Ernest Borgnine

Roller Girl (2009)

Ich finde es selber immer wieder spannend, welcher von meinen drei geplanten Filmen zum „Film der Woche“ aufsteigt (ich wähle die drei Filme jeweils aus, bevor ich sie gesehen habe). Immer wieder erlebe ich da Überraschungen – auch diese Woche wieder: Ich war von vornherein ziemlich sicher, dass The Wild Bunch nach den Sichtungen auf Platz eins stünde. Denn was kann ein kaum bekannter Jugendfilm wie Whip It gegen dieses allseits gepriesene und anerkannte Meisterwerk ausrichten? Oder ein allseits verrissener, dem Vernehmen nach zweitklassiger Monsterfilm wie Kong: Skull Island?
Nachdem ich mit den drei Filmen durch war, stand The Wild Bunch zuunterst auf der Dreier-Bestenliste! Und – nächste Überraschung – Kong ist keineswegs so schlecht, wie er allenthalben besprochen wird! Ich ziehe ihn Peckinpahs ideologisch verklärtem 68er-Western sogar vor („Blasphemie! Blasphemie!“). Aber lest selbst…

FILM DER WOCHE

(dt.: Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg)
USA 2009
Mit Ellen Page, Shannon Eagen, Juliette Lewis, Kristen Wiig, Daniel Stern, Landon Pigg, Andrew Wilson, Marcia Gay Harden, Drew Barrymore u.a.
Drehbuch: Shauna Cross nach ihrem Roman
Regie: Drew Barrymore
Musik: The Section Quartet
Der Film lief offenbar 2011 in den deutschen Kinos. Jedenfalls ist er auf DVD und Blu-ray erhältlich – unter dem Titel Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg

Der vergessene Film der Woche

Der deutsche Titel klingt wie die Antithese zum dazu gehörenden Film: Verkrampft, gewollt originell, holprig, doof.
Whip It hingegen ist erfrischend, originell, überraschend, ausgelassen und höchst unterhaltsam. Ein Film zum Knuddeln.

Im Mittelpunkt steht Bliss Cavendar (Paige), ein verschlossener, schüchterner Backfisch, der einfach nichts so auf die Reihe kriegt, wie ihre Mutter (Gay Harden) das möchte. Mehr zufällig landet sie bei einem Rollerderby-Match und ist begeistert. Obwohl die rüde Sportart absolut nicht zu der scheuen, zierlichen Beauty-Queen-Aspirantin passt, übt Bliss fortan das Rollschuhlaufen, bis sie es beherrscht. Dann meldet sie sich bei einer Rollerderby-Mannschaft zum Trainig. Und wird aufgenommen. Sie wirkt in der Gruppe der rüpel- und machohaft sich aufführenden Weiber zwar bis zuletzt völlig deplatziert, fühlt sich aber vom Teamgeist getragen und inmitten des wild-wütenden Spiel-Getümmels sauwohl.

Es stimmt schon: Die Geschichte bietet nichts Neues. Trotzdem hat Whip It seinen ganz eigenen Reiz und Charme und ist in seiner Art einmalig. Die Aussenseitergeschichte ist mit soviel ehrlichem Engagement und Herzblut erzählt, dass man fast nicht anders kann, als sämtliche Vorbehalte zu vergessen. Das hierzulande unbekannte rauhe Rollerderby-Millieu ist derart scharf und lebendig gezeichnet, dass man gebannt zuzuschaut, wie die rollenden Frauen mit Verve aufeinander losgehen. Eine gute Portion Slapstick und einige halsbrecherische Stunts peppen die Aussenseiter-Story gehörig auf. Und die Schauspielerinnen sind schlichtweg phänomenal, vor allem jene, die als Rollschuhläuferinnen auftreten. Juliette Lewis ist da auch mal wieder zu sehen – als herrlich vulgäres Machoweib. Drew Barrymore, die auch Regie führte, ist zum Kringeln als amazonenhafte „Smashley“, eine menschliche Dampfwalze, die im Spiel nicht nur sämtliche Hiebe abkriegt, sondern sich dafür stets umgehend und gebührend „bedankt“. Mitten im Getümmel von rollenden, brüllenden, geifernden, prügelnden Amazonen saust die elfenhafte Bliss ihren Gegnerinnen um die Ohren, dass ihnen dieselben schlackern.

