, das Werk dieses Regisseurs mal genauer unter die Lupe zu nehmen – auch wenn Undinger wie Jaws: The Revenge (dt.: Der weisse Hai IV: Die Abrechnung; USA 1987) auf seine Kappe gehen. Was er mit The Taking of Pelham One Two Three abliefert, ist eine Meisterleistung auf allen Ebenen des Metiers. Völlig talentlos konnte er also nicht gewesen sein. Gemäss imdb.com klingen vor allem einige seiner zahlreichen Fernseharbeiten höchst interessant und sind möglicherweise verborgene Schätze, die es zu heben gilt.

Der deutsche Verleihtitel ist so unpassend wie selten einer. Von einer „Todesfahrt“ ist im Film wenig zu finden: Abgesehen von einer kurzen Sequenz, wo der Wagen mit den Geiseln führerlos durch die Schächte rast, steht die fragliche U-Bahn die meiste Zeit still, ja sie ist sogar der ruhende Pol des Films! Im besetzten Zug passiert nämlich im Grunde nichts, auch wenn das US-Filmplakat das Gegenteil verkündet. Die Hijacker verraten den Fahrgästen nichts von ihrem mörderischen Plan und warten auf die Geldübergabe. Natürlich ist die Lage gespannt, aber der Anführer, Mr. Blue (Shaw) strahlt eine solch coole Ruhe aus, dass keine der Geiseln die Nerven verliert.
Die Action, das Gebrüll und Geschrei, die durchgehenden Nerven, das passiert alles „oben“, in den Einsatzzentralen, auf den Strassen, in den sich wegen den blockierten U-Bahn-Linien immer mehr füllenden Bahnhöfen. Während oben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden, um die Million fristgerecht zusammenzubekommen und wie gewünscht zu vier gleichen Teilen zu bündeln, liest Mr. Blue in der Führerkabine der „Pelham 123“ seelenruhig ein Buch. Die Zeit läuft, wie lange es noch dauert, bis die Stunde um ist, das kriegt der Zuschauer immer wieder en passant mit. Die Spannung nähert sich stetig dem Siedepunkt, und die harten Schnitte zwischen Hektik, „oben“ und Ruhe, „unten“ hält sie permanent am Köcheln.

Die Hektik ist unglaublich dynamisch, mittels fahrender Kamera und einem Grossaufgebot von im Hintergrund permanent herumwuselnden Statisten inszeniert. Die zum Teil mit Statisten überbevölkerten Schauplätze sind authentisch. Die Hektik findet aber nicht nur äusserlich, sondern auch innen, in den Gesten und Bewegungen und vor allem in den Dialogen statt. Da fliegen entnervte Beleidigungen, Bonmots, Flüche, Schmähreden hin und her, nur Lieutenant Garber (Matthau) versucht, die Ruhe zu bewahren. Er versucht, „oben“ das zu sein, was Mr. Blue unten ist: Der ruhende Pol. Das gelingt ihm nur bedingt, denn die Hektik droht ihn immer wieder in ihren Strudel hineinzuziehen.
Garber ist kein Held. Sein Portrait trägt viel zur authentischen Wirkung des Films bei. Er ist der Einsatzleiter, der zufällig Dienst hatte und der versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Er behält die Nerven, doch das geht ihm sichtlich an die Substanz. Dass er von Walter Matthau verkörpert wird, lässt eine gewisse Erwartungshaltung aufkommen, eine die mit bärbeissigem Witz zu tun hat.

Und tatsächlich ist The Taking of Pelham One Two Three voll von diesem bärbeissigem Witz – doch er kommt die meiste Zeit über nicht von Matthau! Das Drehbuch führt von Beginn weg, mit der seltsamen Verkleidung der vier Hijacker, eine Portion galligen Humors ein, die den ganzen Film über aufrecht erhalten wird. Ohne je das Geringste an Spannung und Seriosität einzubüssen, werden so nebenbei Sprüche (meist politisch unkorrekte) geklopft, die Eingang in die Filmgeschichte gehalten haben. Als Matthau den Einsatzleiter der Polizei, mit dem er bislang nur über Funk Kontakt hatte, das erste Mal sieht und feststellt, dass der schwarz ist, gibt er einen Satz zum besten, der derart deutlich nicht sagt was er denkt, dass man es zehn Meilen gegen den Wind spürt.
New York-Kenner sagen, mit seinem Witz treffe der Film genau den Ton der Stadt, wie sie damals war. Es gibt in der Tat Sprüche, die aus einem Woody Allen-Film jener Zeit stammen könnten. Das Matthau darin eine Hauptrolle spielt passt derart haargenau, als wäre der Film für ihn massgeschneidert worden.

