Nick Hornby

The Man in the Glass Booth (1975)

Diesmal war die Wahl des „Films der Woche“ echt schwierig! Drei praktisch gleichwertige, grandiose, völlig unterschiedliche Kinowerke habe ich gesehen; zuerst den wunderbaren Brooklyn, von dem ich überzeugt war, dass ich ihn zum „Film der Woche“ küren würde. Doch dann kam The Man in the Glass Booth, ein aufwühlendes Portrait eines zutiefst verstörten Mannes; und schliesslich Hitchcock’s Sabotage, den ich als einer seiner schwächeren Werke in Erinnerung hatte und feststellen musste, dass ich damit falsch lag.
Was nun? Alle drei Filme erreichen neun Punkte auf meiner Skala.
Ich gebe The Man in the Glass Booth den Vorzug; Brooklyn und Sabotage kennt man – über beide Filme wurde schon vieles geschrieben – The Man in the Glass Booth hingegen ist zumindest im deutschsprachigen Raum zu Unrecht völlig unbekannt. Es ist ein Film, den zu entdecken sich wirklich lohnt!

FILM DER WOCHE:


USA 1975
Mit Maximilian Schell, Lawrence Pressman, Lois Nettleton, Luther Adler u.a.
Drehbuch: Adward Anhalt nach dem Theaterstück von Robert Shaw
Regie: Arthur Hiller
Der Film wurde im deutschsprachigen Raum bislang nicht gezeigt.
Gleichzeitig ist er der „Film der Woche“ und „der vergessene Film der Woche“.

Eigentlich erstaunlich, dass dieses Kinowerk hierzulande nie zu sehen war: Er enthält eine der besten Film-Leistungen des österreichischen Schauspielers Maximilian Schell – wenn nicht sogar seine beste. Sie brachte ihm eine Oscar-Nomination ein. Allerdings verlor er gegen Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest. Ungerechtfertigterweise, wie ich finde. Nicholson ist zwar hervorragend in Kuckucksnest – aber an Schell reicht er nicht annähernd heran.

The Man in the Glass Booth ist die Verfilmung eines Theaterstücks des bekannten Schauspielers Robert Shaw (Der weisse Hai, Das Ding). Dass der mehrfach talentierte Engländer auch schriftstellerisch tätig war, wissen wohl die wenigsten Filmfreunde. Shaw verfasste mehrere Romane, Theaterstücke und Drehbücher (u.a. zu Joseph Loseys Figures in A Landscape dt.: Im Visier des Falken), womit er durchaus erfolgreich war.
Dass sein Name in diesem Film nicht in den Credits erscheint, hat damit zu tun, dass Regisseur Arthur Hiller (Trans-Amerika Express) mehr Gefühl im Film drin haben wollte und Drehbuchautor Edward Anhalt zu einigen wenigen Änderungen in dieser Richtung ermunterte. Shaw reagierte empört – sein Stück sollte nicht „verwässert“ werden – und verbot die Verwendung seines Namens. Als er jedoch den fertigen Film sah, empfand er die (minimalen) Abweichungen von seinem Stück als absolut stimmig; aber da war es zu spät, der Zusatz „nach einem Stück von Robert Shaw“ liess sich nicht mehr in die Credits einsetzen, da sämtliche Kopien des Films bereits gezogen waren.

The Man in the Glass Booth handelt vom jüdischen Architekten Arthur Goldman (Schell), einem in Amerika reich gewordenen Holocaust-Überlebenden. Der äusserst exzentrische Goldman, der in einem Penthouse hoch über New York thront und ein kleines Grüppchen Getreuer um sich schart, leidet unter Verfolgungswahn. Er glaubt, Dr. Dorff, sein Peiniger aus dem KZ, verfolge ihn und wolle „Besitz“ von ihm ergreifen. Goldman irritiert mit seinem „verrückten“ Verhalten und seinen scheinbar sinnlosen Monologen seine Umgebung und die Zuschauer.
Eines Morgens dringt ein bewaffneter Trupp des israelischen Geheimdienstes in seine Wohung ein und beschuldigt ihn, in Wahrheit SS-Führer Dorff zu sein, der sich bislang zum Schutz als jüdischer Architekt getarnt habe. Goldman bestätigt die Anschuldigung und stellt sich – in SS-Uniform – einem jüdischen Tribunal…