Drew Barrymore, die ich als Schauspielerin ausserordentlich schätze, hat hiermit ihre erste Regiearbeit abgeliefert – eine Wucht in Tüten! Es ist zu hoffen, dass dem Film weitere folgen.
Sie inszeniert das onehin schon superbe Drehbuch mit solcher Lust, Lockerheit und Einfallsreichtum, dass es eine Freude ist. Wenn man einem Film den Spass anmerkt, den die Dreharbeiten gemacht haben, dann diesem. Barrymores Inszenierung macht mit schierer Lust wett, was an Erfahrung und Know-How noch fehlt. Whip It ist nicht perfekt inszeniert, es gibt ein paar Schnitzer, aber wen stört’s? Für einen Erstling kommt er ganz schön selbstbewusst ‚rüber (die Inszenierung der Rollerderby-Sequenzen war für eine Newcomerin bestimmt kein Zuckerschlecken!) .

Barrymore hat zudem eine handverlesene Schar grandioser Darstellerinnen und Darsteller zur Hand. Niemand fällt ab, alle spielen sie auf höchstem Niveau. Whip It ist ein Ensemblefilm im besten Sinn, denn ein Ensemblegeist ist jederzeit spürbar. Das reisst mit, steckt an, begeistert. Da stimmt alles, vom Soundtrack bis zur Kamera. Ansehen!

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

KONG: SKULL ISLAND
USA 2017
Mit: Tom Hiddleston, Brie Larson, Samuel L. Jackson, John Goodman, John C. Reilly u.a.
Drehbuch: Dan Gilroy, Max Borenstein und Derek Connolly nach einer Story von John Gatins
Regie: Jordan Vogt-Roberts
Musik: Henry Jackman
Was ist dieser Film verrissen worden – wegen ein paar unlogischer Szenen. Dabei ist er hervorragend gemacht, sehr gut gespielt, gut geschrieben und absolut solide inszeniert; das Beste ist aber das Production Design: erstklassig!
Sicher, es stimmt, es gibt ein paar Ungereimtheiten. Wenn man aber Ungereimtheiten zum zentralen Kriterium macht, dann müsste man noch ganz andere Kinowerke bachab schicken! Aber es ist halt einfacher, in den Tenor einzustimmen, als fundiert degegenzuhalten.
Kong: Skull Island ist bei weitem kein Film für die Ewigkeit, aber die geballte Negativpropaganda hat er weiss Gott nicht verdient.
Im Grunde ist der Film eine ironische Verbeugung vor den Monster-Filmen der 50er-, 60er und 70er-Jahren, deren Markenzeichen ja nicht unbedingt die Logik war. Kong kommt allerdings mit grossen Budget und den Mitteln heutiger Tricktechnik daher und ist angepasst an heutige Sehgewohnheiten. Deshalb wird die ironische Grundabsicht wahrscheinlich gemeinhin übersehen. Wie zur Zeit der Monsterkino-Hochblüte üblich, enthält Kong eine gesunde, naive Botschaft: Er zeigt, was geschieht, wenn der Mensch in seiner grenzenlosen Dummheit in ein Ökosystem eingreift. Der zerstörerische Mensch tritt hier in Form eines stupiden, rachsüchtigen Militär-Betonkopfs (Jackson) in Erscheinung. Ferner treten auf: Das Fräulein in Nöten, der coole Abenteurer, der skrupellose Geschäftsmann und der weise Eingeborene – das typische, schablonenhafte Personal der guten alten Monsterfilme halt.
Das Production Design (Stefan Dechant) wurde in keiner mir bekannten Kritik erwähnt, obwohl es dem Film einen ganz besonderen Zauber verleiht – es evoziert eine Art „sense of wonder“, die man im Kino lange vermisst hat.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