Abspann:
-David Shires Musik zählt zu den besten je komponierten Titelscores.
-Der Film wurde ein voller Erfolg und spielte 10 Millionen ein – just der Betrag, den die Hijacker in Tony Scotts Remake von 2009 verlangten.
-Der U-Bahnzug „Pelham 1:23 wurde nach dem Erfolg des Films für Jahre gestrichen.
-Die deutsche DVD ist vergriffen, ist gebraucht aber noch immer zu vernünftigen Preisen erhältlich. Allerdings lässt die Bildqualität zu wünschen übrig. Eine Blu-ray-Ausgabe ist überfällig!

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

1. Ein vergessener Film

The Next Voice You Hear (USA 1950) Regie: William A. Wellman; Mit James Whitmore, Nancy Davis, Gary Gray u.a.
Der im letzten Beitrag angekündigte Film hat es nicht zum Hauptbeitrag geschafft – dafür ist er trotz seiner höchst interessanten Prämisse zu schwach.
Es geht darin um eine mysteriöse Stimme, die für eine Woche auf der ganzen Welt täglich im Radio zu hören ist, stets genau um 19.30 Uhr. Die Stimme behauptet, jene Gottes zu sein.
Wellmans Film, eine B-Produktion von MGM, legt den Fokus auf die kleine Familie des amerikanischen Fabrikarbeiters Joe Smith (Whitmore). Joes Frau (Davis) erwartet ein Kind; trotzdem ist Joe unzufrieden mit seinem Leben.
Das Hauptproblem des Films ist, dass die beiden Geschichten – Gottes Stimme und Familie Smith – nicht auf befriedigende Weise zusammenkommen. Zu sehr sind die Macher darauf bedacht, dass der religiöse Grundton nicht zu sehr Ueberhand nimmt, so sehr, dass man sich am Schluss fragt, was denn nun die die Geschichte mit der Stimme Gottes eigentlich hätte sein sollen. Joes Wandlung hätte auch ohne Gottes Stimme im Radio stattfinden können. So bleibt The Next Voice you Hear oberflächlich und unverbindlich.
Wellmans Inszenierung dagegen, der genau Blick auf menschliche Verhaltensweisen und für psychologische Details entschädigt für die blasse Story. Er hält das Interesse einfach dadurch wach, dass er die Interaktion zwischen den Hauptfiguren mit vielen Details ausstattet und sie dadurch plastisch und fassbar macht: Die Spannung zwischen den Eheleuten wird allein durch ihre Anordnung, wie sie im Raum zueinander in Beziehung gestellt werden, greifbar. Kleine Gesten verraten mehr über ihre Beziehung zueinander, als die Worte des Drehbuchs. Letzteres ist allerdings nicht so schlecht, wie das bisher Gesagte vielleicht den Eindruck erweckt hat. Die Entwicklung der Handlung geschieht subtil und mittels dramaturgisch geschickt gesetzter Einfälle.
Für Nancy Davis bedeutete dies die erste Hauptrolle in einem Film. Man sieht sie nicht oft, da sie in keinen bleibenden Filme gespielt zu haben scheint. So war ich über die Qualität ihrer Darbietung überrascht. Ihre Figur strahlt eine erstaunliche Wärme und innere Kraft aus, ehrlich, ohne jede religiöse Penetrantz. Schade, dass sie nur wenige Filme gemacht hat! Zwei Jahre später wurde sie zu Misses Ronald Reagan. Was danach kam, übertraf den Starruhm vieler anderen Schauspieler.

2. Ein Klassiker

Pension Schöller (D 1960) Regie: Georg Jacoby; Mit Rudolf Vogel, Theo Lingen, Helmut Lohner, Boy Gobert u.a.
Die deutsche Theaterkomödie schlechthin, wurde Pension Schöller gleich drei Mal verfilmt 1930, 1952 und 1960 – jedes Mal vom Sohn des Verfassers, Georg Jacoby. Seine letzte Version, mit Schlagerklängen auf Vordermann gebracht, kann trotz aller Betriebsamkeit die Schwächen der Vorlage nicht kaschieren: Die zahlreichen Logiklücken, die zugunsten des komischen Effekts in Kauf genommen wurden, klaffen doch recht störend im Gewebe der Verwechslungsgeschichte um ein vermeintliches Irrenhaus, das in Wahrheit eine Pension mit exzentrischen Insassen ist. Die komödiantischen Leistungen Rudolf Vogels und vor allem Boy Goberts entschädigen teilweise für die betuliche, ziemlich biedere Inszenierung.

Vorschau:
Karel Reisz‘ Literaturverfilmung The French Lieutenant’s Woman (dt.: Die Geliebte des französischen Leutnats; GB 1981 ) wurde damals von der Kritik hoch gelobt und war ein Meilenstein auf dem Erfolgsweg von Meryl Streep und Jeremy Irons. Wie hält der Film einer kritischen Sicht heute stand? Hat er die 35 Jahre, die er nun schon auf dem Buckel hat schadlos überstanden? War er tatsächlich so gut, wie es damals hiess? Ich werde berichten…