Die Hauptfigur des Films ist bis eine Minute vor Filmende kaum zu fassen. Und dann – mit dem Schlussbild – bleibt einem der Atem weg. Wer ist dieser Goldman/Dorff wirklich? Vor Gericht verteidigt er in flammenden Reden die Gräuel der Nazis, erklärt sie, rechtfertigt sie – es ist schier unerträglich.
Wie Schell das spielt, ist ein Ereignis. Mit einem anderen, weniger begnadeten Schauspieler hätte diese Parforce-Tour schnell peinlich werden können. Bei Schell erlebt der Zuschauer eine faszinierende Gratwanderung zwischen Abscheu, Mitleid und Fassungslosigkeit. Seine Besetzung der Rolle war ein absoluter Glücksgriff, denn mit dem Hauptdarsteller steht und fällt der Film.

Das Stück ist schwere und nicht einfach verständliche Kost. Goldman/Dorff ist in seinem Wahn keine Identifikationsfigur; seine selbstbezogenen Tiraden und Monologe erwecken auch nicht unbedingt Sypathie für die Figur; so zieht sich der erste Akt, in dem Goldman und seine Mitarbeiter/Gefolgsmann Charlie Cohn vorgestellt werden, bisweilen gehörig in die Länge. Trotz Goldmans scheinbar zusammenhangslosem Gelaber lohnt es sich allerdings, genau hinzuhören, denn die Tiraden enthalten Schlüssel zur Interpretation der Figur, die mit Beginn des zweiten Aktes immer rätselhafter und fremdartiger wird.
Dieser Teil raubt einem fast den Atem – punkto Schauspielkust und inhaltlich. Der Jude wird plötzlich zum Nazi. Die folgende Gerichtsverhandlung, während der Goldman/Dorff zum Schutz vor Angriffen in einen Glaskasten (der „Glass Booth“ des Titels) gesteckt wird, ist unglaublich spannend – obwohl nur geredet wird.

Die Änderungen, die der Autor schliesslich doch gut hiess sind zwei kurze non-verbale Sequenzen, die einem in der Tat die Tränen in die Augen treiben, zwei Vignetten, welche die Hauptfigur plötzlich in nochmals ganz anderem Licht erscheinen lassen und einen Interpretationsansatz beinhalten.
The Man in the Glass Booth mag vielen unverständlich oder zumindest schwierig ergründbar erscheinen. Doch man achte sich auf den Moment, wo Goldmans Mitarbeiter Cohn den Gerichtssaal verlässt und den allerletzten Blick der Kamera auf den „Mannes im Glaskasten“. Zusammen mit zwei, drei Äusserungen Goldmans aus dem ersten Akt ergibt sich da ein Sinn, der einem – ganz zuletzt – nochmals den Boden unter den Füssen wegreisst. Und einen den Hut ziehen lässt vor den Leistungen sämtlicher Beteiligter. Einen derart an die Nieren gehenden, im Gedächtnis auch ohne Gräuelbilder sich festsetzender Film über den Holocaust habe ich noch nie gesehen!

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: entfällt wegen „ist nicht“
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