THE WILD BUNCH
USA 1969
Mit: William Holden, Ernest Borgnine, Robert Ryan, Edmond O’Brien, Warren Oates u.a.
Drehbuch: Walon Green und Sam Peckinpah nach einer Stroy von Walon Green und  Roy N. Sickner
Regie: Sam Peckinpah
Musik: Jerry Fielding
Sam Peckinpahs „geheiligter“ Western – endlich habe ich auch gesehen! Er gilt als das Hauptwerk des berüchtigten Regisseurs, man kommt als Filminteressierter nicht drumherum.
Wieso eigentlich nicht? Ich habe mich zweieinhalb Stunden entweder gelangweilt, genervt oder gewundert.
Aber zuerst mal: The Wild Bunch kommt eine Schlüssesposition im amerikanischen Neo-Western zu, deshalb ist er wichtig. Zu diesen Meriten ist er einerseits mit seiner realistischen Gewaltdarstellung, ja, mit der Zelebrierung seiner Gewaltdarstellung gekommen. Nie zuvor wurden im Kino Einschüsse in menschliche Körper derart wirklichkeitsgetreu gezeigt – und auch noch nie derart gehäuft und derart langsam (Zeitlupe). Die Neuerung bekam darauf einen festen Platz im Kino.
Das andere Verdienst ist, dass Peckinpah dem Western seine bis damals üblichen Glorifizierung versagt und eine ziemlich dreckige Geschichte erzählt – von einer Bande desillusionierter Typen, die sich den wüsten Zeiten angepasst haben, alle Moral in den Wind schrieben und rauben, was und wo sie können.
Dieser Western glit als Sinnbild auf den Vietnamkrieg und die damit „aus den Fugen“ geratene Zeit.
Peckinpah zeigt das amoralische Treiben der Grossen und das amoralische Treiben der Kleinen. Man kann das ganz toll finden, und alte 68er tun das auch, weil es ganz auf der Linie ihrer Weltaschauung liegt.
Tickt man weniger links, dann erkennt man die Schwächen in diesem Film. Zum Besispiel im Drehbuch – es arbeitet vornehmlich mit Macho-Schablonen, welche die ganze Filmdauer über nicht lebendig werden. Oder in der Regie – da gibt es Längen, leere Stellen, Anschlussfehler, sich selbst überlassene Schauspieler, holprige Übergänge… Und schliesslich im Schauspiel – einige der Nebendarsteller chargieren, dass es ein Graus ist (Edmond O’Brien, L.Q. Jones, Emilio Fernández). Die ewige, auch zu unpassendsten Gelegenheiten im Hintergrund plärrende mexikanische Band raubt einem zudem den letzten Nerv.
The Wild Bunch mag seinen Platz in der Filmgeschichte haben – wobei ich seine Meriten zumindest fragwürdig finde – unter einem wirklich guten Film stelle ich mir allerdings etwas anderes vor.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

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Film des Monats Juli

Von den Filmen der Woche im Juli bekommt der jeweils von mir bestbewertete das Prädikat „Film des Monats“. Die „Filme der Woche“ im Juli waren:
The Circle (2017)
Die amerikanische Nacht (1973)
Captain Fantastic (2016)
The Man in the Glass Booth (1975)

La nuit américaine – Die amerikanische Nacht
Frankreich1973; Regie und Drehbuch: François Truffaut
Eine hinreissende Liebeserklärung ans Kino: Der französische Regisseur Ferrand (François Truffaut) beginnt in den Filmstudios von Nizza mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film “Meine Ehefrau Pamela”. Wie so oft ereignen sich während den Dreharbeiten jedoch zahlreiche Verwicklungen: Komplikationen bei den Dreharbeiten, Allüren der Schauspieler, ihre Gefühlsschwankungen und ständiger Druck vom Produzenten. Für Ferrand stellt sich immer wieder die Frage, ob er seinen Film jemals fertig stellen wird. (moviepilot.de)
Trailer
Zum Artikel in diesem Blog
„La nuit américaine“ kaufen (der Film ist auf einer Blu-ray, resp. DVD der amerikanischen Criterion Collection erhältlich)

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Ninotchka (dt.: Ninotschka; USA 1939)

Parenthood (dt.: Eine Wahnsinnsfamilie; USA 1989)

Valerian and the City of a Thousand Planets (dt.: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten; Frankreich 2017)

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Mädchen ohne Mitgift – The Catered Affair, 1956

Heute sinniert gabelingeber über das Schreiben von Film-Tipps: Bringt das überhaupt was? Zudem stellt er erstmals Filme vor, deren Sichtung er abgebrochen hat. Im Hauptbeitrag wird wieder ein vergessener Hollywood-Film aus der Versenkung geholt (diesmal einer von Richard Brooks), und zwei weitere US-Filme werden kurz vorgestellt.

THE CATERED AFFAIR
USA 1956
Mit Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
Drehbuch: Gore Vidal nach einem Teleplay von Paddy Chayevsky
Regie: Richard Brooks

Wenn sich eine Film-Familie aus Bette Davis (Mutter), Ernest Borgnine (Vater), Debbie Reynolds (Tochter) und Barry Fitzgerald (Onkel) zusammensetzt – dann schaut man sogar gern zu, wenn der Film schlecht ist.
Nun, Richard Brooks The Catered Affair ist alles andere als schlecht ist! Und das macht die Sache so richtig interessant. The Catered Affair gehört zwar dank seines damaligen Misserfolgs zu den heute vergessenen Werken dieses ansonsten gefeierten Regisseurs, doch die Sichtung lohnt sich – und eine Neubewertung ist fällig.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu New Yorks, wo Vater Tom Hurley (Borgnine) als Taxifahrer seine Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Ende Monat ist die Haushaltskasse leer, aber Tom legt immer wieder etwas beiseite – bald hat er genug beisammen, um das eigene Taxi zu kaufen und mit seinem alten Kumpel zusammen ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Da platzt Töchterchen Jane (Reynolds) mit der Nachricht ihrer geplanten Hochzeit ins Haus. Nur klein soll diese sein, im engsten Familienkreis, zehn Minuten höchstens soll sie dauern, und dann soll’s mit Ehemann Ralph (Taylor) ab in die Flitterwochen gehen.
Die Hochzeit wächst sich im Hause Hurley aber zum Politikum aus. Onkel Jack (Fitzgerald) ist beleidigt, weil er nicht zum „engsten Familienkreis“ gezählt wird, obwohl er schon seit 12 Jahren bei den Hurleys wohnt. Und für Mutter Aggie (Davis) kommt sowieso keine kleine Hochzeit infrage; aus Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber modelliert sie das geplante Fest mit eiserner Fuchtel nach und nach zum kostspieligen 200-Gäste-Anlass um. Vater Tom sieht seinen Traum vom Taxi entschwinden.

Alle meinen es gut in dem Film. Aber alte Geschichten, Stolz und Enttäuschungen schaukeln die bevorstehende Hochzeit zur drohenden Katastrophe hoch. Bis der verständnisvollen Tochter der Kragen platzt. „Alles geht schief!“, brüllt sie ihre Eltern an. „Meine beste Freundin hat mich verlassen, Onkel Jack ist ausgezogen, und ihr beide streitet nur noch miteinander. Und alles wegen dieser verdammten Hochzeit!“

Am Ende kommt alles gut, aber bis dahin brechen alte Konflikte auf, alte Schuld zollt ihren Tribut, der Standesunterschied zwischen den reichen Eltern des Bräutigams und den Hurleys lastet – man kriegt als Zuschauer einen guten Einblick in den Alltag von Amerikas „working poor“ der 50er-Jahre.

The Catering Affair pulsiert vor Leben. Das Milieu und die Charaktere sind scharf gezeichnet, Charakterstudien fast allesamt, in denen Schauspieler zeigen können, was sie drauf haben. Es ist eine wahre Freude, der hier versammelten Truppe zuzusehen. Bette Davis als verbitterte, Arbeiterfrau brennt sich mit ihrem abgehärmten Ausdruck und ihrer Reibeisenstimme unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Ihre schauspielerischen Zwischentöne, mit denen sie immer wieder kurz hinter die raue Fassade dieser Frau blicken lässt, machen ihre Aggie zur glaubwürdigen Figur. Borgnine, der während der Dreharbeiten den Oscar für die Titelrolle in Marty erhielt, erbringt hier eine ähnlich denkwürdige Leistung wie im preisgekrönten Vorgängerfilm. Und Debbie Reynolds, bis dahin Musical-Darling und fröhlicher Springinsfeld, überrascht in einer ernsten Rolle und einer soliden Leistung, die ihr nicht mal Regisseur Brooks zugetraut hatte: Er wollte die Reynolds eigentlich nicht im Team haben, aber weil er Bette Davis‘ Mitwirkung beim Produzenten durchdrückte, musste er bei Debbie Reynolds nachgeben. Er hatte es offenbar nicht bereut.

Schade, dass man den Film heute praktisch nicht mehr sieht. Er steht in einer Linie mit den berühmten Sozialdramen, die in den USA der späten Fünfzigerjahre in Mode kamen und die ein ganz anderes Amerika zeigten als die gloriosen Eskapismus-Orgien der Vierziger.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist er als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

8 / 10

 => Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot).