SABOTAGE
(UK 1936)
Mit Sylvia Sidney, Oskar Homolka, John Loder, Desmond Tester, William Dewhurst u.a.
Drehbuch: Charles Bennet nach einem Roman von Joseph Conrad
Regie: Alfred Hitchcock
Musik: Hubert Bath, Jack Beaver und Louis Levy
In Sabotage finden sich einige Parallelen zu Hitchcocks erstem Tonfilm Blackmail. Die Auffälligste: Der Mord wird von einer Frau begangen. Und beide Male geschieht er in Notwehr (wobei das hier viel weniger klar ist als im älteren Film). In beiden Filmen geschieht der Mord relativ spät, hier fast am Schluss des Films.
Sabotage handelt vom Kinobesitzer Verloc (Homolka), der von einer nicht näher definierten Organisation angeworben wurde, um Sabotageakte zu begehen; London soll damit in Atem gehalten und von politischen Missetaten eines ebenfalls nicht näher definierten Landes abgelenkt werden.
Verlocs nächster Auftrag ist das Platzieren einer Bombe am stark frequentierten Piccadilly Circus. Davor schreckt unser Saboteur allerdings zurück: Menschen dürfen bei seinen Aktionen nicht zu Schaden kommen. Der Mittelsmann insistiert, Verloc sieht sich zu der Tat gezwungen. Um sich die Hände nicht schmutzig zu machen, schickt er Stevie, den jüngeren Bruder seiner amerikanischen Gattin (Sidney) mit der Bombe los….
Die typisch hitchcockschen Suspense-Momente ergeben sich diesmal aus dem stetigen Näherrücken des Zeitpunkts der Detonation der Bombe (der Zuschauer kennt diesen Zeitpunkt) und dem Umstand, dass Stevie auf seinem Botengang ständig aufgehalten wird; der kritische Zeitpunkt rückt immer näher.
Auffällig ist, wie spielerisch Hitchcock die grimmige Erzählung umsetzt: Bevor der arme Stevie in die Luft fliegt, kriegt er noch die Zähne geputzt und die Haare schön gerichtet; die Entdeckung des mörderischen Treibens des Ehemannes wird von einem Disney-Cartoon in Musical-Manier kommentiert; im Londoner Aquarium werden kreisende Fische in einem Schaukasten mit dem Verkehr am Piccadilly Circus überblendet; und ständig wird das Geschehen mit witzigen Sprüchen von Passanten kommentiert.
Überhaupt: Die ganzen Einstellungen und Kamerafahrten des Films sind genaustens komponiert und ausgeklügelt – aber immer mit einem spielerischen Aspekt. Hitchcocks Regieführung ist ein ständiges Ausprobieren und Experimentieren mit den Mitteln des Films.
Sabotage ist eine Meisterleistung filmischer Erzählkunst – schon damals hatte „Hitch“ es ‚drauf!
In den USA wurde der Film übrigens unter dem Titel The Woman Alone lanciert – mit ebenso mässigem Erfolg wie in England.
Der Film ist hierzulande auf DVD und Blu-ray erhältlich – z.Bsp. hier.
Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

BROOKLYN
(UK/Kanada/Irland 2015)
Mit Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson, Julie Walters, Jim Broadbent u.a.
Drehbuch: Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín
Regie: John Crowley
Musik: Michael Brook
Von den drei Filmen dieser Woche ist Brooklyn der unspektakulärste, leichteste. Trotzdem überrascht und überzeugt er mit künstlerischem Anspruch und Spitzenleistungen, die begeistern. John Crowley’s Regieführung ist so behutsam und feinsinnig, bisweilen so überraschend originell, dass das Zuschauen eine Freude ist. Ein Name also, den man sich merken sollte! Auch alle anderen Beteiligten liefern Hervorragendes ab.
Brooklyn erzählt von der scheuen jungen Irin Eilis (Ronan), welche in den 50er-Jahren von einem mit der Familie befreundeten irischen Pfarrer zur Auswanderung nach Amerika animiert wird. Brooklyn zeichnet nun das Auswandererschicksal in allen Stadien des Leids und der Freude nach: Die Überfahrt, der Kulturschock, das Heimweh, die erste Liebe, schlimme Nachrichten von zu Hause, die Rückkehr, der dadurch erweckte Zweifel, wo man hingehört…. Alles sehr unspektakulär, aber prägnant, grossartig gespielt, geschrieben, inszeniert – der Film ist eine Wohltat und eine Freude!
Auch wenn er hier nur an dritter Stelle steht: Unbedingt ansehen!
Der kann auf Amazon Video gestreamt werden. Die DVD/ Blu-ray gibt es hier.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Film des Monats Juni

Von den Filmen der Woche im Juni bekommt der jeweils von mir bestbewertete das Prädikat „Film des Monats“. Die „Filme der Woche“ im Juni waren:
Uzala, der Kirgise (1975)
Stranger on the Third Floor (1940)
Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern (2015)
Die verflixte Gastfreundschaft (1923)

DIE VERFLIXTE GASTFREUNDSCHAFT
(Our Hospitality, USA 1923)
Regie: Buster Keaton und John C. Blystone
Verflixte Gastfreundschaft – eine US-amerikanische Stummfilm-Westernkomödie von und mit Buster Keaton aus dem Jahr 1923. Hier setzte Keaton sein Bemühen um eine glaubwürdige Geschichte, in den Verlauf der Handlung eingebaute Gags sowie historische Authentizität erstmals konsequent um. Die Komödie stand somit im Gegensatz zu den allermeisten der damaligen Slapstick-Komödien und gilt daher in der Entwicklung der Filmkomödie als besonders bedeutsam. (Wikipedia)
Zum Artikel in diesem Blog
Den ganzen Film ansehen (youtube)

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Kid Millions (USA 1934)

In the Heath of the Night (dt.: In der Hitze der Nacht, USA 1967)

Captain Fantastic (dt.: Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück; USA 2016)

 

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