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Filmschnipsel:

(500) DAYS OF SUMMER
USA 2009
Mit Zooey Deschanel, Joseph Gordon-Levitt, Geoffrey Arend u.a.
Drehbuch: Scott Neustader und Michael H. Weber
Regie: Marc Webb
Eine Liebesgeschichte? Naja – auf sowas steh‘ ich nicht besonders, aber dieser Film erreicht bei imdb.com immerhin eine Wertung von über 7. Kann man sich ja mal ansehen.
„Dies ist keine Liebesgeschichte!“, stellt der Off-Erzähler gleich zu Beginn des Films klar. Was dann folgt – ist der klassische Beginn einer Liebesgeschichte. Am Ende wird der Off-Erzähler Recht behalten.
Klingt verwirrend? Es wird noch besser: (500) Days of Summer hüpft wild zwischen den 500 im Titel besagten Tagen hin und her. Kaum haben sich Tom und Summer kennengelernt, wird zum Tag vorgespult, an dem ihre Beziehung in eine schwere Krise gerät. Um sogleich wieder zurückzuhüpfen.
Diese Erzählweise ist erfrischend anders – und längst nicht so chaotisch, wie es klingt, denn ein roter Faden ist immer da. Die Erzählweise entspricht dem sprunghaften Wesen der Titelheldin Summer, die von Zooey Deschanel („New Girl“) pefekt verkörpert wird.
Vieles an dem Film ist unkonventionell, obwohl er eine absolut konventionelle Geschichte erzählt (Boy meets Girl). Der Humor ist permanent schräg und man kommt aus dem Grinsen kaum heraus, die Hauptcharaktere sind so sympathisch gezeichnet und werden so gut gespielt, dass man sie gerne ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Insgesamt ein toll geschriebener, höchst unterhaltsamer, anregender Liebesfilm, (der gar kein Liebesfilm ist!), der immer wieder mit kreativen Ideen verblüfft. Letztlich ist er zwar recht belanglos, aber er unterhält hervorragend. Kann man sich gut und gern mal ansehen – hier in der englisch gesprochenen Originalversion (Stream).
7 / 10

THE NICE GUYS
USA 2016
Mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger, u.a.
Drehbuch: Shane Black und Anthony Bagarozzi
Regie: Shane Black
NATÜRLICH – ich betone es gleich zu Beginn: The Nice Guys bringt nichts Neues. Aber erstens tun das die allerwenigsten Filme, und zweitens will er das gar nicht. Er will unterhalten – und das tut er auf hohem Niveau! Das hat seinen Wert, auch wenn nichts „Neues“ dabei ist. Im Thai-Restaurant schmeckt einem das Essen ja auch nicht nur, wenn der Koch „was Neues“ erfunden hat.
The Nice Guys blendet zurück in die 7oer-Jahre und erzählt die Geschichte eines Falls, ist also einerseits ein Krimi. Eine Darstellerin aus einem propagandistischen Pornofilm wird plötzlich von wütenden Killern gejagt – warum?
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen zwei Privatdetektive (Crowe und Gosling), der eine gescheitert und ohne Lizenz, der andere ein versoffener Möchtegern. Die beiden bringen starke Elemente der Komödie in den Film, die Figurenkonstellation ist nicht ohne (komischen) Zündstoff. Das Drehbuch verwickelt als zusätzliche Würze noch die minderjährige Tochter des Möchtegern-Ermittlers in die Krimi-Handlung mit ein – und fertig ist ein Cocktail, der von A bis Z bei der Stange hält und einfach Spass macht.
Crowe spielt seine Rolle mit unglaublicher Präzision; bislang hielt ich von diesem Schauspieler nicht viel (aufgrund seiner Leistung in Les Miserables), ich hatte praktisch alle Filme von ihm ausgelassen. Hier ist er eine Bombe. Er erzählt zwischen den Zeilen, die Geschichte seiner Figur schwingt in seinem Spiel mit, ohne dass viele Worte darüber verloren werden. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchs, aber Crowe setzt das optimal um. Neben ihm glänzen Ryan Gosling als grossmäuliger Tollpatsch und die niedliche Angourie Rice als dessen Tochter. Matt Bomer (bekannt aus der Serie White Collar) überrascht mit einem Auftritt, der komplett gegen seinen Serien-Charakter gebürstet ist.
Und Shane Black, der Regisseur? Ein alter Hase im Filmbusiness. Von ihm stammt das Drehbuch zum ersten Lethal Weapon-Streifen und zum dritten Iron Man-Sequel. Der Mann kann sowohl Komödie als auch Action. Schreibender- und Inszenierenderweise. Anschauen und geniessen: Hier in der US-Originalfassung und hier in der deutsch synchronisierten Fassung (Stream).
8 / 10

Abgebrochenene Filmsichtungen:


RED RIVER
USA 1948
Mit John Wayne, Montgomery Clift, Walter Brennan,
Drehbuch: Borden Chase
Regie: Howard Hawks
Ein bedeutender Western, bedeutend dank der Tatsache, dass erstmals in einem Film eine echte Rinderstampede inszeniert wurde. Sie wurde von in den Boden eingelassenen Kameras gefilmt, die mit Panzerglas abgedeckt waren. Zudem wurde hier erstmals in einem US-Film eine Handkamera eingesetzt.
Die Stampede ist eindrücklich. Trotzdem hat mich der Film kalt gelassen. Ich habe nach einer Stunde aufgegeben, nachdem ich einfach nicht ‚reinkam. John Wayne spielt ein selbstgerechtes Arsch; ich hatte erwartet, dass er sich im Verlauf der Handlung zum üblen, despotischen Rinderbaron entwickeln wird, so ist die Rolle angelegt, aber nein: Etwa in der Mitte des Films wird unterstrichen, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Passt einfach nicht!
Der Film zieht sich wie Kaugummi, und obwohl ich ihm als Howard Hawks-Fan alle Chancen gegeben hatte, strich ich nach 60 Minuten die Fahnen. Das Drehbuch ist alles andere als pointiert und verliert sich in schier uferlosen Episoden, deren Zweck man nicht wirklich erkennt. Und John Wayne spielt schlecht, furchtbar; meine Güte, war das ein mieser Schauspieler!
Nee, das ist einer jener „bedeutenden Filme“ auf deren „Genuss“ ich verzichten kann. Ansehen im Stream in der US-Originalfassung: Hier.
(Keine Wertung – abgebrochen)

GHOST IN THE SHELL
USA 2017
Mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.a.
Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler und Ehren Krueger
Regie: Rupert Sanders

Ich war im Kino… und bin in der Pause gegangen.
Zuerst muss ich anmerken, dass ich Anime-Vorlage nicht kenne.
Ich fand den Film eigentlich sehr gut inszeniert, der Look ist gewaltig, das Drehbuch, naja, schlecht fand ich es nicht, aber auch nicht besonders gut. Man merkt schon, dass da gerafft und gestaucht werden musste.
Die Schauspieler hatten angesichts der geballten Ladung an CGI und Action keinerlei Chance, irgendwas zu zeigen ausser Gehetztheit und Drohgebärden.
Was mir absolut nicht gefallen hat, mich sogar richtiggehend abgestossen hat, war der „Cyberpunk-Effekt“. Ich konnte deshalb schon die Bücher von William Gibson und Co. nicht lesen – diese Koppelung von Mensch und Maschine, die das bionische Prinzip praktisch umdreht und den Menschen nach dem Vorbild von Maschinen optimiert, das behagt mir irgendwie nicht. Und Bilder von verkabelten Wesen sind für mich schlimmer als irgendeine Splatter-Szene.
Fragt mich nicht, weshalb…
(Keine Wertung – abgebrochen)

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Gedankensplitter

Schreiben über Film
Seit Jahren führe ich diesen Blog, seit Jahren hege ich Zweifel daran, ob das Schreriben über Film dem Medium überhaupt gerecht wird. Immer wieder legte ich längere Pausen ein, weil ich von der Sache einfach nicht überzeugt war. Film ist Bild, Ton, Schauspiel, Bewegung, Musik und, und, und…
Text hingegen ist… einfach Text.
Mein Bedürfnis war immer, auf gute Filme aufmerksam zu machen, andere zum Sehen zu animieren. Doch die Blogsphäre ist derart voll mit Filmseiten, dass ein einzelner Text in der Menge schlichtweg verloren geht.
Am liebsten würde ich den jeweils besprochenen Film auf meinem Blog zugänglich machen. Damit man die Anregung, die der Text hoffentlich bietet, gleich ins Seh-Erlebnis umsetzen kann.
Seit Jahren suche ich nach einer Möglichkeit. Bei drei der hier besprochenen Filme habe ich mal versuchsweise Links  zu Steamingseiten eingefügt. Schauen wir mal, was passiert…